Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1936-12-10 · 50 (10.12.1936) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936)
Issue
50 (10.12.1936)
Date
1936-12-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2278137-2278187--11412-2292477
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

V- -erziehen will, die sich für die jüdische Gemeinschaft verantwortlich fühlen.“ Der Weg dahin i^ schwer. Viele der jungen und Mädel in Gross-Breesen kommen aus Elternhäusern, die nur dem' Namen nach jüdisch waren.' Diese jungen Menschen müssen ohne Krampf an das Jüdische herangeführt' werden. In einer zur Arbeit in - Beziehung stehenden Feiertagsgestaltung sind gute Ansätze vorhanden.; Die Freitagabendfeier wird wieder zu einem kleinen festlichen Ereignis. Die Gruppen bereiten ■.abwechselnd die Feiern vor. Bibelszenen werden dargestellt, Psalmen musikalisch untermalt oder kleine Stücke aufgeführt. Einer der lejzten Abende wurde durch eine gelungene Aufführung •.einer Szene ’ aus dem „Jungen David“ verschönt. Die Feiertage werden in eine sinnreiche Beziehung zur Arbeit gesetzt. Zu Sukkaus hatte man beispielsweise in der selbstgebauten Laubhütte eine Ausstellung der besten landwirtschaftlichen Produkte vereinigt. Beim Sonnabend-Vormittagsgottesdienst wird der Wochenabschnitt von einem älteren Kameraden erklärt. Soweit es sich irgend mit dem Gutsbetrieb vereinigen lässt, herrscht Sabbatruhe. Diesen Bemühungen ist es zu danken, dass der grösste Teil der jungen Menschen in Gross-Breesen für jüdische Dinge sehr aufgeschlossen wird. Seit einigen Wochen haben sich 10 Jungen zusämmengefunden, die gemeinsam das Morgengebet verrichten und Telillim legen. Anfänge, gewiss, von denen man noch nicht weiss, in welche bestimmten jüdischen Lebensformen sie sich später einfügen werden, aber deutliche Anzeichen, wie ernst man die jüdische Erziehung in Gross-1 Breesen,nimmt. Trotz der schweren Arbeit lässt sich niemand gehen. An der Art, wie die Jungens morgens aufstehen, wie sie ihre Arbeit verrichten, wie sie bei Tisch sitzen und später ihre Freizeit ausfüllen, erkennt man am besten die Verwirklichung der pädagogischen Prinzipien, die Bondy verfolgt: Die jungen Menschen sollen lernen, sich in jeder Situation in der Gewalt zu haben. Selbstzucht und Straffheit, Distanzgefühl und Ordnungsliebe, Pünktlichkeit und Sauberkeit, Ein- und Unterordnung sind dem Menschen in Gross-Breesen schon Selbstverständlichkeiten. Diese Haltung drückt sich, nicht nur in den „Aeusserlichkeiten“ aus, sie bestimmt auch den Ton der Kameraden untereinander und das Verhältnis von Jungen und -Mädeln. Neben der Wissensfortbildung misst Professor Bondy der Kunstpflege besondere Bedeutung bei. Jeden Abend wird musiziert. Ein Schülerterzett führt nach dem Abendbrot eine sogenannte „10-Minuten-Musik“ auf. Ein oder zwei klassische Kompositionen beschliessen den Abend, der für die Jüngeren um 9, für die Aelteren um 10 Uhr endet. Die Teilnahme an , diesen Veranstaltungen ist freiwillig. Einmal in der Woche jedoch ist ein. ganzer Musikabend, an dem alle teilnehmen müssen. Vor zwei Wochen hing ein grosses Plakat im Speisesaal: „Festvorstellung der Oper „Carmen“ im Grossen Saal.“ — Freudig erregte Stimmung und plötzlicher Entschluss, sich gut anzuziehen. Ith Nu wirbelten die jungen Mädchen und Jungen in ihre Zimmer. Alles machte „grosse Toilette“ für die Oper. Zum Abendbrot erscheinen die Mädchen in Feiertagsgewandung. und die Jungen gravitätisch in langen Hosen und Schlips, auch Herr Bondy. Statt des üblichen „Setzen!“ bittet . der Gastgeber, Herr Professor Bondy, die Damen und Herren höflich Platz zu nehmen. Die Jungen vom Tischdienst haben sich heute in Galalivree von richtigen „Obern“ geworfen. Gleich nach dem Abendbrot fand eine erklärende Einführung in die' Oper mit anschliessendem Gemeinschaftsempfang am Radio statt. In der heiter aufgeschlossenen Art, in der sich, alle„an dieser harmlosen Lustigkeit beteiligten, sah man, wie abgestimmt die Menschen in Gross-Breesen" aufeinander sind. Nicht nur bei solchen heiteren Anlässen erkennt inan, dass Gross-Breesen die Menschen zu einer wirklichen Gemeinschaft'zusammengeführt hat. Gemeinschaft kann man nicht wollen, Gemeinschaft muss von innen heraus wachsen. Aber man kann die Gemeinschaftsfähigkeit der Menschen entwickeln. In diesem Sinne hat Bondy pädagogische Zwischenstufen eingeschaltet. Die Jungen und Mädel werden in kleinere Gruppen mit jeweils einem verantwortlichen Gruppenführer eirigeteilt. Die Gruppen sind die „Familien“ in der grösseren Gemeinschaft Gross-Breesen. Sie erfassen den einzelnen in weit stärkerem Masse, als es die grosse Gemeinschaft mir ihrer Vielzahl von Interessen vermag. Die Mitglieder der Gruppe schlafen in einem Zimmer,* füllen einen grossen Teil der Freizeit gemeinsam aus und werden so im Geist der Jugendbewegung zur Selbsterziehung angeleitet. Die Züsammenfügung der einzelnen Gruppen zu einem harmonischen Ganzen ist . die schwierige und dankbare Aufgabe, die der Erziehungskunst von Gurt Bondy gestellt ist. * III. Das Ziel der Gemeinschaft in Gross- Breesen, die gemeinsame Siedlung in Uebersee soll über drei Stufen^ erreicht werden. Von der Jimgengemeinschaft über die ' Jugendgemeinschaft (Mädchen und Jungen) zur Gemeinschaft der Siedlerfamilien. Die erste Stufe hätte man in Gross-Breesen schneller überspringen können, wenn sich mehr Eltern entschlossen hätten; ihre Töchter zur. Ausbildung zu schicken. Nicht oft genug können die Eltern wegen der berufspolitischen Kurzsichtigkeit im Hinblick auf ihre Töchter gewarnt werden. Wenn es das Schicksal des < überwiegenden Teils der jüdischen Jugend in Deutschland ist, sich im Ausland ein neues Lehen aufzubauen, so dürfen die Mädchen nicht künstlich von einer entsprechenden Berufsvorbereitung ferngehalten werden. -Kolonisation ohne genügende Beteiligung der Frau ist undurchführbar. —- Im Augenblick befindet sich Gross- Breesen im Uebergangsstadium von der ersten zur zweiten Stufe und es ist zu hoffen, dass zu Ostern eine grössere Anzahl von Mädchen auf das Gut*kommt. Die dritte Stufe muss zwar in Deutschland vorbereitet k,ann aber nur im Ansiedlungsland erreicht, werden. Die Vorbereitung liegt hier in der Auswahl und der Ausbildung geeigneter jüngerer Ehepaare für die Siedlung. Diesen ersten Familien fällt später die wichtige Aufgabe zu, die Praktikanten. auf ihren Siedlerstellen weiter auszubilden. Der Aufbau der Siedlung, wie ihn sich die Gross- Breesener jetzt vorstellen, hat Professor Bondv in grossen Zügen so dargestellt: nach Beendigung der zweijährigen Ausbildung in Gross-Breesen kommen die Jungen und Mädel in ein zweites Lehrgüt im Ansied-, lungsgebiet.:. Das Stammgut soll zugleich der kulturelle Mittelpunkt der Siedlung werden, dem eine Schule, ein Krankenhaus und eine Synagoge angegliedert werden wird. Auf dem Gut sollen die-jungen Siedlungsanwärter: sich an, das neue Klima gewöhnen und sich mit den neuen Boden- und Arbeitsverhältnissen vertraut machen. Nach der Lehrausbildung im Lande sollen die Praktikanten für zwei bis vier Jahre in die umliegenden Siedlungen als Helfer gehen, um dann später selbst, eine Siedlerstelle zu bewirtschaften. Die Form der Siedlung soll genossenschaftlich sein und je nach dem Stand der Entwicklung sollen der landwirtschaftlichen Siedlung Handwerk- und Industriebetriebe arigegliedert werden. Soweit der Plan. Ob und in welchem Umfange er sich in die. Tat umsetzen lässt, steht heute noch nicht“ endgültig fest. Was in der Zwischenzeit an Vorbereitungsarbeit in Gross-Breesen selbst geleistet werden ' konnte, ist geleistetWorden. Wenn ehr- , liebes Wollen und hingebungsvolle Arbeit Erfüllung verdienen,, kann dem Erziehungswerk in Gross-Breesen der Erfolg nicht versagt bleiben, Bruno Sommerfeld. In einer stark besuchten Veranstaltung des C. V. in Berlin, bei der man vor altem auch viele j u n g e Menschen sah, sprach Professor Dr. Curt Bondy über „Auswanderungsplanüng und Auswanderungsvorbereitüng im jüdischen Auswandererlehrgut Gross-Breesen“. Unter Verzicht auf »längere ideologische Auseinandersetzungen gab Bondy einen sachlichen und zu- , gleich sehr anschaulichen Bericht über die Arbeit in Gross-Breesen, vor allem ging er auch auf die erzieherischen Fragen bei der Umschichtung und Ausbildung der jungen Menschen ein. Das Referat, das mit grosser Aufmerksamkeit und reichem Beifall aufgenommetf wurde; gab allen Hörern die Ueberzeugung, dass in Gross-Breesen sinnvolle und konstruktive Arbeit geleistet'wird und dass der Mann, der zu ihnen gesprochen hatte, besonders qualifiziert ist, diese Arbeit zu leiten und zu lenken. —g— auf Grund seiner erzieherischen Qualitäten innehat. Wenn der Jugendführer als Persönlichkeitsautorität oft mehr Einfluss auf den jungen Menschen habe als der Lehrer, so liege dies häufig auch daran, dass er sich sein Erziehungsmaterial aussiicben könne, und ausserdem nicht einen Wissensstoff an den Jüngeren herantragen müsse, den dieser oft nur mit Widerwillen aufzunehmen bereit sei. Innerhalb der Jugendbewegung seien drei Typen von Jugendführern zu unterscheiden: der Herrschertyp, der nur zu sich, selbst erziehe, der pädagogische Typ, der die latenten Kräfte im ._ Geführten auszulösen versuche, und der poli- : tische Typ („Aposteltyp“), dem es auf die Erziehung zu einem bestimmten politischen Weltbild ankömme. Das anzustrebende Ideal sei die Kombination dieser drei Typen. ... In diesem Zusammenhang schilderte Bondy, wie der Jüngere oft durch “die Bindung an den. Führer auch an sachliche- Werfe gebunden werden könne, zu denen er unmittelbar keinen Zugang gefunden hätte. in einem dritten Abschnitt seiner Dar- ' Jegungen behandelte Bondy das Problem, ob Autoritätserziehung oder freiheitliche Erziehung vorzuziehen sei. Er kam hierbei zu dem Ergebnis, dass eine Einseitigkeit nach beiden Richtungen zu verwerfen sei. In der Entwicklung der Jugendbewegung, in der die Jugend als eigenständiger Lebensabschnitt zeitweilig überbetont worden war (man denke an Gustav Wynekens: „Jugendkultur“), sei man bereits zu einem gewissen Ausgleich gekommen. Aehnliches . gelte für die Grundsätze der. Schulerziehung, 1 in der' sich nach der autoritäts- Probleme der Jugenderziehung Vortrag von Professor Curt Bondy im Berliner Jüdischen Lehrhaus Im Rahmen der Donnerstag-Vortragsreihe des Berliner Lehrhauses über „Autorität“ sprach am 3. Dezember Professor Dr. Curt Bondy. Er unterschied zwischen zwei Arten von Autorität: der Stellungsautorität, die der Erzieher, insbesondere als Lehrer, auf Grund seiner. Stellung besitzt, und der Persönlichkeitsautorität, die er, vor allein als Jugendführer, mässigen Vorkriegserziehung und der freiheitlichem Nachkriegserziehung etwa seit den Jahren 1926'bis 1928 eine gewisse Kombination herausgebildet hätte. Die Ueberbetonung der freiheitlichen Erziehung habe sich auch bei der Er- -ziehungsweise jüdischer Eltern vielfach als unrichtig erwiesen. Infolgedessen seien manche als typischempfundene schlechte Eigenschaften jüdischer Kinder, wie: Disziplinlosigkeit, Unpünktlichkeit usw., als Anlagefehler angesehen worden, obwohl sie in Wirklichkeit nur Er- - ziehungsfehler seien. Eine straffere Erziehung könne, wie beispielsweise auch die Entwicklung in Gross-Breesen zeige, einen gewissen Ausgleich herbeiführen. Die Ausführungen waren für die zahlreichen .anwesenden Jugendführer, Eltern und Lehrer gleichermassen wichtig und vorwärtswAsend. Wj R-ck. Die .Presseabteilung der Reichsvertretung der - Juden in Deutschland teilt mit: Die Schulabteilung der Reichsvertretung der Juden in Deutschland und die Schulverwaltung der Jüdischen Gemeinde Berlin beabsichtigen, eine Reihe Von hebräischen Aus- und Fortbildungskursen für Lehrer zu veranstalten. . Meldungen sind zu richten an die Schulabteilung’ der* Reichsvertretung der Juden in Deutschland, Berlin-Qharlottenburg 2, Kantsfrasse 158III. Der Meldung ist ein Lebenslauf (in zweifacher Ausfertigung, deutsch und hebräisch'' beizufügen, der insbesondere über den Bi hin nusgang des Bewerbers ausführliche Angaben enthalten soll. ssytäüä: tBaOmmtidMi 193f Buchhandlung Martin Salomon, Berlin NO 43 * Keu6 KOnlgstrMBc 70 p(r« E 3 2635 zwischen Alexanderplatz und Königs tor Schicksale an der Wende Sechs Kurzfilme von Heinz Kellermann, ' . I. ■ ■ Wenn er sich auf die Zehenspitzen stellt, erwischt er mit dem Blick gerade noch das dritte Stockwerk des Quergebäudes. Aber der Leierkaslenmann; der sich weitere drei Stockwerke tiefer in soziale Erinnerung bringt, ist nicht interessant genug, um diese Anstrengung zu rechtfertigen. Was am Leierkasten wesentlich ist, dringt auch ohne Sichtvermerk-bis in die vierte Etage des Krankenhauses. Dort haust er, nämlich der Medizinalpraktikant Dr. ..., zwischen- Küche und Operalionssaal in einer Kammer init schiefgeneigter Dachwajui. Wenn man , ihn besucht, gibt es eine malerische Gruppierung auf Stühlen. Tisch und Bett. Wer den Stuhl erwischt, trifft es am schlechtesten. Jeder Besuch vertreibt ihn aufs neue; Denn die Tür wird durch ihn ...blockiert. Er hat einen sehr .abwechslungsreichen und verantwortungsvollen Posten. Bisweilen ist er der einzige Arzt im Hause. Selbstverständlich ist das eine grosse seelische und berufliche Belastungsprobe. Er hält sie wacker durch. Der Dienst ist nicht'einfach; nächtliche Visiten, Operationen, Entbindungen verkürzen den ohnedies sehr kurz bem'essem'n Schlaf. Unterwegs muss er stets erreichbar sein. Das schafft andererseits einen gewissen Nimbus. Vor allem bei den Bundeskameradon. Der Furor der Einseitigkeit hat. iM gepackt; Neuerdings sieht, hört und erzählt er "kein anderes Thema alsseine Arbeit,'Kürzlich geschah es, dass ihm ein Bundeskamerad unter das Stethoskop geriet. ImEifer der Untersuchung erkannten sie sich beide nicht. Erst nach der Konsultation konstatierte man plötzlich die längere 'Bekanntschaft. Im grossen und ganzen ein ausgefälltes •Leben, eine befriedigende Tätigkeit, manch- . mal sogar eine lukrative. Denn jede Narkose ist ein schmaler Verdienst. Schwierig wird es erst später. Die Approbation ist ungewiss, und als ew iger Medizinalpraktikant zu leben ist'nicht jedermanns Sache. Mehr als das Existenzminimum ist nicht gesichert. Freie Kost und Logis — heute lmt er das nicht einmal — und ein reichliches Taschengeld ist anscheinend der erreichbare Höchstsatz. Aber wird er anderswo mehr finden? Einstweilen ist.er Medizinalpraktikant mit dem antizipierten Doktor — des Vertrauens wegen! —, glücklich, weil ihm als seinem der wenigen aus der Zahl der jüdischen Akademiker die Möglichkeit geblieben, das zu sein, Was er werden wollte. II. Er g'elit neben mir her, klein und yergnügt, ganz erfüllt von den Berliner Erlebnissen einer Feriehwoche. Morgen muss er zurück. Die Prüfung stellt vor der Tür. Kein akademisches,- behüte Gott; dem ist er'entgangen; nein. die. Gesellenprüfung vor der Schneider-Innung steht vor der Tür. Er war auch einmal Jurist — vor Jahrhunderten muss das gewesen sein —, nach wenigen Semestern, fielen die Schranken des Jahres 1933. Der Vater hatte die grosse Schneiderwerkstatt. Statt Jurisprudenz ein ehrsames Handwerk, der Uebergang fiel nicht schwer. Ja, er erwies sich als notwendig, als der Vater krank wurde. Die angeborene Liebe zur Handarbeit, verdrängt durch ehrgeizige Pläne, wurde wied-er'wach. Zuerst die Webschule. dann die Werkstatt. Dort'wird er bleiben, befriedigt von der" neuen Wahl und dem Erfolg seiner Arbeit. Er trägt ihn am Leibe.. Gutsitzende Jacke und Hose; ja. Massarheit! \Mein neuer Anzug wird mit •Wohlwollen und Mitleid in kennerischen Augenschein genommen. „Nichts Besonderes!“ Nein, nichts Besonderes. Ein Schicksal unter tausenden, aber mutig angenommen und zufrieden getragen. . ' Hl. Das nächste Rosch-Haschana wird er nicht mehr in Deutschland verleben.'Vielleicht in Südamerika, vielleicht auch anderswo. Es werden einsame Tage werden. Denn er ist nicht von der Art derer, die sich leicht zu anderen gesellen und jedes Mannes Feste feiern. Kein Einsiedler, beileibe nicht, kein Misanthrop, aber auch kein Ranschmeisser, kein Stehaufmännchen, das überall auf die Beine fällt. Hätte ihn die Wirklichkeit nicht grau- _ sam gestört,; er wäre nie aus dem Olymp seiner wissenschaftlichen Arbeit in die Niederungen des praktischen Lebens herabgestiegen. Was half’s? Er beendete seine Promotionsarbeit; .sie erhielt das Prädikat „wissenschaftlich wertvoll“ und gehört heute zur Kategorie derjenigen Werke, an denen die Fachwelt nicht mehr Vorbeigehen kann. Dann stellte ersieh hinter, den Ladentisch lind verkaufte Oberhemden, Krawatten, Porzellan und Möbel. Unaufdringlich. nicht mit dem Hass der gestürzten Engel oder mit der Leichenmiene der •ungerecht Verkannten. Er ist der ,;Doktor“, bald beliebt, bald uninteressant für seine Arbeitgeber und Kollegen. Und geht jetzt hinaus. Andere werden schnellersein, gewandter, leichtfertiger. Er wird beharrlich sein,. zäh, unentmutigt, tapfer und verlässlich. Die Zeit wird ihm helfen. IV. Die Wohnung liegt dicht unter dem Dach. Letztes Gartenhaus. Es geht durch 4 Hausflure, 3 Höfe und über 4 Treppen. Nur ein grosses Zimmer ist da und. ein Nebengelass. Der Schmuck der Wände sind Bücher, Bücher,> Bücher. Im Sommer brennt die Sonne durch die Schindeln, im Winter reicht die Kohle oft nicht zu Wärme. Und trotzdem '*st es ein Heim. Gemütlicher, kultivierter als manches grossangelegte mit Komfort. Es gibt’Tee und belegte. Brote. Fleisch ist verpönt. Nur dem Gast zu Ehren gibt es Wurst. Aller aiieh der macht sich lieber über die Kräuterbutter her. Die Studierlampe wird in die Mitte gerückt und das Gespräch eröffnet. Lebensphilosophie, keine abstrakten Abseitigkeiten. Da sitzt er als Hausherr zwischen seinen. Freunden. ^Früher war er der Mittelpunkt eines weiten Hörerkreises, heute ist der . Kreis enger geworden, aber auch zuverlässiger und vertrauter. Das Gespräch ist geblieben. Es ist nie leicht und obenhin, sondern grundsätzlich und gründlich. Die Frau, so jung wie wir alle, sitzt daneben und schweigt. Von Zeit zu Zeit beteiligt sie sich mit wenigen, sparsamen, sicheren Worten. Als wir ihn kennenlernten, hatte er seinen Beruf bereits verlassen müssen. Hilfsweise war er im städtischen Strassenkehrdienst beschäftigt. Warum nicht? Eine 'Arbeit ist so gut wie die andere, wenn sie die Familie ernährt. Dann verlor er auch diese Arbeit. Es blieb die öffentliche Rente. Und es blieb das Gespräch, es blieben die Freunde und die Bücher. Es blieb die .Freude an geistiger Arbeit und der Dienst der Vermittlung des Geiste an . die Freunde. Eine Katakombenkirche, ein. Asyl von echten Gläubigen. Es gibt nicht mehr viele von diesen in unseren Kreisen. Die Not hat sie getrennt, die Resignation sie verstummen lassen. Aber dibser hütet die Ueberlieferung. „Weisst du“, meint er* „das# wir so wenige sind, das stört mich nicht, aber dass wir eines Tages nicht mehr,da sein könnten, das ist meine grosse Sorge. Solange ich noch zwischen meinen Büchern und euch vermitteln darf, solange noch einer von euch 1 mich braucht, solange» habe ich meine” Aufgabe.“ , “ Es ist heiss. Er stösst das Fenster auf. Aus der Tiefe kommt der Lärm eines lieise- > / \ /

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.