Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936)
- Issue
- 50 (10.12.1936)
- Date
- 1936-12-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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1 Nr. 50 * 2 Beiblatt 10. Dezember 1936 In drei Stunden bringt uns der „schnelle . Zug“ nach Breslau. Von dort gehts über Obernigk nach Gross-Breesen. Wer durch die Prospekte der Reisebüros irrgeführt, glaubte, dass die landschaftliche Schönheit Schlesiens erst im Riesengebirge beginne, wird auf dieser Autofahrt eines Besseren belehrt. Mitten durch fruchtbare Hiigel- , landschaften und schöne Laub- und Nadelwälder führt die Autpstrasse über freundliche Ortschaften nach Gross-Breesen. Schon von weitem grüssen uns die Wahrzeichen des Gutes, die alte Windmühle und das „Schloss“, wie das Gutsgebäude allgemein von früher her genannt wird. Ueber den grossen Wirtschaftshof mit seinen Stallungen, Scheunen und Instwohnungen fährt das Auto "bis-vor die Terrasse des Gutshauses. Ein grosser Park mit gepflegtem Baumbestand umsäumt das Haus. An der Art, wie eine Gemeinschaft ihre Jugend für das Leben in einer neuen Zeit erzieht, aus der Art, wie eine Jugend mit einer neuen Zeit fertig wird, wird deutlich, in welcher Form sie die Lehren aus ihrer Geschichte zieht. In diesen Tagen, die mit geschichtlichen Erinnerungen für uns erfüllt sind, schien es uns richtig zu zeigen, wie die grosse Mehrheit unserer jungen Generation inmitten einer Welt, in der so viele Mächte um ihre Geltung in der Welt ringen, im Aufbau einer' fachlich, geistig, charakterlich und vor allem auch jüdisch gefestigten Persönlichkeit die Grundlage für den eigenen und den künftigen Aufbau ihrer Gemeinschaft erblickt. — Don Tatsachenbericht über Gross-Breesen veröffentlichen wir mit besonderer Genugtuung, da der C.-V. mit der Entstehung und dem Aufbau dieses .Werkes auf stärkste verbunden ist. * . Die Schriftleitung. ' Professor Bondy stellt Inspektor Scheier einen „Neuen“ vor Die Parkwege verlieren sich unmerklic idie angrenzenden Wälder und. Wiesen und stecken so eine wechselvolle Landschaft ab, die den Jungen und Mädel in Gross-Breesen yiel Bewegungsfreiheit lässt. II \ ■■ ' Verdammt früh gehts in Gross-Breesen aus den Betten. Am Abend vorher haben die „eingesessenen Landbewohner“ den städtischen Gast spöttisch gewarnt, .er solle sich morgens nicht durch die Kuhglocken stören lassen. Als um 3 Uhr 30 Min. morgens der Wecker im Schlafsaal rasselte, begriff der Städter die Anspielung. Die „Kuhjungen“ wurden geweckt. „Menschen am Rande“-werden die Jungen, die Kuhstalldienst haben, scherzhaft genannt, weil sie morgens als erste aufstehen und den ganzen Tag über Nachzügler sind, so dass sie zu den Gemeinschaftsveranstaltungen fast nie kommen können/ — Die „Kuhjungen“ stehen geräuschlos auf. Die anderen Praktikanten hören den Wecker gar nicht mehr und schlafen friedlich weiter, bis um 5 Uhr (im Winter um 6 Uhr) die Gruppenführer ihre Kameraden mit kurzen, launigen Befehlen wecken. Kein langes Räkeln in den Betten, den paar schwarzen Schafen wird die Decke weggezogen und schon geht es — für städtische Begriffe mitten in der Nacht — in den Duschraum. I'm Sommer und Winter wird kalt geduscht. Natürlich gibt es auch hier ein paar Drückeberger, die merkwürdig oft Erkältung Torschützen. Um 5 Uhr 45 Min. sitzt alles am Frühstückstisch. Anschliessend gibt Oberinspektor Scheier eine Stunde theoretischen landwirtschaftlichen Unterricht. In leicht verständlicher Art — gar nicht so theoretisch, erklärt er den Schülern die wichtigsten landwirtschaftlichen Arbeitsverträge. . Nach dieser Oelung läuft der Arbeitsmotor den ganzen Tag. 10 Minuten vor 8 ist Arbeitsappell. Auf die Minute pünktlich ist alles in einer langen Reihe angetreten. Curt Bondy nimmt nach kurzer Rücksprache mit Scheier und den Handwerksmeistern die Arbeitseinteilung vor. Rasch und lautlos werden die einzelnen Arbeitsgruppen dem Feld-, Haus-, Sta 11- .und Gartendienst zugewiesen. Die Straffheit und Disziplin, mit der die Jungen und Mädel ohne unnötige Rückfragen an dein kalten Wintermorgen an ihre Arbeit gehen, fällt.auf. Sehr frisch ist es in dieser Jahreszeit morgens auf dem Felde, aber die Jungen arbeiten sich warm. Mit einem fast sportlichen Ehrgeiz versuchen sie, mit den erfahrenen Landarbeitern Schrill zu halten. Der Schaffer staunt selbst, in wie kurzer Zeit sich die jungen Menschen aus der Stadt an die Arbeitsweise und das .Tempo auf dem Lande gewöhnt haben. Kartoffelbuddeln, Hacken, Dreschen, Pflügen und die Feuerprobe — der Stalldienst — alles wird mit der gleichen Selbstverständlichkeit und dem gleichen Arbeitseifer getan. Im Garten herrscht jetzt Hochbetrieb. Aus dem verwilderten Stück Land soll im nächsten Jahr eine Lehrgärtnerei von 10 Morgen entstehen, die das Gut weitä gehend mit eigenem Gemüse und Obst versorgen soll) Noch vor Eintreten des Frostes muss das Land umgegräben und müssen alle notwendigen VÖrfroätarbeiten erledigt werden. Lisbeth ’— die Gartenbaupraktikantin — führt liier das Regiment. Unter ihrer Anleitung bauen die Jungen eine neue Mistbeetanlage. Die Mädchen sind unterdessen im Hause und in der Waschküche mit Reinemachen, Nähen, Kochen, Backen und Waschen vollauf beschäftigt. 80 Mann wollen erst versorgt werden. Einmal in der Woche haben die Mädchen Aussendienst in der Gärtnerei oder auf den Feldern. Wenn mehr Mädchen auf dem Lehrgut sein werden, wird eine umfassendere Ausbildung möglich sein. In der Tischlerei arbeiten unter Leitung eines Meisters und eines Gesellen sechs Schüler. Die Werkstatt ist mit den modernsten Maschinen eingerichtet, so dass die Jungen nach gründlicher Erlernung des Handwerks mit der elektrischen Band- und Kreissäge, mU, Fräs-, Bohr- und Hobelmaschinen umzugfheu lernen. Die Tischlerei führt'alle in Haus.und Hof.verkommenden' Tischlerarbeiten mit eigenen Kräften aus. Die Schlosserei-" ist gerade im Aufbau: drei Schüler sind gegenwärtig bei einem Gesellen in Ausbildung. Es gibt viel Arbeit auf einem 850 Morgen grossen Gut. Ueberall wird gesägt, gehämmert, gegraben, gehackt und gedroschen, bis die Mittagssirene die Arbeit unterbricht, ln guter Stimmung kommen die Praktikanten von den Feldern. Von weitem sind sie von den übrigen Gutsarbeitern nicht zu unterscheiden. Aber nach einer halben Stunde haben sich die „alten -Landarbeiter“ bei 'Fisch wieder in fröhliche Jungen und Mädel verwandelt. Geheimnis der Verwandlung: die Drillichanzüge und Langschäfter wurden inzwischen mit Hauskleidung, Schuhen und SchillerkraglMi vertauscht. * Die Arbeit lässt die Jungen und Mädel auch in der Freizeit nicht los. Während der Mittagspause und am Abend kann man oft sorgenvolle Arbeitsbesprechung zwischen einzelnen Kameraden hörifti. Viele - nicht alle — haben eine tiefe innere Beziehung zur Arbeit gefunden. Sie arbeiten nicht bloss ihre Stundenarbeiten ab, sondern sind mit ganzem Herzen bei „ihrer“ Arbeit. Die „Kuhjungen“ möchten am liebsten die ganze Nacht Wache halten, wenn eine Kuh kalbt, die „Schweinehirten“ ärgern sich mächtig, wenn eine Sau am Morgen wieder ein Ferkel erdrückt hat. die Küken werden von den Mädchen besorgt in die warme Küche genommen, damit sie sich nicht im Stall erkälten, . . . und bei der Heuernte musste man tatsächlich aufpassen, dass die Jungen nicht zu viel taten und sich übernahmen. Einer der ■■Gruppenführer hat diesen Umschwung der .Arbeitsgesinnung sehr fein beobachtet: „Beim•■Hacken und Unkraut sammeln in den ersten Wochen müsste irgendjemand dahinterstehen, wenn etwas getan werden sollte. Den meisten war das Reden bei der Arbeit viel wichtiger als die Arbeit selbst. Es wurde immer Wieder nach der Lhr gefragt, wieviel man schaffte, war gleichgültig. Da kam die Heuernte. Sie war ungewöhnlich gross, und wir-hatten wochenlang viel und anstrengende Arbeit. Nun musste jeder einzelne von sich aus alles hergeben, um damit fertig zu werden. Mit einem Schlage änderte sich das Bild. Jeder wusste, um was. es ging. Das Interesse war da und jeder merkte, dass es doch unfser Heu, unsere Ernte war, um die wir uns mühten. Wenn Herr Scheyer sagte, das Feld müsse noch fertig werden, so erhob sich kein Murren über eine» späten Feierabend. Es ging nicht mehr mir nach dem Uhrzeiger, jeder fühlte, dass der Feierabend noch einmal so schön wai\ wenn er wusste, das Heu ist geborgen." Natürlich haben nicht alle schon die gleiche Liebe zum Laude und zu den ■Tieren, aber alle werden von dem Arbeitsrhythmusangosteckt und mitgerissen. Feierabend! Für den Landarbeiter beginnt er, wenn er vom Felde heimkommt. Für den angehenden .Siedler in Gross-*' Breesen fängt dann ersl^der zweite nicht minder ansirengoiide 'Teil des "Tages an: die geistige Alisbitdiing. Wenn es wahr ist, ' dass die. Arbeit den Menschen" formt, so müssten ' die jungen Menschen in Gross- Breesen ohne geistige.Gegenwirkung „verbauern".' Sie wollen aber Siedler.'werden, ohne auf die Kulturwerte, die ihr geistiges und seelisches Leben bisher geprägt haben, . flnnui. Stimnirrfrld Verzicht zu leisten. Die 'Spätnachmittage und die Abende sind daher (1er geistigen Fortbildung gew idmet:Elementarkurse für unsichere Rechner und Schreiber, Englisch für Anfänger und Fortgeschrittene, Hebräisch und •Portugiesisch, Lebenskunde für Jüngere und Weitere, .-allgemeine. Auswanderungsfragen und — besonders intensiv — jüdische Kurse. Zurzeit läuft für die Jüngeren ein Kurs über die Geschichte des .Judentums nach der Zerstörung des ersten Tempels, ein zweiter: über die Geschichte der Juden in Europa. Die Netteren haben •einen Geschichtskurs über die Frühgeschichte Israels und eiiym. KiOsus für Fortgeschrittene über die Geschichte der Juden in'Europa unter besonderer Berücksichtigung der Juden in Deutschland. Für Jüngere und Aeltere zusammen werden Arbeitsgemeinschaften für „Den. Sinn jüdischen Wesens und jüdischer Gebete“, über \allgemein jüdische-'-Fragen, Soziologie des Judentums, Zionismus und Palästinakunde und die jüdische Wanderung Die Forderung des jüdischen Lernens wird. in. Gross-Breesen in hohem Masse er-' füllt-. Das.jüdische Leben wird damit noch nicht verbürgt. Das Ziel . hat Professor Bondy-klar umrissen, ■wenn er den Menschen zu „aufrechten und bewussten Juden \ "\