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Central-Verein-Zeitung · 1936-12-03 · 49 (3.12.1936) · page 14

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936)
Issue
49 (3.12.1936)
Date
1936-12-03
Page
– (sequence 14)
Language
German
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■ " \ - * . Homogenität: der Schluß steigerte sich zu orgelartiger Wirliliig. Gertrud W e r t h e i m als Lolistin des Bächfchen Eembalokoiizerts in s-.mnll brach mit der sicheren und lebendigen Turchfiihrnng ihres Parts wieder eine Lanze für diese einzig gemäße Art 'der Wiedergabe älterer Klavierniunk: Moritz' Begleitung war mitniiter mehr rhythmische Strassheit zu'wünschen. Tic Hauptstärke des. Orchesters liegt öfsenbar in der Qualität der Tongebung: der warme, gesättigte Klang der Streicher vermochte sich in einem Sah wie dcnr Adagietto aus Mahlers fünfter so recht.' blühend zu entfalten.' wobei auch die— ungenannte — Harfenistin nicht wenig zu in Ge-' lingen beitrug. Wie gut die Kräfte sind, die der.. jungen Bereinigung zur. Berfügung stehen, erwies - sich on einem Bivaldifchen ('oneocto dessen vier Solostimmen die Herren N o „ i s. K lei n. - Polnarivw und Maiköwski frisch und sauber musizierten.' Zum Schluß die Kleine Nacht, musik:. hier fielen, starke Tempofchivankiingen auf. T°er Abend war gut besucht und fand herzlichen Beifall. H. Freyhan. . Es war ein sehr bunter, das heißf'in diesem Falle: farbenreicher und farbeiikräftiaer Abend, den drei Tünzcrinnen/zwei Musikantliiuen. eine Schauspielerin und ein Pianist veranstalteten. Es war Kabarett. Konzert und Tanzabend in einem. Dora Gerson brachte den Kabarett-Teil. Sie entfaltete eine überraschei,de Vielseitigkeit. Sie sang, wirkungsvoll den Stil wechselnd, Chansons vom Biedermeier bis zur „Chanteuse lO'IK". Las Stärkste und Lebendigste gab sie in jenen Stücken, in denen ihr schauspielerisches Naturell singehemmt und tönereich sich in einer ganzen Theater- „ szene (wenn auch ohne Partner), aussprechen konnte, wie in „Lottct^ns Beichte". Zwei grundverschiedene Temperamente . haben sich in den beiden Tänzerinnen zueinander, gesunden: Ruth E v n d e l l. ganz auf lebendigen Ausdruck, gehaltene Form, strenge Linie gestellt. niid'Nelly Hirsch, der mit techniscl,er Fertigkeit, flottem Schwung lind hartem «noch etwas zu hartem) Stampfschritt ihre Tänze formt. Sv führte sie ihre Eigenart deutlich in zwei fleißig studierten spanischeu Tänzen vor. Ruth Cvndell überrascht durch ein höchst persönliches, -an großen Mustern geschiiltes) aber schon zur Selbständigkeit gereiftes Künstlertum. Unzweideutiges Zeugnis: ihr Tanz .in der Art der Trance-Tänze von Bali. Hier betätigte sich nicht etwa der Ehrgeiz, den vrientalischen Trancezustaiid iiachzikahmen:. 'vielmehr wandelte sich, stille Bersnnkenheit mit de» zarten Linien der Körperführnng imd des räiinrlichen Beivegiingsanfbaus zu einer echten Verzuckung. die auch die Zuschauer verzauberte. Ihr „Slawischer Tanz" mit seiner volkstümlichen Thematik, ihre geineinsameil Tänze mit Nelli, Hirsch, besonders die „Visinna Voiior.iniia" lind die leise Clownskvmik der ..Tanzstunde", ließen ihre große künstlerische Spanmveite sichtbar werden. Bom reichen Beifall' des Abends empfing auch die Pianistin Lilh Dhmont, die ein paar Tänze von Albeniz geschmackvoll vvrtrng. ihren wvhlgemessenen An. teil; nicht vergessen sei Hans Nt a r g o l i n s k i. der die Tänzerinnen und die Sängerin mit außerordentlicher Gewandtheit am Flügel begleitete, in einigen Stücken sorgsam unterstützt von der Cellistin Annie R ö s l e r. Artur Michel. In der Freien Wissenschaftlichen Bereinigung. Berlin, trug Hilde Marx Ernstes und Heiteres aus eigenen Werken vor. Unnötig., an dieser Stelle nochmals zu betonen, daß die Lyrik das eigentliche Gebiet der jungen Dichterin ist und daß daher diejenigen ihrer Gedichte, die zeitnahe Themen mit echtem Gefühl behandeln, den stärksten Eindruck hinterließen. Besonderen- Anklang fand eine kleine Skizze ..Der Atlas" ldie E.-B.-Zeitmig hat ihre Leser mit dieser Novelette in Briefform, die in einem demnächst erscheinenden neuen Band von Hilde Marr enthalten sein wird, bereits vor einiger Zeit bekannt gemacht). ' t.P. ho.- Der Reichsderband der Jüdischen Kulturbünde in Deutschland teilt, um Mißverständnissen vorz^- beugen, hiermit Nochmals als öffentliche Ankündl- § gling mit: Alle beim Reichsverband gemeldeten ausü be n bei, Künstler und Vortragenden, d.ie sich im Besitz der gültigen Ausweiskarte des ReichSverbandcs befinden, .müssen bis spätestens zum 1. Jani'iar 1937 die neue ÄuSweiskarte erlangen, da die alte Ausweiskarte mit Jahresende ihre Gültigkeit verliert. Der. Reichsverband macht ausdrücklich daraus aufmerksam, daß gemäß behördlicher Anord- . nling kein .giinstler das Auftrittsrecht hat, der nicht im Besitz, der gültigen-Mitgliedskarte ist. so daß die ' Nichterneuerung, .bzw. die nicht rechtzeitige Erneuerung dieser Karte bis zur Erledigung den Per- . lult des Auftritttzrechtes aiitoinätisch nach sich zieht. Bei der Fülle der Anträge ist sösortige Einreichung des Antrages (Fragebogen,. Lichtbild, Gebühr von 2 RM für daS Jahr 1937) dringend geboten. Ausnahmezulassungen /önncn grundsätzlich nicht statt- Jüdischer Kulturbund Berlin- Der in den M.vnatsblättern. des Kulturbundes angekündigtc .Vortrag von Johanna 3)1 eher, („Ans Aufzeichnungen jüdischer Familien") findet am Donnerstag, 10. Dezember, 20 Uhr 15 Min. (nicht Montag) im Kulturbundtheater. SW. 19. Komman.dantenstraße 57. statt. Das Collegium musirum, Leipzig, veranstaltet im-Nahmen deS Jüdischen Kulturbundes, Leipzig ■niii. S. Dezember. 20 Uhr, ein Konzert unter Leitung von Barnet ^Licht. Solisten: Tanja Ury- Zunser (Klavier) und Miriam Zunser (Violine). Jüäisebvs Leben — jürLseLer (»eist Lehrhaus Berlin In der D o n n e r S tä g r e i he des Berliner Jüdischen Lehrhauses referierte - am 20. Novenrber Dr. Bruno Strauß über das Tlsema: „Eltern und Kinder". Er ging davon ails. daß sich durch die geinciniamen Sorgen aller jüdisclzen Generationen die Spannung .zwischen Eltern, und Kindern zwar verringert habe, und daß auch vielfach die Eltern ans einer geivissen Resignation heraus geneigt seien, den Äufsasiiiiigei, der Jugend nicht zu widersprechen. Trotzdem bestehe das Grundproblem jedoch unverändert fort.. Nach-der jüdischen Auffassung bilde die Autorität der Eltern'einen wichtigen Bestandteil , jüdischen Gemeinschaftslebens überhaupt. Wer sich gegen die Eltern verginge, sündige gleichzeitig an'der Gemeinschaft. Darüber hinaus sei das Kind kein bloßes Geschenk der Natur, sondernein „Heiligtum", d. h. ein göttliches. Geschenk und damit gleichzeitig eine Verpflichtung vor Gott. Auch nach dem Sä,winden der Sonderart des jüdischen Haines bliebe die elterliche Autorität vielfach noch ein letztes Denkmal jübischer Geisteshaltung. Der Referent ging sodann ans die, Jiigendbewegnng und ihre Ansivirklmgen ans das Elternn>,d Kinder-Berhältnis ein. Aiisgangspunkt des Ziisaininknschlnsses zu ' Ingendbünden fei. psychologisch betrachtet, der Selbstäiid,igkeitsdrang junger Menschen. Außerdem bildeten, gerade die Sehnsucht nach echter, bei den Eltern vielfach nicht mehr anzutresfender Autorität, und der Wille znm Anschlnß an die geschichtlichen jüdischen Geisteskräfte ein Motiv für den Ziisammenschlnß in jüdisü-en Bünden. Soweit der „Erwachsene" sich der Bnndesarbeit zur Berfügung stelle, dürfe er es nie mit dem Ehrgeiz tun, den Jugendführer zu ersetzen. Zum'Schluß behandelte Strauß die gerade bei jüdischen Eltern häufig anzutreffende .rsentimentale" Pädagogik, d.' h. die egoistische Spiegelung der Eltern im Leben des Kindes! Sinn einer. echten jüdischen Gestaltung sei das Zusammengehen von Eltern und Kindern entsprechend der ,m fünften Gebot niedergelegten Grundaufsassung jüdischen Seins. Dies bedeute aber bei Betrach. tung der gegeuwärtigen Lage vor allem, daß. ent. sprechend den Worten des Propheten Maleachi. „die Väter sich den Kindern wieder zuwenden", bevor sich die" Kinder wieder zu ihren Vätern nähern können. W. R—ck. DonnerStagrcihe: ..Autorität." Am 3. Dezember, so Uhr 30 Min.. Bi'üdervereiiishlius. Klirfürstenstraße 115—11t», spricht Eurt B o n d y (Groß- Breesen) über: „Lehrer und Schüler." Montagreihr: „Gestalten der Bibel". Am 7. De-- zcmber, 20 Uhr 30 Min., Aula, Zoachimsthaler Straße 13. spricht . Ignaz May bä u m über: „Ezechiel." «rbeitSsrmeinschasten. Bab: „Werke, die unS angetzen." Tie Arbeitsgemeinschaft ist vom 8. Dezember auf 9. Dezember, 17 Uhr 39 Min., verlegt. Ein Vortrag Baecks in München Anläßlich der Eröffnung des Lehrhauses und der Winterhilfe der Gemeinde Vünchen sprach in ' der Münchener Hauptfynagoge der Präsident der Reichsvertretung. Rabbiner D— Leo Baeck (Berlin), über „Die jüdische Lehre — die jüdische Tat". In feinen Begrüßiingsivovten bezeichnete der- Gemeilidevorsitzende, Qlierstlandesgerichtsrat i. R. Dr. Neii mey e r. das Gotteshaus, die jüdisch-sittliche, insbesondere Wvhliahrtsarbeit und das Lehrhaus als die drei Kraftzei,treu erneilerten jüdischen Gemeinschaftsleberis. Dr. Baeck unv über „Europäische Literatur in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts" dem Lehrhaus fein großes Wissen gerade ans diesem Gebiete zur Ber» sügiing gestellt. In der nunmehr abgeschlosienen ' Arbeitsgemeinschaft hat der. Vortragende wieder-, um bewiesen, mit welch tiefer Kenntnis und welch fortreißender Darstellnngskräst er es versteht, - sein Hublikum bom ersten bis zum letzten Augenblick zu fesseln. Die Arbeitsgemeinschaft war ein tiefgründiger Streif.zng von Goethe bis Rainer Ntaria Rilke. Die Musik eines Wagner und Beethoven, die Philosophie eines Schopenhauer, eines Hegel und eines Nietzsche, .die Lvrik Hoffmansthaks und Stefan Georges, die großen Dich. ' .tuuqen Dostojewskis. Tolstois, Flauberts, Gerhart Hauptmanus und. vieler anderer wurden den an-, dächtig lauschenden. Zuhörern in Zelten verständ- ' licher Weise dargebracht. Ter von Abend zu-, Abend' sich steigernde.. Besuch legte Zeugnis ab für das Können des Vortragenden, aber auch für da8 Bedürfnis der Hörer, allgemeinem Wissen nicht entfremdet zu werden. Auch m Zukunft wird das Lehrhaiis fortlaufend eine Reihe von Arbeitsaemeiuschaften aus dem Gebiete allgemeinen Wissens veranstalten. So hat für die Folge zuriächst Hans Berger eine Arbeitsgemeinschaft über „Grenzen zwischen Physik und Technik" ^orgesehen, für die bereits zahlreiche Anmeldungen vorliegen. Neben der Arbeitsgemeinschaft „Die Kultur- Zeitalter des Judentums", die Rabbiner Dr. Lazarus demnächst beginnen wird, hat Dr. Lazarus bereits mit einer Arbeitsgemeinschaft für Jugendliche „Gespräche über das Judentum" angefangen, in der zunächst über Franz Rosen» zweig und sein Werk gesprochen wird. A. R. . Dr. S. Samuel-: Jüdische Sekten . In der Jahr e s v e r s a m m l u n g des I ü - d i s di e n Religionslehr er- Verbandes Bezirk Brandenblirg. der seinen Uebergang inunter Leitung von Dr. H. Stern biß die jüdische Lehre, die Thora, die viel mehr als stc-heiide O r t s g r u p p e Berlin vollzog, hielt tum i mit ii f »iitott 11 ffffifi 16rpi rfu»n „Gesetz" bedeutet, als unlösbar mit dem Begriff der Tat verbunden. Die gewaltige Be.deutuiig des jeweiligen Augenblicks und jeiner Aufgabe ist für den Juden in starker Spaniiiilig verbuiideii, mit dem mcssianischeu Gedanken, der dem jüdischen Volk die Geduld des Aristokraten verleiht und der erstz' alle GxgeUwartsarbeit heiligt. Wir haben zwar mit aller Hingal>e.die Pflicht des Tages zu erfüllen, aber wir haben über den Tag hinaus in die Zlikllnst zu -leben'und ans der Bergaiigenheit heraus, deren Lehre uns von Geschlecht zu Geschlecht ülvrtiefert würde. Deshalb find Lehre und Tat im Juderitiini Unlösbar miteinander verbunden: das bedeutet Thora. ' . 'Zwei Arien aus Dtendelssohns „Elias" umrahmten. von Stzalter Ries (Baß) und Erich E i s n e r (Orgel) vorgetragen, stimmungsvoll die gehaltvolle Feierstunde. L—mm, Lehrhaus Wiesbaden Das Jüdische Lehrhaus. Wiesbaden hat es sich im Nahmen seines .diesjährigen Winter. > Programms zur "Aufgabe gemacht, sieben seinem eigentlichen Ziel, jüdisches Geistesgut zu' ver- Mitteln, in großangelegten Arbeitsgemeinschaften auch Einführung in. allgemeines Kulturgut zu verschaffen. Der»überaus erfreuliche Besuch — besonders auch aus den Reihen der Jugend — der ersten derartigen Arbeitsgemeinschaft, die nach fünf Abenden., ihren Abschluß soeben erreicht, hat. 'beweist,'welch reges Interesse hierfür besteht, und daß die Leitung des Lehrhauses mit der Wahl des Themas und des Vortragenden einen guten Griff getan -hat. Dr. Alfred Mayer -(Wiesbaden) sprach über „Europäische Literatur in der zweiten Hälfte des neunzehuten Jahrhunderts". Der Bortragende hatte bereits im vergangenen Winter in zwei Arbeitsgemeinschaften über „Goethe" und Rabbiner Dr. S. S a m u e l einen aufschlüßreichen Bortrag über jübifefje Sekten. Redner" betonte, daß jedesmal ein größerer Mißstand oder eine religiöse iNöt ztzr Bildung, von Sekten geführt habe. — Die Samaritaner, heute nur noch etwa 160 Seelen, haben den alten Gegensatz ' zwischen den jüdischen Stämmen wieder aufleben. .lassen. -Tie Vorherrschaft des Stammes Juda, die' sich auch nach der Rückkehr aus dem Babylonischen Exil sortsetzte. und allgemeine Unterwerfung sörderte, war ihnen unerträglich. Sie mußten die Thora in der Fassung übernehmen: die -damals Geltung hatte: Sie besaßen aber nicht die Geschichtsbücher. Propheten und. Psalmen. Ihre Umgangssprache ist heute arabisch, ihr völliges Auf. ' gehen, in die jübtfdje Gemeinsckiaft ist wohl nur eine Frage der Zeit. Der Redner umriß dann den- Karäismus, dessen Stifter Anän den David, die mündlickze Tradition abgelehnt Hatz Tie Grundlehren des Karäismus Zind im „Leker lismirvock" niedergelegt, und in der Geniza von Kairo, vor einigen Jahrhunderten von Schechtcr entdeckt worden. Der Kampf gegen das rabbinische Schrifttum trat im Laiife der Zeit etwas mehr in den Hintergrund. Die wichtigsten Gemeinden befanden, sich, abgesehen von Jerusalem, in Aegypten, Konstantinopel auf der Krim und in Polen. Der durch Martin BT'er wieder bekannt» gewordene C h a s s i d i s m u s. der um die tuende des 17. Jahrhunderts sich in der Wallachei und Po» voliey-schnell verbreitete, wurde durch die'religiöse Not des einfachen Volkes verursacht, der durch den damaligen Betrieb des Talmud-Studiums nicht gesteuert wurde. Erst.Israel „Baalschem" und seine Nachfolger brachten Herzensfröminigkeit, Andachtsverseiikiing und gegenseitige Hilfeleistung, ohne Ansehen der Person, wieder zur Geltung. Eine lebhafte Fragebeantwortung schloß sich an den beifällig aufgenommenen Bortrag. msr. darfst nicht salzen. d«iß ich niemanden habe-" Berthvld zuckte mit den Schultertt: in seiner Hellen Stimmeivar naive Grailsamkeit: „Aber wv( Das ist die Sackie! Ein Papa, der nie kvmiiit und'nie schreibt! Meine Großinntter kann ich besiicl>en. und zn Laubhütten-.— ich habe "dir, doch erzählt — es gab Striez und — —" Heini wandte sich ab. Er ivnßte keine Ent» gegniiiig. Die. etwas,zu kurze Oberlippe mit den , Zähnen festhaltend, 'kämpfte, er gegen ein drohendes'Schluchzen, an. Nun ivar er schon fast ein -ganzes Jahr im Witiiseiihaiis. Beim letzten Ehan^kkafest halte noch die Nintter de» Leuchter angezündet — — — Sie hatte ihm viele schöne, kleine Dinge besck^rt. luid bei jedem Ge;)enstand, der ihm besonders geiiel, hätte sie gesagt: „Das ist von-Papa --" Denn Papa war verreist, wie so oft —— Aber dann hatten sie Trendetckien gespielt, und alles war voller Frende, ge- Heini niachte 'eine nngeschickte Bewegimg. und das Btesser snhr ihm in den linken'Daumen. Das, Kind iiiitcrdrnclte einen An'schrei nnd zerrt rasch, sein Taschentuch hervor.'um die Bönnde zu ver-!«ergen. Es dachte mit krampfhafter Energie an den Papa — — - ' . „Ich schnitze nämlich den Teller doch sör meinen Paj'a — jetzt yalv ici, es mir »verlegt. Es ' ist gut, iveim ich ihn jedeniallssertig liabe. Jeden» falls —!" wiederholte c\ mit. fanaliscl^m Ans- „Meinetivegen —" brinninre Berthvld. ...Hanptäche. du bringst es fertig", sügte er gönncrha't Iiinzn. Jetzt bemerkte er die Blutflecke auf dem Tuch. Kovsschütielnd lielte°er ans seiner Hosentasche ein halvzerrissenes Hektchen mit Hansa- Plast, das seine Dienite an Heinis Daumen, tat. Jetzt ivar er giilgelannl: „Also dein Pa)»awar solch ein großer" Künstler?", fragte, ^er. „Papa ist ja berühmt — Paivi hat in der ganzen Welt Konzerte gegeben! Ein großer Geiger — — du denkst gewiß, einer von denen, die im Orchester sitzen — nein, er stand allein ans -dem 'PodilW-,-- r.Wo hat er gestanden?" „Oben, .neben dem Kapellmeister und im Frack. — ich sage dir, er sah grvjärrtig' aus und gespielt hat er- — — atemlos haben alle gehorcht. „Ob der.' .überhaupt joIciyen Holzteller gebrauchen kann?" ivarf Berthvld ein. Heini-sah kritisch ans sei.ne Arbeit hin — — die Frage hatte Ihn aus allen seinen Träumen gerissen. Plötzlich wußte er. >vie uiibegründet seine Hoffnungen -waren, ivie allein er war. --Ein lenes Neidgefühl iibnüt'l ihn: Bert hatte die Großmutteres hörte sich so gut. an. wenn man sagen konnte: „M eine Grvßninttcr —" --— Was hinderte . ihn denn, vom Papa zu sprechen, als wenn er auch bald, iehr bald wieder auftauchen würde —? Gleich danach läutete cs: die Kinder räumten zusammen — es.war 7 Uhr,, und das bedeutete Händewaschen ' nnd Abendessen. Berthvld boxte Heini sanft zur Türe hin — — -..Haben 3:o dem Herrn gesagt, daß jetzt keine .Sprechstunde ist?" fragte der Direktor. 1 „Jawohl, aber der Herr läßt sich^ nicht ab. sveisen., Er fagt„ es sei" dringend. Und hier ist seine Karte." Der Direktor schob die Brille auf die Stirn imd las: .'.Ludwig -Bieber.", „Also schön. Ich komme gleich ins Sprechzimmer hinnntcr." Ludwig Bieber ging in,dem kahlen Flur auf „Mein Junge'— um Gottes willen — hier — und was wäre geworden ohne das —?" Wie.sollte er einem Mneschen. derin strengstem Pflichtenkreis lebte^ begreiflich machen, daß er selber gröblichst seine Pflicht verletzt hatte?. Bieber blieb stehen: er hörte den Zögling zurückkehren, der ihn empfangen hatte, und folgte ihm'in das Büro. - „Sie keimen den kleinen Heini Bieber?" ' „Natürlich —sagte der junge Mensch. Wie sieht er mich an? dachte Bieber und fuhr sich erregt durch das Haar. Er fühlte die gleiche rasende Beklennnuiig. ’iine jedesmal, wenn er die Treppe zum Podium lietrat. Atemlos fragte er: ,^st er —geht es ihm gut? Ist er gesund?" „Aber ja. Erist brav, und 'es fehlt ihm nichts." ' o . „To — —- es fehlt ihm nichts." Bieber setzte^ sich auf den Stuhl dicht an der Türe. Er sah" sich selber wie einen Bittstellerin ditzfcr unfreien . Haltung warten — — Jetzt kam der Direktor, er sah ihm voll ins Gesicht: „Sie sind Heinis Bater?" Bieber machte eine hilflose Bewegung, er war sehr bleich. Plötzlich bemerkte der Direktor in diesem geistvolleii Gesicht, wie die etwas zu kurze Oberlippe zuckte. -- „Ich freue mich um Heinis willen. Ich be. grüße Tie. Herr Bieber! Ihr Jynge wird sehr glücklich sein — —" Also nicht zu spät?" flüsterte Bieber. „Ich hätte längst — ich fürchte, ich kann es, Jhüen nicht erklären, weshalb ich nicht früher kam —" „Ich bin gewohnt, von Schwierigkeiten zn ' hören", sagte der alte Mann. „Sie verkennen die Situation — weshalb zu spät? Niemals zu spät, wenn man-mit gutem Willen kommt. Aber ich mache Sie auf eines aufmerksam: das Kind hat sich erst sehr langsam, sehr mühsam hier eingewohnt. — Sie dürfen "es mir nicht aufstvreii. wenn. Sie nicht, den ernsten Willen haben..für-den , Jmigen da zu sein!" „Sie haben meinen Jungen liebgewdnnen?" - sagte Bieber. Er ging hin und her. „Das macht Sie vielleicht zu meinem Richter. Herr Direktor!!)!ein, nein — ich kann es Ihnen nicht ersparen, diese Beichte anzuhören! Sie haben sicher angenommen, daß ich gär nicht mehr lebe? Ich will nicht ^versuchen, die Oualen zu beschreiben. Um es ganz kurz zu sagen: ich bin ein Besessener. Bon Musik und Erfolggier Besessener. Meine Frau nahm es hin. Sie litt-und wehrte sich nicht. Ich' ließ sie oit viele Monate allein. Aber sie hatte das Kiiid. das sie aubetete.' — Als ich von ihrem ganz plötzlichen. Tod hörte —. —" Bieber hielt an und hob den gequälten Blick zu seinem schweisenden Zuhörtzr: „Sie starb innerhalb zweier Tage. Tie Nachricht erreichte mich dreieinhalb Wollen später, als ich in Peru gastierte. Es war so völlig unwahrsckieililichdieser dürre wortlarge Brief unsere^ Dienstmädchens — ich fühlte nur--Gräuen — ich begriff gar nichts — nur entfetzliches Grauen vor der, Rückkehr!. Und ich blieb unterwegs. Ich schickte Geld für das Kind. Es ist äiischeinend niemals'angekommen. Wir haben hier kerne Berwandten — ich blieb unterwegs — ich hatte Angst vor Heinis verzweifeltem Kummer.— ich blieb unterwegs — ich spielte 'weiter vor fremden Leuten und blieb unterwegs — —" Er brach ab. gegen den Tisch gelehnt, senkte er die Stirn, als könnte er selber es jetzt nicht fassen: „Ich blieb unterwegs " Der alte Mann saß da, den weißen Kvpf hörchcnd vorgebeugt und schwieg. Nach einer Weile stand er auf und machte ein paar Schritte auf Bieber zu. Er ergriff die Hand^ die sich ihm entgegenstreckte. v ' „Bin ich in Ihren Augen ein Mensch, dem man ein Kind anvertrauen kann? Bin ich's noch wert . . .?" stammelte Bieber.-. „Was hat Sie hergetrieden?" sagte der Direktor langsam, als dächte er selber über die Frage nach. Ein schwaches Lächeln verjüngte seinen Mund: „Tief wurzelt in uns die Familie . Wenn Sie Heini sehen werden, wird Ihnen die ungeheure Verantwortung zum Beivußtsein kommen — dieses Kind wartet auf Sie — mit unerschütterlicher Zu- '"persicht!" .Und dann! „Das wird ein wunderbares Ehanukkafest werden für den Jungen ... . .", Bert, schläfst dn?" '' „Still — halte doch,die Bettdecke -vor den Mund." ., i : „Ich habe es mir überlegt! Ten -Holzteller. . „Schon wieder davon?! Schlafe lieber!" „Nein — bloß, weil ich's jetzt genau weiß: das Fräulein Selma kriegt ihn! Der schenkt sonst am Ende keiner was! Und — gerade zu Chanukka...! da sollen sich doch alle freuen, nicht?" 1 „Na, ja. Kannst du ja mackien! Aber wenn nun wirklich doch dein Papa^-?" Heini hebt den schmalen dunklen Kopf, seine ° Augen leuchten zärtlich: „O — dann —! Für den Papa! Ein Holzteller wäre ja doch nicht genüg für ihn! Für den Papa muß man alles hergeben, was man hat —"

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