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Central-Verein-Zeitung · 1936-11-26 · 48 (26.11.1936) · page 4

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936)
Issue
48 (26.11.1936)
Date
1936-11-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Jahren zahllose romanhafte Darstellungen und auch einige Versuche auf archivalischer Grundlage, ist es doch erst vor einigen Jahren der jüdiMn Historikerin Selma Stern möglich gelvesen, auf Grund des gesamten überhaupt vorhandenen Aktenmaterials die erste wissenschaftlich exakte, lückenlose Biographie des Jud Süß zu schreiben. Ties damals von Der Akademie für die Wissenschalt des Judentums herausgegebene Werk ist jetzt in. den Schocken-Berlag üdcrgegangen. Selma Sterns Buch sollte recht viel gelesen werden— nicht nur weil'es in einem geschlnfeneu Tatsachenstil knapp und doch gründlich den Jud Süß, seine Epoche, Menschen und Welt, die ihn umgaben, darstellt, sondern weil 'es an der Zeit ist, daß die Juden ihre aus Romanen genährte Vorstellung über-diesen bedeutenden Mann revi- - dieren, der weniger ein Abenteurer und Wüstling war als ein Staatsmann und Wirtschaftspolitiker und mit-man'cherlei Ideen, so sehr er selbst ein Rtensch de? Barock ist. seiner Epoche vorauseilte. Selma Sterns Bemühen, „die verzauberte Gestalt in ihr geschichtliches, Urbild zuriickzuverwandeln", ' loirb unterstützt durch etwa 60 beigeiügte Aktenstücke, so daß ein großes kulturhistorisches Gemälde sich ergibt. - - Kp. ■ Romane und Novellen Hans Fallada: Altes Harr geht au! die Reise. Rowöblt Verlag, Berlin. Hans Fallada, der Dichter des Buches „Kleiner Mann, was nun?", hat einen neuen Roman ge. schrieben: „Altes Herz geht auf die Reise." Ist es wirklich ein. Roman? Ist eS nicht in dcr eigentümlichen Mischung vonrealistisckien und romantischen Elementen viel eher ein Märchen? Jedenfalls sängt das Buch, auch wenn wir später erfahren, daß die Geschichte im Jahre 1912 spielt, mit den Morten: „Es war einmal . : ." an, es geschieht gewiß nicht ohne Absicht, vielleicht will der Autor gleich zu' Anfang dem Einwand beoegnen, daß seine Erzählung 'oftdie Grenzen des Glaubwürdigen und Wahrscheinlichen überschreite. Mit viel derbem Humor und zuweilen auch wohl ein wenig weitschweifig berichtet fallada die Er- -ckebnisse des braven alten Professors Gotthold Kittguß. der im alten unch neuen Testament besser Bescheid weiß als in der Wirklichkeit, und der min.'unsanft aus seiner Bücherivelt heränsgerissen. durch allerlei besondere Umstände mit dem Leben in, seinen alltäglichen Erscheinungenzusammenstößt und in eine Reihe .von merkwürdigen und. verwirrenden Abenteuern verwickelt wird. H. B-^n. Johannes V. Jensen: Dr. Renault* Versuchung. Bef mann - Fischer Verlag, Wien. Schon der Nahmen des Noiuäns ist iiterraschend: unmittelbar nach seinem Tode schließt der alte Tr. Renault einen Vertrag mit einem Herrn Asbest — aus mephitischer Sippe — und. kann nun sein Leben noch iveiter sortsetzen. Herr Tr. Renault begibt sich aus eine Weltreise und besteigt in Genua den großen Lurusdampser, der mit seiner buntgemischten Menschenfracht Schauplatz seines^zweiten Lebens wird. Es bringt ihm. was ihm das erste schuldig geblieben war: Färbe und Fülle und Abenteuer und die Peitsclieiischläge des Eros.. Dazwischen aber gibt es Gespräche voll tiefster Besinnlichkeit, Ausflüge in Gebiete des Geistes und Erkennen«, weniger erschlossen und seltener besucht als all die wohlpräparierten Ausflugsziele der inlernationalen Müßiggäage.r. Eine Meuterei der Besatzung bringt dem Schiff den Untergang. Tr. Renault-aber. gemäß einer Klausel seines Vertrages, kann -wiederum wählen, und wählt wieder — das Leben. Asbest-Mephisto ist und bleibt ein armer Teusel, und die- Bejahung des Lebens iii all seinen Erscheinungsformen, auch den schmerzhaftesten, siegt über die Verneinung. ‘ Es ist ein Buch von sehr ungewöhnlichen lind vielseitigen Reizen, dascher dänische Dichter bietet. Sein lässiger Humor, ein Augenzwinkern gelegentlich auch zur Groteske, machen selbst das Bittere und Terbe noch schmackhaft, wandeln das llnglaub- Hasteste zum selbstverständlichen Zierrat. E. E—1. Erich Pfeiffer-Bclli: „Sylvia.“ Ernst Rowohlt, Berlin. . : Zart wie die Aguarclle von Jack v. R e P p e r t- Bis m it r ck ist der Inhalt dieses kleinen Buches: die Geschichte einer zarten Zuneigung eines vierzehnjährigen Jungen zu einem zwölfjährigen Mäde-lchen. Ter Knabe aus dem reichen Haus Am Graben, das Mädchen aus dcr Straße zum -Rassen. Garten, dem Proletariervicrtel der kl ei 6 en Stadt. Tre: Freundsckiaft der Kinder, die die. Fremdheit der verschiedenen Milieus überbrückt, hauchzart die Striche, in dcr diese wenigen Stunden gemeinsamen Spiels auf der Straße, im Garten, auf der Eisbahn, beim Geburtstagssest geschildert sind, nu endlich kleine, feine Schwingungen zwischen den Zeilen, das Ganze wie ein leises Lied, das einem noch lange im Ohr klingt. M. E. .Marianne von Angern: „Junges Mädchen von übermorgen.“ Universitäts - Verlag, Ter Titel klingt programmatisch. Ter Inhalt des Buches ist es keineswegs. Tie Verfasserin er» zählt mit sauberen Mitteln ein Märchen für große Leute. Tie 19jührige Heldin bringt in ihrem Elternhanse und in ihrem eigenen Leben verlvorrene -Verhältnisse durch liebevolle Aufopferung und weibliche Klugheit in Ordnung. Alle Menschen im Umkreise des tapferen Mädckiens sind charakterlich wohlgebitdet und lasterfrei.-Zuletzt geht alles so wunderbar gut ans, wie es in einem richtiggehenden Märchen zu geschehen hat. vr. K. M. Gabor yon Vaszary: „Monpti.“ Roman. Rowohlt-Verlag, Berlin. „Monpti", das ist die Abkürzung für „man . m-tit", und so nennt ein Pariser Mädel ihren Freund, einen jungen Ungarn, der ohne Berns und ohne Geld, hungrig, schwärmerisch und verliebt, Paris erlebt, erleidet und genießt, von einem kleinen Hotel, in der Nähe des Luxembourg aus. Das Buch hat eigentlich keine Handlung lind strotzt doch von Geschehnissen. Beobachtungen, Erlebnissen. Spannungen. Stimmungen. Es ist ganz leicht und locker geschrieben, und ist doch 'voll von Menschenkenntnis. Ironie, Gefühl, Weisheit und Poesie. lind wenn dieser junge Mensch seine Erlebuisse niederschreibt, so'wird es ein Hymnus von der Unerschöpflichkeit dieser Stadt und von dem kleinen Mädchen Anne-Claire, die ebenso natürlich und keusch, ebenso hell und rätselhaft ist wie Paris, selber-. Hier ist auch'das Tragische von Heiterkeit- »mwoben und das Lustige von Melancholie dnrchsponnen. Man glaubt, eine entzückende, beglückende Plaiiderei zu lese» und merkt nachher, daß es eine tief in Seele und Welt vorstoßende Dichtung,var. — ms Alfred Neumann: „Kaiserreich.“ E. P. Tal & Co., Wien. Als wir den ersten Band von Alfred Neumanns „Neuem Caesar" besprachen (Nr. 11 von 1935), schrieben wir u. a.: „In einem zweiten Teil .Kaiserreich' (der hier nun anznzeigen ist) soll »ns das Ende der Tragödie geschildert werden, Reumanns KNnst wird sich dann noch schärfer zu bewähren haben. Denn.je näher die geschilderte Historie an die Zeitereignisse heranreicht, desto kritischer wird wer Leser, desto größer die Verantwortung des Autors, wenn er nicht an der Oberfläche bleiben will.", — Tiefer Gefahr ist Neumann auf seine eigene Weise entgangen. Aher er verfing sich dabei in selbst gestellten Fußangeln. Es sind die Jahre 1852 bis 1873, zwanzig Jahre, deren politisches Gesicht ans 600 Seiten dargestellt wird. Es wird geprägt von Männern wie Morny, Rvchefort, Cavvur und Bismarck; seineu tragischen Zug erhält es von Maximilian, dem mexikanischen Kaiser, uüd.Orsini, dem Kaiserattentäter: da8 Sittenbild der Zeit wird uns etwa in den Gestalten, der Eastiglione und Offenbächs entgegengehalten, und den, technischen Fortschritt des Jahrhunderts versinnbildlichen die Eröffnung des Suez-Kanals und die Pariser Weltausstellung. Die Kriegsgeschichte rammt ihre Meilensteine mit Magenta, Königgrätz und Sedan in die Zeit. Paris, Teanville und Biarritz ist die-Landschaft; von-der „ ans die Menschen und ihre Geschichte in Bewegu'ng gesetzt werden. - Alle diese Ereignisse sieht Reumann von Paris ans mit den Augen Lckuis Napoleons, des müden •: ManneS im großen Sestel mit dem unbändigen - Lebenswillen nnd^ dem ewig wachen Geist, der Koyspiration. ' . Dieses „Kaiserreich" ist ein Buch der Schilderungen. Landlck)asten, Situationen, Stimmungen, Gedankenketten, reich an Bergleichen, reich an Wortspielen, reich an Hintergründigem, oft Allzuhintergründigem. Selten springt ein Sturm auf; immer ist ein diffuses Licht. Neumann tappt mit seinen Menschen im Nebel, sie versinken im Herbst, sie verschwinden hinter Regenwänden und finden sich wieder in wattierten Räumen. Die Schilderung von Orsinis Attentat, die »Flucht aus der Eastiglione Boudoir, das Gesprüchsduell mit Bismarck. die Geburt des Sohnes, das Erscheinen „Lanterne" — das sind einige wenige Haltepunkte^ in dieser verwaschenen Welt. Da sitzen die dramatischen Akzente am rechten Platz, da funkelt Neumanns bekannter und uns so vertrauter Dialog, da schreitet die Handlung hinweg über die verschlungenen Labyrinthe Rapoleonisch-Neumannschcr Psychologie. Es entstand eine weitschichtige psychologisch-zeitkritische Studie von beachtlichem Ausmaß. Wir lesen Szenen und-betrachten Bitder, aber immer wieder fallen wir, vom schlafsüchtigen Kaiser attgesteckt, ins Bodenlose. Der dramatische Romancier Neumann. gerät in die tiefe Grube seiner psychologisüren Studie, und er strauchelt über die Teppiche, hie die Schritte seiner Gestalten dämpfen. Hans Oppenheimer. Maria Kreitner:. „Begegnung auf dem Schulweg.“ Herbert Reichner Verlag, Wien, Leipzig, Zürich. ‘ Ein schöner zarter Gegenstand:' ein Schulmädchen verliebt sich in einen reifen Mann und, was erstaunlicher, auch der Mann wird von einer ernsten Neigung zu dem Unfertigen, sensiblen Mädchen erfaßt. Zum Schluß kehrt er allerdings wieder zu seiner früheren Geliebten, einem Wiener Kleinbürgermädchen, zurück. Wie die kleine Niki die erste große Bcseelignng und dann diese bittere Enttäuschung erträgt, schildert der Verfasser mit viel Anmut, ohne daß es ihm aber gelänge, alle Saiten, die er anschlägt, voll erklingen zu lassen, a—ed. Annette * von Droste-Hülshoff: „Die Judenbuche.“ Schocken-Verlag, Berlin. “ Die Erzählung des westfälischen adligen Fräuleins, bis heute die größte Dichterin in, deutscher Sprache gehört zu den Meisternovellen der Weltliteratur. Herb und verhalten wird die Geschichte aus der abgelegenen waldigen Gebirgslandschaft Westfalens von dem erblich, belasteten, verschlossenen, großspurige», innerlich zerstörten Burschen erzählt, der einen Trödeljuden erschlägt, weil der vor allem Volke ihn an die Begleichung der Schuld für eine silberne Uhr erinnert. Und nun muß der Bursche Mergel diese viel größere Schuld begleichen, bis er sich nach fast dreißig Jahren in der Buche erhängt, unter der einst seine Untat geschah.und in deren Stamm die Stammesgenossen des Ermordeten den bannendn Spruch in hebräischen Lettern eingehauen hatten. Diese Erzählung, deren Titel so bekannt geworden ist, und die so wenig gelesen wird, ist nun in der S cho ck e n - B ü ch e, r e i neu gedruckt und mit einem gerade in seiner Knappheit vorzüglichen— Nachwort eines ungenannten Berfassers versehen: beigegeben ist ferner der Abdruck der „Geschichte eines Algierer Sklaven" von August von Hart- JSSKÄSSi- SBOemeaeiOuU 1931 Buchhandlung MartIn Salomon, Berlin NO 43 Nene Könlgstraaie 79-ptr. ES 2635 zwischen Alexander^latz und Königstor Bauten, aus der Göttingischen Zeitschrift „Die Wünschelrute" vom Jahre 1818. Annettestat diese Geschichte ihres Onkels gekannt, und fedcr kann aus der NebeneinandcrstcllNng dcst Duelle und der Novelle nun. erkennen, wie aus der.chrvnikartigcn, nüchternen Schilderung eines wahrscheinlich wirklich so'' geschehenen Vorgangs eine Dichtung ent-- ' standen ist, welche die eigentlichen Zusammenhänge' vom Leser erschließen und erraten, läßt, dafür aber ■ Härte und Rauheit von Landschaft und Menschen, unheimliche Stimmung, Verstricktsein, in unentrinnbares Schicksal mit scheinbar ganz einfacher, : in Wirklichkeit aber sehr kunstvoller und schwer . ' erarbeiteter Darstellung nnvergoßlich ins Bewußtsein dringen läßt. . kp; Rolf Nürnberg: Lindbergh, Hauptmann und Amerika. Verlag Dr. Rolf Passer, Wien. Der frühere Berliner Journalist, der jetzt in Amerika tätig ist, hat. seit dem Raub des'Lind- . berg-Babys. 1932 den Stoff Lindbergh—Hauptmann bearbeitet, an Ort und Stelle und in Europa, aus Grund, eines riesigen Zeitnngsmaterials von 30 000 Ausschnitten sowie durch eigene Nachfvrschungen. durch Anwesenheit bei dem Prozeß' und aus Grund von , Gesprächen mit vielen Beteiligten. Wiewohl'die abenteuerliche Kriminalgeschichte mit allihren romanhaften Zufällen in allen Zusammenhängen, mit den winzigsten Einzelheiten enthülltwird, spitzt sich dies ungeheuer präzis erzählte Buch voller Spannungen zu einer Gegenüberstellung.' zu einem Kampf zweier ähnlich - gearteter Männer zu: Männei^ von zähester Energie, klarstem Verstand, äußerster Selbstbeherrschung — nur daß den einen stsese Gaben hinaufführten zum Nationalhelden seines Landes, den-anderen tief hinab zum niedrigsten Verbrechen. Eine Unzahl von amerikanischen Menschen läßt Nürnberg scharf umrissen und psychologisch glänzend analysiert animarschieren. und mit ihnen wird der gesellschaftliche und nervliche. Zustand des gegenwärtigen Amerika sichtbar. - So wird das Büch Nürnbergs, das in Ausbau und Stil einen, ganz neuen Typ darstellt, ans einem'Tatsachenbericht zum.spannendsten Kriminalroman, und vom Kriminalroman znm Epos ziveier Willensmenschen und des Erdteils, der den einen in den Himmel des Ruhms, den anderen auf den elek- Irischen Stuhl gelangen'ließ. .Kp- A. G. Macdonell: Napoleon und seine Marschällc. ElP. Tal Co. Verlag, Leipzig—Wien, 1936. Das Buch von Macdonell bringt eine sterwirrende Fülle von interessanten Anekdoten über die^ wichtigsten -militärischen Mitarbeiter Napoleons, allerdings auch nicht viel mehr. Aus dieser Schrift, in der die militärischen Ereignisse doch im.Mittelpunkt dcr Darstellung stehen sollten, erführt der Leser von der Taktik und Strategie Napoleons und von dem sachlich-militärischen Zusammenarbeiten zvnschen Kaiser und Ntarschällen nur ein paar belanglose Andeutungen.' Was besagt es schon, daß von der Wirbelmindkriegskunst Napoleons gesprochen lind daß dem einen oder anderen der'Marschällc vorgcwvrfen wird, er habe die Kriegskunst seines Nteisters nicht , verstanden. Die Darstellung dev Schlachten beschränkt sich fast nur auf die allerdings recht bildhafte Darstellung von Pulverrauch, vom Blitzen der Bajonette, vom Funkeln der Kürassierrüstuugen, die Entwicklung der Schlachtchäne und ihre Ausführung durch die Marschällc wird kaum angedeutet. Die Napoleon- —Forschung wird durch die Veröffentlichung nicht bereichert. Das Buch dient nicht der. Belehrung, es ist nur eines der vielen Unterhaltnngsbücher über die napoleonische Zeit. Eniit Kai,der. der erborgten Welt keinen Frieden findet, ge-, , schildert. „Ter Weg ins Freie" gibt eine ~ Jndengestalt, die ganz österreichisch.und ganz schnitzlerisch ist, aber liinausgreifcnd einer Welt gestört, die voin Graste Schnitzlers sich dem aufgewühlten jüdischen Problem wieder zuwendet. . Vorstufe zu dieser Schöpfung-mag das Erlebnis des Dichters gewesen sein, der einst österreichischer Offizier war und verständnislosen Angriffen, die seiner Isiobelle „Leutnant Gnstl" galten, weichen mußte. Beschwichtigend mag dann die Freundschaft Hugo b. HofinannSthals und Richard Beer-Hofmanns für Schnitzler gelvesen sein. v Man vergaß den großen Künstler über der Schlichtheit des 'Menschen.. Sv blieb er auch an den entscheidenden Abenden, die seine - Kunst dem engsten Freundeskreise schenkte. Ich hörte Arthur Schnitzler durch viele Jahre seine dramatischen Werke ovrlesen. es waren-die eigentlichen'„Premieren", nicht im Bnrgtheater. sondern iii des Dichters Arbeitszimmer. Vom „Bermächtnis" bis znm „jungen Btedardns"., Ilnvergeßlich besonders der .Schleier der Beatriee" und „Ter einsame Weg". Biele Dichter hörte ich ovrlesen, doch Schnitzler gebührt, der Preis menschlicher Bescheidenheit. Ihn bangte vor. jeder Zutat, weil er ins-^Aesicht der Wahrheit sah. 'Mit.eindringlicher Objektivität las er alles nn'ter leicht ironischer Hülle. Wenn er seine Hörer ergriffen sah. wandte er--sich ab. als oh er das nicht hervorgernfen, und vermied jede Störung. Das iva'r der Mann Arthur Schnitzler.- Wer ihn in Liehe imrstanden. -ckvimtv--nicht glauben, daß er je das Greisenalter uiniehren würde, nach allgemeinem Los. Der - Dichter der Liebe und des-Todes konnte nur in Jugend enden. Er hatte eine große, furchtlose Furcht vor dem Bersall. Gräber mied er nullt aber er schien selbst nie die Stelle zu berühren. die einst sein Sterbliches enthalten würde. Dennoch rührte es ihn an? vor, der Zeit. Als derdunkle Fein^ des Seienden ihm nahm, was er nicht zu verlieren geglaubt, 'seine Tochter, sciu junges, blühendes Kind. Lili Schnitzler endete plötzlich in einer Tragödie, deren Tichter Arthur Schnitzler hätte sein können. Er war es nicht, er, den der Respekt vor dem Menschenleben leitete, sondern der größte Dichter, der nur das eine unendliche Buch schreibt. Diese Erschütterung lebt in dem dritten Bilde, das ich besitze, dem letzten von 1931. Der junge Schnitzler war diesseits und skeptisch, weil das Leben noch sein war. Ter alte -trauerte-rnn einen Besitz, dessen Möglichkeiten er erfaßt hatte.- Ein wundersamer Glaube,.. ins Jenseits dringend, schimmert auf dem greisen Antlitz. Dieser Glaube kehrt ohne Ende an den Anfang zurück. Er träg^. den verborgenen, doch Immer offenbaren Juden in Arthur Schnitzler. Leopold Kompert Zur 50. Wiederkehr seines Todestages am 23; November Ist Leopold -Kompert. der Klassiker der böhmisckien „Gasse", beute vergesseii? Dian Hort nicht meyr viel von iym: al>er die zcrlesenen Bände seiner -Werke in den jüditckien Bibliotheken reden eine andere Sprache. Kvnipert wurde früher so scbr als Klassiker einer allerdings eigenartig^aufgefaßlen „Dorftzeschichte" ausgefaßt, daß ein großer Leipziger Klassikerverlag seine Werke innerhalb seiner .Klassikerausgaben Iieransbrachte. Und es kann sein, daß sich jetzt wiederum ein Wandel in der Komperl-Beurstiilung vollzieht: jedenfalls gibt - der Schocleu-Berlag soeöen eine nein«' Auswahl " von Erzählungen Kompert? Heraus. Kompevt wurde —am 15. Mai 1822— noch in der ..Gasse" geboren, die er spüler so oft behandeln sollte: allerdings führte sein Weg ieyr bald in die soeben m Oesterreich erösfuete Freiyeit der Emanzipation. In Wien, in Prag lernt und studiert er. ist Hausleyrer. Jourüalist und schließlich Redakteur. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts herum erscheinen die meisten Zein« Erzählungen und Romane: er heiratet, führt in Wien ein Haus. . in dem erleuchtete Geister seiner Zeit, wie Friedrich Hebbel. Friedrich Halm, Dingelstedt, Heinrich Laube, Ludwig August Frankl, S. Mosenthal. Bauernfeld, die Schauspieler Dawison, Lewinsky, Sounenthal, freundschaftlich verkehren. Mildtätig; und gütig, widmete er sich in seinen Mußestunden sozialer Arbeit: er füllte zahlreiche Ehrenämter im Vorstand der Wiener jüdischen Gemeinde, im Gemeinderat der Stadt Wien und in vielen anderen Organisationen aus. Das Ende seines Lebens sah ihn mit Ehren bedacht, vom Kaiser zum Regierungsrat ernannt: er starb nach schwerer Kraiikheit vor fünfzig Jahren, am 23. November 1886. Das Werk Komperts ist stets dem Zusammenprall der alten Welt der „Gasse", der Ueberrcste des Ghettos, mit der neuen Welt der Emanzipation gewidmet. Er zeichnet die Juden des alten Stils, die gesetzestreuen, und den neuen Typ, der sich bildet, mit gleicher Meisterschaft: seine Konflikte sind die Konflikte des Zusammenlebens beider Typen, miteinander einerseits, mit der Umwelt andererseits. Er führt diese Konflikte mit starker Logik, aber inversöhnlichem Geiste durch. Und wie er das Beste der Vergangenheit in die Zukunft retten möchte, so wendet er sich auch, in jener eigenartigen Toppeistellung des Juden in der europäischen Kultur, an die Umwelt, die er in die Welt des Judentums einzuführen sucht. Man muß hier nicht-übersehen, mit welchen Hoffnungen Geister ivie Kompert die Epoche der Emanzipation begrüßen, wie sie in hoher Schwärmerei sie als den Anbruch der messianischen.Zeit von der Versöhnung der Völker geträumt haben. Mit welch ergriffenem Gefühl, mit welch überströmendem Dank er diese Epoche und ihren Initiator für Oesterreich, den Kaiser Josef II., betrachtet, das kann inan mrvstcstcn in seiner schönen Novelle- „Diebeiden Schwerter" Nachlesen, in dcr er den Kaiser, einen edlen katholischen Priester und einen jüdischen Jüngling zusammenführt. Kompert, der schon als Kyabe Schiller las, hat die Technik seiner Erzählungen aus der Dorfgeschichte gelernt, die aus der romantischen Dichtnng erwuchs. In der Tat klingen bei ihm auch romantische Mot^e nach, die tzr mit jüdischem Gedanken- und Gejustsgut unchildete. Die Komposition, insbesondere der Novellen, ist vortrefflich, knapp, voller Gegensätze und Spannungen, die 'Sprache ist volkstümlich und dennoch werthaltig,' von innerem Feuer durchglüht. Leben und Sterben der „Gasse". Werden und Vergehen ziehen an uns vorüber, von tiefem, strömendem Gefühl vorgetragen. Tie Situationen, die Kompert heranführt, prägen,sich uns ein, möge es--sich um das Wiederfinden der glückumstrahlten berühmten Sänger in Jsabella Brodini mit ihrem greisen. Vater aus dem Ghetto, dem Vorbeter David Brod, ' („Der Karfunkel") um den schmerzlichen Abschied von „Christian und Lea", um die Heimkehr Emanuel.Pragers in sein Elterhäns^Der. Dorsgeher"), um den Zusammenbruch des „wilden Ascher" („Die Augen der Mutter") oder um die gerührte Ver- . söhnung zweier Geschwister („Eine Verlorene") handeln. ■ . ' Die Liebe, die Kompert an diese Welt setzt, ist indes nicht kritiklos. Sv enthält die Novelle „Ter Karfunkel" das Bedauern über die vernachlässigte Wichtigkeit des profanen Lebens innerhalb des jüdisckien Bereichs: und noch wichtiger uyd zeitgemäßer ist die Kritik an der ungesunden, beruflichen Schichtung der Inden. Darum werden vielen heutigen Lesern „Trenderl", der jüdische Schmied, der hoch auf Türmen und Synagogendächern arbeitet, und der kraftvolle Jossef („Eine Verlorene')^ der seine „gemischte Warenhandlung" verkauft und Bauer wird, die liebsten Gestalten Komperts sein. ^Jn ihnen wird die versunkene Welt der „Gasse", die Komperts Erzählungen lebendig festhalten, noch einmal zukunftsträchtig. Leo Rein. Im Rahmen der im Aufträge der Reichs- . Vertretung der Juden in Deutschland von Dr. —Advlß L e sch n i-tzo-r—hercrusgegebesM- „I ü - b ischen Le sc h ette" (Schocken Verlag. Berlin) erschien als Heft 12 eine A u s w a h l a u s den Schriften Leopold Komperts, zusammengestellt und eingeleitet von E. G u t. Neben einer kurzen, in ihrer Knappheit in Leben und Werk Komperts trefflich einführenden Einleitung und genauen Literaturangaben von Schriften über und von Kompert enthält das Heftchen einige Prosastücke des böhmischen Dichters und das schöne

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