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Central-Verein-Zeitung · 1936-11-12 · 46 (12.11.1936) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
15 (1936)
Issue
46 (12.11.1936)
Date
1936-11-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Unsere Ahnen Die Porträt-Ausstellung im Berliner Jüdischen Museum An mindestens 150 Gemälden und 95 verschiedenen Namen ihrer Besitzerim Stimmengewirr des ersten Besichtignngstages. formt sich ein Ueberblick über diese schöne Ausstellung, die der Forschung mannigfache Anregungen gibt und dar^ über hinaus unter Beweis stellt, daß alle jüdisäie bildende Kunst nach der Weltkunst hin gerichtet tft..... .-Als Neichenheims und Liebcrmanns gm Tiergarten U'vhntcn und die Bcndlerstraße ganz anders aussah; „Und jeden -Tag hielt die Egnipage vor dem Stammhaus meiner Vorfahren in der Königstraße, aber.nur Sabbat'ging die Familie zu Fuß zum Gottesdienst.in die Heidereutergasse.! . -„Achwußtest Du. daß Lcnbach auch jüdische Familicubilder' gemalt hat-? . ." Soviel 3-Ucnicfjcn, io viel erstaunte Fragen, so viele Verbindungen von Berlin in die Lvelt, von der Welt, nach Berlin! . ' Ja, damals! Damals im friderizianischen Berlin malte des Königs Hofmaler Anton Graff den Philosophen Moses Meudelsohn (Leihgabe Marga v. Meud.clsvhn-Kemper) und Antonie ' P e s n e, der ebenfalls am Hof beschäftigt war, das Bildnis der Frau Blümchen Goldschmidt geb. Fanti (Leihgabe der Altenkelinnen B. u. L. Goldfchmidt). Und man erinnert sich des schönen Pvrtrüts der Tochter Antoine Posnes, das so lange in der Sammlung Fcist-WoUheim beheimatet war und kürzlich ans dem Nachlaß der Sammlerin in das Schloßmuseuin kam. Tie Mäuner malte man in der Allongeperrncke des sterbenden Rokoko, so Jacob Moses, den Lberlandesältcsten der preußischen .Juden. 1775—1792- (Besitzdes Jüdisciien Niuseums aus den Sammlungen von Hedwig und Felicia Jsaac), und die Frauen, die zweite Gattin dieses -großen Philantropen, Hanna Moses geb. Holländer (aus dem Besitz der Urenkelinnen), oder das unbekannte Mädchen mit dem blauen Schal um die Schultern,.aus der Frühzeit.des 19. Jahr- Hunderts, .im Stil der Franzosen ihrer Zeit. Doch Friedrich-II. Berliner Zeitgenossen, Johann Christoph Frisch, Susanne Chodowiecka, vielleicht -die Schwiegertochter des bekannten Meisters, öder Julius Schoppe, der 1795 geboren ist, schließlich Moritz Lppenhcim, der u. a. Eudnla Rothschild, die Mutter der Fünf. Frankfurter, porträtiert, leiten hinüber zu den Arbeiten des Klassizismus, der im Biedermeier endet, und schließlich-in die neunziger Jahre des-vorigen Jahrhunderts in dieser Ausstellung die Blicke lenkt. Vielleicht war. das B'edermeier gar 'nicht in dem Maße, der Inbegriff jener stillen Bürgerglüclsatnwsphäre. die wir in ihm zu sehen ge- > wohnt sind? Tie Frauen jedenfalls,- die da Modell saßen, wirken .sehr wektfrvh, Frau Amalie Bluwcnthal geb. -Mosner mag sicher ein wenig Rouge auf ihre Lippen gelegt haben, und selbst die Jüdinnen; die in den kleineren Städten lebten, schauen so aus. als ob sie nicht .nur die Hüterinnen der „Guten Stuben' waren, die uns Ernst Heilborn so lebensvoll schildert. Schon oft hat man die Frage ausgeworfen, wie die Maler, die namhaft zu machen und im jüdischen Kunstschaffen zu ordnen eine der wichtigsten Aufgaben ist. in. die Städte kamen, uw sie die Wollhändler und die Tuchhändlcr Porträtierten, so daß diese Ahuenbilder heute schöne Dokumente sein können.. Vielleicht zogen die Künstler durch das Land, machten Halt in Lissa, Krvtoschin oder Kempen und lebten in den Häusern der Juden, die sie auf der Leinwand festgchalten. . Für mehrere Friedrichtzdor, der Münze der Zeih malten sie die Familienhanvter^so wie es einige Jahrzehnte später Sitte ivnrde, daß 'die. Maler in Deutschland auf die Schlöfser und Landsitze reisten und dort begönnert wurden. Unbekannticdens-allS' noch ist der Kunstler. der Frcide Seligiobn mit ihren Nachkommen vor ihrem Haus in Samvtschin sestgehalten. ein idntliscl^s Bild ans dem Besitz des EnkelS Martin Seligsvhn. . - Die Zeiten spiegeln sich, im Kostümder Menschen, ihre Lebenshaltung und ihr kulturelles Ge- - ''»hl. Es müßte eine lohnende Aufgabe sein, eine Geschichte ihres Schmuckes zu -schreiben', zu verfolgen.-wie die Haartracht der Frauen, die Falten ihrer Spitzen, um Hals und Aermel sich wandeln. Graef, der Vater der Sabine Lepsius, Stef^ i e ck (Portrat Erzellenz Herz zu Pferde), Paul M eh e r h e i m im Reichenheimschen Kinde^bild, "Lenbach im Pastell von Frau Eugen Landau, die Bildnisse der Rathenau. Liebermann oder Manheimer, der Wassersiianns aus Bamberg, der Moste «Porträt des Justizrats Johannes Maximu« Ntosse von K a r l S t a u f f e r - B e r n) geben uns einen Ueberblick über diese gut organisierte Berliner Ausstellung und sind sozusagen das Programm, auf dem mannigfache Aufgaben' zur Lö-, sung stehen. _ I)r. Olga Bloch. „Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt“ Aus der Eröffnungsrede von Dr. Arthur Czellitzer .' Die Ausstellung „Unsere Ahnen' .im Jüdischen Museum-, Berlin, die vom Museum in Gemeinschaft mit dem Gesamtarchiv der Juden in Deutschland und der. Gesellschaft für jüdische Familienforschung aus Privatbesitz zusammengestcllt worden ist, wurde' am Sonntag vormittag unter stärkster Beteiligung der Berliner jüdischen Familien eröffnet. Im Aufträge des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde und in Vertretung des verhinderten Gemeuidevorsitzenden eröfsncte der Leiter des Museums, Professor Franz L a n d ö b e r'g e r . ans dessen Feder wir in der vorigen 'Nummer unserer Zeitung einen einführenden nnd grundlegenden 'Aufsatz über die Bedeutung der -Familienpvrträts veröffentlicht haben, die Ausstellung. Er ivies daraus hin, daß für die kulturgeschichtlich bedeutsame Schau neben dem rem künstlerischen besonders das familienkundlich historische Moment maßgebend gewesen sei. Dann nahm der Gründer und Vorsitzende Der Gesellschaft für jüdische Familiensorschung. Dr. Czellitzer. das Wort zu einer Ansprache über die Bedeutung der .Ahnenforschung. -Es gab eine Zeit.-so führte er aus, und sie ist gar nicht einmal so lange her, wenn man historisch denkt und Nicht ans der kleinen Perspektive des persönlichen Erlebens! — es gab also eine Zeit, da fanden sich in nahezu jedem jüdischen Haus an der 'Wand ein oder mehrere Familienbilder. So wie die jüdische HausUmeinfchaft an die fernen frommen Ahnen erinnert wurde durch die Mesusa, dcks Mahnzeichen von den „Zelten Jakobs'I um mit Hopf garten: Berliner jüdische Familie der Biedermeierzeit um 1840 \ \ _ Fot. Abraham *' Karl August Bielschöwski: Der spätere Berliner Stadtälteste'und Vizepräsident der A ehesten der Berliner Kaufmannschaft Max li Heine zu sprechen, so an die Eltern oder Großeltern durch eine Zeichnung, einen Schattenriß, seltener ein Pastell oder ein Lelbild, schließlich meistens durch eine Photographie. Etwa, bis 1880 oder inno war das Andenken mindestens der Höherstehenden Ahnen überall durch solche Bilder vor dem Vergessen geschützt. Was - man nicht an die Wand hängte, bewahrte man in einem Album auf, das dem Besucher mit Stolz gezeigt und vorgeführt wurde. In der deutschen Kleinstadt dauerte diese ans der Pietät geborene Sitte noch bis in unser Jahrhundert hinein und, besonders iw Lsten, noch länger, denn ich. fand noch während des Weltkrieges in vielen recht ärmlichen Wohnungen der Juden in Polen an der Wand stets ein paar eingerahmte Familienbilder. Das hat sich für die Juden des-Mittelstände« in Deutschland unter unseren Augen-von Grund auf geändert. DaS Album wurde unmodern; zugleich mit dem Makartbukett und dem Prachtband mit Goldschnitt verschwand es völlig.- Und die Bilder Än der Wand — sie mußten wandern. De: Jude in Deutschland, der nunmehr an Stelle der Einzimmer, oder Zweizimmerwvhmnsg über eine größere Zahl von Zimmern verfügte, er entfernte die Bilder zunächst ans den Räumen, in denen er Gäste empfing. Ein. paar Jahrzehnte hindurch konnte man die Familieiibilder in - dem üblichen schwarzen ovalen Holzrahmen noch in den Schlafzimmern vorfinden. Tann wurden sie auch hier lästig. Man nahm sie herunter. Man steckte sie in Gefache, in Kisten und Koffer;, oft .endeten sie rühmlos unter Gerümpel oder im Lfen. lind warum diele, pietätlose Bilderstürmerei? . Weil sie ..jüdisch' anssahen, die alten Herren mit den la'ngen Bärten und dein Käppchen auf dem Haupt. oder die Frauen mit dem falickien Scheitel unter der Haube! D°a 8 war ihr Verbreck)en oder doch ihre tragische Schuld! Nur wenn es sich um Selgemälde von Rang handelte oder um liesonders repräsentable Typen, die nicht allzu modisch anssahen, durften sie in so mancher Familie bleiben, und ein Blick an die Wän-de^iim uns her zeigt ja. daß nicht alles bildliche Traditionsgut den Weg zur Vernichtung fand. Der Aufstieg zu einer höheren Bildung, als sie die Vorfahren belaßen, der Aufstieg in soziale Schichten mit Ilmgangsformen und Gewohnheiten, die jenen überlegen waren oder sich doch überlegen /dünkten, schuf zwischen Ahnen und Enkeln eine Kluft, die das Bewußtsein der inneren Zusammengehörigkeit zerstörte. , Nur so ist es erklärlich, daß die jüdische Bourgeoisie so ziemlich das Gegenteil empfand zu dem berühmten Wort aus der „Iphigenie': „Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt.' Wir Inden hätten aber allen Anlaß, iinsere' Ahnen zu kennen, denn auf eine ihrer Eigenschasten. und zwar eine allen unseren Ahnen gemeinsame Eigenschaft, können wir alle, die wir heutenoch als Juden leben, gleichmäßig und ohne jede Ausnahme stolz sein. Ich meine die bloße Tatsache. daß alle unsere Vorfahren der unendlich großen Versuchung widerstanden haben, durch einen Glaubenswechsel mit einem Schlag alle die Lchranken^u/dn,rchbr.echen. alle die Hindernisse zu beseitigen, die seit zweitausend Jahren zu alle» Zeiten ihr Glaube ihnen errichtete. Damit wir heute und hier gl« Juden beiein. reigerl (1842) mit sähen Schwestern- .ander sitzen, dazu bedurfte es standhafter Gesinnung und treuen Belzarrens nicht nur in einer Generation und auch nicht in einigen Generativne», sondern in /allen durch Jahrhunderte hindurch! Immer wieder lockte die Versuchung: „Kommt heraus ans eurer Enge zu uns 4» die Weite. Betet an. was Ihr verbrannt habt und. verbrennt, was'Ihr angebetet habt!' Keiner unserer Ahnen hat verbräunt, waS er vorher angebetet hat. Lieber haben sie sich selber verbrennen lassen! Und darauf sollten wir nicht stolz sein? Wie entartet und verkümmert 'müßte eine Generation'sei», um diesen Stolz, nicht zu empfinden! Und nicht nur dies; erinnern ivir uns doch: die Zeit liegt noch nicht.so fern, wo es, sogar Juden gegeben haben mag, die nicht nur ohne Stolz, sondern mit-Bedauern an jene Beharrlichkeit ihrer Ahnen dachten und es ihnen geradezu verdachten, daß sic Inden blieben. ' Daß es heute anders geworden ist, das beweist schon diese Ausstellung. Lb unser Unternehmen in. früherer Zeit inöglich gewesen wäre, obnur damals, bei Gründung der Gesellschaft für jüdische Fanülienfvrschung. dieselbe Resonanz gesunden hätten, ist zweifelhaft. Aber daß mich, der ich die Ehre habe, die «Gesellschaft,zn leiten, heute, an diesem Tage, wo wir unsere Ahnen vor Sie. meine Damen und Herren, hinstellen, ein starker Stolz erfüllt, das bekenne ich ohne Scheu! Bo» diesen Wä-nden grüßt manch -Bteislerioerk, das in zeitlosem .Zauber den 'Beschauer fesselt. Nicht jeder von uns kann in solche»! '."ieistern'erk seiiien Vorfahren finden. Aber auch das schlichte, kleine, vergilbte kann für uns.' die Nachgeborenen, unendlich viel bedeuten.. .Sehen .wir'es doch iiicht mit dem Auge des Kunstkenners oder des Aesthet'en, sondern für uns vergoldet es viellei.cl>t die Erinnerung an ein paar Worte, die der Targestellte zu uns in unserer Jllgend gesprocl,en hat..an eine Greisenhand, die segnend eiiist ans unserem Scheitel geruht hat. lieber' dem Tempel des Apollo zu 'Delphi stand das Wort: ..^initlii spant»,," Erkenne dich . selbst. Wenn wir jetzt durch diese Ausstellung schreiten, möge sie.,nns allen zum Tempel werden, der unser eigenes Ich uns vfienbart. indem wir erkennen, ans.welchen Elementen unsere Persönlichkeit sich geformt hat,' und in Demut und Ehrfurcht >init- Goethes vrphischen ■ Urworten begreifen: , ...nach deni Gesetz, nach dem diüangetrdten. so innßt du sein., Dir, kannst du nicht entfliehn. lind keine Zeit nnd keine' Atacht zerstückelt ' geprägte Form, die lebend sich cniiv.ickclt! Nock> in letzter Stunde sind zivei wichtige Bildnisse, der Landesrabbine'r von. Brannschweig. Samuel» E g e r s , und Proietsor- Levi Her z - fclds hinzngekominen, welche die Jüdische Ge» '.meinde von Braunschiveig der Ausstellung' leihweise überlassen hat. " , Am Sonntag . d e m 15. November, findet um 11 Ilhr eine Führung durch die Ausstellung von Dr. Irmgard Schn ler statt. Porträt-Ausstellung in Breslau. Das Indische Museum Breslau eröffnet am 15; November'' iii feinen Räumen die' Ausstellung „Das jüdische Bildnis in Schlesien", die Porträts aus ösfentlichem und pcivatein Besitz zeigen »nd etwa die Zeit bis lw:o '.umfaiien ivi'rd. ' Die'Ansstellliiig wird bis zum :i. Januar dauern. Sie wird Sonnabend und Sonntag von II bis 14 Uhr und von 16 bis 19 Uhr geöjjnet jein.

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