Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936)
- Issue
- 43 (22.10.1936)
- Date
- 1936-10-22
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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c^' Nr. 43 **1f. Beiblatt; Palästma-ITmscliaii der C.-V.-Zeitiing 22. Oktober . 1936 Aus zwei Perspektiven Von 'unseren Berichterstattern in London und Tel-Aviv Englische Konsequenzen - Unser Londer Korrespondent hatte'in der vergangenen' Woche Gelegenheit, mit einer massgebenden englischen Persönlichkeit über: das Thema „Palästina vom englischen Standpunkt“ zu sprechen. Hier sind die Anschauungen wiedergegeben, die. der Eng- : länder als „die historische Konsequenz“ bezeichnete. H.P. J. London, 19. Oktober 1936. Wie kann die künftige Palästina-Politik Englands aussehen? Wie kann eine Synthese zwischen den jüdischen und arabischen Forde» rungen gefunden werden? Vorauszusetzen ist, dass England grundsätzlich an den Aufgaben des Mandats, die vor allem die Schaffung einer jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina einschliesaen, festhalten wird. Aber welche Auslegung werden in Zukunft diese Aufgaben erfahren? Ein knapper historischer Rückblick mag die Beantwortung dieser Fragen (vom englischen Gesichtspunkt) etwas erleichtern. Die Unruhen, des Jahres 1920 wurden unverzüglich von einer Militär- Kommission untersucht; 1921 folgte ihr ein Bericht der Hayc r a f t - Commission. Von beiden Berichten liegt der Wortlaut nicht'vor. Ihnen folgte dann, ob als ihre unmittelbare Auswirkung oder nicht, sei dahingestellt, das C h urc h i Ilse h e Weissbuch. Dieses Weissbuch muss hier besondere Erwähnung finden, weil es in Ergänzung zur Balföur-Deklaration die eigentliche Palästina- Politik, oder besser die englische Einstellung zu den Mähdatsaufgabeii zu werden schien. „Die Balfour-Deklaration“, so heisst es in dem Weissbuch, „besagt nicht, dass Palästina als Ganzes in eine jüdisch-nationale Heimstätte verwandelt werden, sondern dass eine solche Heimstätte in Palästina begründet werden soll“. Und weiter stellt dann dasselbe Weissbueh die an sich so ungemein wuchtige, freilich selbstverständliche Maxime von der wirtschaftlichen Kapazität des Landes auf, die den Massstab für die Einwanderung bilden sollte. Diese Maxime ist im-wesentlichen Leitgedanke aller folgenden Berichte (Hope-Simpson und Sha^w-Commission nach den Unruhen von 1929). Im Bericht der Shaw-Commission wurde übrigens eine Behauptung aufgestellt, die vorübergehend tiefgreifende Bedeutung'zu erhalten schien; es hiess dort, dass „in der Emigrationsfrage die jüdischen Stellen in schwerwiegender Weise von dem . der zionistischen Organisation im Jahre ‘1922 akzeptierten Prinzip abgewichen sind, wonach die Einwanderung durch die wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit Palästinas für neue Emigration reguliert werden soll“. Die Entwicklung gerade der letzten Jahre hat freilich hinreichend erwieseh, dass solche Kritiken und Besorgnisse nicht absolut zu Recht bestanden. Wenn auch zugegebenjwerden muss, dass in diesen letzten Jahren der Einwanderungs- Welle vieles hätte besser kontrolliert und geplant werden können, so ist es doch mehr als fraglich, ob hierfür den jüdischen Stellen die Verantwortung oder gar Schuld zugeschoben werden darf. Eine zentrale. Gewalt, von der die wirtschaftliche Erschliessung Palästinas sowohl im jüdischen als auch im arabischen Interesse äuszugeh'en hätte, fehlt. Die liberale englische Maxime des „laisser faire“ ist wohl seit 1931 im Mutterlande aufgegeben worden, blieb aber in Palästina ausschlaggebend'. Hätte die Mandatsregierung stärker in die wirtschaftliche Gestaltung eingegriffen, 'dann würde sich damit \yohl auch zwangsläufig eine Annäherung zwischen Juden und Arabern ergeben haben; der Plan eines Legislative Council, der. soviel böses Blut erregt hat, hätte dabei keineswegs die Rolle zu spielen brauchen, die man ihm in rückblickenden — platonischen — Betrachtungen oft züschanzt. „ Aber wie dem auch sei; heute sehen sich Engländer und Zionisten der Tatsache gegenübergestellt, dass fanatischer Nationalismus die Oberhand gewonnen hat, dass jede Möglichkeit wirtschaftlicher Argumentation;j wirtschaftlicher Vernunft zurückgedrängt zu söin scheint. Man kann nicht bestreiten, dass die zionistischen ,Führer wiederholt eine Annäherung an die Araber gesucht haben, ebenso wie sie heute bereit sind, sich mit den Arabern zusammen "an den „Round Table“ zu setzen. Kritischer ist — nicht nur vom englischen Standpunkt aus betrachtet —' die Haltung der Juden in Palästina als Gesamtheit zu beurteilen. In den Städten haben sie gerade in den letzten Jahren prosperierenden Aufbaus die Notwendigkeiten für eine Annäherung an die . Araber vielfach verkannt. Wesentlicher aber ist, dass vor alleindie •führen- . den Schichten der palästinensischen Araber eine Annäherung geradezu boykottiert oder sabotiert und damit die eigentliche Grundlage für die heutigen Unruhen plarimässig geschaffen haben. Dort, wo freundschaftliche Beziehungen angebahnt werden konnten, sind sie auch ausgestaltet wor- . den; so zwischen den jüdischen Kolonien und den arabischen Dörfern, so zwischen verschie-; denen Gruppen der jüdischen und arabischen . Arbeiterschaft. Die Frage, wie sich England zum arabischen Nationalismus stellen wird, ob es den arabischen Forderungen, die jüdische, Bevölkerung in den Status einer unpolitischen Minderheit zurückzudrängen, Raum geben wird, kann schon heute eindeutig beantwortet werden: Die Aufrechterhaltung der Mandatsbestimmungen über die Schaffung einer jüdisch-nationalen Heimstätte bildet’nicht die geringste Diskussionsbasis für diese-Forderungen! Trotzdem muss grundsätzlich festgestellt werden, dass die Errichtung einer jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina nur dann möglich erscheint,'-wenn das Land aus dem Kreis der pan-arabisehen Bewegung ausgelassen bleibt. Die englische Politik muss auf diese . Maxime eingestellt bleiben, die übrigens keineswegs im Widerspruch zur bisherigen Entwicklung und zu den englischen Versprechungen an das arabische Volk steht. Die pan-arabisclie Bewegung sollte ihre Befriedigung in der Schaffung der verschiedenen arabischen Staaten (vgl. den Leitartikel der C!-V.-Zeitung vom 15. Oktober) gefunden haben; ihre Herrscher haben die Bildung einer jüdisch-nationalen Heimstätte Tn Palästina gebilligt und sie jahrelang moralisch oder zum mindesten stillschweigend begünstigt; sie haben damit selbst die besondere Stellung.Palästinas anerkannt. Und wenn heute gesagt wird, dass die. Engländer — durhh die Billigung der arabischen „Gutsider-Vernnttlungsaktion“.— Palästina unbemerkt in die Hände der pan-arabisehen Führer zu spielen scheinen, dann ist dies eine mehr als leichtfertige Argumentation. . Eine arabische Beeinflussung von aussen ist zweifellos grundsätzlich nicht erfreulich. Aber England hat sofort solche Beeinflussung abgebogen, soweit sie einem Eingriff in die Mandatsaufgaben gleichzukommen schienen. Und die offiziellen englischen Aeusserungen sind seit nunipehr zehn Tagen zahlreiche, fast gleichlautende"" Varianten des Themas „Britain prbmised no concessions, whats ever, to induce the Arab Kings to sign the appeal to end the strike.“ Ob sich allerdings der Glaube Englands in den guten Willen der arabischen Herrscher rechtfertigen wird, muss — mit erhöhter Spannung — abgewartet werden; es ist jedenfalls ein gewagtes Spiel In mehr als einer Hinsicht ist es bezeichnend, wievon engIischer_Leite heute mehr -als je darauf!.hingewiesen wird, dass die nationalen und kulturellen Interessen der palästinensischen Araber im Rahmen des Mandatsstatuts absolut , gewahrt sind. Die Mandatsregierung hat sich der . Pflege dieser kulturellen und nationalen Rechte durchaus gewidmet. Man darf behaupten, dass ein erheblicher Teil der palästinensischen Staatseinnahmen, die doch ganz beträchtlich aus der Steuerkraft der Juden stammen, für kulturelle und wirtschaftliche Zwecke der Araber Verwendung findet — eine Tatsache, die wirklich, weder als jüdische, noch englische Sabotage der nationalen Rechte der Araber zu werten ist! England wird die. palästinensischen Strömungen, die ein so phantastisches. Ansmass erreichen konnten, in-den wahren und richtigen Proportionen zu erkennen haben; es wird sich nicht von - unüberlegten- und abenteuerlustigen Aeusserun- . gen einer Massenpsychose beeinflussen ' lassen . dürfen;-es wird sich davon zu überzeugen haben, Wirtschaft higegon hat überhaupt nicht gestreikt, sondern ihre Demonstration darauf bo- ■ schränkt, die Lieferung au Juden zu. verweigern. Es wäre ungerecht, zu verkennen, dass schon dieblosse .Anwesenheit, aber auch die Wirksamkeit der militärischen Verstärkungen .erheblich dazu beiuetragon hat, den Friedenswillen, der arabischen Führer zu erwecken und ihnen die Aussichtslosigkeit ihrer bisherigen Gewalt- -- Methoden' klar , .zu mache,,. All diejenigen ' Kreise innerhalb des arabischen„Lagers,, die aus wirtschaftlichen, politischen oder menschlichen Gründen' den Kurs der letzten sechs Monats 'missbilligten, erhielten dadurch, einen.. Köck halt. Hoch stapeln Mich die ersten Kisten mit Zitrusfrüchten, Verladen bereit b'ot. bonnenfeld. Der Streik ist ao Ende —- aber auch vorher schon wurde am Kingsway gebaut — ein Geschäfts• haus neben dem anderen Fot. Erwin Rawicz (Haifa) dass von einer Verdrängung der Araber durch das jüdische Aufbauwerk keineswegs die Rede sein kann. Sind Unzufriedenheiten über den jüdischen Laudkauf entstanden, so ist ihr wahrer Ursprung mehr in den so starken sozialen Differenzen innerhalb der arabischen Bevölkerung selbst, weniger aber in den Auswirkungen der. jüdischen „Invasion" zu suchen. ... Bei der Diskussion über die Möglichkeiten, das künftige Werk für die jüdisch-nationale Heimstätte ohne .neue Reibungen und Spannungen sicherzustellen, bildet der Plan einer „kantonalen“ Einteilung des Landes, in der jüdische und arabische Siedlungen geographisch begrenzt werden, einen wichtigen Faktor. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Idee in die Untersuchungen der neuen Königlichen. Kommission eingeschaltet wird; es stellen sich ihr auf den ersten Blick sehr viele Bedenkenentgegen; trotzdem ist sie durchaus erwägenswert.. Denn in diesem Zusammenhang könnte sich vielleicht ein gewisser Ausblick ergeben, wenn man der Tatsache eingedenk ist, dass sich das britische Mandat nicht nur auf Palästina, sondern auch auf das teilweise viel fruchtbarere, aber viel dünner besiedelte Transjordanien erstreckt. Der Hohe Kommissar ist in seinem vollen Titel ..High Commissioner of Palestine and Transjordan“. Es bieten sich da vielleicht gerade im Rahmen einer ,.kantonalen“ Lösung Möglichkeiten} die — seifet unter besonderer Betonung der nationalen arabischen Interessen — in den Kreis aller Ueberlegungen hiueingezögen werden sollten. Das offene Leitmotiv der englischen Politik wird auchin nächster Zukunft abgestimmt sein auf die Errichtung und den Aushau einer jüdischnationalen Heimstätte. England wird auch weiterhin den Juden in Palästina den moralisch-rechtlichen und politischen Rückhalt verschaffen helfen, der nicht nur für die Juden Palästinas, sondern weit darüber hinaus für Millionen Juden in der Diaspora Zielsetzung und Hoffnung bleibt. Ob diese ethischen und jüdisch-politischen Gesichtspunkte heute in Whitehall noch ebenso »ehr ins Gewicht fallen wie etwa zur Zeit der Balf o u r - Deklaration, spielt.nicht die entscheidende Rolle bei der Beurteilung der zukünftigen Politik Englands in Palästina: Die dort: angesammelte britische Wehrmacht wird ihren Stützpunkt pell,st dann nicht aufgeben, wenn alle arabischen, Schüsse in Palästina längst verhallt sind. Ein Blick auf die Struktur des britischen Weltreiches und seiner wichtigsten Brennpunkte genügt, um zu erkennen, wo sich alte Versprechungen und Zweckmässigkeiten zwangsläufig decken ... Die Woche nach dem Streikende sfs Tel-Aviv, 14. Oktober: Genau am Vortage des offiziellen Beginns der Orangensaison ist der arabische Streik abgeblasen und die Arbeit in allen Wirtschaftszweigen wieder "aufgenominen worden. Dabei muss man sich ins Gedächtnis zurückrufen, da«* eigentlich nur die mittelbar oder unmittelbar mit der Orangenpflanzung zusammenhängenden Teile der arabischen Wirtschaft überhaupt gestreikt haben, nämlich die Hafenarbeit, die Ver- . kehrsgewerbe sowie der städtische Gross- und. Einzelhandel, und auch diese sind, in einer so wichtigen Hafen- und Handelsstadt wie Haifa nahezu völlig in Betrieb geblieben. Die Land- Abc r es ist ungemein bezeichnend, dass die politische» Führer, die ihr Volk in diese Sack- ... gasse . hineiugcli'ihrt hatten, doch die Autorität der benachbarten arabischen Fürsten zur Hilfe rnfen mussten, um ihren Rückzugsbefehl zu decken. Wahrscheinlich hat mau von englischer Seite., aus alles getan, um dem Obersten arabi;- scheu Rat diesen Riickzugswog zu ebnen, und es .scheinen an den Höfen von Bagdad, Mekka und Amman zuverlässige Informationen Vorgelegen zu haben, dass die Mandatsregierung gegen eine solche „Einmischung“ nichts einzuwenden habe, Gerade deshalb ist den arabischen Herrschern, dieser Appell vielfach verübelt worden, so insbesondere in arabisch-radikalen Kreisen Aegyptens und Palästinas, Aber uue dem sehr vorsichtigen Ton der königlichen Proklamationen könnte man ecliliessen, dass in der Tat keinerlei . Versprechungen hinsichtlich der zukünftigen Politik gemacht worden sind, und da^s man Der neue Bürgermeister von Tel-Aviv Zum Nachfolger, (los verstorbenen Bürger nfei sters Mei'r Dizengoff, wurde am 20. Oktober Mose b e C Ii e 1 o u e li e, Konsul für Bulgarien, zum Bürgermeister von Tel-Äviv gewählt. zwar die guten Dienste der ehrlichen Makler dankbar angenommen hat, aber irgend .ein'Mitbestimmungsrecht oder..auch nur eine Einflussnahme auf die Entscheidungen der Mandatsregierung nicht anerkennen wird. Die Entscheidungen für die Zukunft bleiben vielmehr wirklich der Küiiigliidien Kommission Vorbehalten. , —< Diese soll kommen; wenn die Ruhe im Lande wiederhergestellt ist. Wann aber wird das sein? Nach de», Eindruck der ersten drei Tage, die seit Streikabbruch verflossen sind, hat es nicht den Anschein, als o!> der Terror gleich-- zeitig mit dem Streik aufhören wo Ille. An einem Tage, an dem das offizielle Coiimiuniquö sich auf die Mitteilung „ln, Lande nichts Neue«“ beschränkt, sind immerhin einige Feueriibrfrv'^ fälle auf Siedlungen, Baumfrevel oder Sabotageakte — allerdings in diesem Fälle ohne Opfer an Menschenbild — zu verzeichnen, und noch am Morgim des Strmkabbimrh-s fiel ein jüdischer Hilfspolizist von arabischen Kugeln. Trotzdem hat die .militärische Leitung beschlossen, ein paar T age „Gewehr^ bei Fuss“ zu ptehen, um den Freischaren "Gelegenheit zur unbehelligten, also auch straflosen Niederlegung d>»r. Waffen zu gehen, ln diesen Tagen — die Frist läuft bis zum 17. Oktober — sollen alle aktiven Massnahmen vermieden werden, also keine WaffenSudien stattfinden, die Sönderpatrouillen eingeschränkt werden usw. Nachdem die Strasse Tel-Aviv—Jerusalem anderweitig gesichert worden ist, sind auch die bewaffneten Konvoys eingestellt una die regelmässigen Omriibusabfahrten — alle zwanzig Minuten — wieder aufgenommen worden.;'vom Anbruch der Dunkelheit an ruht freilich der Verkehr. Die Polizeistunden in Jaffa und Jerü- salem sind verlängert worden, die Stadt Hebron wurde,. freilich noch mit neuen schweren Kollektivstrafen belegt.