Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 15 (1936)
- Issue
- 43 (22.10.1936)
- Date
- 1936-10-22
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Und Wünsche. Durfte aber in diesem neuen Weben das Kleid ein so strenger Hüter bleiben, eine so enge Hülle, wie es bisher gewesen war? Das alte'Sprichwort, daß Kleider Leute machen', würde — immer weiter getrieben — bedeuten, wie wenig der Mensch sich selbst anstrcngen muß, wenn ihm dafür, das Kleid ein Bild nach außen trägt, das er nach innen nicht einznhalten braucht. So' sehen wir eine Regsamkeit entstehen, die die Stoffe ihrer alten Schwere entbindet und den Menschen feines vermeintlichen Schlitzes gegen die Umwelt beraubt. Diese Beweglichkeit gab auch dem jüdischen Menschen die Möglichkeit zu freierer Entwicklung, je mehr man davon absah, die Kleidung als äußere Unterscheidung unter Menschengruppen zu V benutzen. Der rasche Wechsel der Mode, den man so viel belächelt, hat trotz vieler Auswüchse einen tiefen Sinn.' Sie hebt die trennenden Schranken zwischen Mensch und Mensch aus; sie ermöglicht gegenseitiges Berstehen und schafft Beziehungen/ die.sich nicht aus äußere Umstände gründen. Ter Mensch in den raschwechselnden Hüllen wird zum Wanderer, der sich solange suchen sott, bis er * sich dort gefunden hat, wo er nicht mehr vertrieben werden kann.^ Auf diesem Wege könnte ihm das Kleid— auf rechte Weise verstanden — ein Führer sein. Okk!r!er»orclen von Oranien-Naasau für Rosa Manus Die. holländische Königin -hat die bekannte Führerin der internationalen ssrauenbcwegnng. die Vizeprüsideiitin des Weltbundes für Frauenstimmrecht, Rosa Manns, mit dem Lifiziersvrden von Oranien-Aassau ausgezeichnet. Rosa Manus ist den Frauen in Deutschland durch ihre hervorragende organisatorische Mitwirkung an dem Internationalen Fraiienkvngrcß von 19:29 bestens bekannt. Sie stammt aus einer alteingesessenen holländisch-jüdischen Familie. Sie ist von außerordentlicher Geistesschärfe, sehr sprachgewandt und hat fast die ganze Welt bereist. Wir beglückwünschen Rosa Manns zu der wohlverdienten Ehrung. , Haushaltungskunde ist Pflicht Ein Ministerial-Erlass Der Reichs- und pr eußi sche Mini st e r f ü r W i s s e n s ch a f t. E r z i e h u n g und Bol ksb i l du n g hat kürzlich einen Erlaß veröffentlicht, demzufolge von Ostern 19-17 ab die Aufnahme von Schülerinnen mit Obersekunda, reife in die wissensäiaftliche Oberstufe höherer Lehranstalten nur nach erfolgreicher Ablegung einer Prüfung stattsindet, in der die einfachsten hauswirschaftlrchen Fertigkeiten und Kenntnisse Fachgewiesen werden müssen. .. Die Mädchen müssen in dieser Prüfung nachweisen, daß sie imstande sind, eine Fämilienmutter. kurze Zeit im Haushalt zu vertreten. Es wird erwartet,, daß die Schülerinnen folgende Arbeiten auSführen können: An einfachen Speisen mit durchschnittlich kürzer Zubercitnngsdauer sollen die wichtigsten Vorgänge, wie Kochen, Dünsten, Braten und Backen, vorgesührt und erklärt werden, z. B. ' a) Kctrniike: Milch. Kakao, Kassee, Tee. d) Suppen: Blilch-, Löst-, Gemüse- und Fleisch-- suppen. v) Fleischspeisen: Kotelett, Schnitzel. Leber, Brat- Hiob Von Senta Meyer ' Lange, endlos lauge Fahrt! Die Sonne .brennt; cs ist glühend heiß im Coupe. Ans meinem Schoß liegt ein Stück Zeitung, das ich schon zehnmal lesen will. Mein Auge gleitet wohl über die Zeilen hinweg, saßt aber kein Wort; erkennt leinen Buchstaben, sieht nur: kleine, tanzende, schwarze Tenselchen. Schlafen nur eigentlich alle? Die Eintönigkcrt der Geräusche, die brütende Hitze und unsere Tatenlosigkeit erzeugt diesen „augenehmen" Zustand. Aber trotz der anscheinenden Endlosigkeit nähert sich, auch Diese Fahrt einmal ihrem Ende. — Ich bin am Ziel angelangt, einem f(einen, weitab von der Heimat gelegenen Städtchen, im Osten Deutschlands. — In einer engen, niedrigen Stube stehe ich. Wenn ich die Ämze-n schließe, sehe ich sie so deutlich vor mir, daß ich sie malen könnte: Die alte, verbrauchte Plüschgarnitnr. die vergilbten Vorhänge; aus -dc^r breiten Fensterbank ein paar Töpfe mit irgendwelchen 'Gewächsen, deren Blätter eher grau als grün erscheinen. Fehlen hier die Sonnenstrahlen. Die Blätter mit' frischen Säften zu füllen? '"Oder entbehren sie eine sorgsam pflegende Frauenhand? . " Und ich sehe ihn vor mir, den Bewohner dieses Zimmers. Hagerer, großer Mann mit harten, stahlgraucn Augen und einem knochigen Gesicht, einem Gesicht mit verschlossenen Zügen, mit schmalem, verknisse- -uptii Mund . . . „Nein", ist Das erste Wort, das^h^MTlsm^Mrr7^7Mi^4mm-niMand .Helsen. Mir hat das Leben alles genommen, alles! Ich komme schon für die paar Jahre, die ich noch zu leben habe, allein - zurecht!" . . . llnd wenn es. bei diesem einen Besuch geblieben wäre, hätte ich dem armen Menschen wohl keinen Trost bringen können; al>e>' es durste eben nicht bei seiner Abwehr Jungen» lernen Hausarbeit * - d) Tunken: Helle und dunkle Mehlschwitzen, ej Kartoffelspersen: Sali- und Bratkartoffeln. Kar» lofsclbrei und "Kartoffelpuffer, f) Gemüse: Wurzeln. Spinat. Blumenkohl, Bei«, eingekvchteS Gemüse tischfertig machen, ei Lalabe: Kartoffel-, Grün-, Lbstfalat. In Mehlspeisen: Eier-, (Plann-)Kuchen, Nudeln, il Eierspeisen: Gekochte Eier. Spiegeleier. Rührei.' k) Lühspeisen: Gekochtes Obst, einfacher Kuchen (Buckpulver oder Hefeteig). N .iwci Eintopfgerichte. - lieber Einkauf, Preis und Aufbewahrung der wichtigsten Lebensmittel mußt Auskunft gegeben werden können. - . V 2. Hausarbeiten: Säubern des Fußboden?, Abstanben der Möbel und Teppiche. Abwaschen des Eß- und Kochgeschirrs, Reinigen ' der Bestecke. . Reinigen der Küche und des Kochherde?. Herrichten des Schlafzimmers (Lüftung.. Säuberung. BetteirmachcN).. ' ' Tischdecken. Psleae von Zimmerpflanzen und Schnitkblumen. 3. Wäsche: Waschen kleinerer Gegenstände aus Seide. Kunstseide. Wolle, Leinen und Baumwolle,wie Strümpfe Handschuhe, Kragen, Zierdecken. Legen und- Rollen (Mängeln) der Wäsche. . Plätten (Bügeln) von einfachen Wäschestücken. Fleckenbeseitigung. - Aris jedem der drei.Arbeitsgebiete ist von jeder Schülerin eine Aufgabe durchzilführen. Sie muß aber auch über weitere in 1 bis 3 angeführte-Arbeiten Bescheid geben können. Tie Benützung eines Koch- und Haushaltsbuches ist gestattet. Die Prüfung findet in der Regel an der Anfnahmeanstalt statt. Die Prüfung gilt als bestanden, wenn des Bersetznngszengnis nach OII in Nadelarbeit wenigstens genügend ist und, auf den drei Prüflingsgebietey (Kochen. Hausarbeit, Wäsche) wenigstens ein genügendes Ergebnis erzielt? wird. Die Schülerin erhält von der Schule eine amtlicl-e Bescheinigung über das Ergebnis (bestanden — nicht beständen —). der Prüfung. Eortbildungskurs in praktischer Hauswirtschaft’ Im Nahmen der Lehrerfortbildnng wird nach den Hcrbstferien ein Fortbildungskurs in prakllscher Hauswirtschaft stattsinden mit dem Ziel, 'Profanlind technischen Lehrerinnen die Möglichkeit zu geben, im Nahmen der Volksschulen den bauswirlschaftlichen Unterricht zu erteilen. Ter. Kurs, der eine praktische Tätigkeit/ Hospitieren . und methodische Unterweisung umfaßt/ findet in der Koch- und Ha n s h a l t u n g s s ch u l e der I ü d i s ch e n Ge me i n d e Berlin, Ä n g n st st r a ß e 1 4 /1 § , statt. In der Woche ist "mit einer Tätigkeit von zwölf Stunden ,;u rechnen, die. nachmittags und abends so gelegt werden,, daß -dieberufliche Lehrtätigkeit dadurch nicht behindert wird. , Die Tauer des Kursus beträgt sechs'Monate. Es ist ein Monatsbeitrag von 5 RM zu entrichten. Teilnehmerzahl beschränkt. Meldungen an den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden, Chärlottenbürg 2, Kantsträhe 158. Nachbarschaftshilfe Durch die Sammet- und Pflegetätigkeit für die Winterhilfe haben die jüdischen Frauen Groß- Berlins eine große.Anzahl von Familien ' des Mittelstandes kenneiigelernt, deren materieller und seelischer Not nicht allein durch Zuweisung von Geldmitteln oder Lebensmitteln abzuhelfen ist. Die ganz persönliche Hilfe von Halls zu Hans kann viel Zeit und Kraft, auch wohl Geldmittel ersparen, wenn Hausfranen, die im gleichen Bezirk, evtl, im gleichen Haus wohnen, sich gegenseitig Helsen, ilm diese Aufgabe allen jüdischen Frauen nähezubringen, braucht der I üdische Frauenbund in allen Berliner Stadtbezirken 'Helferinneil. . - ■ Ein neuer Geist ist in unsere Schulen eingezogen: Erziehung zum praktischen Berufsleben. Wir wollen'keine Stubenhocker, sondern frische, frohe junge Menschen, hie sich überall im Leben zu helfen wissen. „Immer bereit" lautet ein alter Pfadfinderleitspruch, und das sollen auch nufere Kinder sein, ob sie nun einmal in den Kibbuzim., Palästinas oder auf dev Grassteppen Südamerikas arbeiten und Land bebauen werden, in Südafrika als Handwerker ihr Brot verdienen. Lernen ist heute ihr Aufgabe, alles was sich nur erlernen läßt, Fertigkeiten des täglichen Lebens, die großen Sprachen der Welt und vor allem die innere Disziplin, sich, großen Aufgaben unterordnen zu können. So gibt es gtsindig neue Dinge zu lernen, und wir können den Schulen dankbar sein, daß sie sich schon hellte bemühen, diesen neuen Ausgaben gerecht zu werden, Nicht nur die besonderen Aus- Meldungen erbeten an die Vermittlungsstelle für ehrenamtliche Arbeit in das Büro des VerbandesBerlin d e s I ü d i s ch^e n F r a u e nb u n d e s, .Berlin-Grnncwald, Königsallee lla, Atontag und Donnerstag, 11 bis 1 Uhr. Verbund Berlin des Jüdischen Frauenbundes , 8V. „Technische,Hilfe im Haushalt." Anleitung durchs Fachkraft im Ausbessern von Tapeten: Fleckenreinignng und Färben. Gardinen aufstecken, Möbelbehandlung Dübeln, gipsen, kitten. Bier Abende am 9., 16., 23. und 30. November, von 20 bis 22 Uhr; insgesamt 4.— RM zur Deckung der Unkosten. Gemeinschaftlich mit dem Kindergärtnerinnensemlnar in dessen Werkräumen, Schaperstraße 34, Gartenbaus 1 Treppe. Anmeldung bis zum 1. November an den Verband Berlin des Jüdischen Frauenbundes, Berlin- Grnnewald. Königsallee 11s, schriftlich erbeten. In der Jüdischen Kinderhilfe, Berlin 0 27. Blnmeiistraße 97, beginnt a,n November, vormittags 11 Uhr, ein Mutierschulkursus. Er umiot. üoiininfcld bildungsschnlen, auch die einfachen Volksschulen geben heute ihren Zöglingen alles nur erdenkbare Praktische mit. Daß Mädels in den Schulen Kochen und Hauswirtschaft, Nähen und Handarbeiten lernen, das ist seit langem etwas Selbst» verständliches. Daß aber Jungen die gleichen Fertigkeiten erwerben, daß ist neuer Geist, und es ist gut so! Die" munteren Burschen, die da auf unserem Bild Bohnen putzen und ° Kartoffeln schalen, werden später-überall einmal, wo es sein muß, ihre Arbeit gut leisten. Wenn sie in den Beruf kommen, und bei den meisten besteht diese Notwendigkeit schon mit 14 bis 15. Jahren, so können sie noch mehr als nur etwas Schulwissen, sie bringen praktische/ Fähigkeiten durch den Werkunterricht mit, ja sie können im Notfall wie jedes junge Tier, das aus dem elterlichen Bau herauskvmmt, versteht, selbst für ihre Nahrung sorgen, ohne auf die Hilfe anderer angewiesen, zu sein. ., vr. W. P. faßt: Theoretischer und praktischer Unterricht in Säuglings- und Kleinkinder-Pflege. Besprechung von Erziehungsfragen und wird von Aerztin und Schwester erteilt. Dauer des Kursus sechs Doppelstunden einmal wöchentlich. ^Anmeldungen im Büro der Jüdischen Kinderhilfe. Blumenst raße 97. Fernsprecher E 1 Berolina 4150. Im Wohnheim des Jüdischen Frauenbundes (Studentinneuheim) finden junge Menschen gute. billige^Pension bei ritueller Verpflegung. An» fragen an die Leiterin Frau Jenny Abraham« s o h n , Berlin kl 4. Auguststraße 14. Telephon: 0 2 9171. Das Jüdische Schwesternheim, Breslau 18, Kirschallee 79, ruft jüdische junge Mädchen, die den Schwesternberuf erwählen wollen, auf. sich in dieser Anstalt zu melden. ./ mmi.1 Ludwig Steinmetz V Nürnberger Str. 56 (neben Woolworth) V »um bleiben. Und während ich an diesem Tage noch mit vielen Pienschen spreche, von ihren Nöten und Sorgen höre und — so gut wie möglich — Nat und Trost spende, sehe ich ' immer in Gedanken den armen Alten vor mir, der so,gar keine Hilfe will, der sogar ein gutes Wort ablehnt. — Als ich allends vor der versammelten Gemeinde stehe und unter den 50 bis 60 .Gesichtern vor mir das seine nicht entdecke, weiß ich, daß ich noch einmal zu ihm nulß. und nehme es mir fest vor. So bin ich am anderen Morgen wieder bei ihm. ziemlich früh — in einer knappen Stunde muß ich am Zuge sein. — In seinem - ^lick zuerst ein großes Staunen, daß ich noch ck^unal zu ihm gekommen. Ich sage ihm, daß ichNihn gestern abend vermißt habe; ob er krank^sei? Er schüttelt nur den Kops. Warum er nicht an der Veranstaltung teilgcnommen? Ein Achselzucken die Antwort.. Dann kommt cs endlich gedehnt heraus. Ich müsse cs verstehen; er käme seit Jahren nicht -mit.den Leuten zusammen? Sehe und höre Manchmal wochenlang niemand. Auch seien die meisten jünger. Er sei ja nur ein alter Mann. Wer wohl von ihm noch etwas wissen wollte. Er habe mir doch 'gestern schon gesagt, daß er ein solches Leid mit sich herumtrage, daß er sich um nichts mehrkümmern könne. Ev wolle von niemand etwas, imd sie sollten ihn auch in. Ruhe lassen . . . Jetzt darf ich mich nicht ein zlveitesZMal von ihm abweisen lassen. Der Moment kommt mir zu Hilfe. Ter Alte hat ein Angenblickchen geschwiegen. Und wie ich gerade den Mund öffne, um ihm durch eine teilnehmende Frage näherznkommen, macht er plötzlich eine einladende Bewegung. „Aber, setzen Sie sich doch ein bißchen. Wenn Sie es schon der Mühe wert finden, mich, alten Vkann, zweimal zu beehren. Setzen Sie sich!" Und er schiebt mir einen Stuhl zu. Ich danke ihm sreundlich und nehme Platz. Der Alte scheint Interesse dafür gefunden zu haben, wieso ich durchs Land fahre. Fragt mich, wie es denn in den kleinen Gemeinden aussehe und vielerlei mehr. Und ich erzähle ihm von den kleinen und von den großen Gemeinden. Leid-, aber auch Freudevolles. So sprechen wir. eine Zeitlaug miteinander.. .Schon vor einer kurzen Weile habe ich festgestellt, daß mein Zng ohne micl) davongesahreu ist.:.Nun muß ich wieder den M.ittägszng nehmen; die Fahrt wird wieder „etwas" heiß sein; aber das ' spielt im Augenblick gar keine Rolle. Ter Alte hat sich eben eine Pseise.an» gezündet und mir, mit einer bedauernden Miene gesagt, daß er mir gar nichts anznbieten habe; er sei Nicht aus Besuch eingestellt! besonders nicht ans Tamenbcsuch. — In unserem Gespräch ist eine kleine Paule eingetretcn. Ta kommt es zögernd von seiner Seite. Es täte ihm nuw doch leid, daß er mich nicht habe sprechen hören. Es hätte ihn doch wohl interessiert, was ich der Gemeinde gestcrn'abend gesagt hätte. Ob er mich wohl bitten dürste, ihm etwas davon zu erzählen. Wie freut mich diese Bitte. Nun kann ich ihm vielleicht doch noch helfen.'— Ich sehe noch, wie er sich etwas bequemer in seinem Sessel zurechtrückt, erwartungsvoll. Seine ganze Gestalt — wie sie sich so an das weiche Polster lehnt — wirkt anders als zuvor, als er so steif und gerade dasaß. Verliert er ein wenig von seiner Herbheit oder erscheint es mir nur so? — Und er tut nicht einen Zug aus der Pfeife und kneift die Augen ein biß- > chen ein. als steche ihn der Sonnenstrahl, der gerade über das Plätzchen, wo er sitzt, hinweghuscht. Und dann beginne ich zu erzählen ... - Ich spreche von Hiob zu ihm, von Hiobs Frömmigkeit und seintm guten und gerechten Lebenswandel, von allem Glück, das ihn; das Leben schenkt. Wie das Werk seiner Hände gelingt. wie auf allem, was er unternimmt, Gottes Segen ruht. Aber sein Schicksal wandelt sich, ganz plötzlich stellt sich Unglück ein. Ein Schicksalsschlag nach dem andern. Hiob leidet unsagbar an Körper und Seele. Warum diese Strafe? fragt Hiob, fragen seine Freunde. Wofüv muß crFo furchtbar büßen? — Und ich berichte von Hiobs Zweifel, von seinem Hader mit Gott . . . Und nun haben sich die Augen des Alten ganz 'geschlossen. Aber ich merke, daß er nicht schläft. Will cv in sein Selbst hineinschauen, ganz ungestört, ganz allein mit'sich? — Mir ist diese Stunde inwergeßlich. Ich fühle, daß sw im Leben dieses Menschen etwas Besonderes darstellt. Er hat sich abgewendet und dann mit der Hand übcr'K Gesicht gefahren. Ich soll nicht sehen, wie gerührt er ist. Aber ich sehe die Träne doch, die so leis und verschämt die Wange'hinabrinnt. Und ich fahre fort. So ' stellt uns Gott eine Aufgabe durch das Leid:-, nicht zu hadern und zu zürnen; auch nicht zu verzagen und zu verzweifeln. - Ter Alte macht so eine Bewegung, als wolle er sprechen. Aber cs kommt nicht. Doch cs ist jetzt kein trutzigcs Schweigen mehr; cs ist so. als schäme er sich dieses Schweigens und käme doch nicht darüber hinweg, zum Sprechen. Lieber Gott, denke ich, laß ihn Doch jetzt endlich die Worte finden, die ihn erleichtern. Ich glaube,! das würde ihm unsagbar gut tun. llnd wie ich, es denke, denkt er es wohl auch. Diese Bitte'— ein erstes Gebet seit! langem? — Und dann . . . beginnt er —' langsam — stockend mit vielen Schweigepausen. Kein Wort dieses Schicksals, das er inir als ein großes Geheimnis anvertraut, soll über meine Lippen. Aber ihr könnt mir glauben, es ist die Geschichte eines Lebens, dem sehr viel Leid geschehen ist. — Ich weiß nicht mehr, wie er schloß And auch nicht, was ich sagte. — Wir drücken uns die Hand. Tie Zeit ist sehr vorgerückt. Ich muß mich beeilen, um nun wenigstens noch den Mittagszug zu erreichen. Wie ich schon in der Tür bin, kommt ein zögerndes „Bitte, lassen Sie doch mal von sich hören" und „Könnten Sie mir vielleicht den Hiob schicken?"^Ich-be»^ jähe. Ich wünsche ihm-alles Gute. Und dann kommt noch wie ein Gebet von ihm: „Gott schütze Sie!" Mit einem freundlichen Brief bekam der Alte nach einer Woche, eben nachdem ich wieder heimgekehrt, seinen „Hiob". Diel habe ich nicht wieder von ihm gehört. Schreiben war wohl nicht seine Sache.