Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 44 (3.11.1938)
- Date
- 1938-11-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 * 1. Beilage CMRihiiifl 3. November 1938 * Seite 3 Die Ludwig Tietz-Schule in Jagur ' Zum fünften Todestage von Ludwig Tietz / Von Dr. Georg Lubinski Ä. H. Ein halbes Jahrzehnt, das der Optimism us im Fluge uberspringt, zerteilt ein schweres Schicksal in tausend atemberaubende Augenblicke. Seit jenem Novembertag 1933, der uns Ludwig Tietz nahm, haben wir nicht aufgehört, an ihn zu denken und das Geschehen und unsern Standpunkt in ihm an dem Maßstab zu messen, den er uns bedeutet und den er angelegt hätte. Wenn wir die Entwicklung des jüdischen Lebens seit jenem Tage betrachten, ist zur Genugtuung wenig Anlaß. Nicht was durch schicksalhafte Kraft aus uns geworden ist, meinen wir, sondern was wir selbst aus uns haben werden lassen. Tietz' Erbe ist in einigen In' stitutionen zu finden, die er geschaffen oder angeregt hat, von dem Geist aber, aus dem heraus er gearbeitet hatte, ist nur bei wenigen Menschen etwas zu spüren. So ist die Trauer um ihn lebendig, viel lebendiger, als wenn sein Erbe lebendig geblieben wäre. Es ist die Hoffnung, daß in den wenigen Menschen, für die Ludwig Tietz noch heute eine verpflichtende Mahnung-darstellt, sein Geist wachbleibt, und daß sie versuchen, überall in der Welt, wo sie ihren neuen Platz gefunden haben oder finden werden, in seinem Sinne zu arbeiten. wichtiger Auftragnehmer geworden ist. Auf diese Weise hat sich das Auftragsproblem, das für alle Lehrwerkstätten in der Welt in mehr oder weniger großer Schärfe gestellt ist, aus den Bedürfnissen des Landes ohne äußeres Zutun von selbst gelöst. Ebenso liegt es in der Werkstatt für H o 1 z b e a r b e i t u n g, die auch von vielen Einrichtungen des Landes Aufträge erhält und die immer über mehr Aufträge verfügt als in kurzer Zeit bewältigt werden können, zumal ja jeder Auftrag auch darauf hin angesehen wer- Die Ludwig Tietz-Schule in Jagur, gegründet, um den Namen Ludwig Tietz für' immer mit einer Einrichtung zu verbinden, die der jüdischen Jugend, besonders aus Deutschland, dient, besteht jetzt über anderthalb Jahre. Inzwischen ist das Programm, das sich die Freunde von Ludwig Tietz und die Organisationen, mit deren Arbeit er hauptsächlich verbunden war, mit der Gründung dieser Schule gesetzt hatten, in greifbares Leben umgesetzt worden. Dabei stellte es sich, wie immer, heraus, daß manche Punkte dieser Planung, die man bei der Gründung stark in den Vordergrund stellte, zurücktraten und daß andere, denen man nur eine geringere Bedeutung beigemessen hat, durch ihr eigenes Schwer gewicht in den Mittelpunkt rückten. Es ist vor allen Dingen gelungen, die Ludwig Tietz-Schule in Jagur zu einer anerkannten Stätte der handwerklichen Ausbildung in Palästina zu machen. Die Bedenken, die man bei der Gründung dagegen äußerte, eine handwerkliche Ausbildungsstätte aufs Land zu verlegen, haben sich als nicht stichhaltig erwiesen. Man glaubte, daß der Zusammenhang zwischen Stadt und Handwerk viel enger ist, daß eine Schule, die außerhalb der Stadt liegt, einzig und allein auf Unterweisung in der Landwirtschaft ausgerichtet sein müsse. Gerade die Arbeit der Ludwig Tietz-Schule hat erwiesen, daß der Zusammenhang zwischen Handwerk und Stadt keineswegs untrennbar ist und daß landwirtschaftliche Siedlungen auf ein gutes Niveau auch handwerklicher Arbeit zwingend angewiesen sind. Dem Besucher, der die Ludwig Tietz- Lehrstätten in Augenschein nimmt und in den Werkstätten einen Eindruck von der geleisteten Arbeit,zu gewinnen sucht, fällt auf, wie stark die Arbeit z. B. der Schlosserei bestimmt ist durch die Notwendigkeiten der landwirtschaftlichen Siedlungen. Hier steht eine landwirtschaftliche Maschine, die sich in Reparatur befindet — dort sind Arbeiten in Vorbereitung, die beiiiiiii WM§$M^Mw^. f^^h^y^^^py /;;;;VS^^'4 }^^ts\v^'^ :;\ - >y; AspSiagfiepungsn ROBERT WQLfERS, W15 Kurfürstendamm 48/49 Pflasierung-eii, Bürgrersteijare - Telephon: 92 47 56 stimmte Notwendigkeiten des landwirtschaftlichen Betriebes in neuartiger Weise befriedigen sollen. So kann ohne Uebertreibung gesagt werden, daß die Ludwig Tietz-Schule für einen Teil der landwirtschaftlichen Siedlungen des Emek ein den muß, ob er dem Lernzweck, der über allen anderen Zwecken der Leitung der Schule immer vor Augen schweben muß, auch tatsächlich entspricht. Aus den Notwendigkeiten der Arbeit ist innerhalb der Werkstatt für Holzbearbeitung ein besonderer Zweig für Bootsbau entwickelt worden, der durch die neuentstehenden Beziehungen der jüdischen Wirtschaft zur Schiffahrt und zum Hafenbau bestimmt worden ist. Die ersten Boote, die vor kurzem fertiggestellt worden sind, haben ihre Brauchbarkeit auf dem Kineret-See erwiesen. Weitere Boote für die Haifa Bay, die aus einem besonderen Holz gefertigt werden, befinden sich in Arbeit. Der Uebergang der in Jagur zur Ausbildung eingewiesenen Jugendlichen in das palästinensische Leben hat sich im großen ganzen ohne Schwierigkeiten vollzogen. Die Ludwig Tietz-Schule hatte dabei Aufgaben und Schwierigkeiten eigener Art zu überwinden, die sieh daraus ergaben, daß hier eine Gruppe von etwa 60 Jugendlichen aus Deutschland in einer Schule nur für Jungen untergebracht war, während die Jugend-Alija Jugendliche des gleichen Alters und der gleichen Herkunft — immer in Koedukation — nach Palästina überführt und sich niemals sonst auf eine einzelne schulmäßige Institution konzentriert. Den für die Schule verantwortlichen Instanzen, besonders der Leiterin der Jugend-Alija, Miß S z o 1 d, und dem Geschäftsführer der Schule, Dr. Max Kreutzberg er, sind diese Probleme ebenso wie dem Leiter der Schule, Aron S e h n e e m a n n, in vollem Umfange gegenwärtig. Ihre Bewältigung hängt nicht zuletzt von der Bereitstellung weiterer Mittel ab, die nicht nur die Schaffung neuer handwerklicher Ausbildungsplätze, sondern auch einer Abteilung für Mädchen, ermöglichen sollen. In denselben Zusammenhang gehört die Schwierigkeit, daß noch keine ausreichende Uebereinstimmung zwischen dem pädagogischen Rhythmus der Schule und dem Leben des Kibbuz Jagur erzielt wor- Brieffinarken - Fritz Lewin Berlin W 35, Lützowstrasse 91 A. den ist, in dessen Mitte das Internat der Schule errichtet ist und mit dem sehr viele tatsächliche Bindungen bestehen. Aber auch hier kann man gewiß sein, daß die weitere Entwicklung eine Harmonisierung dieser Gegensätze bringen wird. Entscheidend ist, so oder so die . Vermeidung des Zustandes, daß die Schule isoliert, abgetrennt von dem Leben des im Aufbau befindlichen Gemeinwesens, arbeitet. Die Ludwig Tietz-Schule ist von Anfang an für eine größere Zahl von Schülern geplant worden, als im ersten Zuge Plätze geschaffen werden konnten. Die Organisationen, die an der Gründung der Schule in Deutschland beteiligt waren, die Reichsvertretung der Juden in Deutschland, die Jüdische Gemeinde Berlin, der Jüdische Central-Vere i n, der Hilfsverein, die Zionistische Vereinigung für Deutschland mit ihren Fonds, die Jüdische Jugendhilfe, haben auch bereits einmal für eine erste Vergrößerung der Schule Mittel zur Verfügung gestellt. Gerade jetzt werden die Bauten für eine wesentliche Erweiter u n g errichtet, die notwendig geworden ist, um auch nur einen kleinen Teil der Gesuche um Aufnahme zu befriedigen, die aus Deutschland einschließlich Oesterreich und im steigenden Maße auch aus Palästina selbst, an die Schule gelangen. In Deutschland ist man mit der Auswahl der zweiten Gruppe beschäftigt, für die' die Zertifikate auch schon verbindlich in Aussicht gestellt Ueterung aller Dentaluwren Dentai-Grosshandiuns Ifeu-Elnpicfttungen DEIASCU& f; *: filfSUfantierer-SSrafUiig 3er}mW,Taaentzien*tr.lO worden sind. So sehr für die weitere Entwicklung Palästinas der Nachwuchs beruflich auf die Landwirtschaft gelenkt werden muß, so notwendig ist auch für die Entwicklung des Landes die Her- Joskel zwischen Tod und Leben Von Marianne Rein Die Kinder fanden sie zuerst. Schreiend liefen sie nach dem Dorfe zurück, stammelten, was sie gesehen hatten. Sie scheuchten die Frauen aus den Häusern, dann traten die paar alten Männer hinzu, die als Heimarbeiter für die Fabrik schafften, in der die jüngeren alle den Tag über arbeiteten. Sie gingen den Kindern nach, die ihnen verstört und schreckhaft schluchzend den Weg wiesen, nachdem sie noch Joskel herausgerufen hatten, den jungen --,< Tischler und Stellmacher, der erst vor kurzem ins Dorf gezogen war. Vielleicht konnten sie einen brauchen, der flinke Beine und kräftige Arme hatte. Joskel war gleich bereit; ohne lange zu fragen, nahm er dem alten Stepanek die kurze Leiter und die buntgewürfelte Pferdedecke aus der Hand; ja, man konnte ihn schon brauchen, gefällig und hilfsbereit wie er war. Bei der Flußwiese blieben die Kinderstehen, Stepaneks Enkelkind zitterte und barg den* Kopf im Schoß der Mutter; da drehten auch die andern Frauen um, gingen still heimwärts, hin und wieder sich umsehend. Die Männer überquerten die Wiese, vom Flusse leuchtete ein helles Kleid. An diesem kalten, windverwehten Märztag leuchtete alles, strömte förmlich über vom Leuchten. Die Luft, das Wasser des Flusses, das Gras, das im Wind wehte, sonst noch welk und braun und nur spärlich von jungen Trieben durchgrünt, trugen den klaren lebendigen Schimmer des steigenden wachsenden Lichtes. Ab und zu jagte der Wind mächtige Wolkenfetzen über die Helle; ihre Schatten verfinsterten für Augenblicke die Sonne, wie dunkle Schwingen gewaltiger Vögel. Dann erlosch aller Glanz und ertrank in einem stumpfen Bleigrau, um sofort wieder um so stärker zu blenden. Das Mädchen lag mit dem Körper halb gegen das absinkende Ufer angetrieben; mit ruhigem Gesicht, Züge und Körper völlig unzerstört, wie lebend, der, Leib wölbte sich hoch. Ueber ihrem Haupt flatterte, seltsam anzusehen, ein Vogel, eine Bachstelze, und schlug aufgeregt mit den Flügeln. Näherkommend erkannten sie, daß der Vogel sich in dem wirren halbgelösten Haar verfangen hatte und loszukommen suchte. Manchmal trieb der Wind dicht über das Wasser, wühlte es auf, bis es blinkend in kurzen Schauern Antlitz und Haar der Toten Überwellte; der Vogel, über und über naßgespült, blitzte von Tropfen. Sie wollten das Tierchen befreien, aber es entglitt den ungeübten Händen immer wieder in Todesangst. Endlich warf Joskel leicht und geschickt seinen Hut darüber und holte vorsichtig den pochenden Federball heraus. Das Pochen erfüllte seine Hand ganz und gar; er konnte nicht mehr unterscheiden zwischen seinem Pulsschlag und dem Schlag des Vogelherzens, ihm war, als schlüpfe das Pochen in seine Hand und ströme mit seinem Blut zum Herzen. Verstört und in plötzlicher unbegründeter Traurigkeit sah er dem Vogel nach, der aus seiner offenen Hand glitt und " mühsam, halb fliegend, halb schlüpfend, im Ufergebüsch verschwand. Einen Augenblick lang ging es ihm durch den Sinn, die Seele der Toten könne sich schuldbeladen nicht frei aufschwingen und verflattere sich scheu in Sträuchern und Büschen, wie in einem Gewirr von Angst und Qual. Bedrückt blieb er stehen und spähte, ob er den Vogel noch einmal entdecken könne. Dann bargen sie die Tote, verhüllten sie mit der Decke und trugen sie auf Stepaneks kurzer Leiter davon. Sie wandten sich nach dem Dorfe, und während sie über den ausgefahrenen Feldweg gingen, öfters stolpernd in den tiefen Rinnen, in denen zum Teil die Lachen vom Nachtfrost noch zugefroren waren, und leise murrend, wenn sie strauchelten, beredeten sie mit . ihren heiseren Altmännerstimmen das Unglück, beklagten die Tote und verfluchten den Mann, der das Mädchen auf dem Gewissen habe. So erfuhr Joskel, dem das Mädchen ganz fremd war, daß die Tote hier, guter Hoffnung, wie er wohl gesehen habe, eine Jüdin sei; man wisse auch, wer sie ins Unglück gebracht habe. War nicht Nathan der Händler ganz verstört und wie von Sinnen, als man das Mädchen seit einigen Tagen vermißte! Seine Frau, bei der sie nähte, könne ihn nun verlassen, ohne daß der Rabbi einen Scheidebrief ausstelle. Aber auch die Weiber seien schuld an ihrem. Tode, sagte Stepanek; jawohl, diese verfluchten Weiber! Dieses Tuscheln, dieses Gerede, und Arbeit wollten sie ihr auch nicht mehr geben, als ihre Schwangerschaft offenbar wurde! Ja, wandte er sich in ausbrechender Heftigkeit zu Joskel, auch ihre Weiber seien nicht besser, auch seine, Joskels, Frau nicht, die schlanke schwarze Sore, wenn der Segen gesprochen sei über sie und ihre Männer, dann schwöllen sie vor" Tugend in ihren Betten. Verfluchtes Weiberpack, vergessen sei alle Demut! Ja, Stepanek wußte gut, warum er sich so ereiferte, der alte Mann mit seiner noch jungen Frau, aber Joskel konnte doch nicht alles abschütteln, so gerne er auch gewollt hätte, da blieb ein Stachel und bohrte. Und nun wollten sie die Tote in das Dorf tragen, eine der Frauen könne die Nachricht zu ihren Verwandten bringen, bei denen sie gewohnt habe; denn eigentlich stamme sie aus der Stadt, aus Prag; so ginge keine Arbeitszeit verloren. Joskel solle die Leiche solange beherbergen, so verfügten sie, ohne ihn zu fragen, den sie ohnehin noch nicht für voll nahmen, jung, wie er war und ortsfremd dazu. Sicher bekäme er dann auch den Auftrag für den Sarg, meinte Stepanek. Joskel hatte keinen Grund zu widersprechen, was er am liebsten getan hätte. Seitdem er den Vogel aus dem Haar der Toten gelöst hatte, kam es ihm vor, als sei er auf eine unheimliche Art mit ihr verbunden; noch fühlte er mit leisem Schauder die nassen Flechten unter seinen Händen. So ging er bedrückt und geistesabwesend an den verkrüppelten kahlen Kirschbäumen vorbei, die den Feldweg säumten, so krumm und gebückt, wie die Rücken der alten Männer, bis der Wind, der wieder rauh einherfuhr, in kurzen heftigen Stößen das Tuch lüpfte, daß die Flechten von neuem darunter hervordrangen und naßglänzend herabhingen. Joskel, dem dieser Anblick ans Herz griff, in seiner trostlosen Ruhelosigkeit, schob die Flechten trotz seines inneren Widerstrebens unter das Tuch und zog dieses fester zusammen. Sein inneres Unbehagen bewog ihn auch, Sore, deren erstem Schrecken über den unheimlichen Gast ein Sehwall von Ausrufen,' Aeußerungen des Mitleids und der Neugier folgte, so kurz und nachlässig Antwort zu geben, daß sie ihn, wegen seiner ungewohnten Barschheit, verwundert und gekränkt ansah. Er stand am Fenster und sah blicklos hinaus, vor seinen Augen das Bild des verängstigt flatternden Vogels, in dem gelösten Haar, über dem toten Gesicht, und dies alles unter dem jähen Wechsel von Schatten, kalter Bläue und zuckenden Lichtern. Sore trat zu ihm und sprach forschend auf ihn ein; er schob ungeduldig ihre Hand von seinem Arm und trat einen Schritt zurück; ihre Gegenwart war ihm plötzlich lästig. Diese Weiber! Immer mußten sie dasein, mit blanken Augen sahen sie alles, und schhmmer noch, nie schwiegen ihre Mäuler von dem, was sie sahen, dachten, fühlten. Alles mußten sie mitteilen, bereden, aus sich ausstoßen; alles, was ein Mann in sich verschloß, für sich bedachte! Fast haßvoll sah er sie an, die ihm den Rücken wandte. Stepaneks Worte schwangen wieder in seinem Ohr. Ob er gesehen habe, daß die Tote schwanger sei, frag sie leise, ein jüdisches Mädchen...? Wenn sie nur endlich schweigen wollte;* Joskel fühlte den Drang, ihr die Hand auf den Mund zu legen; er biß sich auf die Lippen. . In diesem Augenblick verstummte sie wirklich. Er sah, wie sich ihr Gesicht vor ihm verschloß; konnte sie Gedanken lesen? Nun, ihm genügte, daß sie schwieg; KASSE KAUFT Automobile autohaus Universum R U F 97 03 79 . Cicero ecke KURFÜRSTEN DAMM 153