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Central-Verein-Zeitung · 1938-11-03 · 44 (3.11.1938) · page 4

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
44 (3.11.1938)
Date
1938-11-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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XVH. Jahrg. / Nr. 44 Berlin, 3. November 1938 Preis 15 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUNS GctcMitastcll« (Vorlag, Redaktion, Anzeigenannahme, Vertriebaabteihmg): Berlin W15, Emser Str. 42. Fern«pr.s 928141—45. Telegr.-Adr.: Centraiglauben, Berlin. Postscheckkontent Berlin 70344, Prag 77218, Zürich VHI 26363 Bankkonto t A. E. Wesselmann, Berlin W S. Di« C-V.-Zeitnni; erscheint -wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluß: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den Poetboten erhebt. Bezugspreis -vierteljährlich 132 RM (einschl. 22,74 Rp£ Postreitongsgebühr) zuzüglich 18 Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährlich 3,— RM (umgerechnet in die Landeswährung) einschließlich Zustellgebühren. Einzelnummer 15 RpL (Ausland 25 Rpf.). 3m Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebühren: Preisliste 6 gültig. Die 12gesp. mm-Zeile 20 Rpf. für Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 RpL, weitere ermäßigte Grundpreise siehe Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluß: Dienstag. Aufnahme für bestimmte Tage, Stellen oder Ausgaben wird nicht gewährleistet Entwicklungen in WanderungsproMemen Vor einem geladenen Kreis jüdischer Personen teilte H.' Schiff in London mit, daß der Direktor des zwischenstaatlichen Komitees, George Rublee, Mitte des Monats eine Reise anzutreten beabsichtigt, um mit zuständigen Kreisen über das Wanderungsproblem zu verhandeln. Am gleichen Abend regte Levay Lawrence an, England möge eine größere Zahl jüdischer Kinder aus Deutschland aufnehmen, sie erziehen und ausbilden und ihnen den Weg in neue Länder ebnen. Dieser Vorschlag stimmt mit jenen überein, den der Erzbisehof von Dublin, worüber wir an anderer Stelle der Nummer berichten, vor wenigen Tagen gegeben hat. Auch die britische Regierung selbst scheint der Wanderungs« trage nunmehr wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Man nimmt an, daß die Regierung bei Wiederzusammentritt des Parlaments Erklärungen abgeben wird, die zur Lösung des mitteleuropäischen Wanderungsproblems beitragen sollen. Die Unterhaltung, die Vertreter des Board o£ Deputies of British Jews mit Außenminister Halifax hatten, dürften der gleichen Angelegenheit gegolten haben, in den Rahmen dieser britischen Bemühungen muß man auch eine Rundfunkansprache einreihen, die Sir John Hope Simpson, dessen Memorandum über die Flüchtlingsfrage in der C.-V.- Zeitung Nr. 39 vom 29. September ausführlich besprochen wurde, kürzlich gehalten hat. Er sagte u. a., entweder müsse sich die Welt an dieser Frage desinteressiert erklären oder sie müsse endlich handeln. Es müsse für ein Land wie Großbritannien ein Leichtes sein, 2 bis 3 Millionen Pfund aufzubringen, um damit 50 000 Auswanderern einen vorübergehenden Aufenthalt in England zu gewähren und ihre Unterbringung in neuen Heimatländern vorzubereiten. Es müsse endlich eine großzügige Geste in dieser Richtung getan werden. Nur dann könne man von den Dominion, von den Vereinigten Staaten und von anderen Ländern eine gleiche Haltung erwarten. * In Paris fand die Jahrestagung der ICA statt, auf der der Vorsitzende Sir Osmon D'Avigdor Goldsmid einen ausführlichen Bericht erstattete. In seinem Referat ging er zuerst auf die jüdische Lage im allgemeinen, auf die besondere Lage der Juden in Mitteleuropa und schließlich auf die wirtschaftliche Gefährdung des osteuropäischen Judentums ein. Er schilderte die Fortschritte der Siedlungen in Argentinien, wo man 100 Familien im Jahre 1937 habe ansetzen können und die Schwierigkeiten, welche sich nach wie vor der Siedlung in Brasilien entgegenstellten. Der HICEM sei es gelungen, in den vergangenen Jahren insgesamt 8000 jüdische Siedler aus Deutschland auf Böden der ICA anzusiedeln, 5000 weitere seien materiell unterstützt worden. An der Aufbringung der Mittel seien neben" der HIAS und HICEM 50 weitere jüdische Organisationen beteiligt gewesen, darunter vor allem der Council for German Jewry und das Joint Distribution Committee. hl dieser Nummer finden unsere Leser u.a.: die Aufsätze Ch. H. Fraenke!: Die 15 Dotfar - Marianne Reiru Joskel zwischen Tod und Leben; Erzählung — Georg Lubinski: DieLudwig-Tietz-Schule inJagur—Olga Bloch: Der Turm zu Babel im Wandel der Zeiten — C. S. Frischauer: Die Geisterstadt Kasimir — KurtSchwerin: Jüdische Arbeit in Breslau — Wirkungen der Militäraktion in Palästina — Lessie Sachs-Wagner: Von der Wesensart des New Yorkers V die Beilagen Die Wanderung — Die Jüdische Gemeinde — Sportblatt — Palästina- Umschau —Schachecke — Recht und Wirtschaft Seiiweiz Die Presse beschäftigt sich nach wie vor mit dem Problem der jüdischen Aus- und Durchwanderer. Den äußeren Anlaß gibt in diesen Tagen die Frage, ob durch die Einführung des Visumzwanges für Juden aus Deutschland nicht der Fremdenverkehr des Landes erheblich geschädigt werde. Es wird der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß die Schweizer Behörden einen Weg iindca würden, der den Bedürfnissen des Landes und seiner Aufgabe als Touristenland in gleicher Weise gerecht werde. Das Journal de Geneve schreibt in einem Leitartikel u. a.: Während sich überall die Länder zu schließen beginnen, wandern die Juden durch die Welt. Heimatlose, die ein Vaterland suchen in Palästina oder anderswo. Jenes *ist ihnen durch den Aufstand der Araber versperrt, anderswo schließen sich die Grenzen, und dennoch haben sie ein Recht, zu leben wie alle anderen. Wenn man sie aber aufnimmt, so leistet man ihnen einen schlechten Dienst, wenn man sie über oder unter die eingesessene Bevölkerung stellt. Es muß aber auch in dieser Frage das rechte Maß gefunden werden, das darin besteht, die Juden weder zu erhöhen, noch, zu erniedrigen. In den Durchgangslagern des Landes sind einige Selbstmorde verübt und versucht worden. Die jüdischen Organisationen des Landes, die sich für die in den Lagern Untergebrachten verantwortlich fühlen, weisen darauf hin, daß diese tragischen Fälle keineswegs, wie an manchen Stellen behauptet worden war, durch die Verhältnisse im Lager, sondern durch persönliche Umstände verursacht worden seien. Die Zahl der Lager ist vermehrt worden, und es sind verschiedene handwerkliche und landwirtschaftliche Fortbildungsstellen in ihnen neu eingerichtet worden. Auch im Hinblick auf die Weiterwanderung sind einige Fortschritte zu verzeichnen. Tschechoslowakei . Das Judentum des Landes beginnt sich1,, auch in organisatorischer Hinsicht, den veränderten Verhältnissen anzupassen. Die zentrale Leitung mit dem Sitz in Prag ist in gewissem Sinne dezentralisiert worden und hat eigene Verwaltungsstellen für Böhmen, die Slowakei und Karpatho-Rußland errichtet. Wieweit es beix etwa kommenden Wahlen möglich sein wird, wiederum mit einer eigenen Liste hervorzutreten, ist noch nicht zuübersehen. Zuletzt hatte die jüdische Partei 100 000 Stimmen auf sich vereinigt. Es verlautet, daß aus dem sudetendeutschen Gebiet etwa 15 000 Juden ins Innere des Landes abgewandert sind. Sie stammen ans etwa 35 Gemeinden. Es sind Bemühungen im Gange, sie teilweise und eine größere Anzahl von Juden, die zur Zeit noch in umstrittenen Grenzgebieten sind, in einem Arbeitslager unterzubringen. Man denkt dabei an den Ausbau des Lagers in Brünn, das, wie erinnerlich, kurz vor dem politischen Umschwung bereits in kleinem Umfang eröffnet worden war. Die Prager Regierung soll diesem Plan günstig gegenüberstehen. Die judenfeindliche Bewegung im Lande wird zum großen Teil von der Sokol-Bewegung getragen, deren Leitung ein Programm veröffentlicht, in welchem die Rückwanderung aller nach 1914 zugewanderter Juden in ihre Heimatländer verlangt wird. Die vorher bereits Im Gebiet der heutigen Tschecho-Slowakei Ansässigen sollen in zwei Gruppen geteilt werden. In jene, welche sich bei der zur Grundlage aller Verhandlungen gemachten Volkszählung von 1910 als Tschecho-Slowaken bezeichneten und in den Neubau des Staates rniteinbezogen werden sollen, und jene, welche sich einer anderen Nationalität zurechneten und in jene Länder abwandern sollen, zu denen sie sich 1930 bekannten. Von 356 830 Glaubensjuden, die im Jahre 1930 gezählt wurden, bekannten sich 204 799. als Nationaljuden, 50 000 bezeichneten sich als deutscher, ungarischer, polnischer und ukrainischer, 100 000 als ischecho-slowakischer Nationalität. An der Prager Universität werden zur Zeit nur solche Juden immatrikuliert, die sich früher zur tschechischen Nationalität bekannten. Die Feststellungen jener jüdischen Personen, die sich ohne Genehmigung und ohne genüfende Legitimation in Prag und in anderen tädten des Landes aufhalten, werden fortgesetzt. Judenfeindliche Kundgebungen, die u.a. von medizinischen und juristischen Organisationen geplant waren, sind von der Regierung untersagt worden. Man glaubt feststellen zu können, daß die staatlichen Organe bestrebt sind, einer zügellosen judenfeindlichen Agitation entgegenzutreten und daß sie die Frage im Rahmen des Staatsumbaus gesetzmäßig und für alle Teile tragbar zu regeln bestrebt" sind. — In Prag traf Sir Robert Macley Ch a i r m a n aus London ein, der die Hilfsorganisationen für die tschecho-slowakiseheti Auswanderer überwachen und betreuen soll. Man hofft,'■■"■daß insgesamt etwa 50G0 Visa für diesen Zweck von den europäischen und außereuropäischen Landern zur Verfügung gestellt werden. Nachrichten ans Sidmey WSS.M. Sydney, Ende Oktober Der Regierungsstatisliker, Dr. Roland Wilson, veröffentlicht die Zahlen über die Einwanderung aus den verschiedenen Ländern für das am 31. August endende Jahr. Die Zahlen beweisen eine Zunahme der aus Deutschland kommenden Einwanderer. Die gesamte australische Bevölkerung vermehrte sich im abgelaufenen Jahr durch Einwanderung um 7029 Personen, aber in der gleichen Zeit nahm die britische Bevölkerung um 510 Personen ab. Die neue Bevölkerung setzt sich zusammen ans 2825 Italienern, 1058 Griechen, 738 Deutschen, 670 Polen und 642 Jugoslawen. Die starke Zunahme der nichtbritischen Einwanderung hat zu der Erwägung geführt, auch in Australien die Quoteneinwanderung vorzunehmen. Nach einer Verlautbarung des Innenministers beschäftigt sich das Kabinett gegenwärtig mit diesem Problem. *. Die australische Regierung hat einen Erlaß an alle Schiffahrtslinien gerichtet, nach welchem jüdische Reisende in Zukunft mit einem Touristenvisum keinen Einlaß mehr finden, selbst wenn sie im Besitz von Rückreisefahrkarten sind. In dem Erlaß weist der Minister darauf hin, daß eine Anzahl jüdischer Touristen nach Australien in der Absicht gekommen sind, sich hier niederzulassen. . ■ Das Innenministerium könne für die Antragsteller, die sich bereits in Australien befinden, keine Sondergnmdsätze gelten lassen. Es solle durch diese Regelung der normale Geschäftsreiseverkehr nicht unterbunden werden, auf keinen Fall liege in dieser Anordnung eine Diskriminierung gegen Juden; nach wie vor werden . die Anträge Fremder, nach Australien einzuwandern, nach den gleichen Grundsätzen behandelt. Die australische-Regierung hat. einer Gruppe jüdischer Touristen, die kurz nach Erlaß dieser Anordnung in Australien ankam, eine Sondergenehmigung zur Landung erteilt. . ■■: * Regierung und das Parlament von Neu-Süd-Wales beschäftigt sich mit (Fortsetzung, auf Seite 2) Hedwig Brodnitz In New York, wo sie sich zum Besuche ihrer beiden älteren Söhne aufhielt, ist Frau Hedwig Brodnitz, die Witwe von Julius Broclnitz, am 30. Oktober einem Herzschlag erlegen. Es ist schwer, den Empfindungen Ausdruck zu geben, die uns, ihre Freunde, bei dieser Nachrieht bewegen, der die räumliche Entfernung gleichsam etwas Abstraktes geben, als ob von der Toten und ihrem Ergehen in den letzten Monaten des Lebens abgesehen werden könne, damit ein um so plastischeres Bild des Menschen aus der Zeit seiner Nähe und seines nahen Schaffens erwachse. So will es fast scheinen, als sei dieser letzte Abschied heute nur der Abschluß des Abschiednehmens von damals, als Hedwig Brodnitz nach dem Tode ihres Gatten zum jüngsten Sohn nach Palästina auswanderte, um dort im heranwachsenden Enkel eine neue Aufgabe und eine neue Hoffnung zu haben. Als wir ihr damals die Hand drückten, war es uns, als ob erst in diesem Augenblick das Fiuidum zu strahlen aufhöre, das von jener W^ohnuhg in der Prinzregentenstraße 94 während der gescMehtsschweren Jahre nach 1933 ausgegangen war, und den engsten Mitarbeiterkreis des C.-V. und darüber hinaus das jüdische Leben in der Zeit seines großen Umbaus belebt hat. . Hedwig Brodnitz gab diesem Hause die Wärme, die uns der Familie zugehörig machte, deren Senior unser Julius Brodnitz war. Sie war seine Lebensgefährtin im wahren Sinne des Wortes, in allen Tagen, auf allen Wegen, den hellen und leichten früheren, den ernsten und umschatteten der letzten Zeit. Sie sah die übermenschliche Arbeitslast, die ihr Gatte auf sich genommen, aber sie wehrte sich nicht dagegen, sondern' bemühte sich, ihm Entlastung zu bringen. Sie wußte, daß ihr Beitrag zu den Opfern unserer jüdischen Gemeinschaft nur in dem stillen Helfen und Zurseitesein bestehen konnte. Niemals betrachtete sie den Gatten als Privatbesitz der Familie. Aber die Gattin des C.-V.-Vorsitzenden begab sich nicht ins politische Spiel des jüdischen Lebens. Sie sah fast alles, sie hörte viel, sie hatte ein sehr klares und selbständiges Urteil über Menschen, die ihrem Gatten nahestanden, und durchschaute mit fraulichem Instinkt sehr rasch, wer sich ihm aus sachlichen Gründen näherte, und wer aus persönlichen Motiven und Eigennutz zu ihm kam. Manche menschliche Enttäuschung, die den schweren Lebensabend des Gatten noch schwerer machte, hatte sie vorausgesehen. Aber es war nicht ihre Sache, dort Einfluß auszuüben, wo nicht ihr Bereich war. Ihr Bereich war die Familie^ der Geist des Hauses, die Pflege der Freundschaft, der familiären Bande. Nach dem, Tode des Gatten war es ihr eine Freude, daß der Bruder, der ihm seit Jahrzehnten in der C.-V.-Arbeit engster Berater gewesen war, die Nachfolge in der C.-V.-Führung übernahm und in dem gleichen Raum mit den Mitarbeitern beriet, in dem der Gatte gearbeitet hatte. Hedwig Brodnitz wußte Freundschaft zu pflegen. Es gab nicht viele Menschen, denen sie ihr volles Vertrauen schenkte, aber zu ihnen hielt sie unerschütterlich. Ihr Kreis war in den letzten Jahren immer kleiner geworden. Aber in allen Erdteilen leben Menschen, die bei der Nachricht vom Tode dieser Frau ein Hauch gehobener Trauer anwehen wird, in dem Liebe und Verehrung für einen Menschen mitschwingen, der sein Leben still, klar und stark zur Erfüllung geführt hat. Alfred' Hirschberg

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