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Central-Verein-Zeitung · 1938-10-20 · 42 (20.10.1938) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
42 (20.10.1938)
Date
1938-10-20
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 42 * 3. Beiblatt C.-V.-Zeitung 20. Oktober 1933 * Seite 13 DAS BLATT DER JÜDISCHEN TRAU Abenteuer über Mittag Text und Zeichnungen von Gabriella Rosenthal, Jerusalem Manchmal überkommt uns der Hunger nach Abenteuern. Zum Beispiel wenn die Elektrorechnung im Kasten steckt, wenn wir eine auf Bütten gedruckte Vermählungsanzeige bekommen oder wenn eine Karte aus Haifa nur drei Tage braucht. Zum Teufel — wir sind doch im Orient! Elektrizität, „jeckische" Feinheiten und schwindelerregend präzise funktionierende Post — Mensch, ich habe es satt! Und wir beschließen, sofort auszuziehen, um unsern rebellischen Hunger nach Abenteuern in einem möglichst östlichen Restaurant zu stillen. Bazillen? Erfindung eingebildeter und überetepetetener Wissenschaftler. Hast du schon mal einen gesehen? Na also! — Neuzeitliche Ernährung? Bitte, du kannst dir ja eine mit Kandiszucker gesüßte geschabte Karotte mitnehmen ... — Also: Zu David Misrachi oder David Misrachi oder David Misrachi ...? (Denn komischerweise scheint alles, was männlich ist, zwischen Samarkand und Casablanca David Misrachi zu heißen.) Jedenfalls: los! Da ist in Machaneh Jehuda, dem Lager Judas, dem Marktviertel kurz vor dem Westrande der Stadt ein halbes Lokal, das wir empfehlen möchten. Ja, ein halbes. Denn auch die Marktbuden kosten Mieten, und die halbe ist besser als die ganze, folglich zieht Misrachi, der Koch, eine Wand durch die Mitte und gibt den Raum an Misrachi, den Primusreparateur. Ein wenig merkwürdig beschreibt der Türbogen einen Viertelkreis, und die Lokalität ist kaum 1,50 m breit. Aber man richtet sich ein. Hoch oben über dem Tisch wurde eine Balustrade mit einem Geländer errichtet, auf der zwei niedrige Tischchen und sechs stroherne Hocker stehen und die mittels einer Leiter zu erkKmmen ist. Ein Herd mit großem Kamindach, ein blechernes Wassergefäß über dem kleinen Waschbecken, ein Arbeitstisch, ein Regal, der Eßtisch mit zwei Holzbänken und zwei riesige Ungetüme von Petroleumlampen sind das Hauptinventar. Der Schmuck: ein Zeitungshalter aus gepreßtem Karton, darstellend eine Winterlandschaft, von wuchernden Rocaillen umrahmt und mit Glitzerstoffen besät, ein Stückchen Spiegel, gerahmt, und die „Teudah" (Zeugnis) des sefardischen Rabbinats. Und neben dem Eingang im Kasten aus Blech und Glas mit der Spezialität des Hauses: geröstete Maiskolben? Nein, was da sehr appetitlich aneinandergereiht ist, sind lange Gehäuse aus Burgulteig (Burgul ist ganz grob gemahlener Weizen), die der Wirt mit dem Ballen der Linken und dem Zeigefinger der rechten Hand mit wirbelnder Virtuosität dreht, und die mit gebratenen Fleisch- und Zwiebelstückchen gefüllt sind. Wir werden uns aber nicht darauf stürzen, sondern sie später nach Hause mitnehmen, um sie mit einem Salat aus Tomaten und jungen Pfeffersckoten mit Minzkraut gewürzt, zu Abend zu essen. Der Wirt, ein dürrer Sefarde, dem trotz seines nahrhaften Gewerbes der Chalat (hemdartiger Kaftan) um den Leib schlottert, wo er nicht (ein wenig über den Knien) durch die Schürzenbänder zusammengehalten ist, und der bis zur halben1 Wade reichend die schwarzen Wollstrümpfe und Pantoffeln sehen läßt — der Wirt also zeigt uns das Menu. Er hebt ein Tuch auf, das über drei Teller gebreitet war, in denen Hackfleisch, Rindfleisch und Hammelfleisch liegt. Wir haben Glück, es gibt außerdem Tomaten und Auberginen. Wir kommen überein: wir nehmen Hackfleisch, das, mit Pfeffer und duftenden Kräutern geknetet, besonders lieblich schmecken wird, und Lammstücke. Dann nehmen wir am Tisch Platz, und der kleine Bengel des Wirts, ein Bürschchen von 10 Jahren mit mäßig gewaschenem, aber blitzgescheitem, beerenäugigem Gesicht, in einer Schürze (Bazillen gibt es, nach Vereinbarung, heute nicht!) die ihm von den Achseln bis auf die Schuhe fällt, kommt, zwei Pitas (Fladenbrote) unter dem Arm, breitet säuberlich ein Blatt der „Illustrated London News" aus, legt sie darauf und stellt zwei Gläser neben die tönernen Karaffen. Wir besehen uns das „Tischtuch", bis das Mahl fertig ist, das der. Vater am Herd bereitet. Es beginnt zu duften, leise, doch eindringlich, knusprig, saftig, prickelnd — wo röche man Aehnliches in den gekachelten Küchen der inneren Stadt? Und dann bringt der winzige Ober die Teller mit den Kräutern, und die halbmeterlangen, am Ende zu einem kleinen Ring gebogenen Eisenspieße, auf denen, abwechselnd mit einem Stückchen Aubergine und Tomate, die Fleischstücke aufgereiht sind und das Hackfleisch perlenartig um den Spieß modelliert. W7ir stutzen nicht mehr vor dem fremden Gerät. Mit Routine nehmen wir mit der Rechten ein Stückchen der Pita, legen ein Zweiglein Petersilie darauf und streifen damit das Fleisch und das Gemüse vom Spieß, ohne mit der Gabel hineinzustecken, was einem gastronomischen Sakrileg gleichkäme. Geht doch auf die eben beschriebene Weise nichts von dem Saft und der Kraft aus dem glänzenden, kräuterumwickelten Fleisch verloren! Ab und zu trinken wir dazu einen Schluck des tongekühlten Wassers. So und nicht anders aßen die Wüstenhebräer, und im ganz leisen Rauchgeschmack ist die Erinnerung an die Lagerfeuer vor den Zelten. Ein Lastwagen voll Wassermelonen rumpelt in der Nähe vorbei, hält, und die Burschen werfen die Früchte — kleine und bis zu 30, 35 Pfund schwere — dem Obsthändler zu, der sie seinem Sohn zur Aufstapelung weitergibt. Wir holen eine um einen halben Piaster . und teilen sie mit den Misrachischen Kindern. Draußen geht Frat Feldmann, die gefürchtete und perfekte Hausfrau, mit ihrer Markttasche vorbei. Ihr Gruß scheint anzudeuten, daß sie uns nun wohl endgültig aufgibt. Soll sie Königsberger Klops und Kar- ' toffelgemüse kochen! Wir aber kaufen uns türkischen Kaffee bei einem vorbeiziehenden Händler. Wenn uns die „Rebellion gegen den Westen" mitten in der King George Street oder in Rechaviah packt, und es zu umständlich wäre, unsere Sehnsucht in die orientalischen Außenbezirke zu tragen, dann machen wir in einem kleinen Restaurant Station, das dicht neben dem im Lokaljargon „Schoter" (Verkehrspolizist) genannten Kreuzungspunkt der zwei Hauptstraßen eine verhältnismäßig büi'gerlich-herrschaftliche Existenz führt und sogar schon von einigen Kennern bevorzugt wird. Es hat eine bescheidene Menukarte, das sanfte, dunkle Mädchen trägt eine frische Schürze, es gibt Papierservietten, einen Wandspiegel, und wir könnten von Frau Feldmann darin gesehen werden, ohne daß sie sich entsetzen müßte. Aber trotz seiner öde gestrichenen Tische und der Theke mit dem Glasaufsatz hat das kleine Beisi seine Atmosphäre, die es auf unbestimmt abenteuerliche Weise von den Speisehäusern der Umgegend unterscheidet. Die Gerichte haben die saftige Würze, die der Orientale über alles schätzt, das Fleisch, hier in der Pfanne gebraten, trieft von einer lichtrotbraunen, wunderbaren Sauce. Die Gemüse, meist alle möglichen Sorten der Saison zusammengekocht, aber ich möchte sagen, rücksichtsvoll, so daß sie in nichts, aber auch gar nichts, an das fürchterliche „fleischlose Irish Stew" europäischer vegetarischer Restaurants erinnern — auch sie sind von einer pikanten Sauce, deren Pfefferzusatz noch nicht ihren Wohlgeschmack übertönt, gebunden. Jedoch, es soll gestanden sein, es ist nicht nur das, was uns in das kleine Restaurant lockt. Es ist hier nicht die Vor-, sondern die Nachfreade das Besondere. Denn auf den kleinen Tellern, auf denen serviert wird — und es gibt deren glücklicherweise kaum zwei völlig zueinanderpassende — erseheinen zuletzt, inmitten arabeskenreicher Ränder, allerlei figurenreiche Szenen. Da reitet unter dem Braten auf tänzelndem Schimmel Johanna, von Orleans, das süße, romantische Lockenhaupt über den um drei Nummern zu mächtigen, draperieumwehten Panzer schwärmerisch erhoben, kaum gewärtig, daß rauhe, ■ bärtige Krieger, Bürger und deren Frauen sie umjubeln. (Vielleicht glaubt der Wirt, der dem Sagenkreis aus 1001 Nacht näher steht als der europäischen Geschichte, daß sie sie nur mit offenem Mund bestaunen?) Im Suppenteller stehen golden verklärt im Bouillonschein, Radames und Aida, und hinter ihnen, trotz der Intimität und der Kühle der Stunde, ein Neger mit Straußfederwedel und diskretem Gesichtsausdruck. Unter dem . rosa Pudding aber erscheint, höchst wunderbarerweise, die rührend-zarte, schneeweiße Gestalt der Madonna von Lourdes. Und der Brotteller zeigt, in einem Fries von Sphinxen, Moses Montefiore und den Sultan der Türken, letzteren im seidenumwundenen, federgeputzten Spitzhut, weißen Wadenstrümpfen und Hauspaiitoffeln und gewaltiger Herrscherpose. Darunter eine französische Scherzfrage,' die auf die beiden Bezug nimmt. Gestärkten Leibes und Gemütes (und nicht sehr geschwächten Beutels) verlassen wir stets dieses Gasthaus. Natürlich werden wir bald wiederkommen und auf dem Grunde der guten Dinge Turandot und die Kathedrale von Chartres, neckische Holländerpaare, den Vesuv und (im Rahmen der Möglichkeit, daß auch junge Mädchen von dem Teller essen werden) römische Orgien finden. Im Viertel der Bucharen gehen die Frauen in weiten Kleidern, von unbekümmerter Buntheit — die jungen schlingen eine Schärpe um die Taille — und tragen über ihren hohen Stirnbändern aus karierter Seide zarte Schleier, die meist mit Pailletten bestickt sind. Die Männer lange, helle Hemden, gewirkte oder seidene Gürtel, ein schön gearbeitetes Käppchen oder eine Astrachanmütze (Die Jungen in Hemd, Hose und Mütze sehen leider weit weniger schön aus.) Dort gibt es außer den Dingen des täglichen Bedarfs, hübsch bemalte Holzpantinen zu kaufen und merkwürdigen Tand beim Trödler. Aber wir haben Hunger, und deshalb betreten wir eine Kneipe, ein etwas trostloses, nicht gerade sauberes, kahles Lokal, allzu geschmückt mit einigen Zigarettenplakaten, in dem gerade eine Partie Trick-Track, im Orient beliebtes Brettspiel, mit vielen Kiebitzen und eine Runde Orient-Skat „unter Brüdern" im Gang ist. Daneben hält ein einsamer Genießer heiterbeschauliche Mittagsrast, inctem er, seinen Kaffee neben sich, an seiner Wasserpfeife saugt. Die Schuhe hat er (oh, letzte Vollendung der Gemütlichkeit!) unter den Tisch gestellt und läßt seine braunen Zehen behaglich spielen. Unser kleiner Tisch zeigt nur noch ein Oval seines ursprünglichen Anstrichs. Die Ecken sind dicht braungetupft, man kennt hier keine Aschenbecher. Wir bestellen Kabab, Reis und Salat aus Tomaten und Pfefferschoten. Der junge Wirt legt zwei riesige dünne Pitas auf den gesprenkelten Tisch, bringt nach einiger Zeit — denn es wird, wie überall, für jeden Gast besonders zubereitet — den Kabab, wie poliert glänzende, dunkelbraune, heiße Stücke, jedes in der Mitte wie eine Perle durchbohrt vom Bratspieß, und lieblich mischt sich ihr^ prachtvolles Aroma mit dem der umgebenden Kräuter. Der Reis ist kalt und mit Linsen und gebratenen Zwiebeln vermischt und schmeckt, merkwürdig, ausgezeichnet. Eine Warnung aber an alle, die in unseren leichtsinnigen Spuren wandeln wollen: essen Sie nie Pfefferschoten bei einem Orientalen! Denn lieben Sie von zu Hause die großen, süßen, stumpfen, mit einer Fülle von Reis und Fleisch, so bevorzugt der Bruder aus dem südlichen Osten die kleinen, spitzen, deren Schärfe, in ihrer Form schon angedeutet, dem Westeuropäer Zunge und Gaumen durchbohrt. Nicht genug: er bewahrt dieses an sich perfide Gemüse in einer Beize aus Essig und Pfeffer auf und bezeichnet es „als Salat. Solche Dinger lagen auf unsern Tomatenscheiben, und ein freundliches Geschick ließ uns diese zuerst kosten. Trotzdem, schrien wir doch nach Wasser. Es war nur ein Stück des „Salates" drauf gelegen, und schon schien die imiiiiiiiimiiiiiimiiiiiiiiiimimiiiniiiiiiiiim Die kleine Wohnung Von Elisabeth Ney Wir haben eine kleine Wohnung, Link.es Gartenhaus, parterre rechts, Ohne Komfort, Warmwasser, Telephon. Sie ist bescheiden und recht anspruchslos, Die Sonne gibt uns selten dort die Ehre, Gleich feinen Damen kommt sie nicht vor fünf. Die sitzen kaum, so schau'n sie schon zur Uhr, Und haben stets noch vieles zu besorgen, So macht's die Sonne, wenn sie uns besucht. Doch habe ich die kleine Wohnung lieb Trotz aller zugestand'nen Mängel, Sie fordert wenig und sie gibt so viel. Sie hüllt uns ein in ihrer Wände Schutz, Sie läßt uns ruh'n, wenn wir der Ruh' bedürfen, Die kleine Wohnung meint es gut mit uns Sie gleichet mütterlichen Frauen, Die unscheinbar oft von Gestalt, Nur immer schenken und vertrauen Mit stiller Selbstverständlichkeit. iiuiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiniiiiiuiiiiniiiiiiiiiniiiHiiiiinniiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiiiiiii Hölle in unserm Mund zu toben. Die Trick- Track-Partie schmunzelte, der stille, barfüßige Genießer blinzelte unter schweren, schwarzen Brauen zutiefst belustigt, und wir stopften abwechselnd Pita in den Mund und tranken, um den Brand zu lindern unx! zu. kühlen. Aber siehe: unnachahmlich hob,,sich; von dem endlich zurückgebliebenen . leisen - Brennen der Teuielssehärfe die volle, saftreiche Würze des Fleische5, und sanft und nahrhaft schmeckte dazwischen der Reis. Einen halben oder einen ganzen Kaffee?, fragt der Wirt. Wir bestellen einen halben. Aber auf einen „halben" geht dort ein gutes Weinglas voll des herrlichen, türkischen, der die klassische Forderung „Heiß wie die Hölle, schwarz wie die Sünde, süß wie die Liebe" (oder nach Belieben „Heiß wie die Liebe, süß wie die Sünde, schwarz wie die Hölle") exemplarisch erfüllt. Wir müssen doch einmal einen orientalischen Juden fragen, ob er, wenn ihn (den Toren) eine romantische oder mondäne Sehnsucht nach dem Westen packt, zu Papa und Mama Jeidl geht, um eine frankfurterischvollkommene gefüllte Milz mit dem unnachahmlichen Kartoffelsalat des Hauses oder einen Karpfen in Majoransauce zu essen. Oder lieber fragen wir Jeidls selbst, bei unserm nächsten Ausflug, wenn wir Gutealte-Zeil-selig sind und essen wollen „wie bei Muttern".

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