Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 38 (22.9.1938)
- Date
- 1938-09-22
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 38 * 22. September 1928 C. V.-Zeitung Seite 23 dem Foxl auszugehn. „Werden deine Eltern das auch erlauben?", fragte die .Dame noch vorsichtig. „Denen ist doch gleich", meinte Olga altklug, „ob ich mit meinen Brüdern auf dem Wittenhergplatz rumtobe oder ob ich hier mit Schnupsiehen spazieren geh'." Also führte sie nun immer am Nachmittag den Ilund spazieren, und am Ende der Woche bekam sie von der Dame eine Mark dafür. Die Brüder -wunderten sich sehr über ihren Reichtum und wollten zu gerne wissen, wo sie nach Tisch immer hinlief. Aber Olga verriet nichts. Nach dem Spaziergang lieferte sie den Foxl immer richtig bei der Dame ab; die war aber nur am Freitag und Sonnabend zu Hause. An diesen beiden Tagen lud sie die Kleine immer noch ein Weilchen zu sich ein, und bald waren sie auch gut Freund miteinander. Olga wurde nach und nach mitteilsam, so daß die Dame alles über die Brüder und die mißglückte Affidavitsuche erfuhr und wie schlecht es Herrn Kaiisch ging: und das war sehr wichtig für die Familie, weil die Dame näm- / lieh -ein hohes Tier beim jüdischen Wohlfahrtsamt war, und wenn sie wollte, manches tun konnte.... * ...Kinder, paßt auf! Jetzt kommt ein Trick. Wir müssen nämlich ganz rasch mal unsre Geschichte hier in Deutschland unterbrechen und sie in New York, drüben in Amerika, weiterspiclen lassen. Im Kintopp wird das manchmal auch so gemacht, und wenn das Zwischenspiel vorüber ist, kehren wir allesamt wieder hübsch nach Deutschland zur Familie Kalis ch zurück. Also wundert euch nicht, wenn jetzt lauter fremde Personen vorkommen: das hat alles seine Richtigkeit, wie ihr später sehen werdetI... * ... „Hallo, Jacki, deine Post! Keine schwere Arbeit heute..." Jacki, ein New Yorker postman, sog einen tiefen Erleichlerungszug aus seiner verbeulten Pfeife und sah seinen Postmeister dankbar an; er war durchaus kein Freund vom vielen Arbeiten. „Nur dieser eine Brief", fuhr der Postmeister mit breitem Lachen fort, „wird dir Unannehmlichkeiten machen; fehlt nämlich die Adresse drauf— look here, Jacki: ,Mister Edgar Brown, New York'..." Jacki fuhr erschrocken zusammen; es ga"b fünf Edgar Browns in seinem Bezirk, da konnte er nun mit dem Brief von einem zum anderen latschen. Er warf seinem Arbeitgeber einen traurigen Blick zu, murmelte „bye-bye" und trat seinen langen langen Weg an ... Zwanzig Minuten später klingelte er bei Mister Edgar Brown Nummer eins. „Aha, die Post", sagte dieser und öffnete die Tür. Er hatte es furchtbar eilig, riß Jacki förmlich den bewußten Brief aus der Hand und las ihn noch rasch in des Briefträgers Gegenwart. „Der Teufel hole dein verdammtes Affidavit!", fluchte er, sehr wenig gentlemanlike, warf dem armen Jacki den Brief an den Kopf und schmiß mit einem Knall die Tür zu. — Zunächst nahm Jacki mal neugierig den Inhalt des unglückseligen Briefs zur Kenntnis. Danach wurde ihm schon etwas hoffnungsvoller zumut. „Will dem nächsten Mister Brown recht gut zureden", dachte er, „daß er dem Schlingel in Germany das Affidavit gibt. Je schneller das erledigt wird, um so weniger brauch' ich weiter rumzulaufen." — Mister Edgar Brown Nr. *2 studierte den Brief genau und überlegte eine Weile. Jacki beobachtete ihn aufmerksam und sagte etwas wie „Hilfsbereitschaft..." nebenher. Damit meinte er aber „Hilfsbereitschaft" weniger für den kleinen Bittsteller in Germany, als vielmehr für sich selber. Wahrscheinlich dachte er, daß jeder hilfsbereite gentleman das Schicksal eines armen Briefträgers würde erleichtern wollen. — „Ich würde ja das Affidavit ganz gern leisten...", brummelte Mister Brown der zweite schließlich, „aber ich fürchte, meiner Frau damit Kummer zu machen; daher muß ich sie erst um Erlaubnis bitten." Und er verschwand mit zagendem Schritt. Bald darauf hörte Jacki eine laute Diskussion aus der Wohnung schallen, und als diese nun gar kein Ende nehmen wollte, entschloß er sich widerwillig, mit dem Brief zum nächsten Mister Brown zu wandern. Von d e m versprach er sich mehr Erfolg, denn der wurde im ganzen Bezirk „poor mans friend" und „der Millionär" genannt. Jeder hat so seinen Leib- und Magensport; der von Mister Edgar Brown Nr. 3 war eben das Verschenken großer Summen an irgendwelche armen Leute. Jacki trug seinen Brief wichtigtuerisch dem reichen Mann in sein Privatbüro. Mister Brown warf nur flüchtig einen Blick darüber hin, und dann sagte er mit halb geschlossenem Mund: „Oke, bring das mal zu meinem Sekretär..." * ... Hoppla, rutsch und schnurrdiburr, — da wären wir also mit einem großen Satz wieder in Germany bei der Familie Kaiisch. Die menschliche Phantasie ist doch wirklich eine hervorragende Sache: man schaltet ein, und hoppla, da ist man schon mitten drin in New York; man schaltet um, hoppla, allright, und alles steht wieder genau so vor unsrer Nase, wie wir's vor ein paar Minuten verlassen haben. In diesem Fall mutet die Schnelligkeit einen doch ein bißchen an wie Hexerei, aber wie ich schon vorhin bemerkte: es hat hier alles seine Richtigkeit.. . ' ■■*- ... Eines Morgens saß die Familie wie gewöhnlich beim Kaffee; Gert erklärte gerade mit vollem Mund den Mechanismus einer Fahrradrücktrittbremse — da läutete im Korridor das Telephon. ..Geh mal ran!" sagte Herr Kaiisch zu Olga, „sicher wird das für Adams sein." (Adams waren die „möblierten Mieter"). Olga sprang vom Tisch auf, kam aber gleich wieder zurückgelaufen. „Vati, für dich!", rief sie eifrig. ..Wer ist denn dran?", fragte Herr Kaiisch, während er sich kopfschüttelnd erhob. „Weiß nicht... ich glaube, ein Herr von der Jüdischen Gemeinde", meldete Olgachen errötend. „Dunnerschock!" rief er, „was Wollen denn die von mir?" Und schon war er aus dem Zimmer. — Als er zurückkam, schüttelte er immerfort verständnislos den Kopf. „Ich soll gleich hinkommen", sagte er zu seiner Frau, „der hat gesagt, er will mir Vorschläge machen... keine Ahnung, was der will!" Aber trotzdem aß er rasch fertig und machte sich auf die Beine. Um i Uhr war er noch nicht zum Essen da; es gab zwar bloß Kohlrabigemüse und Pellkartoffeln, aber immerhin... „Wir werden warten", sagte Frau Kaiisch nervös. Und sie warteten fünf Minuten, zelm Minuten und eine halbe Stunde. „Hunger!" murrte Gideon; er war das ungeduldigste von allen Kindern, ,,los doch! Wir wollen endlich anfangen". Kaum hatten sie sich wirklich hingesetzt, als es dreimal kräftig klingelte. Ein Gebrüll erhob sich: „Pappa!" Alles stürzte raus zur Tür. Der Vater brauste geradezu herein, griff nach Olga, nahm sie auf den Arm und führte mit ihr einen Indianerfreudentanz durch den ganzen Korridor auf. „Was hat er bloß?", dachte Frau Kalisch entsetzt; sie machte ein noch bekümmerteres Gesicht als sonst, weil sie jetzt auch noch Angst haben mußte, daß ihr Mann verrückt' geworden sei; und die Kinder konnten sich sein Benehmen auch gar nicht erklären. Da stellte Herr Kalisch Olgachen wieder auf beide Füße und rief: „Also Kinder, stellt euch vor, ich komm' da hin — auf die Gemeinde, frag mich durch bis nach Zimmer 67 — die hatten nämlich vorhin angerufen — ist das doch die Umschichtungsstelle der Jüdischen Gemeinde, und da wird mir denn ganz einfach klar gemacht, daß ich für umsonst einen- Massagekursus mitmachen kann; jetzt werd' ich also richtiggehend Masseur, und dann werden wir auch viel leichter auswandern können..." Da brach natürlich ein Jubel aus, selbst Frau Kalisch kriegte helle Augen vor Freude. „Wie sind die denn auf dich gekommen?" fragte sie fassungslos. .,Wreiß ich auch nicht", sagte Herr Kalisch, „mir wurde nur gesagt, daß die Leiterin des Wohlfahrtsamts-sich persönlich für mich eingesetzt habe. Dabei kenn' ich die Frau doch gar nicht!" „Aber i c h!", platzte Olga da heraus. Nun half es nichts mehr — alles mußte sie erzählen, von der Dame auf dem Lülzowplalz, von Schnupsi und dem vielen Geld. „Hoch Olga", rief der Vater tief gerührt, , „hoch und hoch und nochmal hoch!" Bei diesem Mittagbrot war und blieb die keine Olga Hauptperson: „Wartet's ab!", dachte sich Gert verstohlen, „wenn erst mein Affidavit kommt..." * ... Etwas stimmt mich nachdenklich bei aller Freude: wie ist das zu erklären, daß ein gescheiter, ausgewachsener Mann wie Herr Kalisch wegen eines an sich doch ziemlich unerheblichen Glücksfalls derart außer Rand und Band gerät? Begreifen könnte ichdas, wenn er zum Beispiel das Große Los gewonnen hätte. Aber so... wegen eines Umschulkurses „für umsonst?" Woher kommt dieser unverhältnismäßig wilde Freudenüberschwang? Ich denke mir die Sache so: wenn man auf dem Wege ist, ganz mutlos zu werden durch die Zeit und durch das Schicksal, wirkt ein unvorhergesehener Glückszufall wie ein Donnerschlag in tiefer Nacht. Im ersten Augenblick hört sich meistens alles viel wichtiger an, als es ist. Gewöhnlich ist der Donnerschlag dann nur ein Knack im Schrank gewesen. Das soll nun sein, wie es will, jedenfalls ist es mir nur recht, daß bei Kaiischens am Familienhimmel wieder mal die Sonne aufgegangen ist. Wir wollen -sie ruhig ein Weilchen scheinen lassen und währenddessen frohgemut zum zweiten M-'de - nach USA. hinüberflitzen... * ... Nach New York, genau gesprochen, wo grad ein weißlackierter Lincoln, mit Mister Edgar Brown III am Volant, lautlos durch die Fifth Avenue einherrollt. Vor einem eleganten Haus stoppt Mister Brown den Wagen und hupt ein paarmal. Nach einer Weile öffnet sich die Pforte, heraus tritt Mister Zacharias Nathanson, der innigste Geschäftsfreund unsres „Millionärs", und klettert ohne viel Umstände ins - Auto. Mister Brown drückt auf den Anlasser," und. sofort springt der Motor an; während des Anfahrens stößt er ein Knurren aus; wie der Wagen aber richtig läuft, fängt er auch zu reden an: „Morning, Zachchy, furchtbar heiß heut', was? Neunzig Grad, glaub' ich — unerhört sowas, müßte verboten werden!" „Yiees", sagt Mr. Nathanson nach einiger Zeit; er scheint ein recht schweigsamer Mann zu sein. Was man von Mr. Brown nicht sagen kann; allerdings hat er eine sehr komische Art zu reden: wenn der Wagen läuft, läuft auch seine Zunge. Bei Tacho 4o kann man ihn noch gut verstehen; bei 5o, 55 oder 60 blubbert er wie ein Wasserfall — folgerichtig würde er bei stehendem Motor verstummen müssen. Im Augenblick zeigt der Kilometermesser 45, und Mr. Brown beginnt zu haspeln: vom Geschäft, von seiner Frau, von seinem Wragen, vom Sommerurlaub; er pflegt auch Fragen zu stellen, ohne die Antwort des schweigsamen Freundes abzuwarten. Aber jetzt, an einer Kreuzung, muß er den Wagen abstoppen. i5 zeigt der Ov Tacho... „Yeah", sagt Mr. Brown nun langsam, „ist mir doch da neulich n Ding passiert..." Stop! Da bleibt der Wagen stehn. In diesem Moment lehnt sich Mr. Brown seelenruhig im Polster zurück, nuppelt an seiner kalten Zigarre — und ist verstummt. Aber dann wird die Kreuzung frei, der Lincoln ruckt an, und die Tachonadel springt empor... 10 — 20 — So-,— 45 —, und von neuem nuschelt Mr. Brown. „Kommt da neulich der Briefträger in mein private-office", blubbert er, „überreicht mir einen Brief und fragt: ,1s that for you, Mr. Brown?' Sag' ich: ,Time _ ^>rK<> ^iV/l^XJ4' \ 1 » *st money, my clever boy, I (( \\] -~^~3^^^^>^ have to do mit meinem bu- \ l\ \L£\__' sincss, scher' dich mit deinem f / ~7~*4ift- ^BfäMs^ Brief zu meinem Sekretär'... l'.«v Vämtiwr Nachher stellt sich raus, verlangt da so'n little fellow :v< Germany, dreizehn Jahr' alt, glaube ich, ich soll' ihm Affidavit leisten — zwei Erwachsene, vier Kinder! Zach, was meinst du, hab' ich gemacht?" „Stop!", ruft Zacharias Nathanson, „sind eben an der Börse vorbei___" Noch ein paar Meter, und Mr. Brown bringt den Lincoln zum Stehn. Zach spuckt seinen Kaugummi durchs Wagenfenster, reicht dem jetzt, bei stehendem Motor, wieder ganz verstummten Freund teilnahmslos die Hand, sagt: „Good bye" und verläßt das Auto. „Bye-bye", denkt Mr.Brown.... * ... er gleitet nämlich nicht nur die Fifth Avenue entlang, sondern er gleitet geradewegs aus unserer Geschichte. Wir streichen ihn, radieren ihn aus — von nun an gibt es ihn nicht mehr. Er spukt allenfalls noch wie eine Traumfigur in Gerts Kopf rum, wie eine wunderbare amerikanische Vorstellung; die aber langsam auch verblaßt. Uebrig bleibt von ihm nur noch der Schatten, und das ist in Gerts erwartungsvollem Herzen die Hoffnung auf Erfolg seines heimlich geschriebenen Briefs nach New Yrork. Ja, obgleich schon eine ganze Reihe von Wochen vergangen ist, blüht diese Hoffnung in dem ältesten Kalischjungen weiter wie ein unbegossener Schnittlauch topf.. . „Blühen" ist übrigens Quatsch, Schnittlauch blüht gar nicht, soviel ich weiß? Oder doch? Sind da nicht doch manchmal so kleine lila Pimperchens dran. Ja, nicht? * ... Am ersten Sonntag nach den Sommerferien war die Familie schon um 6 Uhr morgens auf Landpartie gegangen. Zufällig hatte der Briefträger an diesem Tag grade einen Einschnibebrief für Herrn Kalisch mit; er klingelte einige Male, aber niemand kam aufmachen. „Der muß denn nu bis morgen bleiben!", dachte der Briefträger und schob den Brief in seine Tasche zurück. — Am nächsten Morgen stieß er mit Herrn Kalisch schon auf der Treppe -zusammen. „Moijn!" rief Herr Kalisch eilig; es war schon% 'nach 'halb acht, und um 8 Uhr be?- -chon der Massagekursus. „Ich * hab' Ihnen ooch was miL. icht, Herr Kalisch", sagte der Briefträger hinter ihm her, ,,'n innjeschriebnen Brief, Herr Kalisch!" Der war aber schon unten und hörte nicht mehr auf den Schluß; und oben in der Wohnung war ja jetzt niemand — denn Frau Kalisch holte um diese Zeit immer ein. — Und Dienstag früh genau dieselbe Sache: Herr Kalisch stürzte wiederum in höchster Eile die Treppe runter, beinah hätte er den Briefträger noch überrannt. Der wich aber heute nicht aus. „Sachte, Herr Kalisch, sachte. Ich lauf Ihnen nun schon seit Tagen mit einem Einschreibebrief aus Amerika nach..." Mit einem wilden Kringel unterzeichnete er die Empfangsbescheinigung, stopfte den Brief in seine Aktenmappe und lief mit langen Schritten aus dem Haus zur Untergrundbahn. Um diese Zeit sind in ganz Berlin auf allen Linien die Verkehrsmittel zum Platzen voll; Herr Kaiisch konnte eben noch in ein überfülltes Raucherabteil schlüpfen. In dem Gedränge fiel ihm erst sehr spät der amerikanische Einschreibebrief ein. Mühsam, mit eingeklemmten Armen, klaubte er ihn aus der Mappe, betrachtete noch Marke und Anschrift genau und. machte ihn auf. Er las und schüttelte den Kopf. Dann las er ihn wieder und noch einmal. Plötzlich fingen ihm an, die Knie zu zittern, und als der Zug da auch noch einen kleinen Hopser machte, verlor er das Gleichgewicht und plumpste einem fremden Herrn auf den Schoß. Der fluchte so kräftig, daß Herr Kalisch sich schnell von seinem Schreck erholte. Mit dem Brief in der Hand verließ er auf der nächsten Haltestelle den Zug. Auf dem Bahnsteig stolperte er mehrmals, so benommen fühlte er sich noch. Erst, als er in der roten Bahnsteig-Telephonzelle stand und seine eigne Nummer auf der Scheibe wählte, war er wieder ganz bei sich: „Gert?", sagte er, möglichst laut, in den Apparat hinein. „Sag' mal der Mutti, wir haben ein Affidavit bekommen..." Er wollte weiterreden; aber da hörte er am andern Ende ein Riesengebrüll, so daß er vor Freude Herzklopfen bekam: „Mutti, Mutti — mein Affidavit ist da. Das Affidavit aus Amerika!" Z)ei VmUohq, fällt! Regie: Mala L aas er; Ausstattung: Edith Samuel*