Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 38 (22.9.1938)
- Date
- 1938-09-22
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 20 C.-V.-Zeitung Nr. 38 * 22. September 1938 deinen Vater herl" „Aber der darf doch nichts davon wissen", meinte der Junge eindringlich. „Ach soooo", sagte der'*Herr, „das hab' ich doch nicht wissen können! Die Sache werd' ich schon in Ordnung bringen, sag' mir mal deinen Namen!" „Gert Kaiisch", sagte der Junge ganz beglückt, dann drehte er sich um und raste so schnell er konnte, nach Hause; denn er Avar uberzeugt, daß sie nun ein Affidavit kriegen würden. Und die Geschwister zu Hause glaubten das auch. Die hatten 'ne Ahnung! Der Auskunftsherr hatte ja Gerts Namen nur so aufgeschrieben, um den Jungen bei dem Andrang bloß rasch loszuwerden ... * Ihr könnt euch ja denken, in welcher Aufregung die Kaiischkinder jetzt wochenlang waren. Immer, wenn ein Brief kam, kriegten sie Herzklopfen; aber die Zeit ging hin, schon waren die großen Ferien da, und... ... das Affidavit kam und kam nicht. Da hielt es der kleine dicke Sami eben nicht mehr aus und beschloß, auf eigne Faust ein Affidavit zu besorgen. Er ging runter auf den Wittenbergmarkt zu der alten Gemüsefrau, bei der Frau Kaiisch schon seit 20 Jahren alles kaufte, machte seinen schönsten Diener und sagte: „Ach, Tante Meyer, kannst du mir bitte ein Affidavit geben?" Tante Meyer war leider schwerhörig; daher langte sie sich mal erst ihr Hörrohr von der Budenwand, und dann meinte sie gutmütig: „So, Jungchen, jetzt erzähl' mir mal alles nochmal!'' „Also Yati und Mutti wollen ein Affidavit haben und finden keins", sagte Sami furchtbar wichtig, „und Gert war aufm ililfsverein, und da is es nich gekommen, und kannst d u mir denn keins geben?" Die gute Tante Meyer wußte überhaupt .nicht, was ein Affidavit ist. Darum gab sie dem Pummel zuerst eine Banane, dann einen Karottenstumpf und schließlich einen uralten Gummilutschbonbon; aber der wollte das alles nicht und bettelte um sein Affidavit. -Das wurde der guten Tante Meyer auf die Dauer zu viel, und sie sagte: „Also, Pummel, hier hast du dein Effidcfitt!", dabei drückte sie ihm etwas in die Hand; „aber wickel es erst zu Hause auf, auf der Straße macht man so was nicht!" Sand stolperte außer sich vor Freude nach Haus. „Ein Affidavit von Tante Meyer!" teilte er den Geschwistern atemlos mit. Das glaubte natürlich niemand, und es entstand eine große Zankerei. Nachher packten sie „Tante Meyers Effidefitt" aus, da kam ein abgenutzter gelber Eierwärmer zum Vorschein!... ... Hört mal, ihr müßt aber den Pummel nicht auslachen; er hat es gut gemeint und hat eben genau das getan, was ein siebenjähriger Jungen in solch einer Angelegenheit tun kann. Ach wo, rot braucht ihr nicht zu werden — ich meine nur, ihr sollt bei aller Ulkigkeit nicht vergessen, wie ernst es den Kaiischkindern ist mit der Affida vitsuche!... ... Nach Pummels abenteuerlicher Affidavit-Jagd saßen die Kinder nachdenklich in ihrem Zimmerchen. Gott sei Dank rief Frau Kaiisch aber bald zum Abendbrot, und da hockten die vier sich an den Tisch und aßen gedrückt und schlecht gestimmt ihr Butterbrot mit Rettich darauf, und sie sahen aus wie Braunbier und Spucke. Die Stimmung kam den Eltern nicht ganz geheuer vor. Nachdem der Vater ein paar Happen gegessen hatte, sagte er zu seiner Frau: „Das geht nicht mehr so weiter, ich gehe morgen zum Hilfsverein und werde sehn, was ich erreiche." Als er damit zu Ende war, wurde Gert puterrot und platzte raus: „Du erreichst ja doch nichts!" Er hatte ja seine Erfahrungen auf dem Hilfsverein schon gemacht. Darauf der Vater: „Woher weißt du denn das?" Wieder wurde der Junge rot und schwieg. Nach einer langen Pause sagte der Vater mit gerunzelter Stirn: „Wir haben einen Verwandten in Nordamerika, das weiß ich ganz bestimmt: ich weiß aber nur nicht mehr, wo der jetzt ist — ich glaube, in New York. Und den Namen weiß ich auch nicht mehr, weil er sich dort gleich einen andern Namen zugelegt hat. Ich glaube er hieß Brown oder Browning oder so ähnlich — jedenfalls mit Vornamen Edgar, das weiß ich noch bestimmt. Wenn man den auffinden könnte... Vielleicht geht's dem drüben so einigermaßen, daß man von ihm ein Affidavit kriegen kann." Gert hatte den Vater sehr aufmerksam angesehen; beim Gute-Nacht-Sagen machte er aber so, als wenn ihn diese ganze Brown-Geschichte nichts anginge, und trollte sich ruhig mit den andern ins Bett... ... womit man sich am Tag dauernd beschäftigt, davon träumt man in der Nacht; das habt ihr wahrscheinlich selber schon mehr als einmal gemerkt. Und was für verdrehtes Zeug man da manchmal so zusammenträumt___ kommt alles wie aus der Pistole; und Avenn's besonders doli zugegangen ist, hat man morgens gewöhnlich keine Ahnung mehr von der Träumerei. Wollen mal sehn, ob's den Kaiischkindern auch so geht!... * ... sie schliefen alle sehr fest, und morgens erklärte jeder, etwas „ganz Dolles" geträumt zu haben. „Ich will mal zuerst erzählen", rief Gert. „Nein — ich; meiner war ja doch viel schöner als deiner!" „Meiner ist am schönsten, meiner ist am schönsten I" heulte Olgachen .dazwischen. Und so zankten sie sich, bis die drei Großen glücklich ihren Traum vergessen hatten. Nur Pummel hatte sich seinen gemerkt und fing wacker an zu erzählen. „Ich hab' geträumt, da war ein Baum, und da kletterte ich rauf. Oben war ein Vogelnest, da wollte ich Affidavits drin suchen. Waren aber keine drin, nur Rettiche. Einer war größer und sah ganz komisch aus, wie mit einem richtigen Gesicht. Und dann sagte der dicke Rettich: ,Ich bin Sie nämlich der Radi-König!' ,0ch, das ist aber fein', hab' ich gesagt, ,können Sie mir nicht vielleicht Affidavit geben?' Da nahm der Radi-König eine Pistole und schoß. Lauter Radieschen kamen raus; das waren aber gar keine Radieschen, sondern lauter Affidavits. Grad' wollt' ich mir paar nehmen, da bin ich aufgewacht. Schade, nich?" Die andern waren sehr erstaunt; aber dann sagte Gert: „Alles Quatsch, so was kann auch nur der Pummel träumen!"... ... na ja, so sieht das also aus: Affidavits fliegen einem eben nur im Traum zu, in Wirklichkeit muß man sich den Kopf zerbrechen und die Finger wundschreiben — und vor allem nicht den Mut verlieren, wenn man auch nur eins bekommen will. Der Gert Kaiisch hat schon gut gewußt, warum er Pummels Traum einfach mit „Quatsch" titulierte ... ... er ärgerte sich nämlich am allermeisten über die ergebnislose Affidavitsuche. Immerfort ging ihm die Frage im Kopf herum: „Wie komm' ich bloß zu einem Affidavit?" Und einmal kam ihm plötzlich eine Idee. Da war doch neulich beim Abendbrot von einem Herrn Brown oder Browning aus New York die Rede gewesen, und warum sollte man nicht mal... ja, warum sollt man nicht mal einfach auf gut Glück einen Brief an diesen Herrn Brown nach Amerika schreiben? Adresse weiß man nicht, na schön; schreibt man eben auf den Umschlag rauf, daß die Post im New Yorker Adreßbuch nachkucken soll. So was halte doch mehr Sinn als immerzu das Rumgrübeln... und wo nicht mal ein Risiko dabei war außer den 25 Pfennigen für die Briefmarke. „Wozu hab' ich denn den Schlüssel zu unserer Kindersparbüchse?", dachte Gert aufgeregt, „jawohl, das wird gemacht, ich schreibe..." Am Nachmittag, wo besonders in den Ferien alle Kaiischkinder raus auf die Straße liefen zum Spielen, blieb Gert im Zimmer und fing an, in seinem schönsten Englisch, das allerdings nach einem Jahr Unterricht noch nicht sehr weit her war, einen Brief an den unbekannten Herrn Edgar Brown zu schreiben. Viermal mußte er neu anfangen, weil er sich entweder verschrieb oder die Feder kleckste. Aber am Schluß kriegte er doch einen befriedigenden Brief zustande. „Dear Mister Brown! I am a little boy, i3 years old. My parents have not enough money to live here, because we are jewish, and my father is not more a lawyer in Berlin. I have also two brothers and a sister, naturally my mother too. Sometimes ago our parents told us, that we have a relation in New Y'ork. Iiis name is Edgar Brown, but they do not know his address. And now I J will beg you with füll heart to send us an affidavit, and it is all the same to us whether you are our relation or not, because we can not more live here in Germany. Please, o please help us, dear Mister Brown. I wait off our affidavit from you. With best regards your Gert Kaiisch, Berlin W 5 o, Dann las er nochmal durch und schrieb mit Schönschrift die Adresse auf den Umschlag: „Mr. Edgar Brown, New York (the post is begged for to find the correct adresser)." Hierauf klaute er mit einigermaßen! schlechten Gewissen das Portogeld aus der Sparbüchse; dabei hätte er gar kein schlechtes zu haben brauchen; denn er klaute ja nicht für sich, sondern für die ganze Familie. Aber im Augenblick kommt man meistens nicht auf den Unterschied. Als er mit seinem Brief fort auf die Post Marburger Straße wollte, stieß er an der halboffenen Kinderzimmertür mit seiner kleinen Schwester zusammen. .„Ob die was gesehen hat?", dachte er wütend und stubbste sie zur Seite. Keiner sollte das wissen mit dem Brief, nur er... ...Kinder, jetzt tut euch bloß nicht so; der ist gar kein Geheimniskrämer, der Gert. Der will einfach nicht haben, daß die Geschwister immer sagen: „Ach, so'n Blödsinn, der Brief kommt nie im Leben an, und wenn er ankommt, kriegt ihn bestimmt ein verkehrter Herr Brown, und wenn es der richtige ist, schickt der noch lange kein Affidavit!" Meiner - Ansicht nach soll man überhaupt möglichst wenig über solche ungelegten Eier reden, darin denke ich genau wie Gert. Bloß hätte .er die kleine Olga nicht zu stubbsen brauchen; denn die hatte gar nicht vor der Tür gestanden, um zu lauschen, sondern sie war vom Spielen fortgelaufen, weil sie lieber im Kinderzimmer sitzen wollte und nachdenken, woher man ein Affidavit kriegen sollte; dann sah sie aber durch den Türspalt ihren großen, Bruder mit glühenden Ohren beim Schreiben sitzen, und weil sie von Natur aus bescheiden und rücksichtsvoll war, blieb sie im Korridor stehen, um ihn nicht zu stören. Wier man's macht... es ist immer verkehrt!... ... Nachher, als Gert fort war mit seinem Brief und zerknülltem Papier in der Hand, trollte Olga sich still ins Kinderzimmer. Sie setzte sich an den Tisch, stützte den Kopf auf_ beide Hände und dachte: „Ach, wenn ich doch bloß was tun könnte mit dem Affidavit!" Ganz traurig saß sie da und dachte nach, bis sie Schritte hörte und die Mutter zu ihr reinkam und rief: „Aber Olgachen, bei so feinem Wetter sitzt du im Zimmer? Geh, mein Kind, geh ein bißchen zu den andern auf den Writtenbergplatz!" Das kleine Mädchen ging gehorsam auf die Straße; aber anstatt auf den freien Markt loszusteuern, wanderte sie langsam ein paar Straßen entlang zum Lützowplatz. Dort gab es einen Brunnen und Anlagen und viele Bänke zwischen den Büschen, wo man ungestört sitzen konnte. Ganz hinten, halb versteckt hinter einen Baum, fand Olga da noch eine Bank; nur eine einzige Dame saß an einem Ende und sah nach ihrem Foxterrier, der lustig kläffend die Bank umkreiste. Die Kleine setzte sich und fing von neuem an zu grübeln, über Muttis mutloses Gesicht, über den Brief, den Gert vorhin geschrieben hatte und natürlich immer wieder über das Affidavit. Auf einmal zuckte sie zusammen: der Foxterrier hatte sie mit seiner blanken kalten Schnauze angestoßen und sah sie mit schiefem Köpfchen an, als wollte it sagen: „Spiel' mit mir und laß den ganzen Affidavitkram beiseite!" Da nahm Olga gutmütig einen Stein von der Erde und war£, ihn ein Stück weiter über den Weg, und Schnupsichen — das war der Name des niedlichen Tiers — holte ihn geduldig immer wieder, wie weit die Kleine den Stein auch schleuderte. Bald waren Schnupsi und Olga Freunde. Schnupsis Frauchen sah dem Spiel belustigt zu; ihr gefiel das Kind, das so hübsch mit einem fremden Hund spielen konnte, während doch sein Gesichtchen deutlich Spuren von Sorge trug. „Wie heißt du denn?" fragte die Dame freundlich. Olga nannte leise ihren Namen. „Hör mal, Kleine", fuhr die Dame fort, „wenn du dir ein kleines Taschengeld verdienen möchtest, und mir gleichzeitig einen großen Gefallen tun willst, dann kannst du alle Tage eine, zwei Stunden mit Schnupsichen spazieren gehn. Ich hab' dazu nämlich fast nie Zeit." Wer war froher als Olga? Nun sollte sie Geld bekommen, richtiges Geld, und das würde ihr auch sicher bei der Affidavitsuche weiterhelfen; denn mit Geld kann man alles machen, das wußte sie schon. Sie schlua. ein und versprach, jeden Nachmittag mit