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Central-Verein-Zeitung · 1938-09-22 · 38 (22.9.1938) · page 19

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
38 (22.9.1938)
Date
1938-09-22
Page
– (sequence 19)
Language
German
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22. September 1938 Seite 19 * Nr. 38 CM* d^iAr^u^ -t'/»— ihlldiitunfy Nachdem uns die Redaktion aufgefordert hat, mal auf eigene Faust ein Kinderblatt zu schreiben, kommt es natürlich gar nicht in Frage, daß wir uns um Ratschläge und so von den Erwachsenen kümmern. Wir haben eine Geschichte erfunden, und die heißt „Die Affidavitsuche r". Jeder hat ein Stück daran geschrieben, keiner durfte länger als 'ne halbe Stunde, genau wie nach der Stoppuhr. Das war schon ganz günstig; nämlich sonst hätten alle endlos langen Summs geschmiert. Bißchen verdreht kann's ja vielleicht geworden sein, aber uns gefällt das soweit sehr gut. Dasselbe hoffen wir auch von euch, sonst kriegt ihr Kloppe. Hochachtungsvoll iÄ'^MMLiA^C^ öLA' {W-^ ^O^ £fß*V**<Ofrh yV^ lA^/^X^O«. I ^iKy^LA I ^J^hKh^ cf 6^ I 10 e rft U ^^-^«-o-^vvx m-C^^j^, t An die Dichter der „Affidavitsucher", Berlin-Dahlem Berlin-Charlottenburg U, 15. 9. 1938 Meine lieben Kinderblättler, eben komme ich auf die Redaktion und finde Eure wunderschöne Geschichte von den „Affidavitsuchern" auf meinem Schreibtisch. Aber bei aller Pracht und Herrlichkeit ist mir manchmal der Zusammenhang nicht so völlig klar geworden. Das kommt wahrscheinlich daher, daß Ihr etappenweise geschrieben habt, was ich an sich gar nicht übel finde. Nur müssen die einzelnen Teile eben ganz fest zusammenpassen, wie auf Nute und Feder gearbeitet, sagt der Tischler. Ich werd' Euch mal was sagen: schreiben muß man gelernt haben, das ist ein Handwerk wie jedes andere. Ich hob', weiß Gott, nicht vor, Euch zu schulmeistern, Kerlchens, Ihr kennt mich ja und wißt, daß mir sowas überhaupt nicht liegt; aber wenn ich mir trotz Eurer selbstbewußten Erklärung einen Rat gestatten darf: Ihr solltet mir vielleicht doch erlauben, in Eurer Geschichte ein bißchen den „Ansager" zu machen. Ich geb' Euch das große Ehreniuort, daß ich an dem, was Ihr geschrieben habt, nichts ändern werde, nichts! Nicht mal orthographische Fehler und Interpunktionsböcke. Nur laßt mich um der Verständlichkeit und der besseren Wirkung willen ab und zu dazwischenquatschen. Mit herzlichen Grüßen Eure Mala L aas er Fräu ... Mala L aas er, Berlin-Charlottenburg h Berlin-Dahlem, den 16. 9. 1938 Au, Mala, das ist aber eine Gemeinheit! Erst einschmeicheln und große Töne reden von wegen alles selber machen, und denn nachher Kritik und gute Ratschläge! Kommt nicht in Frage. Lesen Sie mal nochmal alles durch, und dann werden Sie schon alles richtig verstehen. Viele Grtße „die Af fidavit such er" An die Dichter der „Affidavitsucher1', Berlin-Dahlem Berlin-Charlottenburg 4, 19. 9. 1938 Meine lieben Künstler, es tut mir leid, Euch mitteilen zu müssen, daß Eure Geschichte ohne ein wenig diskrete Hilfestellung meinerseits nicht abgedruckt werden kann. Also bitte, entschließt Euch! Falls ich morgen zum Redaktionsschluß, 12 Uhr mittags, Eure Genehmigung nicht hier habe, muß ich Euch die ganze Sache zurückschicken. Mit herzlichen Grüßen Eure Mala L aas er Fräulein Mala Laaser, Berlin-Charlottenburg h, Berlin-Dahlem, den 20. 9. 1938 Durch Rohrpost! ■ Geehrtes Fräulein, von uns aus können Sie jetzt mit der Geschichte machen, was Sie wollen. Wir haben nichts mehr damit zu tun. Mit Ihnen auch nicht! Ergebenst die „Af fidavit sucher" N. S.: Wann erscheint denn unser Kinderblatt? Bct<$6He*ti/eA zeicUn u Herr Benno Kaiisch, Rechtsanwalt Alma Kaiisch, seine Frau Gert, 13 Jahre Gideon, 11 Jahre Olga, 9 Jahre Sarai, 7 Jahre Edgar Brown, New York, Millionär Die Dame vom jüdischen Wohlfahrtsamt Zacharias Nathanson Ein Briefträger Die Grünkramhändlerin Der Badio-König Ein Foxterrier u. a. m. Kaiischens Kinder Mtokohfy au$ So liebe Leutchen, jetzt geht's los. Ritsch — ziehen wir den Vorhang auf und führen euch gleich mitten rein in die Gerchiehte; die spielt in Berlin, jetzt, genau in unsrer Zeit, und es kommt alles drin vor, was auch im Leben vorkommt: ein Herr Benno Kah'srh, der früher eine feine AnwaJtspraxis hatte und nun, wie wir ja alle, ans Auswandern denken muß; Herrn Kaiischens Frau — Mutter der 'Affidavitsucher —, die jetzt von der Sechszimmerwohnung drei Zimmer vermietet hat und alle Hausarbeit alleine macht, und vier Kalisch-Kinder, diu sich genau wie die Erwachsenen den Kopf über das Auswandern und Affidavits zerbrechen. Nu sagt mal, wißt ihr denn wenigstens auch alle, was ein Affidavit ist? Gideon, streich dir die Tolle glatt und komm mal her; du sollst denen hier mal erzählen, was ein Affidavit ist. Hört ihr, was der Gideon gesagt hat? „Das Affidavit ist eine Bürgschaft, die ein USA.-Amerikaner für einen Einwanderer zu leisten hat. Ohne diese Bürgschaft kommt keiner ins Land. Das ist so, gemacht, damit der Staat nicht für fremde Einwanderer aufkommen muß} wenn die mal krank oder arbeitslos werden ... dann muß der . Bürge oder AffidavitrGeber ran. Und wenn einem ein naher Verwandter das Affidavit gibt, braucht der gar nicht reich zu sein; nur fremde Affidavit-Geber müssen ein bestimmtes Vermögen nachweisen." Also — jetzt seid ihr im Bilde. Früher, ab ich so alt war wie ihr, wollte ich immer auf Goldsuche gehen, Schatzgräber werden; sowas habt ihr heut' nicht mehr nötig: ihr geht einfach Affidavits suchen, wenns auch nicht in Wild-West ist, sondern nur auf dem Hilfsverein. * Gideon, jetzt sag' nochmal schnell, was der Hilfsverein ist! . .. „Der Hilfsverein ist die Beratungsstelle für auswandernde Juden in Deutschland. Die kriegen Spenden aus aller Welt, und mit dem Geld helfen sie den Leuten nach Uebersee, wo sie sich das Leben neu aufbauen müssen." Danke, Gideon! Geh jetzt zu den anderen zurück; wir fangen an, und du mußt mit dabei sein... Ein Mann war Rechtsanwalt und hatte 'ne große Familie von vier Kindern und einer Frau. Sie wurden mit der Zeit arm und wollten natürlich auswandern. Es wurde von Tag zu. Tag schwerer. Die Eltern jammerten: „Ach, wo bekommen wir bloß ein Affidavit her?'' Die Kinder konnten das Gejammer schon nicht mehr mit anhören, und sie berieten, ob sie nicht auch bei der Sache helfen könnten. Eines Tages hörten sie von den Eltern, daß man mal zum Hilfsverein, gehen muß, um dort vielleicht ein Affidavit zu kriegen. Der kleine Sami schrie gleich los: „Natürlich muß ich zum Hilfsverein gehn und das Affidavit gleich abholen." „Oooch, . der dicke Kleene mit de' krumme Beene", rief Gert, der Aelteste, „der kommt ja nie wo vorwärts. Selbstverständlich muß ich da hingehen, ich bin ja i3 Jahre!" Da sagte Gideon, ganz wie immer sehr beleidigt: „Natürlich, der Pummelsami oder der Gert mit seinen Storchenbeinen... Ich geh', nein, ich geh' — ich werd' überhaupt sowieso immer benachteiligt." Da fiel dem dicken Sami wieder m.al ein guter Rat ein und er krähte laut: „wir wollen losen!" Die andern waren damit einverstanden. Gert nahm gleich ein Schulheft aus seiner Mappe, riß die schlechteste Arbeit raus und machte daraus Lose. Dann zog jeder eins, und alle öffneten mit gespannten Mienen. Auf einmal machte Gert einen .- rung und schrie: ,„Au, ich hab' gewonnen! Seht ' ihr, jetzt kann ich doch zum Hiifsverein gehn." Die andern zogen natürlich das Maul schief, sie hätten am-liebsten nochmal gelost, aber nun war ja nichts mehr zu ändern. Und der Gert machte sich gleich nach dem Mittagessen freudestrahlend auf den Weg ... Bis hierher war das sehr hübsch, und ich glaube, ihr habt auch alles verstanden. Der Gert geht jetzt also auf den Hiifsverein, zu F*iß durch das weite Berlin, denn Fahrgeld hat er keins; hat auch gar nicht dran gedacht, sich 20 Pfennig aus der gemeinsamen Sparbüchse geben zu ' lassen. Zum Glück ist der Weg nicht allzu weit, die Familie Kaiisch wohnt nämlich am Wittenbergplatz, und der Hiifsverein liegt doch wenigstens noch im selben Stadtteil von Berlin, nämlich in der Ludendorff-Straße Nr. 20... 4 ... Gert mußte eine gute Weile laufen, bis er endlich das graue, schon etwas altersschwache Haus Nr. 20 in der Ludendorff-Straße erreichte. Mit ziemlich beklommenem Herzen trat er in den Hausflur, blieb aber gleich wie angenagelt stehn. Nanu, was war denn hier los? Der ganze Treppenflur war überfüllt mit Leuten, die auf Bänken saßen, lasen oder umstanden. Aber dadurch ließ der Junge sie**, nicht zurückschrecken.- Mutig schritt er auf ein Häuschen zu, an dem groß und deutlich „Auskunft" dranstand und vor dem schon c" . Menge Leute warteten. Er stellte sich also einfach hinten an und wartete mit den anderen. Im Gedränge stieß er aus Versehen einen etwas un- . .ildigen Mann an. Der drehte sich um und fragte eh von oben herab: „Na, Steppke, was willst d u denn hier?" ,Frechheit sowas, mich Steppke zu nennen', dachte sich Gert empört und erwiderte im gleichen Ton: „Ein Affidavit will ich, mein Herr!" Der Mann verbiß sich das Lachen und brummte nur: „Na denn man tau!" Darauf redeten die beiden kein Wort mehrzusammen. Endlich kam Gert auch an die Reihe. Er beugte sich zu dem Herrn, der in der Auskunft saß, und sagte: „Verzeihen Sie, könnte ich vielleicht ein Affidavit kriegen?" Der Herr stierte den Jungen entgeistert an und sagte: „Wie bitte?" „Ein Affidavit bitte!", brüllte Gert. Der Auskunftsherr und alle Umstehenden schüttelten sich vor Lachen. Aber dann wurde der Beamte ernst und sagte: „Na, da schick' nr1 2il

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