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Central-Verein-Zeitung · 1938-09-22 · 38 (22.9.1938) · page 17

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
38 (22.9.1938)
Date
1938-09-22
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 38 » 22. September 1938 C.-V.-Zeitung Seite 17 Der jüdische Erzähler Der Bar-mizwah Von Ludwig Landau, mit Zeichnungen von Heinz Wallenberg V orb er ich t: Als dreizehnjähriger Knabe, während meiner Vorbereitung zum Bar-mizwah-Tage, halte ich das Erlebnis, das den Kern der folgenden Geschichte bildet und mich zum ersten Male vor ein beängstigendes Problem stellte: unwissentlich schuldig werden. Drei Tage und Nächte vergingen, bis die Verkrampfung sich löste. Die Zeit brachte neues Erleben, jene Episode wurde übertönt, sie geriet fast in Vergessenheit. Mehr als dreißig Jahre später, an einem Jaum-kippur, während des Mussafgottesdienstes, tauchte sie aus den Schächten der Erinnerung auf. In der deutschen Uebersetzung des Gebetes ivar zu lesen: So geschah es seit Jahren in jener kleinen Gemeinde: die Jungen, die gleichberechtigte Mitglieder der Kehilla werden sollten, wurden von den beiden Lehrern der jüdischen Volksschule in besonderem Unterricht für den Tag der Barmizwah-Feier vorbereitet. So erhielten auch Michael und seine Spielgefährten in den Naehmittagsstunden Unterricht in Hebräisch, Religionslehre, jüdischer Geschichte, Uebersetzen der Gebete. Eines Nachmittags im Spätsommer, in der Pause zwischen zwei Stunden, verfnügten .sie sich im Schulzimmer. Plötzen kam Benjamin, der lustigste von allen, auf den Gedanken, den Lehrer Goldner zu kopieren. Goldner war sehr kurzsichtig. Da er einmal im Winter ausgeglitten war und sich das linke Bein gebrochen hatte, ging er übertrieben vorsichtig. Benjamin bewies unter ungezügeltem Beifall sein meisterhaftes Nachahmungstalent. Schließlich gab er das Anzünden der von der Decke herabhängenden Petroleumlampe durch den Lehrer zum besten. Er stieg auf die Schulbank, zog wie Goldner das linke Bein nach, richtete sich ängstlich auf, entzündete ein Streichhölzchen, schimpfte über den schlechtgeputzten Docht, nach Art Goldners in sich hineinbrummend, versuchte umständlich ihn zurecht zu machen und verbrauchte dabei einige Hölzchen. Dann stieg er hinab und legte die Streichholzschachtel in einen für das Tintenfaß bestimmten nicht benutzten Holzeinschnitt der vordersten Bank. Von dort nahm Michael in unbedachtem Spieltrieb die Schachtel fort. Er glaubte, sie gehöre Benjamin. In diesem Augenblicke kam Goldner herein. Er trat an die erste Schulbank, schien etwas zu suchen, tastete im Zwielicht die Bank ab und beschmutzte sich die Finger. Er wurde ärgerlich. Michael erfaßte nicht sofort die Situation, das Lachen flutete ihm noch durch den Körper. wir haben gesündigt, wissentlich und unwissentlich, sei es im Drange der Not, sei es im trotzigen JJebermui. Unwissentlich ----im Drange der Not! Das zündele/ Und mit jenem alten Problem reckte sich die Frage empor: Wie wärest du geworden, hättest du jene drei Tage und Nächte nicht erlebt/ Man muß beizeiten lernen, sich zu freuen. Ich halte das Gefühl, als sei mir damals irgendwie Unrecht geschehen. Um endlich Schluß zu machen, wurde die Geschieh!e niedergeschrieben. Vieles an ihr ist aus künstlerischen Gründen erdichtet. Eines aber nicht: der Glauben, daß alles Leid seinen Trost findet. Ich frage, hat jemand die Streichhölzer weggenommen? erklang hart die Stimme. Er kannte die Einleitung: ich frageI Dann mußte man sich zusammenreißen. Goldner neigte zu jähzornigen Ausbrüchen und ließ sich dann zu Züehtider Tasche trug. Er überlegte: wenn er sich jetzt meldete, würde Goldner fragen, warum er die Schachtel weggenommen und sich nicht sofort nach der ersten Frage gemeldet habe. Dann mußte er seinen Freund verraten. Benjamin würde Stockshläge bekommen, aber auch er, der Musterschüler. Wenn Benjamin zuerst gezüchtigt wurde, mußte er noch qualvolle Sekunden warten und das Jammergeheul des anderen anhören. gungshärten hinreißen, vor denen er, der etwas empfindsame, am liebsten aus der Schulstube geflohen wäre. Herr Lewin hat hier die Streichhölzer hingelegt! Ich frage abermals: Wer hat die Streichhölzer weggenommen! Mitleidlos stand die Stimme im dämmerigen Raum. Alles schwieg. Michael aber wußte, daß er die Streichhölzer in Jüdischer Stoff — jüdische Gestaltung Zum Erzähler-Preisausschreiben Von Hans Tramer, Tel-Aviv Wieder einmal erweist es sich: ein Vorurteil kann Lügen gestraft werden, geht man ihm nur ernsthaft zu Leibe. Die C.-V.-Zeitung hat das getan. Das heute in der gesamten literarischen Welt so beliebte Schlagwort von der „Krise der Novelle" nichtachtend, hatte sie dankenswerterweise zu einem Preisausschreiben aufgerufen und — Erfolg gehabt. Nicht nur äußeren — eine Rundfrage bei den Lesern wurde mit Sicherheit ergeben, daß bei ihnen von einer Krise der Novelle nichts zu spüren ist —, sondern und vor allem auch inneren. Endlich einmal steht, literarisch , gesehen, ein Ergebnis der großen Schicksalswende des Judentums in Deutschland vor uns, jüdische in Deutschland lebende Schriftsteller sprechen aus, was in ihnen gärt, was sie fühlen, sehen, erkennen, wie sie durch das Gestrüpp unseres Schicksals kämpfen, sie treiben an, drängen vorwärts, zügeln aber auch und reißen zurück, kurz: sie verantworten sich ihrer' Zeit und ihrem Volke gegenüber. Jüdische Dichter unserer Zeit verantworten sich! Und in der Tat, sie weichen nicht zurück, fünf von zehn Arbeiten lassen allein schon durch ihre Ueberschriften ahnen, was sie wollen und was wir brauchen; denn vielleicht sollen auch wir „aus den unteren Sphären in die oberen hinaufgeläutert werden". Aber — was ist es um diese sogenannte Krise der Novelle, und wie verhält sich die jüdische Novelle dazu? Es besteht kein Anlaß, einer offenbaren Tatsache, einer Zeiterscheinung auszubiegem und sie vertuschen zu wollen: die Novelle ist in ihrem Ansehen gesunken. Man bevorzugt heute — durchweg bei allen Völkern und bei allen Schichten Romane — meint sogar die historischen Romane, das auf einen breiten Raum gestellte Abbild von Zeiten und Menschen, die also scheinbar keine Forderungen mehr zu erheben vermögen. Es versteht sich von selbst, daß darunter die späteren Literarhistoriker werden gerade darin wohl eine Furcht vor der Verantwortung sehen — natürlich am stärksten die Novelle leiden mußte, denn keine Kunstgattung ist so sehr auf das Mitempfinden, Mitdenken, ja sogar Weiterdenken angewiesen wie gerade die Novelle. Was der Roman breit ausführen, gestalten kann, sogar muß, bleibt in der Novelle stets nur Andeutung, leises Herangehen, behutsames Oeffnen — das volle Aufreißen der Türen darf erst der Leser nachher wagen, hat er wirklich, richtig gelesen, hinter das Gestaltete gesehen und nicht nur die Worte zum Satz gefügt. Die Novelle, durch ihre verhältnismäßig enge Begrenzung neben der Lyrik die schwerste, „dichteste" Kunst der Dichtung, erfordert völlige Hingabe des Lesers, sie zwingt zum Mitdenken und vielleicht sogar zum nach ihr Handeln. Natürlich, es gibt auch die historische' Novelle. Doch auch sie steht mehr oder minder unter demselben Gesetz; da wo sie nicht in die Erzählung, in die Skizze, die Zeichnung abfällt, muß auch sie die geheimsten und tiefsten Rückstände des Gefühls aufgraben, den Willen zur Nach- ' ahmung oder Ablehnung, jedenfalls zur Stellungnahme wecken, eine Klippe, an der z. B. die an sich sonst wohl gelungene und sprachlich formschöne Novelle von Alfred Mayer fast gescheitert wäre. Denn so wie Torr e s (in Nr. IT und 18 der C.-V.-Zeitung abgedruckt) handelt kein Hauptmann und bestimmt Das Nachdenken dauerte aber schon zu lange. Goldner hatte wieder eine unglückliche Stunde: er ließ die Jungen zur Taschenrevision aus den Bänken treten. Alles mußte jetzt kommen, wie es kommen sollte. Die Streichhölzer hatte er in der Tasche, als sie sich aufstellten. Doch die Quälerei mußte ja bald zu Ende sein. Da aber meinte Goldner, ihn brauche er nicht zu revidieren, auf ihn könne er sich verlassen. Seine Knie zitterten. Er wollte alles schnell sagen. Doch der Ton wollte nicht aus der Kehle heraus. Er erschrak: vor Angst mußte er die Sprache verloren haben. Aelmliches hatte er schön in alten Märchenbüchern gelesen. Da durften sie sich wieder setzen. Wie der ganze Körper sich bewegte, löste sich die Verkrampfung. Er räusperte sich, er hatte die Sprache wieder gewonnen. . Nur noch rasch die Unglücksschachtel in den Winkel der Bank versteckt! die Bücher fest an sie gepreßt! Da sollte sie liegen, bis auch diese böse Stunde vorüber war. Wenige Tage nur, und alles würde wieder vergessen sein. Da mußten sie zu seiner Bestürzung wieder aus den Bänken' heraustreten. Nicht so'schlimm war, daß Goldner jetzt noch Bänke und' Schulsachen revidieren wollte. Viel schlimmer war es, daß Goldner ihn beauftragte, andere Bänke zu durchsuchen. War es nicht gescheiter, nun wenigstens alles zu erzählen? Er fühlte sich aber wie gelähmt und ließ alles über sich ergchen. Ehe er recht zur Besinnung gekommen war, war er schon in eine Art Verstocktheit hineingeraten. Alles sollte so zu Ende gehen, wie es bestimmt war. Wie unter Zwang suchte er in anderen Bänken nach der Streichholzschachtel. Mit vorbildlicher Sorgfalt suchte er und fand eine angerostete Stahlfeder. Schon zog ihn mit geheimnisvoller Kraft die nächste Bank an. Da rief Goldner, er habe die Schachtel gefunden. Michael setzte sich wieder auf seinen Platz. Goldner trat vor die Mitte der vordersten Bank und blickte starr auf die Jungen. Er hatte die von Benjamin weggeworfene auf den Dielen verstreuten Streichhölzer entdeckt. Schnell jagte das Verhängnis heran. Die Furcht saß allen Jungen im Genick. Keinem löste sie die stotternde Zunge, niemand wagte zu widersprechen. Mit einem Male war Benjamin aus der Bank getreten. Dieser „Erztaugeniehts" bekam gehörige Prügel, auch die, die eigentlich er, Michael verdient hatte. Dann ging die Welt wieder ihren alten Lauf. In der Schulstube roch es nach Petroleum. Draußen spielten die Kinder, die nicht Bar-mizwah wurden. Ais Michael unruhvoll aus dem Fenster blickte, konnte er schon den Abendstern sehen. Diesem Nachmittage folgte eine für ihn ereignisreiche Nacht. Früher, als das kleine Brüderchen noch gelebt hatte und mit ihm in dem Stübchen schlief, hatte er wenigstens die Atemzüge des Kleinen gehört. Auch brannte ein Oellämpchen auf dem Tische. Der sanfte Glanz verscheuchte die Bangigkeit. Denn die Nächte lasteten beklemmend auf ihm. Aber das matte Aufleuchten des Oeldochtes beruhigte ihn. Das Lichtchen knisterte und summte, als wolle es etwas erzählen. Von der Straße drang nicht ein Laut herein. Die Menschen schliefen, die Straße schlief. Und die Erde war weit, die Welt war so groß. Aber ihm war nicht bange, das Oellämpchen war noch da. Als der Kleine gestorben war, brannte kein tröstendes Lichtlein mehr. In der ersten Zeit verbarg er das Gesicht im Kissen oder hielt sich die Ohren zu. Anfangs schämte er sich seiner Bangigkeit. Dann dachte er sich eine Gewaltkur aus. Um die Furcht vor der Einsamkeit zu verjagen, malte er sich das Schauerliche aus, das ihn besonders tief zu erschrecken pflegte: nächtlichen Feueralarm mit glutrotem Himmel, mit aufheulenden Glocken, mit lärmenden Feuerrufen und Spritzengeläute. Da zeigte sich eine Floffnung: Wenn die Schule heute Nacht abbrannte, dann wäre er von seinem bösen Gewissen befreit. Seine Phantasie zeigte ihm- -ein wunderbares Schauspiel. Schon flammte der Dachstuhl empor, das Gebälk glühte und knisterte unheimlich. Auf den Sparren tanzten ■ überall Lichter. Von dem Gebälk stürzten sich die Flammen herab in die beiden Klassenzimmer, tasteten sich entlang zum Katheder, an zerspringenden Fensterscheiben vorbei bis zu jener Bank, auf der er am Nachmittag so viel Leid erlitten hatte. Dort zischte, eine kleine Schachtel mit Streichhölzern auf. Die roten Schlangen krochen auf andere Tische und Schulbänke hinüber, bis ein einziges Flammenmeer durch das Schulzimmer wogte. ' Endlich dämmerte der Morgen. kein jüdischer! Sehr leicht sind wir geneigt, dem Leutnant in seiner Verachtung recht zu geben, der Geist der Makkabäer steckt nicht in diesem Torres, er läßt die Kameraden sich alleindurchschlagen und damit schließlich erschlagen, er versucht nicht an ihrer Seite das Letzte, das Aeußerste, er bleibt auf dem brennenden Holzturm zurück — nur um das „Schema" zu sagen. Hierin nämlich offenbart sich die Eigenart der Novelle im Gegensatz zur schlichten, einfachen Erzählung, der Wiedergabe eines einmaligen Ereignisses, einer Begebenheit: Wie der Romaneinen umfassenden Zusammenhang von zahlreichen Lebensschicksalen, von* Entwicklungen verschiedenster Menschen in all ihren Einzelheiten gleichsam als Spiegelbild einer ganzen Welt vor uns aufbaut und von allen Seiten gleichmäßig beleuchtet, so fällt in der Novelle das Licht lediglich auf eine Person, ihr äußeres, mehr aber, noch inneres Erleben, das ganze verwickelte Getriebe der seelischen Vorgänge, in ihr. ist der Vorwurf der Novelle, der Druck, der schließlich zur Entladung kommt, nicht die Entladung selbst. Die Erzählung, eben weil sie nur nacherzählt, was sich da und dort begeben hat, darf sich mit der Ausmalung der äußeren Geschehnisse begnügen, die Novelle muß die Handlungsweise ihres Helden innerlich verständlich machen, uns in den Widerstreit und die Wundheit seiner Gefühle hineinsehen lassen und uns zum Richten, zum Zustimmen oder Verurteilen zwingen. Und damit sind wir bei der jüdischen Novelle, denn für sie gilt das gleiche. Aber — gibt es überhaupt so etwas wie eine „jüdische Novell e" oder allgemein gesprochen : eine nationale, volksgebundene Novelle? Eine schwere Frage, die mit alier Gewissenhaftigkeit, aber auch ohne jede Engherzigkeit zu prüfen, gerade uns Juden obliegt, die wir heute vor der oder gar schon in der Wiedergeburt eines eigenen Schrifttums stehen. Doch man muß hier sehr genau unterscheiden: wohl, es gibt jüdische Dichter, und wir haben dichterische Werke jüdischen Inhalts, aber ist eine jede Dichtung, nur weil sie ein jüdischer Dichter geschaffen hat, oder weil sie von einem Juden handelt, schon eine jüdische Dichtung? Und können oder dürfen sogar einen jüdischen Dichter lediglich jüdische Stoffe zu dichterischem Gebilde locken? Sicher, die Zionslieder eines Jehuda Halevi oder Bialiks Matmid oder eine Agnonsche Erzählung werden stets eine jüdische Dichtung sein, aber haben ein Daniel Nothafft und ein Christian Wahnschaffe und viele, viele andere, haben nicht auch Mie Amoknovellen ebenfalls jüdische Gestalter zu Schöpfern? Ist Momberts großes Werk nichts als „jüdische Dichtung"? Wir würden dem Manne gleichen, der nur die Enge seines eigenen Hauses kennt und sieht und für die Schönheit des Gartens, das Wachsen, Blühen und Reifen der Natur keinen Blick hat, wollten wir da Halt gebieten, wo die Beziehungsmöglichkeit auf das Judentum aufhört. Denn Kunst, echte Kunst, die aus ganzem, ungeteiltem Menschsein strömt, ist nicht gebunden und kann nicht gebunden sein! Ohne jede Frage: der jüdische Dichter hat sich immer und immer wieder als Jude, als Träger jüdischen Schicksals zu verantworten,,er muß zeugen von dem, was ihn als Juden angeht und bedrängt, wir verlangen diese Antwort von ihm, sie darf in seinem Werk nicht fehlen, aber gleichzeitig muß auch sein Auge für das Allgemeine, daß Allweltliche, eben das Menschliche schlechthin offen sein. Und gerade deshalb wehren wir uns gegen ihn, wenn er unehrlich wird, wenn er

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