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Central-Verein-Zeitung · 1938-09-22 · 38 (22.9.1938) · page 7

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
38 (22.9.1938)
Date
1938-09-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Sir 38 * 22. September 1938 Seite 7 Besinnliche Ferien in USA. New Yorker Tagebuch VIII Camps von außen und {Ulien / Von Friedrich S. Brodrtitz Scbago Lake (Maine), Anfang September 1938 Auf der kleinen Sandbank in der Bucht des großen Sees ist es dunkel und still geworden. Die weite Wasserfläche vor uns, die sich bei den plötzlichen Stürmen 50 rasch mit weißen Köpfen bedeckt, ist jetzt ruhig und glatt. Nur ab und zu hebt eine kleine Welle den Kiel des Canoes, das uns herübergetragen hat, mit leisem Knirschen des flachen Strandes. Ein schwacher Vollmond steigt am anderen Ufer langsam über die Hügel. In seinem matten Licht verändert sich das Aussehen des von vielen Sonnenbädern her gewohnten Platzes. Angeschwemmte Baumstämme, vom Wasser entwurzelt, sehen wie schlummernde Tiere aus, niedriges Buschwerk malt gezackte Schatten auf den Sand. Zwischen der Sandbank und dem Ufer zieht sich ein Streifen seichten Wassers hin, in dessen ganz glatter Oberfläche die Spiegelbilder der Sterne als dicke Lichtflecke schwimmen. Dahinter steiniges Ufer mit dichtem Wald. Kein Wald zum Spazierengehen, Laub- und Nadelholz, Buschv/erk und Sträucher, alles eng verschlungen und fast unzugänglich. Ab und zu dringt eine Tierstimme aus dem Dunkel, vom See kommen die heiseren Rufe eines Paares großer Fischvögel. Hier, im nördlichsten Staat des Ostens, eine Tagesfahrt von New York entfernt, sind die Nächte auch im August kühl. Ein rasch aus großen Birkenscheiten entfachtes Feuer gibt Wärme und Geborgenheit. Alles, was zu tun bleibt, ist, das Feuer und die Pfeife in Brand zu halten. Der Blick geht über die Weite des Sees hinweg und findet nur wenig Zeichen von Besiedelung; drei, vier Lichtpunkte zeigen das Vorhandensein von Menschen an. Einer, der nächste über die Bucht hinweg, ist ein letztes Licht unseres Camps. Nach dem Leben in New York mit seiner unvorstellbaren Anhäufung von Menschen auf engem Räume ist allein schon die einsame Stille dieser Natur eine Wohltat für Nerven und Augen. Am Tage beleuchtet eine klare Sonne ein Landschaftsbild von ausgesuchter Schönheit. Manchmal an Schweden erinnernd. Sanfte Hügelumrisse um eine weite Wasserfläche mit felsigen Ufern, dichtem, dunkelgrünem Wald, kleinen Inseln mit kräftigem Baum- und Pflanzenwuchs, ungebrochenen, reinen Farben. Kein grandioses Bild, aber in Ruhe und Vollkommenheit der Linien, in geschlossenem Umfangen bei größter Weite des Blickes eines der schönsten und eindrucksvollsten Landschaftsbilder, die wir kennen. Es ist schön zu wissen, daß es in diesem Lande solche bei aller Verschiedenheit vertraut erscheinende Naturschönheiten gibt. Zum ersten Male ist es nicht mehr eine Sache des Willens und Entschlusses, sondern des mühelosen Empfindens, daß wir uns zu Haus fühlen. Drüben im Camp geht das letzte Licht aus. Fred, unser baumlanger Techniker, der aus Romanshorn stammt, von früh bis spät in dichte Rauchwolken seiner Pfeife gehüllt ist, und erstaunliche Mengen selbstgebrauten Bieres trinkt, hat den Strom -abgestellt." Zeit, heimzufahren, um für den morgendlichen Lauf durch den taufeuchten Wald, noch vor dem allgemeinen Erwachen des Camps, nicht zu verschlafen zu sein. Wir sind also im Camp, und so müssen wir erst einmal kurz erklären, was so ein Camp ist. Camps gibt es in Amerika seit etwa 30 Jahren. Der Grundgedanke, Menschen in ihrer Ferienzeit aufs Land zu einfacher Lebensweise in einer Gruppe zu bringen, hat rasch Anklang gefunden, und heute gibt es tausende solcher Camps. Camps für Erwachsene sind ein beliebter Erholungsort geworden. Uns interessieren hier mehr die Camps für Jugendliche. Allein ihre Aufzählung füllt einen dicken Band, der über alle Einzelheiten unterrichtet. Die meisten Camps werden auf privatwirtschaftlicher Grundlage betrieben. Daneben gibt es Camps von Wohlfahrtsorganisationen, kirchlichen Gemeinschaften, Städten, in die Kinder der ärmeren Schichten auf Kosten von Fonds verschickt werden. Die privaten Camps sind in zahlreiche Preisklassen geschieden. Einfache Camps verlangen für die zwei Sommermonate, die die Campzeit üblicherweise dauert, 150—200$, mit der Fülle des Ge- Jb.Qtenen steigen^djg^^reis^. :r,asch.;In ..einem Camp der teuren Klasse, wie es das unsere ist, müssen die Eltern für Campgeld, Fahrkarten, Ausstattung und Nebenausgaben etwa 450 $ rechnen. Die Entwicklung, beschleunigt durch die starke Konkurrenz, hat dazu geführt, daß zumindest die ursprünglichen teuren Camps sich sehr weit von ihrer Idee entfernt haben. Aus organisierten Jugendlagern sind sie immer mehr zu Country-Clubs geworden, die ihren Insassen jede mögliche Unterhaltung bieten und kaum noch eine Härte des Lagerlebens auferlegen. •Unser Camp hat die Ausdehnung und Lage eines großen Herrensitzes. Auf einem Hügel Hegt das Haupthaus, das zwei große Eßräume, Büros, den Küchenbetrieb und Zimmer für den Stab enthält. Vor dem Haus eine große, zum See abfallende Wiese mit Blumenbeeten im geschorenen Gras. Weit, geht der Blick über See und Ufer. Unten am Wasser ein langer Seesteg mit allen Einrichtungen für Schwimmen und Springen. Rechts und links davon in langer Reihe kleine weißgestrichene Bungalows auf Stützen. Durch die nur mit Drahtgaze verkleideten Fenster strömt Sonne und Luft. Hier leben die Girls, immer fünf zusammen mit einem sogen. Counsellor, meist Studentinnen und Lehrerinnen. Am Ufer vor dem Häuschen liegt eine ganze Flottille von Canoes in allen Größen. Ein Stück weiter am Ufer der Sommerschule ein großer, flacher, sehr geschickt in die Landschaft eingefügter Holzbau. Unser Camp unterhält als einziges eine anerkannte Sommerschule, in der vier Lehrkräfte jeden Vormittag eine Gruppe von Girls unterrichten. Auf dem riesigen Gelände zu dem allein etwa 5 km Wasserfront gehören, liegen kleine und größere Holzhäuser verstreut. Etwas unterhalb des Hauptbaus, zwischen kleinen Tannenstämmen, die „dispensary". Hier halte ich dreimal am Tage eine kurze ärztliche Sprechstünde ab. Viele von uns haben solche Camparztstellen gefunden, die die Annehmlichkeit eines kostenfreien Ferienaufenthaltes, verbunden mit einer bescheidenen Einnahme, verschaffen. Ein größerer Holzbau beherbergt den Versammlungsraum. Eine Rückwand kann entfernt werden und der dahinter liegende Teil mit einigen raschen Veränderungen als Bühne benutzt werden. Die Zuschauer sitzen auf Bänken im Freien. Geräteschuppen, Handfertigkeitsräume, photographisches Atelier, Werkstatt für Schmuckstücke, sogar ein Brennofen für Töpferei vervollständigen die Ausrüstung, Tennis- .plätze,; Stände für Bogen_sehieJbeny: .fünf Reitpferde in einem schönen Stall, die sportiiciien Möglichkeiten.'.Alle Wäsche ward in eigenem Betrieb gewaschen, der elektrische Strom für das Camp aus eigener Wasserkraft erzeugt. Zwei Gästehäuser, etwas abseits vom Camp, nehmen die zu Besuch kommenden Eltern, die nur am Wochenende erwünscht sind, auf. Noch weiter abseits liegt die „infirmary", in der die Krankenschwester des Camps wohnt, und die ein paar Betten für Krankheitsfälle enthält. O, wir hätten beinahe etwas Wichtiges vergessen, unten am Wasser sitzt eine sehr rundliche Dame in einem Häuschen mit einer Art Schalter. Dort gibt es nicht nur die Post und kleine Bedarfsartikel, sondern vor allem die unvermeidlichen Candies, und nach jeder Mahlzeit kann man dort Girls Schlange stehen sehen. Was freilich nicht hindert, daß beim wöchentlichen Wiegen schon die jüngsten um ihre Linie zittern und den Arzt um Diätratschläge bestürmen, die dann allerdings meist wieder nicht befolgt werden. Wir haben knapp hundert Girls im Lager. In guten Zeiten sind es schon wesentlich mehr gewesen, aber die Depression macht sich überall sehr bemerkbar. Außer den Angestellten sind etwa 30 Menschen zur Betreuung der Girls da. Der Leiter des ganzen ist ein bekannter Pädagoge, gleichzeitig Direktor einer guten Highschool in der Nähe von New York. Er war einer der ersten, die die Campbewegung begannen; dies ist der 29. Sommer in seinem Camp. Mit einem bemerkenswerten grauhaarigen Charakterkopf ausgestattet, ein Mann von profunder Bildung und gutem Humor, Organisationsgabe und Sinn für Werbung, ist er überall zu sehen, mit Leinenhosen, offenem Sporthemd und braungebranntem Gesicht. Die Verwaltung und Küche untersteht langjährig bewährten Kräften. Für den eigentlichen Campbetrieb ist der Headcounsellor verantwortlich, sonst Lehrerin an einer Kleinstadtschule, deren schwere Aufgabe darin besteht, alle die vielen „activities" unter einen Hut zu bringen. Und das ist nicht leicht. Zahlreich, vielleicht zu zahlreich sind die Betätigungen, die jeder oder viele mitmachen. Jeden Tag wird ein komplizierter Stundenplan ausgearbeitet, getrennt für die drei Gruppen der Seniors, Intermediätes und Juniors. Von früh bis spät bleibt mit Ausnahme der nachmittäglichen Reststunde keine uneingeteilte Zeit. Um 6.45 Uhr wird geweckt, nach raschem Morgenbad im See, flüchtiger Toilette, erstem Appell und feierlicher Hissung der Landesflagge folgen Frühstück, Reinigung der Bungalows und Versammlung zur Bekanntgabe des Tagesprogramms. Von da ab hat jeder seinen Stundenplan: Schwimmen, Canoefahren, Reiten, Golf, Handfertigkeiten, Bogenschießen, Photographieren. Die Gruppen stehen unter Leitung der Counsellors, die neben der Betreuung ihrer Bungalows für eine der vielen Be- Zwischen Decorationsday und Laborday Von Margarete Edelheim New York, Anfang September 1938 Der Sommer geht zu Ende! Nicht etwa, weil die Hitze nachläßt und die Nächte kühler werden, das kann noch wieder ganz anders kommen, sondern, weil Laborday vor der Tür steht. Der Lauf der Sonne interessiert den Amerikaner nicht, sofern es gilt, Sommeranfang und -ende John Harvard-Denkmal zu bestimmen, besonders nicht den New- Yorker. Es ist feststehendes Gesetz: der Sommer beginnt am Decorationday, dem ersten Montag im Juni, und endet mit Laborday, dem ersten Montag im September. Vorher und nachher darf man — das gilt auch für die Männer — keinen weißen Strohhut tragen und keine hellen Sommerkleider, auch wenn das Thermometer noch so hoch steht. Aber das sind nur Belanglosigkeiten, verglichen mit detf gesamten einschneidenden Einstellung, die Sommeranfang und -ende hier bedeuten. Nach Laborday hören die Ferien — wenigstens für die Erwachsenen — auf; die Schulen und Universitäten fangen zwar erst nach zwei bzw. vier Wochen wieder an, aber im Geschäftsleben und in der allgemeinen Arbeit ist Ferienschluß. Will man jetzt, Ende August, einen Amerikaner sprechen, so kann man sicher sein, am Telephon die Antwort zu erhalten: Mr. X. ist „out of town" oder Mr. X. ist in Europa — und stets die Vertröstung: after laborday! Und so wartet man auf die nächste Woche, in der das geregelte Leben mit „appointments", Erwartungen und Enttäuschungen nach zwei Monaten absoluter Ferienstille wieder beginnen soll. Wie verbringt der Amerikaner seine Ferien? Wenn er es sich irgend leisten kann, reist er oder geht auf seine Besitzung, so er eine hat, oder macht auch beides. Er macht „cruises", Schiffsrundreisen nur um der Erholung willen — der Präsident machte z. B. eine solche Fahrt ins Meer, um zu fischen, ein Nationalsport, dem auf dem Meer und an allen Seen und Flüssen eifrigst gehuldigt wird — oder „man" fährt nach Kanada oder nach Europa, was die Politiker besonders zu lieben scheinen, oder man reist im eigenen Lande herum, das ja von der beach bis zum Hochgebirge alle Möglichkeiten der Erholung bietet. Neu aufgenommen ist der Sommeraufenthalt in Ranches; da verbringen junge Mädchen und Burschen hoch zu Roß ein paar Wochen „echten" cowboylebens in Lederhosen und Reitstiefeln mit viel Romantik, abendlichen Feuerplätzen, Sensationen, „excitments", nngefähr unter dem Motto: Zurück zur Natur. Im Film sah ich kürzlich Bilder solchen „primitiven" Sommervergnügens, das wahrscheinlich mit seinem Leben in Holzhütten mehr kostet als das eleganteste Hotel. Aber es ist typisch, denn es zeigt den Drang der Amerikaner zum Gemeinschaftsleben, der ja geradezu in den Camps besonders stark zum Ausdruck kommt. Wer aber die Ferien aufteilen will zwischen Arbeit und Erholung, der verbringt einen Teil von ihnen in einer der zahlreichen Sommerschulen an einer der Universitäten ,des Landes. Eine solche Sommerschule dauert genau sechs W7ochen, läßt also den Studenten vorher und nachher reichlieh Zeit, die Ferien zu genießen. Nicht alle Universitäten haben solche Sommersemester eingerichtet; sie weichen auch in vielen Beziehungen von den Traditionen der betreffenden Universität ab. Sie haben in der Regel eine völlig getrennte Verwaltung. Die meisten Vorlesungen werden nicht von den Professoren der betreffenden Universitäten, sondern von Gastprofessoren gehalten. Es findet auf diese Weise ein Austausch der Professoren im ganzen Lande statt, und auch das Schülermaterial ist völlig anders als das im gewöhnlichen Semester. Ich verbrachte sechs Wochen in Harvard. Es ist die älteste Universität des Landes, wurde 1636 von John Harvard, der aus England kam, in Cambridge (Massachusets) nach dem Muster des englischen Cambridge gegründet. John Harvard war Geistlicher. Wenn die Skulptur, die im Harvard Yard aufgestellt ist, nicht trügt, war er ein großer schlanker Mann mit auffallend weiblichen Zügen und schlanken Händen; das Haar wallte ihm bis auf die Schulter, — geradeso wie den jungen Studentinnen, die jetzt, dreihundert Jahre später, lustig schwatzend, mit kurzen Röcken und Söckchen unter den herrlichen alten Bäumen Eingang zu einem Wohnhaus Fot. (2) Dr. Margarete Edelheim des „Hofes" lagerten —, dabei allerdings das Studium so ernst nehmen, wie man es den munteren girls gar nicht ansieht. Aber, wohlverstanden, die Weiblichkeit ist in Harvard nur in der Sommerschule zugelassen, im richtigen term ist Harvard eine absolute Männeruniversität. Worauf diese Beschränkung zurückzuführen ist — in diesem Lande der Koedukation — weiß ich nicht; wahrscheinlich einfach auf die Tatsache, daß im Statut nichts über Frauenstudium enthalten ist, was ja auch vor 300 Jahren nicht möglich war. Aber man ist eben sehr konservativ in Harvard, so konservativ wie in den ganzen New England-Staaten, — das mit seinen bis zu 300 Jahren alten Fachwerkkirchen, seinen hübschen einstöckigen Villen in herrlichen grünen Alleen und an schönen Wasserflächen eine der landschaftlichen Perlen des amerikanischen Ostens ist. Um aber die Frauen von dem echten Glänze der Harvardwissenschaft nicht ganz auszuschließen, hat man in Cambridge ein Mädchencollege gebaut — Radcliff — in dem die Flarvardprofessoren Vorlesungen halten. Nur zu solchen Fächern, bei denen sich Extravorlesungen der geringen Zahl der Schülerinnen wegen nicht lohnen würden, dürfen die Mädchen Flarvard betreten. Der heilige Boden der Lawschool, eines herrlichen großen Gebäudes mit einer berühmten Spezialbibliothek außerhalb des eigentlichen Hofes, ist allerdings den Frauen verschlossen. Der Yard umfaßt die ältesten Dormitorien (Studentenwohnliäuser), einige Vorlesungsgebäude, eine hübsche Kirche und die wunderbare Weidnerbibliothek, die mit ihrem Schatz seltener Bücher auch in den Ferien viele Gelehrte zu Studien anlockt. Aber über den Y'ard hinaus hat sich Harvard schon längst weithinein nach Cambridge ausgedehnt. Wo man geht und steht, sieht man die typischen roten Ziegelhäuser mit ihren schneeweißen spitzen Türmen, weißen Fenstern, grünen Rankpflanzen und schmiedeeisernen Gittern. Die neuesten Wohnhäuser für Studenten, die große medizinische Fakultät, die vielen Laboratorien für physikalische, chemische, Bergbau-Forschung, das große geographische Institut und viele andere liegen außerhalb des Yards eingebettet in die grünen Gärten von Cambridge. Die meisten dieser Häuser sind im Sommer geschlossen. Das Leben der Sommerschule mit ihren mehr als 2000 Studenten spielt

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