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Central-Verein-Zeitung · 1938-09-22 · 38 (22.9.1938) · page 5

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
38 (22.9.1938)
Date
1938-09-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 38 * 22. September 1938 C-V.-Ze?tung 2. Beiblatt * Seite 5 NEUBA UNSERE BERICHTERSTATTER MELDEN Juden in Europas Norden F.B. Kopenhagen, September 1938 Eines der bedeutendsten Werke skandi-, navischer Kunst ist C. V. Eckersbergs Büd aus dem Jahre 1818: Die Familie N a t h a n s o n. Es hängt im Staatsmuseum in Kopenhagen, ein wertvoller Beitrag zur Kulturgeschichte der großen Zeitenwende um das Jahr 1800. Das Bürgertum hat seinen Platz bezogen. Das Bild vereinigt in besonders glücklicher Weise den gesicherten Frieden der Familie und die Atmosphäre der Außenwelt, die mit den heimkehrenden Eitert in die " gute Stube dringt. Die Mutter ist noch Familie Nathanson Porträt von C. V. Eckersberg ganz in träumende Erinnerung versunken, aber der Vater ist in Eile und schon •wieder auf dem Sprung in die Arbeit. Es ist eine jüdische Familie, und wir wissen, daß der Künstler die Rückkehr der Eltern von einer Audienz mit dem König im Auge hatte. Das Bild gibt einen lebendigen Eindruck von einem begüterten Kopenhagener Bürgerheim jener Zeit, es ist leicht patriarchalisch, etwas selbstbewußt und selbstgefällig. Die kleinen, mittelgroßen und halberwachsenen Natbansons, die den Eltern ganz aus dem Gesicht geschnitten sind, und nur allzu wohlerzogen erscheinen, machen das Bild liebenswürdig. Die Familie Nathanson hat etwas Typisches. Der Mann hat dem dänischen Judentum für ein Jahrhundert seinen Stempel aufgedrückt, und was für Dänemark gilt Jkann unbedenklich auf Schweden übertragen werden. Dort sind es andere Namen, aber die Sache bleibt dieselbe. Es geht hier nicht um eine Wertung der eigenartigen Verhältnisse der Juden in Skandinavien. Wir wollen schildern, was ist. Mendel Levin Nathanson kam mit 13 Jahren von Altona nach Kopenhagen. Sein Großvater, der alte Hof rat David Amsel Meyer nahm ihn auf und steckte . den jungen Mann in sein Geschäft. Mit 18 Jahren macht sich Nathanson selbständig, und mit 19 Jahren verliert er, da Dänemark von einer schweren Wirtschaftskrise gepackt wird, Hab und Gut. Das hindert ihn nicht, zu heiraten und jene Familie zu gründen, von deren Größe unser Künstler ein so anschauliches Bild gibt. Nathanson bringt es weit, aber der dänische Staatsbankerott im Jahre 1820 hat auch seinen Konkurs zur Folge. Er stürzt sich in nationalökonomische Studien und wird Redakteur der Berlingske Tidende, die er in über 20jähriger Arbeit zum führenden konservativen Blatt Dänemarks macht. Im jüdischen Bereich war er der Träger der Ideen Mendelssohns, denen er, willensstark wie er war, und allen Widerständen im eigenen Lager zum Trotz zum Durchbruch verhalf. Die dänische Emanzipationsgesetzgebung von 1814 ist von ihm geprägt. Sie bedeutete religiös ein Bekenntnis zu einem liberalen Judentum und sozial und kulturell Angleichung an das dänische Milieu. Nathanson war von einer unerbittlichen Konsequenz. Das Wort Jude wurde aus der Amtssprache gestrichen und durch mosaisches Glaubensbekenntnis ersetzt, um, wie es in der Begründung heißt, die Vorstellung auszuschließen, sie fühlten sich noch als Angehörige des vor Jahrtausenden aufgelösten israelitischen Staates. Ideologisch und terminologisch lag diese Haltung in der Richtung der dänischen Staatsauffassung, wie sie bereits in den ersten Privilegien zum Ausdruck kam, die Christian IV. im Jahre 1630 „der Portugiesischen Nation Hebräischer Religion" erteilt hatte. Der Geist der Zeit, die Sprache dänischer Klassiker -wie Oehlenschägers brach durch die Predigten eines Mannheimer: „Auf erzogen wurde ich an der Küste Dänemarks. Die stolze See, deren Anblick jedem Dänen eine Wonne ist, verzaubert auch mich mit ihren silberblauen Wogen. In Seelands Buchenwäldern genoß ich meiner Jugend erste Freuden." Nathanson blieb Jude, aber seine Kinder ließ er taufen. Wir blenden ab. 100 Jahre später sehen wir die jüdische Gemeinde in Dänemark in zwei Teile gesondert, die nach verschiedenen Gesetzen angetreten sind. Die alten Juden haben sich nicht gespalten, aber aus dem Osten sind mit der Jahrhundertwende neue Juden gekommen, Arbeiter und Handwerker, die jiddisch sprachen und deren religiöse Haltung von der Orthodoxie des Ostens beeinflußt war. Obwohl die Unterschiede mit der aufwachsenden Generation zu schwinden beginnen, nimmt die Einwanderung dieses Jahrhunderts noch eine Sonderstellung ein. Die alteingesessenen skandinavischen Juden gehören zu den am meisten assimilierten der ganzen Welt. Die Zahlen reden hier eine deutliche Sprache, an denen keine Darstellung der jüdischen fragte einmal Oberrabbiner Dr. Friediger in Kopenhagen, das Judentum in Skandinavien aussterben? Dr. Marcus Ehrenpreis, Stockholm, sprach von den Deserteuren des Judentums. Längst hat sich die jüdische und nichtjüdische Literatur des Problems angenommen; Theater und Roman behandeln die Schwierigkeiten, aber das happy end schwenkt ausnahmslos in den statistischen Strom ein. Aus dieser Welt sind bedeutende Menschen erwachsen, als deren Repräsentant Professor Niels Bohr gelten kann, Dänemarks erster Wissenschaftler, der Schöpfer der modernen Atomtheorie. Die überwiegende Mehrzahl der skandinavischen Juden fühlt sich in ihrer sozialen und wirtschaftlichen Situation vorläufig noch nicht gefährdet. Die großen Fragen des Judentums unserer Zeit waren Anlaß zu menschlicher Hilfsbereitschaft *md in kleinerem Ausmaß auch zu einer Apologetik der jüdischen Religion. Neue Ideen sind nicht aufgetaucht. Der Zionismus hat seine Anhänger nicht zuletzt im Kreise der späteren Zuwanderung, sein bedeutendster Vertreter ist Dr. Hugo Valentin, der Geschichtsschreiber des schwedischen Judentums. Auf den Tagungen der jüdischen Jugend Skandinaviens hissen sie die Fahne Palästinas. Daneben wehen die Flaggen Dänemarks, Schwedens, Norwegens und Finnlands. Den Standpunkt der Assimilation vertritt Professor Joseph sons (Lund) mit dem Begriff der „doppelten Loyalität", mit jener Präzision, die den skandinavischen Verhältnissen eigen ist. Rabbiner Dr. Melchior (Kopenhagen) ist auf religiösem Gebiet Fürsprecher eines neuen Liberalismus. Skandinavien ist nicht die Welt, es liegt fast außerhalb der Welt. Es fühlt sich neutral. Diese Neutralität der Inselhaftigkeit macht .aber zugleich scharfsichtig für die Schwierigkeiten einer Neugestaltung jüdischen Lebens. Nirgends sieht man so deutlich wie in Skandinavien die enge Verflochtenheit des Lebens in der Diaspora mit den bewegenden Fragen Professor Niels Bohr Bronzebüste von Harald Isenstein . Fat. (2) Archiv Verhältnisse im Norden vorübergehen kann. Nach der letzten bekannt gewordenen Aufstellung betragen die Mischehen 1880—1889: 35,9 %, 1890—99: 40,7 % 1900 bis 1905: 48,2o/0, 1906: 33,9 °S> 1911: 41,4o/0, 1916: 44,3%, 1921: 51,7%. Es ist nicht verwunderlich, daß. das Judentum im Norden Fragen eigener Art äufwirft. Soll, so der Umwelt. Isolierte jüdische Lösungen erscheinen von hier aus gesehen unmöglich. Der Zionismus ist für den alteingesessenen Juden eine sozusagen moderne Assimilation an eine große Strömung unseres Jahrhunderts. Der große Gleßlöffel des Knopfgießers aus Ibsens gewaltiger Dichtung ist ein skandinavisches Lieblingsbild. In diesem Gießlöffel befindet sich eine ganze Welt. Die jüdische Problematik jenseits des Zionismus liegt in der allgemeinen und ganz gewiß nicht erst jetzt beginnenden Auflösung der religiösen Werte, die in ganz Skandinavien deutlich gesehen und ausgesprochen wird. Das sind keine spezifisch jüdischen Fragen, aber sie berühren eine Gemeinschart besonders, die mit staatlichem Willen sich einmal „mosaisch" nannte. Vor kurzem erließen, was den allgemeinen Sachverhalt symptomatisch unterstreicht, drei bedeutende nordische Verlage ein Preisausschreiben: Kann in unserer Zeit eine objekitve Moral aufgestellt werden und worauf kann sie gegebenenfalls gegründet werden? Das Preisausschreiben wurde damit begründet, daß die auf religiöser Autorität gegründete Weltanschauung in weitem Ausmaß ihre Bedeutung für den Gegenwartsmenschen verloren habe. Das Preisausschreiben fand die Aufmerksamder ganzen Welt, viele hundert Manuskripte sind eingelaufen, und eine Reihe beachtlicher Beiträge wurde veröffentlicht. Es interessieren hier nicht die Lösungsversuche, die sich samt und sonders die Prämisse der drei Verlage zu eigen machten. Aber die Fragestellung und die Ernsthaftigkeit des Bemühens erhellt die allgemeine Situation. Mögen die Ideologien der skandinavischen Juden aufgespalten sein, so wissen alle — jeder in seiner,.. Weise — um jene Tragik, der Hermann Bang in seinem bekannten Künstler-"- roman Ausdruck verliehen hat. Ihre Schlußfolgerungen weichen weit von einander ab. Keiner will aber mit dem alten Peer Gynt sagen: „Es erwartet keiner den alten Peer Gynt'. Es ist ein Wort in jenem fünften Akt, in dessen Mitte man nicht stirbt. Bemühung um Gemeinschall Erfahrungen in Südamerika Buenos Aires, 16. September Gemeindegründung unter dem wandernden Teil der Judenheit — und warm hat es den nicht gegeben — war früher ein naiv-unproblematischer, ein natürlicher Vorgang. Dem Rückschauenden enthüllt sich ein gewichtiges Stück jüdischer Geschichte, wenn er in den vielen berühmten und unberühmten Gemeindegründungen auf jüdischem Neuland das Geheimnis unseres Bestandes sich widerspiegelnd findet. Problematischer geschieht das gleiche in der Gegenwart. Das Organische wurde im Zeitalter der Moderne zum Organisierten, die einzige natürliche Tatsache, daß Juden, wo sie sich finden, zu einer Gemeinde zusammentreten, wurde zum Problem. Hier liegt die Wurzel für die Schwierigkeiten,, mit denen die jüdische Arbeit unter den Auswanderern zu rechnen hat. Sie zu neuen Gemeinschaften in ihren neuen Heimatländern zusammenzufassen, ist erstaunlich oft dogmatisch gefordert und erstaunlich selten praktisch erfüllt worden. Heute, nach mehreren Jahren unausgesetzter Wanderung, mit vielfach gleichem Ziel, zeigen sich selbst in den großen Einwanderungszentren nur spärliche, zögernde Anfänge neuer Zusammenschlüsse. Auch Art und Inhalt der sich bildenden Gemeinschaften sind grundverschieden von der auf dem Minjan aufbauenden RePgionsgemeinde früherer Zeiten. Hier ist ein Säkularisierungsprozeß wirksam, der aufgezeigt und * aufgezeichnet werden muß, damit man ihm begegne. Freilich muß ehrlich zugegeben werden, daß nicht nur 4 die willensmäßigen Momente, daß gerade auch alle außerhalb der Macht und des Willens der jüdischen Menschen liegenden Faktoren der Neubildung jüdischer Gemeinschaften entgegen sind. Aeußere Verhältnisse, die jedermann kennt, haben es so gefügt, daß die Auswanderung der Juden aus Deutschland in der Form der Einzel Wanderung vor sich gehen muß. Gruppenwanderungsvorhaben ließen sich fast nie verwirklichen; fast stets sind sie an den stärkeren Gegebenheiten gescheitert. Der Ankömmling im neuen Lande sieht sich allein. Nur ein sehr fest gefügtes jüdisches Bewußtsein bleibt unberührt und unverwandelt im oft höllischen Wirbel der ersten Wochen, Monate, Jahre, in denen es um Existenz und Einordnung geht. Gegen diese psychologischen Tatsachen vermögen die jüdischen Institutionen des Ankunftslandes nur wenig, selbst wenn sie es wollen. Als ein Mechanismus sozialer Hilfe hat sich das Judentum Deutschlands seinen Menschen in den Monaten des Abschieds präsentiert, als ein Mechanismus sozialer Hilfe tritt ihm das jüdische Leben im Zielland entgegen. Das kann nicht anders sein. Doch der Ankömmling fühlt sich nicht als ein wirkendes Glied, sondern als Objekt der Sorge in den neuen jüdischen Bereich einbezogen. Ein solches Bewußtsein ist nicht gemeinschaftsbildend. Denn es erzieht zum Fordern und verpflichtet nur die Besten. Haben die bestehenden jüdischen Gemeinschaften in den Einwanderungsländern die zuwandernden Juden aus Deutschland reibungslos in sich aufgenommen? Diese so schwerwiegende Frage muß fast rundweg verneinend beantwortet werden. Der Weg derv Juden aus Deutschland ist keine Wanderung „von Gemeinde PERSIANER NERZE Silberfüchsen Sämftl. Pelzarten BERLIN W 5 O. Augsburger Strasse 45

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