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Central-Verein-Zeitung · 1938-09-22 · 38 (22.9.1938) · page 3

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
38 (22.9.1938)
Date
1938-09-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 38 » 1. Beflagg C.-V.-Zeltung 22. September 1938 » Seite 3 „Wohlan, teil tue ein ■Sf©H©S' / Zu Bosch Haschana 5699 Tori Rabbiner Dr. Hugo Hahn. Essen Der Jude unserer Tage ist geschichtshungrig geworden. So wenig Beziehungen er oft in früheren Jahrzehnten zu der Geschichte seines Stammes gehabt haben mag, die letzten Jahre haben eine fühlbare Wandlung in dieser Hinsicht gebracht. Die Wucht des jüdischen Schicksals, die immer stärker zutage tretende . Notwendigkeit, sich der jüdischen Gemeinschaft einzugliedern, hat die Frage nach dem Werdegang unseres Judeseins, nach den Etappen des jüdischen Geschicks in Vielen unter uns aufbrechen lassen. Bemerkenswerter Ausdruck dieser neuerwachten Sehnsucht nach Wissen auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte sind die Themen der Arbeitsgemeinschaften in den Jugendbünden und die Programme der Vorlesungen unserer Lehrhäuser. Vorträge, die einen Ueberblick über den Gesamtverlauf der jüdischen Geschichte vermitteln wollen, nehmen in ihnen einen breiten Raum ein. Kurse, in denen Sondergebiete der jüdischen Historie den Hörern nahegebracht werden sollen, ziehen sich über Semester und Jahre hin. Bücher, die in leichtverständlicher Sprache die geschichtlichen Erscheinungsformen des Judentums aufzuzeigen und zu deuten versuchen, sind auf dem Büchermarkt gefragt und werden von Jugendlichen und Erwachsenen gelesen. Mancher Jude ist im dieser Zeit selbst ein Geschichtsforscher bescheidenen Formats geworden. Die Herstellung seiner Ahnentafel, die Einsichtnahme in die biographischen Sonderheiten seiner Familiengeschichte haben ihn in unmittelbare Berührung mit den unabdingbaren Werkzeugen aller GescHchtswissenschaft gebracht. So sehr der neuerwachte Wille zum geschichtlichen Denken vom jüdischen Standpunkt aus zu begrüßen ist, so zweifelhaft sind doch oft die weltanschaulichen Folgerungen, die aus solchem Studium gezogen werden. Fragt man den berühmten Mann „der jüdischen Gasse" nach dem Geschichtsbild, das er sich auf Grund seiner Beschäftigung mit historischen Stoffen gemacht hat, so wird er das Ergebnis seiner Ueberlegungen im Hinblick auf das jüdische Schicksal gern in den oft zitierten Satz Ben Akibas aus „Uriel Akosta" zusammenfassen: „Und alles ist schon einmal dagewesen." So bestrickend in dieser Formel auch die Tatsache zum Ausdruck kommt, daß so manche Epochen unserer Geschichte in überraschender ' Weise einander ähnlich sehen, so fraglich ist es doch, ob mit diesem Zitat das Wesenhafte jüdischer Geschichtsbetrachtung zutreffend umschrieben ist. Allzu leicht schleicht sich bei solcher Urteilsfällung die Auffassung ein, als ob die Zugehörigkeit zum Judentum zugleich die Unentrinnbarkeit aus einem Geschichtskreis mitmeint, der sich in allen Zeiten in gleicher Weise wiederholt und aus dem es keine Befreiung und kein Ausschreiten in die Weite geben kann. Die jüdische Geschichte wird so zur Domäne der ewigen Gleichförmigkeit und zum Fluch der verzweifelten Ausweglosigkeit. Nun kann sich ein solches Geschichtsbild zwar auf die biblische Feststellung aus dem Buche Kohelet berufen: „Was gewesen ist, das wird wieder sein und was geschehen ist, das wird wieder geschehen; es gibt nichts Neues unter der Sonne." So oft auch dieses Wort in Verbindung mit dem des erdichteten Ben Akiba als letzte Weisheit angepriesen wird, so wenig beweiskräftig ist seine Aussage für den wahren Sinn jüdisch geschichtlichen Denkens. Ueberprüft man nämlich den Zusammenhang, in dem dieses Urteil des Kohelet gesagt ist, so wird der Seinen zu werden. Und so manches Volk, dem man den Untergang schon glaubte beurkunden zu können, hat sich allen Wahrscheinlichkeitsberechnungen zum Trotz durchgesetzt und ist am Leben geblieben. Dieses Spannungsmoment, das jeder Geschichte eigentümlich ist, schwingt in den Blättern unserer Bibel und nimmt mit seiner Melodie den Leser immer wieder von neuem gefangen. Das ist wohl auch der letzte Grund,, warum Kenner dieses Buches immer wieder in allen Lebenslagen zu ihm zurückkehren und mit seiner Lesung nie zu Ende kommen. Man muß, wenn man angefangen hat, sich in seinen Inhalt zu vertiefen, immer weiter blättern, weil zwischen seinen Zeilen ein Geheimnis geborgen ist, dessen Enträtselung der Zukunft vorbehalten ist. Aufgabe des Menschen ist nach jüdischer Ueberzeugung, den Tag mit herbeiführen zu helfen, an dem das Ersehnte Tatsächlichkeit, das Erträumte Wirklichkeit geworden ist. Der Jude weiß sich, von der Geschichte aufgerufen, Mitbereiter des „Königstum Gottes" auf Erden zu werden. Für den Juden birgt die Geschichte noch viel Neues und Nicht-Dagewesenes. Der Jude fühlt zutiefst, daß die Zeiten noch nicht Vor Spruch / Von Edith L. Meyer Noch viele Tage werden kommen, gehn, bis wir den Frieden in uns selber finden und Gottes Wege ahnen und verstehn; bis uns durch Not, Verzicht und Ueberwinden die Wandlung wird, die Er uns ausersehn, daß wir dem All noch tiefer uns verbinden. Bis wir, erwachend aus verhaltnem Traum, der Wirklichkeit bewußt entgegenreifen, aus der Gebundenheit im engen Raum an die Unendlichkeit der Schöpfung streifen; bis sich vom unbekannten Zeitensaum die Stunde löst, in der wir Gott begreifen. ll![l!l[!([[|[!lif!!lll[[i[[[||[|f|[illM man merken, daß es dem „Prediger" in dem ersten Kapitel seines Buches gar nicht um die Stellung des Menschen in der Geschichte, sondern um seinen Ort im Ganzen des kosmischen Naturablaufes zu tun ist. In diesem Betracht wird dann festgestellt, daß der Mensch wie alle Wesen dieser Welt dem Gesetz der Natur immer unterworfen bleiben wird. In der Natur aber gibt es nichts Neues. Die Sterne haben in den Tagen Homers dieselbe festgelegte Bahn zurückgelegt, wie sie es heute noch tun. Die Elemente, aus denen das Wasser zusammengesetzt ist, waren zu Aristoteles'Zeiten dieselben wie heute. Geborenwerden und Sterben sind trotz aller Fortschritte der Wissenschaft unabänderliche Naturgesetze, denen auch der Mensch nicht zu entrinnen vermag. In der W7elt der Natur gibt es nichts Neues, und was neu erscheint, ist nur neu, weil seine Normen bisher nicht erkannt und durchschaut wurden. Anders ist es im Reich der Geschichte. Ihr wird man nur gerecht, wenn man vom umgekehrten Grundsatz ausgeht: alles ist wiederholbar, nur nicht die Geschichte. Es mag Eroberungen gegeben haben, die viel Aehnlichkeit mit Alexander dem Großen besaßen; er selbst ist eine einmalige, nicht wiederholbare Figur der Weltgeschichte. Die Philosophie Piatos mag viel gleichgesinnte Forscher zum Nachdenken angeregt haben; sein Werk ist eine singulare und nicht auswechselbare Tat der Geistesgeschichte. Die Situation der Juden Spaniens im Jahre 1492 hat sehr viel Berührungspunkte mit der der palästinensischen Judenheit im Jahre 70. Trotzdem folgt jedes dieser beiden katastrophalen Ereignisse seiner eigenen Gesetzlichkeit und ist mit dem anderen nicht austauschbar. Im Gebiet der Naturwissenschaften zeitigen die gleichen Voraussetzungen immer dieselben Ergebnisse. Der Räum der Geschichte ist voll von Ueberraschungen. Da läßt sich nichts vorausbestimmen und nichts vorausberechnen. Da wird das Uner- .wartete und Unvorhergesehene über Nacht zum Ereignis. Ein Mose war kraft seiner Herkunft aus einem Sklavenhause und seiner von der Bibel selbst geschilderten physischen Mängel am wenigsten dazu geeignet, der Wortführer und Gesetzgeber. Jüdischer Brauch in Elul und Tischri Von B. Kestenbaum Am ersten Elul bestieg Mose auf göttlichen Befehl von neuem den Berg Sinai, um die Bundestafeln in Empfang zu nehmen. In ganz Israel erschallte derSehofar und mahnte zur Rückkehr. Nach 40 Tagen, am 10. Tischri, kehrte Mose mit den ihm von Gott wieder verliehenen Luchot Habrit, den Tafeln des Zeugnisses, zu seinem Volke zurück und überbrachte die frohe Botschaft, daß der Ewige die Sünde des goldenen Kalbes verziehen hat. Darum er- Brillen~ Kaiser Optikermeister / Staatlich geprüfter Augenoptiker BERLIN W30, Speyerer Straße 10 / U-Bahnhof. Bayer. PI. HMHMMMM 26 30 83 IM . ■ i........... erfüllt sind, daß die Menschheit ihrer Aufgabe auf Erden noch lange nicht gerecht geworden ist. Er glaubt an das Kommen des Messias und an die Verheißung vom „neuen Himmel und der neuen Erde". Im Bereich der Natur mag das Wort seine Berechtigung haben: „Und alles ist schon einmal dagewesen." Im Raum der Geschichte hat es keinen Platz. Rosch Haschana feiern heißt trotz aller leidvollen Begebenheiten der Vergangenheit und aller trüben Erfahrungen der Gegenwart den Anbruch des Neuen sehen und der Größe des Verheißenen vertrauen. Mancher Traum, den wir in1 den vergangenen Jahrzehnten geträumt haben, ist in nichts zerronnen; manches Gesicherte und Ge- . wohnte ist schwankend und fragwürdig geworden. In einer Zeit, die das Stürzende und Vergängliche uns so klar vor Augen stellt, dürfen wir Juden nicht verabsäumen, Auge und Herz vor dem Neuaufkeimenden und Neuwerdenden offen zu halten. Es entspricht nicht jüdischer Geisteshaltung, daß wir uns immer nur an das, was war und vergangen ist, an- MaEerarbeiten / David Friedmann «erlin W15, P.derborn.r Str. 9. »7 «5 65. klammern, und daß wir nicht aufhören, über das Vergängliche und Dahinschwindende zu klagen. Wohl hat Kohelet recht, wenn er dem Juden die ^Vergänglichkeit alles Natürlichen mit den Worten einschärft: „Was gewesen ist, das wird wieder sein, und was geschehen ist, das wird wieder geschehen; es gibt nichts Neues unter der Sonne." Aber in der Geschichte gilt für uns das Wort des Propheten Jesaja: „Gedenket nimmer des Früheren, dem Vormaligen sinnet nimmer nach! Wohlan, ich tue ein Neues, jetzt wächst es auf, erkennt Ihr's nicht?" tönt noch heute alljährlich, überall wo traditionstreue Juden leben, 40 Tage vor dem 10. Tischri täglich nach der Morgenandacht, der Schall des Schofars und in manchen frommen Gemeinden sogar auch nach dem Nachmittagsgebet. Inden sephardischen Gemeinden beginnt man schon am 2. Elul die Selichot zu beten, während in den Gemeinden in Deutschland und Polen die Selichot erst am Sonntag vor dem Neujahrsfest vorgetragen werden. Es ist Sitte, in Briefen, die man einander in der Bußezeit schreibt, seine Wünsche durch die Worte „Ketiwa wachatima towa" — Gute Eintragung und Besiegelung! — zum Ausdruck zu bringen. Der erste und zweite Tischri, Rosch Haschana, das jüdische Neujahrsfest, in der Tora Jörn Hasikaron, ein Gedächtnistag des Posaunenklanges, ist jedoch mit der Zeit zum Jörn Hadin, Tag des Gerichtes, geworden. Denn im Midrasch heißt es, für den vollkommenen Gerechten fällt die Entscheidung schon am Rosch Haschana, auch den Bösen erwartet sein verdienter Urteilsspruch am Neujahrstage, dagegen haben die Schwankenden noch Frist bis zum Jörn Hakipurim, dem Versöhnungstage. Wer nun den Schall des Schofars gleich begriffen hat, für den beginnt schon am Neujahrsfest ein neues Leben; die Schwankenden aber müssen die gegebene Frist dazu benutzen, um sich zu den ganz Gerechten durchzuringen. Für den Zweifelnden gibt der Schabat Schuwa, der Sabbat zwischen Neujahr und dem Versöhnungsfest, gute Gelegenheit dazu, denn es heißt: „Kehre zurück, Israeli, zum Altpapier- Adolf Naftanie! Berlin NW 87, WujlenweberstraBe 2. Tel.: 39 78C2 Herrn, deinem Gotte!" Der Rabbiner soll ..an diesem Sabbat eine halachische Predigt, die meist ein talmudisches Thema behandelt, und ebenfalls einen aggadischen Vortrag halten, der die Umkehr und Buße zum Gegenstand hat. Das Schofarblasen an beiden Neujahrstagen erfolgt nach einer bestimmten Ordnung. Vor dem Schofarblasen wird in verschiedenen Gemeinden der 47. Psalm gesprochen, in dem es heißt: „Auf steigt Gott in Posaunen- AUSWANDERER kaufen ihr Schuhwerk bei DEWAN, Köpenicker Str. 73 und Rheinstr, 37 _RestbsstSnda zu besonders qünsüqen Pre'sen schmettern, der Herr im Hall des Widderhornes." Nachdem die Schofartöne verklungen sind, sprechen Vorbeter und Gemeinde den Psalmvers 89: „Heil dem Volke, das den Posaunenklang kennt; Herr, im Lichte deines Angesichtes wandeln sie." Nach der Nachmittagsandacht des ersten Rosch Haschana-Tages pflegte man an irgendein fließendes Gewässer, einen Bach oder Fluß zu gehen und dort die Verse Briefmarken «. Fritz Lewift Berlin W 35, Lützowstrasse 95 A. Micha VII, 18—20 zu sprechen; dabei war es ein alter Brauch, seine Kleidertaschen umzukehren, um damit das Fortwerfen der Sünden zu symbolisieren. . Uns lehren die Weisen, daß nicht nur allein durch die sühnende Kraft des Ver- AN DEN FEIERTAGEN M0NTA6, DEN 26.. DIENSTAG, DEN 27. SEPTEMBER BLEIBT UNSER HAUS GESCHLOSSEN

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