Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 35 (1.9.1938)
- Date
- 1938-09-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Palästlna-ümscliaii der C.-Y>Zettnng Die Unruhen der Woche Wahrend neue militärische Verstärkungen angekündigt werden und die Schlagkraft der im Lande befindlichen Truppen fortgesetzt verbessert wird, halten die Unruhen in unverminderter Stärke an. In schauerlicher Eintönigkeit wiederholen sich die'nun schon aus jahrelangem Ablauf bekannten Anschläge und blutigen Verwicklungen. Am Nachmittag des 23. August wurde die militärische Bedeckung, die auf der Tiberias— Nazareth-Landstraße den Verkehr bewachte, von arabischen Terroristen angeschossen, wobei ein britischer Soldat schwer verwundet wurde. In dem sich entwickelnden Kampf zwischen Militär und Terroristen wurden vierzehn Araber getötet und 11 Gewehre erbeutet. In der Nähe von Jerusalem wurde ein Güterzug durch eine von Terroristen angelegte Barrikade aufgehalten und beschossen. Ein arabischer Polizist wurde dabei getötet. Aus Nablus wurde ein arabischer Polizist von Arabern mitten am Tage entführt und einige Tage später in der Nähe der Stadt tot aufgefunden. In Tiberias und Nablus wurden Haussuchungen durch Militär vorgenommen, wobei zahlreiche Waffen beschlagnahmt und 40 Araber verhaftet wurden. In der Polizeistation von Dschenin wurde am 24. August der assistierende Bezirkskommissar Walter Moffat von Terroristen so schwer verwundet, daß er trotz Operation und Bluttransfusion, die im Haifaer Regierungshospital vorgenommen wurde, in der folgenden Nacht starb. Ein des Anschlags verdächtiger Araber wurde verhaftet und kurz darauf bei einem Fluchtversuch erschossen. Auch in die Polizeistation in Ludd brach eine Terroristenbande ein und stahl Munition. Im Gefängnis von Akko wurde ein britischer Polizeisergeant von einem Gefangenen mit einem Messer überfallen und leicht verletzt. Eine starke arabische Bande umstellte das Kloster in Cäsarea und verschleppte den Mönch Hanna Khury, sowie seinen Bruder. Beide wurden kurz darauf in der Nähe von Tulkerem tot aufgefunden. Im Zuge der Nachforschungen über den Mörder des englischen Bezirkskommissars von Dschenin wurden am 25. August die gesamte Bevölkerung Dschenins vorübergehend aus -der Stadt entfernt, um eine gründliche Durchsuchung der Häuser zu ermöglichen. Waffen und Munition wurden beschlagnahmt. Die Regierung erließ eine Bekanntmachung, in der sie ankündigte, daß eine Anzahl von Häusern der Stadt niedergerissen werden würde, um die Aufrechterhaltung der Ordnung zu erleichtern, da die Einwohner erwiesenermaßen den Terroristenbanden häufig Beistand geleistet hatten. Zu einer schweren Bombenexplosion kam es am 26. August auf dem Gemüsemarkt in Jaffa. Es wurden 16 Araber getötet und 30 verwundet, davon 13 schwer. Die erregte Menge versuchte, die Anglo-Palestine-Bank in Jaffa zu stürmen, wurde jedoch, von den Wächtern daran. gehindert. Auch auf die Barclays Bank wurde ein Angriff versucht, wobei ein Araber getötet wurde. Ein Auto-, das einem englischen Beamten der Bank gehört, wurde angehalten und in Brand gesetzt. Ein arabischer Polizist wurde schwer verletzt. Ein Regierungs-Krankenwagen wurde in der Nähe von Jaffa beschossen und der Fahrer getötet. Sein Begleiter wurde leicht verwundet. Auf dem Wege zwischen Jerusalem und Tel-Aviv wurde eine Anzahl jüdischer Autos beschossen und mit Steinen beworfen. Der Verkehr wurde für kurze Zeit unterbrochen, konnte jedoch wieder aufgenommen werden, als Militär erschien und die Ordnung wieder herstellte. Eine Anzahl von Juden wurde verwundet. In der Nähe des Militärlagers in Sarafend wurden zwei Juden verwundet aufgefunden. Nördlich von Tulkerem kam es zu Schießereien zwischen Arabern und Militär, bei denen ein Araber und zwe\ britische Flieger getötet wurden. Am 27. August hielt die Spannung, die durch die Bombenexplosion vom Tage vorher ausgelöst worden war, in Jaffa unvermindert an. Als die arabische Menge wiederum versuchte, zu plündern und Häuser in Brand zu stecken, griff die Polizei ein, tötete einen der Rädelsführer und verwundete sechs. Tel-Aviv, 25. August Es entspricht der Eigenart des jüdischen Gemeinwesens in Palästina, daß beinahe jeder öffentliche Notstand einen besonderen Fonds zu seiner Ueberwindung ins Leben ruft. In der gegenwärtigen Krisenperiode sind die zentralen Fonds und die mancherlei Sonderfonds geradezu ein Sinnbild des Kampfes gegen Krise und Unruhen und des Willens zur Fortsetzung des Auibaus geworden. Im Gegensatz zu den mancherlei einmaligen und dauernden Sammlungen für bestimmte Zwecke der öffentlichen Wohlfahrt, Kunstpflege oder anderer Dinge, die ja hier ausschließlich auf freiwillige Finanzierung angewiesen sind, bedeuten die eigentlichen Fonds mehr als bloße Apparate derGeldsammlung. Durch ihren Einfluß auf die Verwendung der Gelder bestimmen sie zugleich auch weitgehend die Richtung der Arbeit; sie sind somit wichtige Instrumente der Wirtschaftsplanung. Das gilt namentlich vom Keren Kajemeth, dem Bodenfonds, und dem Keren Hajessod, Der Wächter der Siedlung Tel Chajim bei Tel-Aviv, der orientalische Jude Abraham Biton, wurde während eines arabischen Angriffes getötet. Zwei jüdische Hilfspolizisten, die in einem arabischen Wagen in der Nähe der amerikanischen Kolonie Gan Jawne vorbeifuhren, wurden aus einem andern arabischen Wagen, der ihnen begegnete, beschossen. Einer von ihnen, Jizchak Haberkorn, 19 Jahre alt, wurde getötet, der andere, Chanoch Leiblich, 26 Jahre alt, wurde schwer verletzt. Am 28. August wurden vier jüdische Arbeiter in der Nähe von Akko von Arabern angegriffen. Einer von ihnen, Ephraim Silbe r m a n n, 31 Jahre alt, wurde getötet. Die andern entkamen. In der Nähe von Moza wurde eine aus jüdischen Hilfspolizisten-bestehende Wegepatrouille überfallen. Sie erwiderten das Feuer und töteten zwei ihrer Angreifer. Ein Jude wurde leicht verletzt. An der Nacht zum 29. August. wurde die Kwuza Ejn Schomer, die in der Nähe von Karkur liegt, überfallen. Die arabischen Kugeln drangen in den Eßraum und töteten David Schneider (28 Jahre) und Dov Hendel (30 Jahre). Kolman S i t n e r (28 Jahre) wurde schwer verwundet. Auch die Vororte von Tel-Aviv wurden in dieser Nacht heftig beschossen. Dabei wurde der jüdische Hilfspolizist Arje Schulmann (40 Jahre) schwer verletzt. In Ramie wurde ein Ueberfall auf einen arabischen Polizisten verübt, der durch Schüsse schwer verwundet wurde. dem Aufbaufonds, dessen Gelder freilich entsprechend seiner Stellung als zentrales Finanzorgan für die laufenden Bedürfnisse des werdenden Staates und auch für die einmaligen Grundinvestitionen des Aufbaus weitgehend an die Jewish Agency abgeführt und von dieser verausgabt werden. Auch diese Fonds haben den besonderen Verhältnissen der Gegenwart durch besondere Aktionen Rechnung getragen. Außerdem aber sind verschiedene Sonderfonds entstanden, die teils mit, teils neben dem Zentralfonds arbeiten. Von ihnen ist der jüngste, aber im Augenblick wohl der weitaus wichtigste der Kof er H a j i s c h u w, das Verteidigungs-Not opf er des jüdischen Palästina. Gerade er aber ist weit mehr als eine Geldsammlung. Noch bevor die eigentliche Sammelaktion überhaupt in Gang kam, hat er, in engem Zusammenwirken mit den bestehenden Institutionen, eine Reihe von wichtigen Maßnahmen zum Schutze jüdischer Arbeit, jüdischen Lebens und Eigentums durchgeführt. Bevor er Geld sammelte, sammelte er Freiwillige, und schon in den ersten drei Wochen konnten nicht weniger als 74 Siedlungspunkte, die besonders den Angriffen der Terroristen ausgesetzt sind und deren eigener Mannschaft auf die Dauer die Doppellast von Arbeit und Kampf nicht zugemutet werden konnte, durch Entsendung von Freiwilligen, die sich in Städten und Kolonien zur Verfügung stellten, verstärkt werden. Neunzig Siedlungen wurden mit Verteidigungsanlagen wie Stacheldrahtverhauen, die sich glänzend bewährt haben, Schutzmauern und Gräben, Scheinwerfern und Panzerautos ausgerüstet, alles unter Vorgriff auf die Mittel, die jetzt durch eine einmalige Abgabe vom Vermögen und Einkommen sowie durch Zuschläge auf jede Autobus- und Kinokarte aufgebracht werden. Eine besonders wichtige Arbeit ist jetzt im Gange: die Ersetzung von Sandwegen durch festes Straßenpflaster, um wenigstens auf den wichtigsten Zufahrtstraßen das Eingraben von Landminen zu erschweren. . Ein anderer Sonderfonds tritt eben jetzt mit seinem ersten Halbjahresbericht an die Oeifentlichkeit: der Mifdeh Esrachi, die wirtschaftliche Selbsthilfe- Aktion des Mittelstandes. Er wurde ins Leben gerufen als eine Art bürgerliches Gegenstück zu dem Keren Chosser Avodah, dem Arbeitsbeschaffungsfonds, den die Arbeiterschaft vor drei Jahren durch Selbstbesteuerung al^ Histadruth- Mitglieder. gegründet hat. IBe Mittel wurden überwiegend produktiv*angelegt, zum großen Teil in einer Aktienbeteiligung an der „Bizura-Finanzierungsgesellschaft für öffentliche Arbeiten, deren Tätigkeit hier unlängst besprochen wurde, sowie in der Mitwirkung an Baufinanzierungen und ähnlichen wirtschaftlichen Maßnahmen. Auch die Gelder, die für die eigentliche Arbeitslosen-Unterstützung abgezweigt und der neu gegründeten Hilfskasse „Mischan" zur Verfügung gestellt wurden, werden lediglich als Darlehen vergeben, welches der Empfänger zurückzahlt, sobald sein Arbeitseinkommen wieder eine gewisse Höhe erreicht. Aehnlich ist auch das Arbeitsprogramm des Mifdeh Esrachi. Aber sei es, weil er später angefangen hat, sei es, weil das wenig organisierte Bürgertum schwerer zu erfassen ist, weil die Notlage im Kleingewerbe sich besonders verschärft hat, oder mögen auch wirtschaftspolitische Widerstände eine Rolle spielen — jedenfalls war bisher das Ergebnis der bürgerlichen Aktion geringer als das des Arbeitsbeschaffungsfonds. W7ährend die Arbeiterschaft in zwei Sammelperioden 1936 und 1937 zusammen weit über £P 100 000 aufgebracht hat, verzeichnet der Mifdeh Esrachi bisher erst £P 22 500 an Zahlungsverpflichtungen und Zahlungseingängen. In Gemeinschaft mit der Jewish Agency und zentralen Finanzinstituten hat der Mifdeh Esrachi bisher Besondere Fonds / ^TT LSKampfes Von unserem «-Palästina-Berichterstatter Neue Literatur über den Judenstaat Von Dr. Werner Calinmann In unseren Tagen ist die Aufgabe, die Theodor Herzl sich selbst und seiner Generation gestellt sah, zum Feuerzeichen für seine Nachfolger geworden: die Organisierung des Auszugs. Aber wohin soll man sich wenden? Manche Länder sind vorübergehend für dünne Rinnsale aus der gestauten Millionenflut geöffnet, viele andere scheinen sich endgültig zu schließen. In Palästina haben sich politische Schwierigkeiten turmhoch gehäuft und das so hoffnungsvoll begonnene Werk des Aufbaus zum Stocken gebracht. So steht nicht nur die Judenheit, sondern auch der Zionismus, der doch ausgezogen war, sie zu erlösen, vor der drängenden Frage, was nun geschehen soll, um den Bestand unserer Gemeinschaft, dieses unser unersetzliches Heiligtum, vor dem drohenden Untergang zu retten. In einem solchen Zusammenhang muß die Parole: „Beseitigung der Judennot durch Errichtung des Judenstaates" verstanden werden. Von den Autoren der vorliegenden neueren Literatur zur jüdischen Staatsidee und Staatswirklichkeit wird sie in verschiedenartiger Ausformung aufgegriffen. Unter ihnen ist Hubert Pollack (Hubert Pollack, Judenstaat wird Wirklichkeit, Jüdischer Buchverlag Joachim Goldstein, Berlin) der einzige, der zu den Fragen des Tages, wie sie durch den Bericht der Peel-Kommission aufgerührt worden sind, in klarer und exakter Weise Stellung nimmt. Er ist für Teilung im Prinzip, aber gegen den von der Kommission vorgeschlagenen Plan, dem er einen eigenen entgegenstellt. Dieser Plan umfaßt ein Mandat A, aus dem sich künftighin der Judenstaat entwickeln soll, ein unter englischer Herrschaft verbleibendes Mandat B im Süden des Landes und einen arabischen Rest, der zu Transjordanien geschlagen wird. Der Plan ist gut und es fehlt ihm nur die Zustimmung Englands, damit der Versuch zu seiner Verwirklichung unternommen werden kann^ die Zustimmung" der Araber wird er nie finden. In einer „ideologischen Anmerkung" bekennt sieh der Verfasser zu einer totalen Lösung der Judenfrage als Ziel des Zionismus, aber mit Recht wendet er sich dagegen, daß für die Gegenwart Palästina als „Notquartier" für Millionen von Juden zurechtphantasiert wird. In ihrer Knappheit und Aktualität ist die Schrift von Pollack vorbildlich. Von der Broschüre des Agudisfcen Biberf eld (Dr. Ph. Biberfeld, Der Jüdische Staat, Verlag des Israelit und Hermon, Frankfurt a..M.) kann das gleiche nicht behauptet werden. Für ihn sind tausend Jahre wie ein Tag und der gesamte Ablauf der Geschichte, als wäre er nie gewesen. Er untersucht Verfassung, Verwaltung und Recht eines jüdischen Staates auf Grund der biblischen und talmudischen Literatur, ohne den Satz des Rabbi Jizchak ben Scheschet zu berücksichtigen, daß alles nach Maßgabe von Zeit, Ort und Personen zu betrachten sei. Aeltere und jüngere Quellen werden nebeneinandergestellt, aber der Schritt von der Literatur zum Leben wird nicht getan. Nie verläßt den Leser dieser fleißigen Arbeit das Gefühl einer gespenstischen Abstraktion. Wie sich die Staatsraison eines kommenden Judenstaats unserer Zeit mit den nie aufgegebenen Forderungen der Tradition auseinanderzusetzen hätte — diese Frage, die eine lebendige Orthodoxie Tag und Nacht quälen müßte, wird nicht einmal gestellt. Wie anders wirkt das Zeichen des Revisionismus auf uns ein! Was der Verlag Dr. Heinrich Glanz in Wien zum Thema einer jüdischen Politik in der Gegenwart beisteuert, ist höchst zeitgemäß, wenn auch rechtungleichartig im Wert. Es ist erstaunlich, berichten zu müssen, aber wahr, daß von den drei neueren Schriften aus der „Jüdisch- Politischen Bibliothek" dieses Verlags (Vladimir Jabotinsky, Der Judenstaat; Edmund Schächter, Kampf um Zion; Paul Haller, National-Revolutionärer Zionismus) diejenige des revisionistischen Führers Vladimir Jabotinsky bei weitem die schwächste ist. Seine Argumentation ist von bemerkenswerter Kindlichkeit. Wenn man sich vorstellt, daß ein intelligenter Jeschiwa-Bocher vor die eiskalten Großen dieser Welt hintritt und glücklich ist, wenn er ihnen die „Gerechtigkeit" der von ihm vertretenen Ansprüche haarscharf „bewiesen" hat, dann gewinnt man ein Bild dieses persönlich tapferen, aber ahnungslosen Mannes. Das Bild wirkt um so erschreckender, wenn man sich weiterhin überlegt, daß dieser Mann seiner Absicht nach ein — Machtpolitiker sein will! Ein Machtpolitiker, dessen „Macht" sich in Argumenten erschöpft und dessen Argumente nicht hinreichen, um ihm auch nur für einen einzigen Tag die Aufenthaltserlaubnis in einem Land zu erwirken, das er für Millionen erobern möchte! Man lese Jabotinskys Aussagen vor der Kgl. Kommission, die er nur in London, nicht in Jerusalem machen durfte, wie sie in seiner Judenstaatsbroschüre abgedruckt sind und man wird erkennen, daß alle gescheiten Bemerkungen über Fassungskraft des Landes, über notwendigen Widerstand der Araber, über .Unumgänglichkeit einer jüdischen Legion in die Luft gesprochen sind, weil es ihnen an der Möglichkeit fehlt, sich durchzusetzen. Das allein aber würde sie politisch interessant machen. Wie ein Volk, das keine physische Macht hat, physische Macht erobern kann, ist das Problem, das den jüdischen Nationalismus im Kreis herumführt. Edmund Schächter sucht ihm mit historischer Analogie näherzukommen, Paul Haller steigert es zur revolutionären Proklamation. Schächter erzählt vom wechselvollen, oft unterdrückten und in Blut erstickten, aber am Ende siegreichen Freiheitskampf der Iren, Polen, Tschechen und Italiener, um an ihrem Beispiel zu zeigen, wie maus machen muß. Die Erwähnung der jüdischen Unabhängigkeitskämpfe in der Antike dagegen kann nur heroisch-pädagogischen Sinn haben, denn es darf wohl als sicher gelten, daß der Verfasser ihre Wiederholung weder für möglich hält, noch daß er sie anrät. Der Hinweis auf die grausig mißglückten Unabhängigkeitsbestrebungen der Armenier hätte ihm aber zu denken geben müssen. Seine Analogien sind nämlich keine. Die Juden von heute sind keine Italiener des Risorgimento. Sie wohnen nicht . auf eigenem Territorium, auf dem sie und für das sie, wenn auch unter Fremdherrschaft, die Freiheit zu erringen haben, sondern sie müssen das Territorium erst erobern. Womit?? Die Antwort auf diese Frage bleibt Schächter schuldig. H a 11 e r dagegen ist ernster zu nehmen. Seine Kritik am Kongreßzionismus, daß er die revolutionäre Kraft verloren habe und am Revisionismus, daß er zur kleinbürgerlich aufgeregten Abbiegung ursprünglich revolutionärer Antriebe geworden sei, ist begründet; seine These, daß die Positionen der Diaspora, weil ohnehin unhaltbar, restlos liquidiert werden müßten, ist von seinem Standpunkt aus zwar folgerichtig, aber fern von realpolitischer Einsicht. Es überrascht, von ihm als Endziel nationalistischer Erneuerung das Bild einer biblischen Theokratie gezeichnet zu sehen, und man ist geneigt, diese Art der Uebernahme "ältester Begriffe in neueste Gedankengänge für Romantik zu halten. Doch auch wie das äußere Gebilde seines Judenstaats, der wirklich als „kibbuz galujot", als Sammelpunkt jeglicher Zerstreuung, gedacht ist, vermag er nicht zu sagen. Vielleicht ist trotz aller Bedenken Voluntarismus der einzige psycho-logische Ausweg aus einer verzweifelten Situation. Ob die Zeichen schlecht oder gut stehen, ist dem entschlossenen Willen zum Leben tief gleichgültig, er weiß nur, daß er alles wagen oder alles verlieren muß.