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Central-Verein-Zeitung · 1938-08-25 · 34 (25.8.1938) · page 15

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
34 (25.8.1938)
Date
1938-08-25
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 34 * 4. Beiblatt CYZeitunq 25. August 1938 ♦ Seite 15 Nebeneinander / v^y^ammu Es ist sechs Uhr früh. Ueber krause, verschachtelte Dächer kommt ein orangefarbener Morgen herauf. Im Frühstückszimmer surrt der Staubsauger. Im ersten Stock widmet sich Jean, der Hausbursche, dem Geschäft des Stiefelputzens. Der zweite Stock schläft noch. Unten im Büro sitzt Madame, ein nimmermüder Feldherr, und schreibt Rechnungen. Monsieur .Siravain hat gestern drei Aperitif gehabt. Drei. Madame findet das zuviel. Und außerdem bat er am Vormittag auch wieder geübt. Monsieur Siravain ist Flötist im Orchester der Oper. Nichts ist gegen eine Flöte zu sagen, dieses wohllautende, unauffällige Instrument. Aber im „Royal Palace" darf sie nicht gehandhabt werden. Und besonders nicht in der Zeit von 10 bis 1. Denn dann arbeitet Monsieur le Docteur. Madame lächelt. Monsieur le Docteur est tres charmant. Et tres fameux. Sie weiß, er arbeitet im Institut Noiret. Wenn man ihren Erzählungen glauben will, ist dieses Institut nur erbaut worden, um dem Dr. Ravel, diesem berühmten Gast, einen würdigen Rahmen zu geben. In Wirklichkeit besteht es schon seit fast vierzig Jahren und hat' von jeher Gelehrten, von Ruf Gastrecht und Arbeitsplatz gewährt. Man sieht, Madame ist nicht ganz zu Hause in der wissenschaftlichen Welt. Aber ihr Haus ist tadellos geführt. . In dem Augenblick, da sie in ihrem Rechnungsbuch von Monsieur Siravain zu Mr. Cox übergeht, dem amerikanischen Maler im dritten Stock, erwacht oben Monsieur le Docteur. Mit einer Schlaffalte zwischen den Brauen und sehr übelgelaunt. Gestern abend sind zwei Deckgläschen zerbrochen worden. Und die neue Ausziehfeder ist nicht einen Pfifferling wert. Natürlich hat L. D. die falsche besorgt. Obgleich sie seit Jahren weiß, daß er zu Strichkulturen dieser Art Nr. 3 gebraucht. Es gibt wirklich nichts wie Aerger bei dieser Arbeit. Dabei müssen die Versuche sehr bald abgeschlossen werden. Das „Journal" drängt auf Veröffentlichung. Krachend wirft sich der große Gelehrte noch einmal herum. Von der Straße herauf klingt das Klappern der Milch wagen. Und auf dem Markt schlagen die Blumenfrauen ihre Buden auf. „Man müßte ein ruhigeres Zimmer nehmen", denkt er, und dann fällt ihm plötzlich die „Revue" ein. Der Artikel über Reinzuchthefen. Hat er nicht gesagt, daß dieser Artikel unbedingt herausgesucht werden muß? Und wo steckt überhaupt L. D.? L. D., im gelben Pyjama, hockt auf dem Schreibtisch und putzt Deckgläschen. Sie hat eine phantastische Begabung, lautlos vorhanden zu sein. Alle Melodien, die sie pfeift, sind stumm. Wie sie da, klein und schmal, im breiten Rahmen des Fensters sitzt, bewegt sich ihr Jungenkopf mit den braunen Locken sacht im sanften Rhythmus einer unhörbaren Musik. Von irgendeinem Kirchtum schlägt es halb. Immer schlägt es halb, wenn man wissen will, wie spät es ist. Ravel findet, daß L. D. sich beeilen müsse. Zwei Dutzend Gläschen sind noch zu bewältigen und zehn Seiten Manuskript vom Vorabend. Das Manuskript liegt, fein säuberlich gefaltet, auf seinem Nachttisch. Er legt Wert auf peinliche Ordnung. Und außerdem ist es auch ein Irrtum, zu glauben, daß Manuskripte auf den Schreibtisch gehören. Sie gehören dahin, wo sie für den Fall notwendig werdender Aenderungen am leichtesten greifbar sind. Die Zahl der Aenderungen in den Arbeiten Ravels sind Legion. Das Orange des Himmels ist einem seidigen Blau gewichen. Wie ein linder Mantel liegt er jetzt über der Stadt, die Härten des Alltags wohltätig verhüllend. Der große Ravel entschließt sich, von diesem Alltag nunmehr Notiz zu nehmen. „Wo ist die Revue?" fragt er. Und: „Hast du die Feder schon umgetauscht?" L. D., in ihrem stummen Konzert jetzt bei Tschaikowsky angelangt, spart sich jedes Kommentar über die frühe Stunde und über die höchst bemängelns werte Eigenart der Papierwarenhändler, gebrauchte Federn nicht umzutauschen. Außerdem haßt der große Ravel sogenannte Morgengespräche. „Die Revue liegt auf deinem Nachttisch." Fünf Minuten lang ist nichts zu hören als das Rascheln eilig umgewendeter Blätter. Und dann die Stimme Ravels: „Ich glaube, wir müssen ein paar Zeilen ändern." Die Aussicht auf Frühstück, eben noch nahe, entschwindet in nebelhafte Fernen. Gehorsam klappert die Maschine. Von der Wand herab blickt, unvermeidlicher Bildschmuck aller 83 Räume des „Royal Palace", gedankenvoll der erste Napoleon. Erst als es draußen zum dritten Male Halb schlägt, sind die paar Zeilen auf ihre endgültige Form gebracht. Auf ihre vorläufig endgültige zumindest. Und nun muß L. D. gehen. „Natürlich", sagt der große Ravel gekränkt und unterbricht seine Wanderung. Wird er es denn nie erreichen, einmal in seinem Leben einen Menschen uneingeschränkt für sich zu haben? Mit hängenden Schultern und zerknautschter Zigarette bietet er plötzlich den Anblick eines traurigen kleinen Jungen. Aber dann fällt ihm ein, was L. D. alles besorgen muß. „Wirst du auch nicht vergessen, auf die Bibliothek zu gehen?" Nun, L. D. hat noch niemals etwas vergessen. Und der große Ravel notiert: Bibliothek! Costaforu einladen. Korrektur. Flughafen anrufen. Zigaretten! Brief nach Melbourne ...? Das Fragezeichen bedeutet eine Anfrage an L. D.: Wird sie heute Zeit haben, diesen Brief zu schreiben? „Ich werde es versuchen", verspricht sie. Aber nun muß sie wirklich gehen, denn sonst wird Madame Agnes böse. L. D. — irgend jemand hatte sie einmal Little Dorrit genannt, und seither hängt ihr dieser Name an wie eine zärtliche kleine Hülle — hat immer noch Angst vor Madame Agnes, trotzdem sie jetzt schon seit mehr als zwei Jahren bei ihr arbeitet, und Madame gelegentlich zu erkennen gibt, daß sie nicht ganz unzufrieden mit ihr ist. Madame hat einen sehr hübschen, sehr vornehmen Salon in der Nähe des „George V." und entwirft Hüte für die Damen der amerikanischen Kolonie. Gepfercht in die Enge eines jener Ungetüme, die man in dieser Stadt Autobus nennt, entwirft L. D. einen Hut für Mrs. Hutchinson. Bleue morte soll er werden mit einer kleinen orange Feder. Oder mit einem Tupfen Rot. Denn Mrs. Hutchinson, nach einem kurzen Intermezzo soeben auf den Kontinent zurückgekehrt, wünscht etwas, das nicht nur sanfte Wehmut andeuten, sondern auch eine gelinde Fanfare blasen soll. Und L. D. hat, wie kaum eine andere im Salon, die angenehme Fähigkeit, derartige Wünsche zu erraten, ehe sie noch recht geäußert sind. Dabei ist die Mode keineswegs ihre ursprungliche Domäne. Noch vor wenigen Jahren hat sie sehr brav in irgendeinem Archiv gesessen und über die „Musikbühne im 18. Jahrhundert" gearbeitet. Und erst, als niemand Wert auf diese ihre Arbeit gelegt hat, ist sie ins andere Lager übergegangen. Völlig kommentarlos ihrerseits, aber nicht ohne einen gewissen Protest des großen Ravel. Und nun ist sie also bei Madame Agnes. Es ist übrigens alles hervorragend in Ordnung mit ihr und Ravel. Sie ist sein bester Kamerad und sein zuverlässigster Mitarbeiter, und wo immer sie auch sein werden, wird sie das ihrige dazu tun, das Schifflein ihrer Existenz durch die Wogen zu steuern. Denn L. D. ist tüchtig. Und sie liebt Ravel. Auch der große Ravel hat schon seinen Tribut an die Zeit gezahlt. Anderthalb Jahre lang hat er in einer sinnlosen Fabrik sinnlose Pillen hergestellt. Aber er war so sichtbarlich unglücklich, so sehr Märtyrer einer schlechten Sache gewesen, daß man trachten mußte, ihn so schnell wie möglich davon zu befreien. L. D. war es gelungen, einen Platz für ihn zu finden. Und da die Mode nicht nur eine Göttin ist, sondern auch, launisch, deshalb sind es jetzt vornehmlich die Erträgnisse aus dem Salon Agnes, die den Hausstand im „Royal Palace" bestreiten und es dem großen Gelehrten erlauben, bei seiner geliebten Laborarbeit zu bleiben. Es ist, wie gesagt, alles hervorragend in Ordnung mit den beiden. Sie haben sich und ihre Arbeit, und sie haben die Aussicht, sich irgendwo einmal wirklich durchzusetzen, bis Ravel an eine Universität berufen wird. „Und dann", pflegt er zu sagen, „brauchst du keine lächerlichen Hüte mehr zu entwerfen." Die Liebe des großen Ravel geht seltsame Wege. „Ich muß den Brief nach Melbourne schreiben", denkt L. D., und eine flüchtige kleine Zärtlichkeit erfüllt sie. Ob jemand weiß, welch sanfter Tyrannei sie unterliegt.. .? Da gibt es plötzlich einen Ruck. An der Porte Maillot ist rotes Licht. Und mit einem Male spürt L. D. ein wildes, scheinbar ganz und gar unvernünftiges Herzklopfen. Neben dem Autobus hält ein großer gelber Wagen. Und an dem Steuer dieses Wagens sitzt jemand, den L. D. kennt. Sie braucht sich gar nicht zu besinnen, wie eine Flamme springt Erinnerung in ihr auf: Dahlem! Ein Abend im August. Sie ist, im großen Kreise, zu einem Vortrag gewesen, und ist dann von den andern mitgenommen worden in irgend jemandes W7ohnung. Sie erinnert sich einer Küche, in der hausfraulich bestrebte Damen ihres Amtes gewaltet und ernste Männer mit hingebungsvollem Eifer Butterbrote gestrichen hatten. Und sie erinnert sich eines Arbeitszimmers mit einer riesengroßen Bibliothek und zwei unvergeßlichen Holländern an den Wänden. Vielleicht war es die Sammlung alter Musikinstrumente gewesen, die sie am meisten gefesselt hatte, vielleicht die Miniaturen,. die der Hausherr dann später gezeigt hatte. Sie kann es heute nicht mehr sagen. Jedenfalls war sie weingelöst und wohlig in dieser angenehmen Atmosphäre bürgerlicher Gesichertheit versunken. Und wie dann der Abend fortgeschritten war, und sie aus der Tiefe irgendeines blausamtnen Ungetüms von Sessel schweigend den Gesprächen der andern gefolgt war, da hatte sie plötzlich den Wunsch empfunden, dort nicht mehr fortgehen zu müssen — bleiben zu dürfen und auszuruhen von dem Umhergetriebensein in einer schon schwankenden Welt... Aber dann war sie natürlich nicht geblieben. Und sie hatte auch jenen Brief nicht geschrieben, den zu schreiben sie am nächsten Morgen und auch noch am übernächsten fest entschlossen gewesen war. Denn sie war ein wohlerzogenes junges Mädchen, das wußte, was sich schickt und überdies eine wahrhaft törichte Jungfrau...! Durch das Wagenfenster hindurch . sieht L. D. jetzt ganz deutlich den schmalen Kopf mit der wuchtigen Stirn. Und ihr Herz, eben noch bei Ravel, tut einen gewaltigen Sprung. Wer, zum Teufel, hat eigentlich das Märchen vom reichen Mann erfunden? Und daß der immer triefäugig sein muß und alt und fett? Gibt es denn nicht auch unter den Männern des äußeren Erfolges solche, die herrliche Häuser haben inmitten schweigender Parks, und denen trotzdem Güte und Klugheit auf der Stirn geschrieben steht? Muß denn das Glück immer nur in Dachkammern hausen? Oder in Hotelzimmern dritten Ranges? L. D. hat Phantasie genug, sich auszumalen, daß es außerhalb ihrer Welt, diesem eingeengten Bezirk voller Deckgläschen und Hüte für nichtstuerische Damen, auch noch eine andere gibt. Eine Welt, in der Bücher eine Rolle spielen und Bilder, und in der man einfach hingehen kann und sich etwas Schönes kaufen. Eine große chinesische Vase zum Beispiel. Oder einen Barockengel fürs Treppenhaus. Denn man kann ja ein Haus besitzen, irgendwo am Meer, mit bunten Vorhängen an den Fenstern und mit einem Garten, in dem Eidechsen sich sonnen. Und man kann ein Instrument sein eigen nennen, einen Flügel vielleicht, auf dem man wirklich spielen kann. Nicht nur stumme Konzerte ...! Etwas Fernes, Strahlendes kommt auf L. D. zu. Wie Seide ist es und duftende Blüten... Es ist eine ganz kitschige Vorstellung, aber es macht sie trotzdem glücklich. Wartet nur — denkt sie — wartet nur.., Ich kann doch auch einmal eine Frau sein wie die andern auch. Eine Frau, für die gesorgt wird, und für die es Ruhe gibt und Geborgenheit. Ich will ja auch gar nicht so furchtbar tüchtig sein — ich bin überhaupt nur tüchtig, weil ich muß. Sieht denn das niemand? Und darf ich nicht wenigstens mal ein bißchen Ferien haben? Oder muß ich' nun immer und ewig die Rolle spielen, die diese Zeit mir zudiktiert hat? Wie wäre es zum Beispiel, wenn ich neben einem anderen Manne lebte? Einem Manne, dessen Namen kein Ahnanach nennt, und der nicht hundert Kontroliversuche braucht, um zu wissen, daß er auf der unendlichen Straße der Forschung vielleicht einen Millimeter weitergekommen ist? Muß ich denn immer nur Deckgläschen putzen?' Und kann ich nicht auch einmal ans Meer fahren? Denn es stimmt ja nicht, daß die Welt nur aus Städten besteht, an deren Institute man berufen werden kann. Es gibt tausend Küsten, an denen Menschen wohnen. Es gibt Terrassen, die wie in den Duft des Meeres hinausgebaut sind, und es gibt Ebenen, deren sanfte Hügel ansteigen wie ein Grüßen in die silberne Luft. — Noch einmal tut L. D.'s Herz einen Sprung. Einen weiten, sehnsüchtigen Sprung mitten hinein in eine ferne Welt. — Da kommt grünes Licht. An dem schwerfälligen Bus vorbei gleitet lautlos der gelbe Wagen. Der Treubruch eines Augenblicks ist vorüber. Und L. D., in Gedanken, wendet sich wieder dem Bleue morte zu mit der kleinen orange Feder. — LEGENDE (Schluß) still geworden. Schwer und trüb lag die Nacht über dem Land. Kein Stern war am Himmel, kein Mond. Nur das Heulen des Windes, der vom Meer kam. Der Türmer ging die Runde. Einmal, zweimal, er zählte nicht mehr: viele Male. Immer schneller ging er. Gedanken stürzten sich auf ihn. Sein Herz hämmerte wild. Vater sollte er sein, hatte der Knabe gesagt. Vater — er, der Fremde? Nein, das konnte er nicht. Wußte der Knabe denn nicht von dem Schicksal, das Volk von Volk trennt? Plötzlich flammten die Signale der Nachr^z^. S&=* barstadt wieder auf. Er sah in den Brand der Fackeln. Eine Stimme sprang in ihm auf, daß er es weitergebe. Aber sie versank. Stärker glühten die Fackeln. Aber es forderte ihn nicht mehr. Seine Pflicht hier war erloschen vor einer neuen. Die Fackeln verglühten.... Er wußte, ihn traf alle Schuld. Er hatte nicht gefragt, nicht wissen wollen, warum der Knabe zu ihm aufstieg. Dem Wunder hatte er vertraut, vor seinem Traum nicht das fremde Leben gesehen. Nun war der Knabe gekommen und hatte von ihm gefordert: „Sei mir Vater — du!" Ja, er hatte ein Recht auf ihn; und er allein trug die Schuld; er mußte jetzt sein, was der Knabe von ihm erbat. Die Trompeten riefen vom Turm der Nachbarstadt. Der Türmer lächelte. Die wollten ihn wecken, ihn zurückrufen in seine Pflicht. Doch es war nun zu spät. Er trat zu der Treppe. Lange war er sie nicht mehr gegangen. Er stieg die Stufen hinab, langsam, schwankend, wie einer, der trunken ist. Er hatte eine Tür geöffnet, stand in der Kirche. Dämmer beherrschte den Raum. Unter seinem Rock hatte er zwei Fackeln geborgen. Nun ging er hin, hielt die Fackeln an eine der geweihten Kerzen. Sie flammten auf. Hell wurde es in dem Raum, licht von den Fackeln. Er war allein____ War er niedergekniet? Hatte er gebetet? Bebend ging er aus der Kirche. Er trug die Fackeln in seiner Hand. Ging durch die Tür wieder zur Treppe und ging weiter hinab, bis er in der Gruft stand. Er wußte, die Wölbung der Gruft trug den Turm. Er hob die Fackeln empor. Sie rührten an die Decke der Gruft, die Wrurzel des Turmes. Langsam begann das alte Gebälk zu entflammen. Er schwankte die Stufen hinauf. Bebt es im Turm? Glüht es in der Nacht? Vater sollte er sein. Ein fremder Knabe rief ihn — rief ihn zum Vater. Noch einmal riß es an dem Türmer. Er griff nach dem Strang der Feuerglocke. Krampfend umspannten ihn seine Hände. Wie oft hatte er das Zeichen gegeben! Aber nun tönte sie nicht. Seine Hände sanken zurück. Er trat in die Kammer des Knaben. Er beugte sich über das Bett. Der Knabe lächelte im Schlaf. Ruhig ging sein Atem. Lang sah der Türmer in dieses ihm nun so nahe Gesicht, und das Lächeln auf ihm sprang über in das seine. Dann hob er den Knaben zu sich" empor. Der Türmer fühlte den zarten Körper des Knaben eng an sich. Eine dunkle Kraft strömte in ihm. Er strich über die Glieder des Knaben wie über einen seltenen Besitz. Dann öffnete dieser die Augen. Aengstlieh, wie sich besinnend, schaute er ... Der Türmer aber wartete nicht, bis der Knabe zu fragen begann. Leise und beherrscht formten seine Lippen die Worte: „Ich sollte dir Vater sein. Ich bin's!" Fester umschloß er den Knaben. Der weinte. Und der Stoß seines Herzens bebte durch den von Krankheit zerfressenen Körper des Türmers. Dann schreit die Glocke plötzlich auf, so laut, wie sie noch nie geschrien. Der Turm wankt, fällt. Rot stehen die Flammen in die Nacht. Die Trommeln der Feinde beginnen zu dröhnen. Aber wer weiß, ob einer die beiden Verschlungenen sah, die mit dem Turm hinab in die Flammen stürzten ... * ENDE *

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