Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 34 (25.8.1938)
- Date
- 1938-08-25
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 C.-V.-Zeitjjng Nr. 34 * 25.AugusH938 die das Lernen nicht befriedigen konnte, eine Sehnsucht, die nicht mittelbar war und die ihn nur selten, aber .seltsam stark überkam. Dann wohl, wenn der Vater sie alle um den Tisch versammelte, wenn die Leuchter brannten und der Vater zu erzählen begann, da wurde ihm ein Anderes als bei dem Lehrer. Der Vater aber sprach von dem fernen Land, aus dem der Urahn einst auszog und wanderte, wanderte in die unbekannte Ferne, seine Herde durch's Fruchlland treibend, im "Angesichte eines Gottes, dessen Namen ihm noch fremd war, dem er aber vertraute bis hin zu dem Letzten. Und weiter sprach der Vater von der Verheißung und von dem Land, das seinem Volk zugesprochen war. All dies wußte der Knabe, hatte es vom Lehrer erlernt, aber so, wie es klang, wenn der Vater es sprach, erzühiend, am feierlich erleuchteten Tische, um den sie alle saßen, Brüder, Schwestern, Vater und Mutter, da war es nicht mehr nur Wort, sondern Klang einer Sehnsucht. Volk, Land, Verheißung, dann Leid, Vertreibung, Knechtschaft, Wanderung, sie alle waren voll Klang und voll tiefem Geschehen. Und so wurde ihm an diesen Abenden, an denen der Vater sprach, ein seltenes Wissen, daß auch er wohl einst wandern müsse wie jener Urgroßvater und alle die vielen Geschlechter es getan; wandern vielleicht bis in die Heimat, wenn sie noch war. So kam es, daß ihn immer mehr die Ferne erfüllte öder auch nur die Sehnsuch^ nach ihr, aber auch Schrecken und Angst, denn fremd war sie ja, voller Gefahren — und die Heimat fern — sehr fern. Nie aber war er hier in der Welt vor dem Tore, in der Welt seines eigenen Volkes, an die Ferne gestoßen. Und so ergab es sich, daß der Knabe hinausgedrängt hatte aus dieser Welt, um da draußen das zu erleben, was man hier sorgsam vor ihm verschloß. Gewiß, man hatte es bemerkt, daß er sich davonschlich. Ließ man ihn zuerst ruhig mit dem Vater gehen, so wollte man ihn doch nun hindern, es allein zu tun. Aber es war doch ein Hindernis, das stärker war^als alle anderen: die Geschwister. Denn 51$, die ihm am nächsten standen, fühlten sich durch-sein Verhalten, das so anders war als das ihre, von ihm abgestoßen, ja manche, die reiferen und älteren, begannen ihn zu verachten, denn sie sahen schon einen Abtrünnigen in ihm und gaben ihm das zu verstehen mit sehr harten und sehr schmerzenden Worten. Doch auch dies konnte nicht die Sehnsucht in ihm zur Ruhe bringen, und wenn er manchmal auch mit ihr rang, immer wieder zog es ihn in die Stadt, und dort verlor er sich dann dem neuen, dem fremden, dem ganz anders gearteten Leben. Und so begann sein Zusammentreffen mit dem Türmer. Eines Tages hatte es ihn hinaufgetrieben auf den Turm bis zu dem Turmkranz, von dem aus man weit über das Land blickte. Nicht, daß ihn eine besondere Erwartung getrieben hätte; nicht daß eine Hoffnung ihn begleitete, das Ende und den Sinn seiner Sehnsucht zu finden; nein, ohne einen besonderen Antrieb war er hinaufgestiegen, so als würde dies dem Leben zugehören, das er innerhalb der Mauern führte. W7as er aber hier oben sah, war wohl Weite und Größe, wie er sie noch nie gesehen, aber auch diese war begrenzt, fern dort vom Meer und im Rücken hier von den Bergen, und wenn man beide auch mehr träumte, als wirklich sah, so war doch immer eine Grenze. So schaute er etwas gelangweilt fast über die fruchtbare, von Flüssen durchzogene Ebene. So fand ihn der Türmer. Er trat zu ihm, wie er zu allen trat, den vielen ihm Fremden hier oben, um jenes wenige, was es zu erklären gab, zu erklären. Als er dem Knaben dann aber auch seine Schiffe und Geräte zeigte und ihn so schon den Wenigen, denen er dies gewährte, zuzählte, begann er zu fühlen, daß ihn anderes trieb, als bloße Neugier und Freude am Schauen. Dem Knaben nämlich war aus der Legende des Mannes zum ersten Male ein wirkliches Bild der Ferne entstanden. Anders als es der Vater in jenen Nächten ausmalte. Denn dies war nur Geschichte, erzählt vom Vater des Vaters und erzählt vom Urahn und weiter zurück in unendlicher Kette, farbig und voll von Gestalt, aber doch geglättet durch die Zeit und geschliffen im Wort. Der Türmer aber hatte all dies erlebt, und nicht nur als ein ferner Ahne. Und er berichtete es ihm, so wie es geschehen war, vor nicht allzu langer Zeit und wie es heute vielleicht noch war, wenn man hinausfahren würde über das Meer, über jenes Meer, welches man sehen konnte von hier oben, wenn Licht und Luft günstig waren. So wurde der Türmer zum lebendigen Mittler zwischen, ihm und der Ferne. Aber , unter seinen Worten wuchs noch die Wißbegierde des Knaben. Und es bedurfte kaum noch der geheimen Verwunderung des Türmers, daß der Knabe auch über dieses dritte Mal hinaus immer wieder zu ihm kam, seinen Erzählungen mit fliegendem .Atem zuhörte und ihn einfach in das Reden hineinzwang, so daß er sprechen mußte und sprach und sprach .... Der Knabe aber gewöhnte sich daran, immer länger zu lauschen. Und oft war die Sonne schon längst versunken, drüben in der Ferne, wo das Meer war, und immer noch lauschte der Knabe. Ja oft war der Mond schon weit über dem Land, bis der Knabe hinabstieg und den Weg zu dem Osttor ging. Vertrauter wurde ihm so die Bewegung der Wächter am Tor. Ihre Scherze, die sich immer ähnlich waren, ihr Lachen, das Geräusch der Schlösser — und dann der kleine Spalt, der sich auftat und durch den er sich hindurchzwang. Und immer stärker und spannender wurde die Legende des Türmers. Immer mehr zwang sie den Knaben in ihren Bann, und so war es, daß er begann, einmal eine ganze Nacht bei dem Türmer zu verbringen. Und der Türmer selbst fühlte, daß das Erzählen in der Nacht, dann, wenn das Land schweigend unter ihnen lag und nur der Wind sein ewiges Brausen, in dem man das Meer hörte, über die Landschaft trug, daß dann jedes gesprochene Wort sichtbarer wurde. Einsam klang die Stimme dann in die Nacht und kein fremder Laut störte das sich formende Wort. Später in solchen Nächten brachte dann der Türmer den Knaben in ein Bett, und der Knabe erlebte es zum erstenmal, allein und einsam zu schlafen. Wrehig fiel es in dem Hause des Knaben auf, wenn dieser nicht heimkehrte. Oefters schlief eines der Kinder bei dem Lehrer, so wenn das Lernen bis zu einer nächtlichen Stunde gedauert hatte, oder ein besonders großer Anlaß, ein Tag des Gedenkens, lange Gebete und mitternächtliches Lernen erforderte. Nun war es ein anderes Schlafen jedoch, nicht aus dem Beten und Lernen war es gewachsen, sondern aus der Erfüllung der Sehnsucht. Ein gutes Schlafen war es dort oben. Und der Knabe beschloß, länger hier zu verweilen, eine ganze Reihe von Tagen hier oben zu bleiben, zu hören und zu schlafen. Auch der Türmer war erfreut über den Schlafgenossen. Konnte er nun seine Worte hineinsprechen in die nächtliche Stille, die diese so besonders klingen ließ und die Bilder, die sie beschrieben, größer und bunter machte, als wären sie Leben. Und so geschah es denn, daß er gern seine Einwilligung gab, und der Knabe auf eine Zeit wartete, wo es ihm am unauffälligsten schien, von Hause fortzubleiben. Die Zeit war bald gefunden. Es war jene, in der die vor dem Osttor sich vorbereiteten zu ihren schwersten Taten, an denen sie ihr Herz niederlegten vor Gott, und in der Kasteiung ihres Leibes um die Vergebung ihrer Sündhaftigkeit flehten; es war jene auch, in der die Kinder öfter noch als sonst bei ihrem Lehrer schliefen, um das Morgengebet wieder gemeinsam und neu mit ihm zu sprechen. So konnte es kaum auffallen, wenn der Knabe nicht nach Hause kehrte. In diesen Tagen also zog der Knabe hinauf zu dem Türmer, um Tag und Nacht bei ihm zu bleiben. Und er begann in den Türmer zu dringen, so als wollte er bis in die letzte Tiefe der Legende Einlaß haben; ja es schien, als sollte für ihn jetzt jene Entscheidung fallen, die er doch im letzten ersehnte. Der Türmer jedoch war ganz Legende in diesen Tagen. Ausgefüllt wie er noch nie war, redesprudelnd und sätzebildend, die oft bis zur Grenze der Sprache gingen. Manchmal auch begann er ein Lied zu pfeifen, wie als könnte man diesen und jenen Satz nur fortsetzen im Lied. Es waren fremde Lieder für das Ohr des Knaben, oft auch wilde Melodien, dem Meer abgelauscht, der Seefahrt entstammend. Manchmal auch schwermütig, einsam und monoton, Lieder der F*rne, gefüllt von üppigen, für den Knaben noch unverständlichen Melodien. So waren die ersten Tage vergangen. Dreimal schon war die Sonne über dem Land aufgestiegen und auch dies hatte der Knabe gesehen, wie sie aufgestiegen war über dem flachen Lande aus dem Meer kommend, hatte gesehen, wie sie dann als roter, feuriger Ball über dem Land stand, um dann zu steigen und erst jetzt richtig Sonne zu werden. Sonne, so wie er sie gekannt. Wohl war der Türmer weiter seinen Pflichten nachgegangen, hatte seinen vorgeschriebenen Rundgang getan. Hatte seine Blicke über das Land gerichtet und an dem zweiten Tage sogar war ein Offizier des Stadtheeres bei ihm gewesen, wie es nur selten geschah. Der Türmer hatte ihm die Geräte der W7acht gezeigt; die Fackeln, die ein feindliches Heer von Turm zu Turm über das ganze Land meldeten; die Sturmglocke, die die Stadt wach rief, die Trompete, die am Tage die Fackel ersetzte und dann die Brandglocke mit ihrem hellen, kurzen Klang. Es war alles in Ordnung befunden worden. In der vierten Nacht — er war gerade mitten im Erzählen — leuchteten plötzlich die Fackeln von dem Turme der Nachbarstadt. Der Türmer hielt mitten im Sprechen inne. Es schien ihm zuerst, als hätten seine Augen ihn getäuscht. Denn noch nie hatte er die Zeichen gesehen. Man hatte sie ihm einst nur erklärt. Doch die Fackeln schwangen, drehten sich im Kreise, was heißen sollte: der Feind ist nah'. Schwerfällig tappte der Türmer durch die Nacht und holte die Fackel. Dann ging er nach der Richtung der Nachbarstadt und entzündete eine. Als sie aufleuchtete, beschrieb die andere Fackel noch einmal den Kreis. Nun hatte er's ganz gesehen, nun wußte er es und es war an ihm, weiterzugeben: der Feind ist im Land. Er tat es, trat zu der entgegengesetzten Rampe, schwang die Fackel, ließ sie kreisen, bis von der Ferne auch ihm Antwort wurde, Fackel entzündet war, kreiste und weiter kündete. Als er wieder zu dem Knaben trat, war er völlig verändert. Ein seltener Ernst zeichnete sein Gesicht. Die Legende war wie versunken. Seine Freiheit hier war zu Ende. Die Stadt hatte ihn eingespannt. Es war spät in der Nacht. Der Knabe war erschöpft von dem Gehörten, von all dem Neuen nun, das er sah, und zu dem ihm der Türmer den Einlaß verwehrte, denn kaum antwortete dieser auf die vielen Fragen des Knaben. Ja, je stürmischer, ungeduldiger der Knabe sich stellte, je wortkarger wurde der Türmer. So war der Knabe ermattet eingeschlafen. In dem Schlaf schreckten sein unruhiges Gemüt Träume, w:ie er sie noch nie gehabt. In ungeheurer Schnelligkeit brachen die Bilder, die ihm der Türmer gemalt, in ihm auf und verschwanden wieder. . Mit einem qualvollen. -.Schrei wachte.. er auf. Der Türmer, gerufen durch seinen Schrei, trat zu ihm, und es war so, als würde er sich jetzt des Knaben erst tiefer erinnern. Denn erst jetzt fiel ihm ein, daß es not war, den Knaben zu seinem Hause zurückzuschicken. Er wollte es mit milden Worten tun, aber sie gelangen ihm kaum, und der Knabe fand ihn immer fremder und unzugänglicher. Er stieg die Stufen, die ihm jetzt so bekannt waren, hinab. Es war noch Nacht, aber wie oft war er sie im Dunkel gegangen! Als er zum Turm aufblickte, sah er, wie die Fackeln wieder begannen, zu lereisen, und dann fing ein Läuten an, wie er es noch niemals gehört: der grausig-blechemunregelmäßige Schall der Sturmglocke. Der Knabe lief zum Tor. Aber nicht wie sonst standen die Wächter, ihn mit freundlicher Gebärde empfangend; einsam und stumm standen sie vor dem Tor. Er rief sie an. Sie blieben ohne Bewegung. Er bat, er flehte, ihm zu öffnen. Aber sie standen wie dunkle, unbewegliche Säulen in die Nacht. Bis an den Morgen harrte der Knabe so. Mußte das Tor sich am Morgen doch auftun! Langsam, unendlich langsam für ihn brach der Tag an. Die Wächter wechselten — aber keiner öffnet das Tor. Er lief zurück in die Stadt. Aber wie war diese verändert! Alles war fremd. Niemand drängte zum Markt. Verstummt war das Schreien und Lachen der Menge. Alle Gesichter hatten sich gewandelt. Manche waren von stillem Ernst, so die Gesichter der Frauen, aber auch manche voll von Lust und Scherz, ja er sah junge Mädchen, die tanzten, so wild, wie er es noch nie gesehen und Burschen, die sangen: fremde, anstößige Lieder. Und dann Gesichter von Männern mit wilder Entschlossenheit und solche, in denen Ruhe und Bereitschaft sich spiegelten. So trieb den Knaben nicht nur die Not durch die Stadt, sondern er war auch gebannt von all dem Neuen, das sich ihm bot. Rastlos lief er den ganzen Tag durch die Straßen, nicht ohne von Zeit zu Zeit nach dem Osttor zu schauen, ob es immer noch verschlossen war, oder nach den anderen Toren, ob eines ihm Ausgang gewähre. Aber immer wieder mußte er umkehren. Kein Tor wurde geöffnet. Und zu den Mauern und Toren zogen in ununterbrochener Kette Bewaffnete und nahmen, als hätten sie es lange geübt, ihre Stellungen an der Mauer ein. Schwere große, erzene Geschütze wurden aufgestellt. Sie alle trugen Namen und waren von Meistern gegossen, die auf ihren Rohren ihr Wappen und Zeichen eingegossen hatten. Und je länger der Tag wurde, je mehr drängten sich Männer in Waffen zu der Mauer. Keiner ab^r achtete auf den Knaben. Alle aber waren eingespannt in ein dem Knaben fremdes Gesetz. So wie der Türmer sich plötzlich gewandelt, hatte, als die Fackeln zu kreisen begannen, und so wie die Wächter am Tor zu erzenen, unbeweglichen Gestalten wurden, die schweigend .hinausstanden in die Nacht, ohne Antwort und ohne lächelnde Geste, so waren sie alle verwandelt und nichts schien von der alten Welt, die dem Knaben vertraut war, hierher zu finden: in diesen Tag. Langsam, zuerst fast unmerklich, stieg die Angst in dem Knaben auf. Sie würgte ihm die Kehle, sie preßte ihm das Herz. Er war ja allein hier, verlassen. Ein Fremder in dieser Stadt. In dieser Not trieb es ihn zu dem Türmer. War er doch der einzige, der auf ihn achten mußte. War es doch er, weshalb er in diesen Straßen irrte, ausgesperrt von den Seinen. Er lief die Stufen des Turmes hinauf, sein Herz hämmerte wild — und als er vor dem Türmer stand, war er kaum mächtig mehr eines Wortes. Dieser erschrak, als er ihn so sah. Hatte er den Knaben doch längst bei denen vor dem Osttor gedacht. Was wollte er jetzt hier? Was trieb ihn hinauf? Der Türmer wandte sich ab. Mit der Hand wies er über das Land. Der Knabe sah. Durch die weite Ebene wälzte sich das Heer. Schon lagerte es um die Nachbarstadt und schon sprengten seine Reiter auf ihre Stadt zu. Der Türmer ließ ihn in Kurzem wissen, wer Freund, wer Feind. Dann zwang es ihn wieder . in seinen Dienst. Signal löste Signal. Jede Bewegung des Feindes wurde weitergegeben, von Turm zu Turm, von Stadt zu Stadt. Langsam sank die Nacht. Immer näher waren die feindlichen Reiter gekommen. Immer mehr Signale hatte der Türmer weitergegeben. Und als es Nacht wurde, begannen wieder die Fackeln zu kreisen. Alteingeübte Signale. Waffen des flachen Landes. Waffen, Untergang schon manchem fremden Bedrücker. Die Reiter mußten nun ganz nahe an der Stadt sein. Schon begann das dumpfe donnernde Rollen der ersten Kanonenschüsse aus der Stadt. Bange hatte der Türmer auf sie gehört.. Dann gab er Signal. Bebend erschallte der Ruf der Sturmglocke, wurde weitergegeben als kreisendes Fackelsignal vom Turme der Nachbarstadt, lief über das Land.; Aber da, was war da? Nun begann es auch hier zu brennen. Gebannt schauten Türmer und Knabe auf einen Ort. Flammen stiegen dort auf, erst wenige,, danja immer mehr. Es b-r.ann.t\e. vor.dem O^sttor. -. - Hatte man jene einfach vergessen, hatte man gemeint, der Feind würde Gnade haben mit den Fremden, die ja nicht kämpften? Bis hinauf zum Turm empor klängen die Schreie. Weit rot färbte sich der Himmel. Rauchschwaden lagen düster über der Stadt. Dunkler Donner der Kanonen mischte sich in das Krachen fallenden Gebälks. „Dort lebt jetzt keiner mehr." Der Türmer hatte es fast zu sich selbst gesagt. Dann erst gewahrte er wieder den Knaben, der gebannt neben ihm stand. Der Knabe schwieg zuerst. Leise sprach er: j,So habe ich keinen Vater mehr, keine Mutter, nichts..Und dann, mit einer, anderen Stimme, aber nicht bittend, sondern wie ein Befehl: „Sei du mir Vater, ■ jetzt..'.." Der Türmer erzitterte. Er strich über das Haar des Knaben, sehr leise und zart. Dann schwieg er lang, und erst nach einer Weile sprach er mit veränderter Stimme: „Komm — geh schlafen jetzt. Alles wird gut....." — Der Türmer bettete ihn. Zart wie einst tat er jede Bewegung. Dann saß er am Bette des Knaben. Ohne ein Wort, nur mit einem milden, leidenden Lächeln. So wartete er auf dessen Schlaf. Und dieser kam bald. Leise ging der Türmer aus dein Raum. Er trat auf .die Rampe. Das Feuer vor dem Osttor begann schon zu verglühen. Es war Fortsetzung $. iS /