Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 34 (25.8.1938)
- Date
- 1938-08-25
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Mr. 34 * 3. Beiblatt C.-V.-Zeitung 25. August 1938 * Seite 13 MIT 2 £ 1 C H N U N O 5M V O Nr H E i frl Z Diese Erzählung wurde bei dem Erzählerwettbewerb der C.-V.-Zeitung im November 1937 ausgezeichnet. Weit ist das Land — ausgebreitet zwischen Meer und Gebirg': flach, satt und groß. Flüsse durchziehen es. Langsam und ruhig geht ihr Lauf. Mag sein, daß sie einst fern im Bergland reißende Ströme waren — hier sind, sie ruhig geworden und treiben ihre dunklen Wasser träge dem Meere zu. Die Menschen aber haben sich die Wasser zunutze gemacht. Vielfach haben sie's aufgeteilt, und große und kleine Kanäle verbinden ihre Städte miteinander. — Ihre Städte: Ehern ragen sie aus der Ebene, erbaut aus dunklem Stein, umwehrt von Mauern; wie ausgewölbt aus dem Land; überragt von den schweren Türmen ihrer Kirchen. Nichts ist zierlich an ihnen, schwebend, leicht: schwer sind sie wie der Boden des Landes, auf dem sie stehen und stark, denn niemand schützt sie, denn ihre eigene Mauer. Und so sind auch die Türme ihrer Kirchen nicht nur zum Dienste, nicht nur Rufer in die Ferne, sondern zugleich Wache über der Stadt. Von ihnen aus streift der Blick über die Weite des Landes, schon von ferne die feindlichen Heere erfassend, und der Ruf des Türmers ist Warnruf und Zeichen zugleich. Einsam ist der Türmer. Weit unter ihm flutet das Leben der Stadt. Wenn er hinabschaut, und oft muß er es tun, denn eine alte Sehnsucht verbindet ihn mit dem Leben, sieht er ins bunte Gewimmel, das sich rings durch die Straßen treibt, am Markte staut, sich immer bewegend. Alt ist der Türmer. Sein Gang ist schwer. Aber noch ist sein Rücken nicht gekrümmt. Noch ist sein Haar in der Farbe seiner Jugend. Doch sein Gesicht ist zerfurcht. Und seine Hände sind seidig und weich, nicht mehr die Hände der Arbeit. Aber nicht dies trieb ihn hier hinauf, nicht hätte das Altern etwas über ihn vermocht, hätte sich nicht die Krankheit in seinen Körper gefressen, hätte das Fieber ihn nicht überfallen und ihn ausgehöhlt tief innen, da, wo keiner Einblick hat. Dies fremde Fieber, das sie hier nicht kennen und nicht heilen können, das in der anderen Welt wächst — weit über dem Meer... Noch jetzt waren seine einfachen Stuben gefüllt mit nautischem Gerät, mit kleinen Schiffen, aussehend wie Kinderspielzeug, aber doch ausgeführt mit all dem, das nur der Seemann kennt. So war die abgetrennte Welt des Türmers noch tief verbunden mit seinem Leben von einst, ja es schien, als ob er, der nie das feste Land für die Dauer gekannt, nun auch hier nicht zu dem Leben der Städte zurückgekehrt sei. Dieses lag tief unter ihm, und so wie man von der Ferne des Meeres ein Land schaut, sah er hinab, hörte er wohl auf den Ton, doch dann, wenn er sich aufrichtete, war um ihn das Brausen des Windes, des Windes, der fern von dem Meer kam, der nach dem Salze des Meeres schmeckte und den ewigen Wellenschlag mit sich trug. Gewiß, manchmal stieg er auch die vielen Stufen hinab, mischte sich in das Leben der Stadt, hörte ihre Neuigkeit, aber immer schien es ihm, als ginge er wie ein Fremder. So war es gekommen, daß er immer seltener hinunterging, und daß er auch nicht allzu lange hinabschaute, ja daß er viel lieber seiner Aufgabe diente: zu wachen; zuschauen über das weite Land, Wächter zu sein über die Stadt und nicht ihr einfacher Bürger. Heute jedoch lag sein Blick mit einer besonderen Liebe über der Stadt und nicht eigentlich an ihr, sondern ein Stück über sie hinaus, ein kleines jedoch. Die Stadt war wohl abgeschlossen durch eine starke Mauer, hinter der sich die breiten Gräben zogen, und umschlossen von diesem Graben, dieser Mauer wogte das Leben der Stadt. Eng waren deshalb ihre Gassen, denn die Stadt war gewachsen, war reich geworden, seit die Schiffahrt nach der Neuen Welt blühte, aber man hatte sich nicht entschlossen, die Mauern zu weiten, und so war auch kein Raum mehr für jene zugezogenen Fremden, die vor der Stadt hausten, vor der Mauer an dem Osttor, und deren Häuser sich zum Teil an diese Mauer lehnten. Fremd waren sie gekommen, vertrieben aus einem südlichen Lande mit wenig Habe, und es war keine Feindseligkeit gegen sie gewesen, daß man sie nicht einließ in die Stadt, sondern einfach der Mangel an Raum. So hatten sie sich vor der Mauer angesiedelt, und wenn ihre Häuser auch so dicht an der Mauer standen, so war es doch deren Außenseite, die ihnen keinen Schutz bot. Ja, fast sah es so aus, als würden sie die Mauer bedrängen, sich durch sie hindurchdrängen wollen in die Stadt. Doch dies war nur Täuschung, denn in Wahrheit waren die hier gesondert von denen in der Stadt durch Sprache, Sitte, Glauben und durch vieles noch, was sich nicht auf einmal kundtat. Gewiß, Ablehnung hatte sie verfolgt — von ihrer fernen Heimat bis hierher getrieben. Aber hier in der Stadt kannte man nicht dieses Gefühl, war doch schon viel Fremdes von den Fernen des Meeres hierher gelangt. Und man hatte sich hier gelöst von der Welt starren Glaubens und hatte begonnen, jene bürgerlich weite Lebensform mit dem Glauben zu verbinden, die jeden bei seinem Zurechtkommen vor der Welt und vor Gott ließ. So waren die da draußen vor der Mauer bald zu einem guten Wohlstand gekommen, ja schon hatten sie ihre Armut, die sie hierher verfolgt hatte, vergessen, und wenn auch am Abend das schwere Tor sie von dem Leben der Stadt trennte, so war doch ihr Tag angefüllt mit Handel in der Stadt, wie der Tag der anderen Bürger innerhalb der Mauer. Der Türmer nun schaute hinüber über die Mauer zu der Stelle des Osttores, an dessen Seiten sich jene Häuser der Fremden anschlössen. Denn von dorther kam ihm nun schon zum dritten Male ein Knabe, der ihm in die Einsamkeit seines Lebens eine neue tiefe Begegnung gebracht hatte. Gewiß, oftmals kamen Besucher, die über das Land schauten, manchmal auch ein Offizier des Stadtheeres, um zu sehen, ob alles gemäß den Ordnungen sei. Denn im letzten wachte er ja für die da unten, war ein wichtiges Glied in dem Bau ihres Heeres. All diese Besucher jedoch wechselten ihr Gesicht; keiner kohrie wieder, und ob sie verzückt über die Landschaft schauten, oder ob sie die Anlagen der Wacht prüften, alle hatten sie Päufft&nfe- W ALLENBERü eines gemeinsam, daß sie gingen und sich wenig um das Leben und die Geschichte des Türmers mühten. Jener Knabe aber war wiedergekommen. Schon in ihrem ersten Gespräch war irgend etwas in beiden aufgebrochen, ein gemeinsames Wollen zueinander, das wohl bei jedem sich aus einer anderen Schicht seines Innern erhob. Und nachdem einmal die Schwelle des zweiten Besuches übertreten war, begann der Knabe, auch dieses dritte Mal zu kommen, und nun wußte der Türmer, daß etwas zwischen ihnen im Beginnen war. Er sah die Gestalt des Knaben vor sich. Sein zarter Wuchs, seine hochgestemmten schmalen Beine, sein fast gebrechlich zarter Körper, die feinen Hände, die noch keine Arbeit getan und dann jenes Gesicht, das der Türmer so liebte, denn es erinnerte ihn an die Gesichter ferner Menschen in fremden Erdteilen. Die dunklen schwarzen Augen und die starken Brauen über ihnen, das weich gewellte, in tiefstem Dunkelblau glänzende Haar, der Mund knospenhaft südlich vom starken Rot der Lippen betont — und nur die starke, dem Gesicht, trotz aller Knabenhaftigkeit, schon eine geprägte Form gebende Nase erinnerte ihn, daß es ja keinem der Völker, die er meinte, angehörte, sondern daß das Gesicht des Knaben, die Züge jenes alten Volkes trug, dem er entstammte. Gewiß, auch den Knaben hatte es fortgetrieben, so wie ihn einst. Auch er stieg, und dies war schon Abenteuer, von der umgrenzten, von der Mauer abgetrennten Welt seiner Geburt, auch er stieg hinauf zu dem Türmer, der ihm fremd war und der ihm Fremdes erzählte. Doch er war noch nicht seiner Welt verloren, und vielleicht war dies alles nur Sehnsucht seiner Jahre, und er würde wieder zurückkehren in die Welt seiner Väter und dann für ihn verloren sein. Nun war er also das drittemal doch gekommen. War zu ihm die vielen Stufen hinaufgestiegen, hatte des Türmers Worte von den fremden Völkern, vom Meer und immer wieder vom Meer gehört — und versprochen wiederzukommen — bald — bald mehr zu hören. In dem schweigsamen Türmer aber begann eine seltene Wandlung. Sein ganzes Leben, alle Abenteuer, alle Wirren, aller Fluch und alle Liebe wurden vor dem Knaben zum sprechbaren Wort. Und die Legende seines Lebens (ein voll gelebtes Leben zwischen all den Grenzen gespannt, die ein Leben ausmachen können) brach aus ihm hervor, als hätte der Knabe die Stelle berührt, an der sie wie ein seltener Stein verborgen war, im Dunkel des Innern. Gewiß, er hatte nie gedacht, daß die Einsamkeit des Turmes noch etwas Neues in sein Leben bringen könne. Wie in ein Gefängnis war er hier hinaufgegangen — zerschlagen durch die Krankheit, ohne Hoffnung auf neues Leben; das einzige, was ihn trieb, war dies: hier im letzten unfruchtbaren Abschnitt seiner Tage noch eine Pflicht zu tun. So war er hierher gekommen, aufgestiegen in dieses andere Leben des Turmes, verpflichtet der Stadt, verpflichtet dem Leben tief unter ihm, verpflichtet zur Wacht. Nun aber, seit dieser Knabe, dieser so fremde Knabe, zu ihm kam, begann dies Leben hier oben mehr zu werden, als er von ihm erhofft, da er es begann. Als wäre alles Frühere nur gelebt, um jetzt hier sich zu einer Geschichte zu ordnen, zu einer großen, reinen Legende. Ja, er mußte lächeln, denn wie wenigen gelang es wohl, ihr Leben so abzuschließen, daß sie es zusammenfassen konnten und erzählen, so, daß eine Geschichte daraus ward mit einem . Anfang und einem Ende. Und sie sprechen konnte vor einem Knaben, der noch ganz am Anfang stand, noch nicht die Kunst des Uebersehens wußte, der lauschen konnte, so ungebunden und frei, wie keiner sonst. Er fühlte so, daß sich alles in ihm zu ordnen begann, daß alles klar und überschaubar wurde, und die Angst, die oft tief in ihm saß, ob es recht so gewesen, oder ob alles nur Wirrnis und großes Versagen, begann sich aus ihm zu kehren mit jedem Wort, das so aus seinem Munde drang. Was aber war es, das den Knaben immer wieder zu ihm hinauftrieb? Hätte er ihn auch danach gefragt, wäre er auch in ihn gedrungen, dieser hätte ihm nur wenig antworten können, oder doch nur soviel, daß der Türmer es nicht verstanden hätte, oder ganz anders und falsch. Er hätte das, was den Knaben zu ihm trieb, vielleicht gedeutet als eine Abenteurerlust, jene Lust, die auch ihn einst in der Jugend erfaßt hatte und die damals stark in seiner Zeit lag, denn die Welt war ja weiter geworden, und unzählige Schätze galt es, in den neuentdeckten Welten zu erobern. Wußte er aber überhaupt, daß das Jahr, das jene bedeutsamen Entdeckungen brachte, in ganz anderem Sinne bedeutend war für die Ahnen des Knaben? Wußte er, daß es zugleich das Jahr der Vertreibung war für diese? Der Vertreibung aus jenem südlichen Land, aus dem die, die vor der Stadtmauer lebten, gekommen waren? Kaum wußte er dieses wohl, und kaum hätte er so wohl den Knaben verstanden. Aber auch in dem Knaben war ein Gefühl aufgebrochen, das ihn bereit machte, die Weite zu erleben. Jedoch zarter und anders geartet als bei dem Türmer. Denn bei dem Knaben war es ein Vorgang, der ganz im Inneren spielte, der kaum verlangte nach Wirksamkeit und Tat und der ihn doch schon fast in Zerwürfnis mit seiner Welt brachte. Denn seine Ahnen hatten sich einst in die Weite eines fremden Volkes verloren und nun, da dieses Volk sie ausgestoßen, hatten sie sich zurückgezogen in ihre Enge und hüteten sie ängstlich. So war die Enge ihrer Gassen, die ohne Grund so eng waren, wie die der durch die Mauer gehinderten Stadt, fast wie ein Symbol ihrer selbst. Denn eng wollten sie beieinander wohnen, damit sie beisammen waren. Ja, daß sie so ihr Zusammensein spürten, wenn der Tag sie auch unter die vielen anderen, fremden Menschen der Stadt trieb. So ging auch des Knaben Vater täglich in die Stadt und zum Markt, dort seinen Handel zu treiben, um am Abend wieder zurückzukehren in jene andere verschlossene Welt vor dem Osttor. Früh schon war der Knabe mit ihm gegangen. Hatten ihn da die Leute auf dem Markt lieb gewonnen wegen seiner fremden und seltenen Schönheit, so gewannen ihn, als er sich gewöhnt hatte, allein zu gehen, was ihm besonders wichtig war, die Wächter des Tores lieb, so daß sie ihm, wenn er sich des Abends verspätete, trotz des strengen Verbotes das Tor ein wenig öffneten. Oft riefen sie ihm dann ein Scherzwort zu. Er aber war durch sie frei, frei von den Zeiten, an die sein Vater und all die anderen vor dem Osttor gebunden waren. So wurden ihm manche Stunden und Erlebnisse tiefer und größer, weil er sie auskosten konnte, so als wäre er einer von denen, die in der Stadt wohnten, und er suchte solche bunten Begebenheiten. Nicht aber, daß er hierdurch seine Welt, die Welt vor der Mauer, vergaß. War er doch in ihrem strengen Bezirk aufgewachsen, hatte sie ihn doch erfaßt mit all ihrer Kraft, ihn schon als fünfjährigen Knaben in ihre strenge Lehre genommen. Und noch heute war er nicht entlassen. Noch heute war er Schüler, wenn auch aufgenommen in die Gemeinschaft, reif zum Gebet, zur Unterscheidung, aber immer noch Schüler. Auch schon früh begann in ihm eine andere Sehnsucht zu wachsen. Eine Sehnsucht,