Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 34 (25.8.1938)
- Date
- 1938-08-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 * 25. August 1938 C.-V.-Zeitung Seite 7 Das Blatt der jüdischen Trau DERMAL EINER FRAGE Prag, Juli 1938 Liebe Mala Laaser, ich bin zwar von Ihnen nicht gefragt worden, und im allgemeinen darf ich es als einen Erfolg der von meinen Eltern ehrlich angestrebten guten Erziehung buchen, daß ich mir abgewöhnt habe zu reden, wenn ich nicht gefragt bin. Doch ich fühle mich gefragt, und das ist schon etwas, was mir zu einer Antwort Berechtigung zu geben scheint. ■— Sehr hübsch fand ich in Ihrer Fragestellung den Nebensatz: ...„wenn man Sie aus tiefstem Schlafe wecken würde .." Das sollte vielleicht nicht ganz so wörtlich aufgefaßt werden, wie es sichtlich einige der von Ihnen direkt Befragten getan haben. Denn ich bin noch nicht zu lange aus der engen Berührung mit unseren jüdischen Frauen im alten Kreis heraus, um nicht zu wissen: wenn man wecken will, muß man dabei gar nicht an den physischen Schlaf der Nacht denken. Diese jüdischen Frauen im dauernd enger werdenden, dauernd schwerer um die primitivsten Ansprüche sorgenden Kreise haben es sich teils abgewöhnt, teils abgewöhnen müssen, über ihr Frau-Sein und dessen Konsequenzen überhaupt nachzudenken. Aber es ist wichtig, sie einmal zu wecken. Ich glaube nicht daran, daß bei Menschen, die in solch außergewöhnlicher Zeit leben, der Instinkt stärker ist als die Macht der Verhältnisse — wenigstens auf die Dauer nicht. Ich gebe Ihnen zu: ich war auch nicht ganz wach. Dabei muß ich Ihnen gleich die Freude nehmen, daß erst Sie mich geweckt hätten: hier in dem Neuen — draußen — wurde mir in schweren Stunden manches von selber klar ... Ihr Resümee ist bestimmt richtig; aber ist nicht doch der Farbton, in dem Sie dieses Frauenbild von heute gemalt haben, ein wenig zu düster geraten? Die Fähigkeit zu glauben und zu lieben: das ist es, was die Frau heute einsetzen muß mit aller Kraft, deren sie fähig ist. Hoffentlich wird diese meine ungebetene Aus weiteren Zuschriften In dieser Zeit des* „Totalausverkaufs" in jeder Beziehung ist es kein Wunder, wenn das harmonische Gleichgewicht zwischen Frau-Sein und Arbeiterin-Sein bei vielen Jüdinnen gestört ist. Hildegard Silbermann ,,Eine Frau muß eine große Schürze haben" ... Ich kann mit Ihrem Resümee nicht ganz einig gehen, obgleich es richtig ist, daß es für die Frau und Mutter eine stete Frage sein wird, ob sie häuslichen und außerhäuslichen Beruf gut vereinigen kann Natalie Feldmann Das Resümee von Mala Laaser ist viel zu schwülstig ... Die Frau kann der Aufgabe, die ihr die Natur zugewiesen hat, nicht gerecht werden; gewaltsam wird sie gehindert, die biologisch ihr auferlegte Pflicht von Fortpflanzung und Pflege des Menschengeschlechts zu erfüllen. Semper idem er es wahrhaft ernst meint mit seinem Beruf, dem ist es nicht möglich, den Pflichten als Mutter, Frau und Hausfrau gleichermaßen zu genügen. Ich darf meinerseits so absolut klar diesen Satz formulieren, weil mich das Leben anfangs ganz Mutter und Frau sein hieß und erst das Schicksal mir den neuen Weg wies und mich als Buchhändlerin in den Berufskampf stellte. Wie cft versuchte auch ich Herr zu werden in dieser Zweiteilung, das eine über das andere nicht zu vernachlässigen, — es glückte mir sc wenig Antwort Ihnen und anderen etwas sagen können. Ihre Hilde Marx Jerusalem, Juli 1938 Sehr geehrtes Fräulein Mala Laaser, das nötige Autobiographische und den Diskussionsbeitrag zum Thema „Frau" ersehen Sie aus der anliegenden Zeichnung. Sie haben recht gesehen: ich träume von einem Plätzchen in einem besseren Mittelstandsharem. Die türkischen, armenischen, usbekischen, afghanischen, marokkanischen und algerischen Damen wissen nicht, was sie aufgegeben haben! Und die Aufgeklärten werden das einzusehen unter ihrer Würde halten. Wahres Frauenglück — ein Traum auf Lebzeiten! Mit Haremsgruß Gab« Roscnthal (Mein Mann ist auch dafür!) wie den andern; trotzdem hat mich das Leben in dieser Gestalt nicht zermürbt. Elise Meidner Vor allen Dingen danke ich Ihnen von ganzem Herzen, daß Sie mir Gelegenheit geben, über etwas zu sorechen, worüber ich in meiner freien Zeit, die sehr knapp bemessen ist, da ich auch eine berufstätige Frau bin, viel nachdenke. Das Resultat meines Grübelns ist folgendes: ich beneide den Mann um seine Möglichkeiten und empfinde das Schicksal, Frau zu sein, als hart. Hilde Meyer Ich las die Seite der Frau mit größtem Interesse. Ich möchte mich nur sehr schlicht und einfach zu dem schwierigen Thema äußern, als Frau, die keine „Stellung" nach außen hin einnimmt: sehen Sie, liebe Mala Laaser, über unserem Frauenleben steht ein „Muß" heute, und dieses zur Selbstverständlichkeit gewordene Muß fehlt mir "in allen vorigen Briefen. Ruth Danziger-Tichaucr ^^enn ich etwas zum Thema „Frau" sagen soll, so kann ich diese Frage nur dahingehend beantworten, daß es für meine Begriffe nur einen Beruf für die Frau gibt, nämlich den, Mutter zu sein. Lotte Walther "Wir sollten erkannt haben, daß es sich hier um eine der wenigen Grundfragen unseres gesellschaftlichen Seins handelt, um eine jener Fragen, die sich nicht zufriedengibt mit einer gedanklichen Stellungnahme, sondern die als Antwort den vollen Einsatz des einzelnen fordert, die verlangt, daß wir ihre Lösung leben. — Im folgenden nun will ich der Aufforderung der Redaktion nachkommen und einiges zu dieser Frage sagen. Ich bin aber ehrlich: es geht nicht an, daß man sie in eine Reihe stellt mit Rundfragen, wie sie alljährlich zu Tausenden in den Zeitschriften veranstaltet werden. — Die Frauenfrage stellt wirklich im Grunde die umfassende Frage aller Glieder einer Gemeinschaft dar ... Ich bin mir bewußt, nur ungenügend ausgesagt zu haben zu dieser schwerwiegenden Frage. Ich hoffe deshalb, daß im Rahmen dieses Blattes noch Gelegenheit zu einer in Einzelheiten führenden Aussprache gegeben sein wird. Gerade wir jungen Menschen, die wir im Begriff stehen, in Erez Israel ein Leben nach unseren Vorstellungen aufzubauen, sind an einer Erörterung dieser Fragen in möglichst umfassendem Rahmen interessiert, mag es sich nun um Stimmen aus unseren eigenen Kreisen oder um solche anderer Menschen, Frauen oder Männer, handeln. Jenny Rosenbaum IVlala Laaser mußte in ihrem Resümee folgerichtig zu einer Zweigeteiltheit gelangen. Rosl Loewenthal Unter Frau verstehe ich eine verheiratete Frau, die nach ihrer weiblichen Bestimmung lebt. Sie ist ein Mensch, der einen zweiten braucht. — Es kann keine wirkliche Frau geben, die in ihrem Beruf vollständig aufgeht und glaubt, allcine mit dem Leben fertig werden zu können. Das wird auch der Frau auf die Dauer nicht gelingen, die im sozialen Beruf steht. Wras ist sie zum Beispiel in ihren Ferien? — Ihr fehlt etwas. Sie sehnt sich nach eigenem Glück. Jeder Mensch ist egoistisch, der eine mehr, der andere weniger. — Und deshalb kann sie auch ein sozialer Beruf auf die Dauer nicht ausfüllen. In der Jugend eher. Da ist noch die Spannkraft, die eigene Wünsche überbrücken läßt. Aber mit dem Aelterwerden wächst das Gefühl des Alleinseins. Das habe ich in meiner Tätigkeit als Krankenschwester bei mancher Frau erlebt. Dann kommt der Zweifel, ob man jemals Frau im echten Sinne gewesen ist. Einen Ausgleich zwischen Beruf und Privatleben halte ich für am ehesten möglich, wenn die Frau in der Erfüllung ihres Berufes gleichzeitig Helferin und Gefährtin ihres Mannes ist. Beisniele: als Hilfe des Arztes, als Sekretärin, Laborantin, ebenso aber auch draußen als Siedlerfrau, wo sie die gemeinsame Existenz und zugleich Heim und Familie aufbauen und erhalten hilft. In einer gemeinschaftlichen Lebensführung mit vielen, wie sie Mala Laaser am Schluß andeutet, sehe ich keinen geeigneten Weg zur Lösung der Frage. Hier fehlt die Möglichkeit, sein Leben persönlich zu gestalten, wonach die Frau sich immer sehnen wird. Vera Angerthal Ich habe gelesen, was die von Ihnen Befragten „zum Thema Frau zu sagen" hatten, und es ist mir dabei aufgefallen, daß die von Ihnen doch so allgemein gestellte Frage so persönlich beantwortet worden ist. Ich habe mich darüber gewundert — und habe es dann verstanden. Es bewies mir, daß Ihre Frage, so wie von Ihnen ausdrücklich gewünscht, impulsiv beantwortet worden ist. Es bewies mir allerdings andrerseits, wie schwierig es für die Frau sein muß, eine „allgemeine Lösung" zu finden, wenn ihre persönliche und weibHche Eigenart dabei gewahrt bleiben soll, die von Natur aus zunächst aufs Individuelle und nicht aufs Allgegemeine gerichtet ist. Ich kann es nicht als Zufall betrachten, daß gerade heute, da der Blick Vieler auf ein neues Leben in einem neuen Land gerichtet ist, eine Zerrissenheit und Nervosität der Frau gefürchtet wird, wo ihre Ungeteiltheit und volle Kraftauswirkung nottut. Letztere ist in ganzem Umfange erforderlich, da die seelische Existenz der Familien gerade jetzt in hohem Maße von der Haltung der Frau abhängt. Nach jüdischer Auffassung ist der Familie schon immer größte Bedeutung beigemessen worden. Heute, wo sie die Keimzelle für neue Gemeinschaft und Lebensform ist, muß sie uns doppelt wichtig sein, muß es die hervorragendste Aufgabe der Frau sein, denjenigen, die den ganzen Tag dem neuen und aufreibenden Leben ausgesetzt sind, die Atmosphäre zu verschaffen, in der sie sich erneuern und stärken können, in der die neue Form für das neue Leben gefunden wird. Wenn die schweren wirtschaftlichen Umstände es mit sich Einspruch! Im Juliheft 1938 der „Blätter des Jüdischen Frauenbundes" schrieb Hann ah Karainski, die Leiterin des Jüdischen Frauenbundes in Deutschland folgende Erwiderung: Die Beiträge „plaudern" fast ausnahmslos über die Frau, und zwar über die jüdische Frau, die es auch vor zehn Jahren gab. Auch damals wäre an Bertha Badt-Strauss die Reihe der Jüdinnen von Rahel (der Stammutter) über Rahel (Varnhagen) bis Rahel (Bluwstein) vorbeigezogen, hätte die Schauspielerin, die Rabbinerin, die Heilpädagogin, die Wirtschaftsleiterin ihren Beruf nicht anders auffassen können. In die Wirklichkeit der jüdischen Frau von heute führt lediglich der Bericht der Beraterin im Hilfsverein. Nach dieser Aufzählung muß — so denkt man — das Resümee zu optimistisch ausfallen, denn die Frauen, die hier zu Worte kommen, vertreten in gewissem Sinne „Spitzenleistungen". Ihr Alltag — wenn auch angespannt bis zum äußersten — hat nichts vom Druck der Alltäglichkeit. Es sind Frauen, die im vollen Schaffen stehen; sie können wirken, können schenken. Aber Mala Laaser kommt zu recht negativen Ergebnissen. Sie stellt fest: „Wir müssen ehrlich sein und sagen, daß wir beim Hauptteil aller Befragten — beim Rest sublimiert — jene innere Zerrissenheit vorfanden, die unseren Frauen heute das Gesicht gibt: eine Zweigeteiltheit in private Frauenhaftigkeit und die beruflich verpflichtende Haltung. Vielfach mag scheinbarer, zuweilen wirklicher Gleichstand zwischen diesen Gegensätzen herrschen; die geringste Mehrbelastung aber auf dieser, auf jener Seite reißt die moderne Frau aus ihrem inneren Gleichgewicht." Als Lösung aus diesem Zwiespalt empfiehlt sie: „die systematische Vergemeinschaftlichung des gesamten jüdischen Lebens hier, wie das in Palästina auch erstrebt wird." Zu diesem Lösungsvorschlag soll nicht Stellung genommen werden, wohl .aber zu dem Urteil von M. L. über die Jüdin ül£ serer Tage. Zunächst, man kann "—"^ das wurde schon bemerkt — sehr individuelle'; ausgeprägte Persönlichkeiten nicht mit dem Bild des Frauentyps identifizieren. Typisch ist, wenn man an die Jüdin unserer Zeit denkt, das Bild der Frau, die in Groß-, Klein- und Kleinstgemeinden heute den Lebensunterhalt für die Familie schafft und durch ihre Haltung auch ihre Umgebung im Gleichgewicht hält. Typisch ist das Bild der — verheirateten oder unverheirateten — Frau, die vor der Auswanderung steht und aus dem Besitz des einmal erlernten und erfüllten Berufs Mut schöpft, wieder neu anzufangen und dem Ungewissen zu vertrauen. Und typisch sind die Frauen, die draußen schon bewiesen haben, daß sie für sich allein oder auch mit für Mann und Kinder zu sorgen wissen durch ihrer Hände Arbeit und durch jene Zuversicht, die auch ihrer Umgebung Halt gibt. Hätte M. L. recht, so müßte sie beweisen, daß die seelische Kraft der Frau sich nicht messen kann mit der des Mannes, und daß unter den Frauen diejenigen am besten standzuhalten wissen, die nur in der Sphäre „privater Frauenhaftigkeit" leben. Es ist schwer, über die Jüdin unserer Tage bereits ein Resümee zu ziehen, aber gegen dieses wird Einspruch erhoben. Denn diese Gewißheit wurde vielen: daß gerade die doppelte Verpflichtung persönlichen und beruflichen Seins ein Reservoir bedeutet, aus dem immer wieder die ausgleichende Kraft zur Haltung geschöpft werden kann. bringen, daß die Frau selbst am Abend müde und belastet ist, dann ist das bitter, und wird sicher überall, wo die Verhältnisse es erlauben, so schnell wie möglich geändert werden. Wirklich „erschöpft" wird die Frau jedoch nur durch schwere körperliche Arbeit und durch eine solche, die ihrer Art und Neigung nicht entspricht. Je mehr ihre Tätigkeit ihrer Fähigkeit entgegenkommt, um so eher wird ihre Arbeit sich von einer kraftraubenden in eine kraftvermehrende verwandeln. Die allgemeine Lösung wird da nicht gefunden werden können, wo für jeden Einzelnen Lebensumstände und Anlagen so verschieden sind. Doch je mehr jede einzelne Frau ihrer zwiefachen Anforderung gerecht wird, je ruhiger, erfüllter und kräftiger sie selbst dadurch wird, um so besser wird es ihr gelingen, andere glückHch und. lebensstark zu machen. Und wo viele