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Central-Verein-Zeitung · 1938-08-25 · 34 (25.8.1938) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
34 (25.8.1938)
Date
1938-08-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 C.-V.-Zeitung Nr. 34 * 25. August 1933 den seltensten Fällen aus ökonomischen Gründen Kraftfutter erhalten können, sind sie nur je einen halben Tag arbeitsfähig und müssen sich dann die andere Hälfte des Tages ihre Nahrung,.»auf' der Weide suchen. Die neuen Siedler besitzen einschließlich der Reitpferde acht Pferde. Sie können sich daher nur vormittags der Feldarbeit widmen, sind jedoch die zweite Hälfte vollauf mit den anderen notwendigen Arbeiten beschäftigt. Erst nachdem die Vierfüßler besorgt waren, dachten wir an uns selbst. Die Hausfrau hatte inzwischen die Zimmer gesäubert und in der wie überall als Eßraum dienenden Küche das Frühstück hergerichtet, welches aus Kaffee, Brot und selbstgefertigter Butter, Rahm und Käse bestand. Inzwischen war der Milchwagen herangerumpelt. Je sechs Kolonisten halten sich zusammen ein solches Gefährt, um die Milch nach der etwa 15 Kilometer entfernten Käsefabrik zu transportieren. HERBERT UESENTHAL Spedition Umzugstransporte nach allen Erdteilen WAt Berlin W8, Kronenstr. 33 «f|» Fernruf 16 37 40 Nach dem Frühstück begab sich wieder alles an die Arbeit, die durch ein einfaches aber kräftiges Mittagsmahl um zwölf Uhr unterbrochen wurde. Da die Tage bereits kurz zu werden begannen, wurde dann ohne Aufenthalt bis zum Sonnenuntergang weitergearbeitet. Am Nationalfeiertag machte ich trotz eines kräftigen Pamperos, d.h. eines aus Süden blasenden Sturmes, eine Rundfahrt durch die ganze Kolonie. Jeder Farmer wohnt zwar direkt auf seinem Lande, doch sind die Häuser derartig gruppiert, daß immer zwei, drei oder vier verhältnismäßig nah beieinander stehen. Auf diese geschickte Art hat man ein Mittelding zwischen einer dorfartigen Siedlung und einem völlig isolierten Leben gefunden. Denn bei den großen Flächen einer Farm muß jeder Landwirt unbedingt direkt auf seinem Besitztume wohnen, doch hätte ein ganz einsames Siedeln, vor allem bei den Neuankömmlingen, sozial und Wirtschaft1 ich schwere Nachteile. Ich hatte fast in allen Farmen den Eindruck, daß ein ernster Wille und fester Entschluß vorhanden ist, sich in die ganz ungewohnten Verhältnisse und die starken sozialen Einschränkungen einzuleben, und zwar nicht nur bei den Männern, sondern auch bei den Frauen. A's Beispiel sei erwähnt, daß bisher in der ganzen Siedlung noch kein Radio vorhanden ist, und daß — da es in Argentinien keine postalische Landbestellung gibt — Briefe oder Zeitungen gelegentlich am Schalter des Postamtes im nächsten Städtchen abgeholt werden müssen. Die Frauen sind im Begriff, einen Frauenverein zu Ge- •selligkeits- und Wohltätigkeitszwecken zu gründen, während die Männer einer landwirtschaftlichen Genossenschalt beitreten wollen, die in dem oben erwähnten Rivera ihren Sitz hat und die die Errichtung einer Filiale in der Kolonie Baron Hirsch in Erwägung zieht. Am Nachmittag fanden sich die erwachsenen Siedler fast vollzählig bei meinem Wirt ein. Ich hielt einen kleinen Vortrag über die Geschichte Argentiniens im allgemeinen und die Bedeutung des Nationalfeiertags im besonderen. Ich forderte die Siedler auf, sich nach Möglichkeit in die Sitten und Gebräuche ihrer neuen Heimat einzuleben, was natürlich nicht heißen solle, daß sie ihr altes Kulturgut vernachlässigen sollten. Dann sprach ich über die Eindrücke, die ich in der Siedlung gehabt habe, sowie über ihre Zukunftsaussichten und beantwortete nach bestem Wissen einige landwirtschaftliche Fragen. Schließlich mündete alles in eine gemütliche gemeinschaftliche Unterhaltung. Auf mich, der ich seit reichlich vierzig Jahren in dem argentinischen Steppenland ansässig bin und noch niemals Gelegenheit hatte, gleichzeitig mit einer so großen Anzahl von aus Deutschland stammenden Genossen zusammen zu sein, machte dieser Abend einen tiefen Eindruck. . Arturo Bab Wenn man es weiß, ist es ein Kinderspiel / Von Lessie Sachs-Wagner New York, Anfang August Am liebsten möchte ich einen „Leitfaden" herausgeben für den Elementarunterricht, Gegenstand: Auswanderung. Ich würde ihn schön aufrollen, und Ihr würdet mir brav und getreulich folgen, aber ach, sehr bald würden wir uns alle verlaufen. Womöglich müßten wir einen Amerikaner um Rat fragen, und er würde uns sagen, daß wir „two blocks east" oder „west" gehen sollen, uns, die wir doch gewöhnt sind, rechts oder links zu gehen. Wenn wir noch dazu die Richtung „uptown" und „downtown" verloren haben, so wird sich bald die ganze große Stadt New York wie ein Karussell ungewöhnlicher Ausmaße um uns drehen. Das ist es eben: wir finden uns nicht zurecht, in keiner Weise, weder in der Stadt noch in der Sprache, weder im geschäftlichen Leben noch im gesellschaftlichen Milieu, in den Inseraten nicht und nicht im Leitartikel, weder am Telephon noch bei den Einkäufen... Woher wollt Ihr wissen, wie man in New York eine Straßenbahnhaltestelle findet? Der Verkehr ist glänzend geordnet, das stimmt, aber man muß die Spielregeln kennen, und die Spielregeln sind eben anders als bei uns. Die Straßenbahn hält an jeder Straße, die eine gerade Nummer führt, z. B. an der 72sten Straße, ebenso der Autobus. Sehr einfach. Ja, verblüffend einfach, lieber Kamerad, nur wissen mußt Du das. Wo wartest Du aber, wenn die Schienen in der Mitte des Fahrdammes liegen? Du kannst doch nicht, wie ein gewöhnlicher Hase, vom Fußsteig her durch alle Autos zu Deiner Straßenbahn sausen, . . armer Hase, Du mußt lernen, daß ein weißer Strich, ovalförmig auf dem Verkehrsdamm gezogen, bedeutet, daß Du Dich innerhalb dieses Ovals in einer Schutzzone befindest, in einem Zauberkreis, an dem die Autos rechts und links an Dir vorbeirasen, auf einer Verkehrsinsel, kurz gesagt. Manchmal sind es auch zwei weiße Blöcke, in mäßigem Abstand voneinander aufgestellt, zwischen denen Du Deines Lebens sicher bist. Pedantische Leser: wenn die Straßen, anstatt numeriert zu sein, Eigennamen führen, dann ist die Haltestelle an dem Oval oder den Blöcken. Jeder Amerikaner hält, wie bei uns die Leute vom Lande, seinen „Nickel" (5 cent) vorher bereit. Man steigt (auch bei den Autobussen) vorne ein, wirft sein Geld in die aufgestellte Büchse, und schon geht die Geschichte dermaßen schwankend und schaukelnd los, daß man seinen Nachbarn förmlich in die Arme fliegt, wobei man „sorry" zu sagen hat. Man kommt immer zu früh oder zu spät, weil man die Entfernungen nicht berechnen kann. Und meistens zu früh, weil es mit der subway sehr schnell geht, und weil man in New York bei Gesellschaften sehr spät kommt, bis zu einer Stunde später sogar als man eingeladen ist. So erscheint man also als verfrühter, einsamer Gast, den Wirten zur Plage, falls die Gastgeber in Manhattan wohnen, wo man sich schließlich zurechtfindet. Falls sie aber in der Bronx, in Brooklyn oder New Jersey leben, steht man verzweifelt, über jede Gebühr verspätet in irgendeinem drugstore am Telefon, weit ab von seinem Ziel, weil man sich verfahren hat, und erscheint schließlich irritiert und abgespannt, mit mangelnden Sprachkenntnissen und zehn zu eins falsch angezogen, bei den geduldigen neuen Freunden. Gewiß, das sind die Kinderkrankheiten des Neulings. Aber gerade bei den ersten Besuchen, wo der persönliche Eindruck so wichtig ist, möchte man nicht gerne erhitzt oder erfroren, jedenfalls nicht vom Wege erschöpft ankommen. Der Stadtplan hilft, die Amerikaner helfen, aber wenn sie uns sagen, „take the L-train", so weiß man zunächst nicht, daß damit die Hochbahn gemeint ist, „eleva- Verschleierte Frauen balancierten Tonkrüge auf ihren Köpfen. Nicht weit vom Bahnhof sahen wir einen kleinen Neger jungen, der einen von Wasserbüffeln gezogenen Karren lenkte. Staub wirbelte auf. Ein Beduine ritt auf einem tänzelnden Pferd um eine Herde von Kamelen, die er in eine bestimmte Richtung zu drängen suchte. Ein Melonenverkäufer stieß gutturale Schreie aus. Ein alter Wasserverkäufer mit weißem Turban lächelte uns zu. Ein barfüßiger, fast schwarzer Beduine mit dem Kopfluch, der Kefijeh der palästinensischen Araber, erregte unsere Aufmerksamkeit. Wir kehrten zum Zug zurück. Auf dem Nachbargleis ritt ein alter brauner Fellache auf einem Esel, den ein kleiner Junge führte. — Hinter Ismailije biegt die Bahnlinie Port Said—Kairo in südöstlicher Richtung ab. Hier beginnt eines der fruchtbarsten Baum wollgebiete Oberägyptens: unabsehbare Flächen von sattem Grün, aus dem die weißen gebückten Gruppen der Baumwollpflücker aufleuchten, mannshohe Hügel von aufgehäuften schneeweißen Baumwollflocken bilden einen erstaunlichen Kontrast zu dem grellen Gelbbraun der libyschen Wüste, das sich zuweilen dichter heranschob. Zwischen den Plantagen sehen wir ein paar weiße Zelte, und während der Zug wieder hält, beobachten wir, wie zwanzig barfüßige braune Rekruten den arabischen Befehlsrufen eines eingeborenen Unteroffiziers folgen. Und während Dattelpalmen und Dörfer aus Schlammziegeln in dem Tempo eines allzu schnell abrollenden Films an uns vorüberzueilen schienen, tauchte hinter einer Biegung eine weiße afrikanische Stadt vor uns auf, mit schlanken Türmen, leuchtenden Kuppeln und flachen Häusern: Kairo. Kurt Hirschberg ted train". Hundert und tausend Dinge, die man nicht" weiß . . . man weiß nicht, daß room 1214 bedeutet, daß es Zimmer Nr. 14 im zwölften Stock ist, später weiß man das, und anstatt den Fahrstuhlmarin ängstlich: nach Nr. 1214 zu fragen, schleudert man ihm hochmütig sein „twelve" zu und markiert den Eingeborenen. (Wobei man vergißt, daß der Fahrstuhimann seinerseits aus Ungarn oder Italien oder Irland stammt und zuweilen noch schlechter Englisch spricht als Du.) Man ist so wenig daran gewöhnt, daß jemand nicht aus dem Lande stammt, in dem er lebt, daß man immer wieder überrascht ist. Aber gerade das erleichtert dem Fremdet die Eingewöhnung ungeheuer; er wird nicht bestaunt und angestarrt, weil er fremd ist, weil eben alle gestern oder vorgestern selbst noch Fremde hier waren, zumindest die Eitern oder Großeltern. Trotzdem möchte man sich gern so schnell als möglich einreihen, man möchte nicht auffallen. Aber ach! — die Sprache verrät uns, und wenn ich Zauberkräfte hätte, würde ich mich in einen Tyrannen verwandeln, der Euch zwingen würde, die Sprache zu lernen. Samt Kindern. Es geht natürlich mit der Sprache solange man sich vom Wetter unterhält. Vom Wetter spricht man viel und mit gutem Grund; ich glaube, eine Warnungstafel wäre angebracht: Achtung! Klima! — denn jeder sollte sich eingehendst nach den klimatischen Verhältnissen seines Ziellandes erkundigen, ob es für Europäer im allgemeinen und für ihn im besonderen erträglich sein wird. In dem begreiflichen Wunsche, so schnell als möglich fortzuwandern, übersieht man, daß Klima eine Frage von Leben und Tod sein kann. Ueberhaupt strengt jeder Klimawechsel im Anfang sehr an, und anstatt erst einmal im neuen Land soviel als möglich zu ruhen, stürzen die mutigen, aber unvernünftigen Amerika - Fahrer zunächst Hals über Kopf auf die Arbeitssuche. Verständlich natürlich, notwendig auch, denn %vir haben alle nicht die nötigen Mittel; jedoch die Leistung, die wir da von unserm Körper verlangen, ist ungeheuer, und in diesem Zusammenhang gesehen, ist es ein Glück, daß der Arzt auf den amerikanischen Konsulaten nur völlig gesunde Menschen in das Land läßt. Denn auch die völlig Gesunden fühlen sich im Anfang übermüdet, ja beinahe krank und halten für persönliches Pech, persönliche Schwäche, was doch nur eine allen gemeinsame Reaktion auf die veränderte Lebensweise ist. Man überwindet das von Tag zu Tag mehr, bis man schließlich anfängt, mitzuschwimmen, und sich vom Wetter unterhalten kann, ... aber darüber hinaus, ... nein, darüber hinaus geht es nicht, und heute wollen wir uns ja auch nur über die primitivsten Dinge unterhalten. Wir sind also eingeladen, sprechen vom Wetter und bemühen uns, nicht aufzufallen. Aber siehe da, während Du ganz munter mit Messer und Gabel hantierst, leicht behindert immerhin, weil das Messer sehr stumpf ist, wie alle Messer hierzuland, bemerkst Du, daß die Amerikaner ihre (für unsern Gaumen zu scharf gewürzten) Bissen mit der Gabel in der rechten Hand zum Munde führen, während das Messer auf dem Tellerrand liegt. Der Amerikaner zerschneidet das Fleisch vorher, legt das Messer weg, nimmt die Gabel von der linken in die rechte Hand und ißt. Warum so umständlich? — Weiß ich nicht. Wir essen anders seit Kindheit an, und bums! — wir sind aufgefallen. Jeder Neuling, der ein Restaurant sucht, landet unweigerlich in der „Cafeteria" (eine Art Automatenrestaurant). Dort kann er auf das, was er essen will, zeigen und sich dann mit dem Eroberten an einen Tisch flüchten. Einen Tisch möchf ich, einen Tisch! — Wie viele Einwanderer haben das heimlich gedacht, wenn sie versuchten, einen cold drink, einen Teller mit einem Sandwich (das sie für eine Torte hielten), eine Zigarette und eine Serviette zu balancieren, dabei „charming" zu sein, „goodlooking and very, very interesting", — und zu erklären, daß ihnen New York „immensely" gefällt ... oder wenn sie in einen drugstore gerieten, wo man an hohen Stühlen wie an einer Bar sitzen muß, um sein lunch zu verzehren, das aus einem, belegten Brot besteht, während man doch ehrlichen Hunger auf sein gewohntes Mittagbrot hat. Das alles klingt komisch, ist es aber nicht. Denn das sind doch die Dinge des täglichen Lebens, auf die man sich eben einzustellen hat. Man muß lernen, sich in einem fremden Milieu nicht nur zurechtzufinden, sondern sogar guten Eindruck zu machen, und das belegte Brot zum Mittag im drugstore bedeutet die Umstellung auf die veränderte Zeiteinteilung, die man mitmachen muß, wenn man seine Verabredungen innehalten will. Wie trifft man aber seine Verabredungen? Am Telephon, sehr einfach. Nein, einfach ist das nicht. Wenn jemand anruft und nach „Djsehosäff Wäggner" fragt, so weiß ich jetzt schon: Josef Wagner, wenn er aber seine Telephonnummer hinterlassen will, ... ach Gott. Die Telephonämter haben nämlich Namen, z. B. Susquehana oder Edgecombe ... Na ja. Ich habe die Aemter später im Telephonbuch studiert, und dann ging es, und ich empfehle dies zur Nachahmung. Telephonieren, zu Haus ein Kinderspiel, gehört hier auch in die Kategorie der Binge, die unvorhergesehene Anstrengung verlangen. Es ist eben alles anders, und als meine alte, treue Bedienung Agnes sagte: man wacht früh auf, steht auf und mac'ht Kaffee, was kann denn da viel anders sein? — so hatte sie unrecht, denn schon den Kaffee macht man hier anders, man ■ /kocht ihn etwa 15 Minuten lang und nennt es „percolator method". Wenn man ihn nach gewohnter Karlsbader Art zubereiten will, so muß man einen Trichter kaufen, aber wer kann ahnen, daß so ein Ding „drippolator" heißt? Hundert und tausend Dinge, die anders sind ... die vorsorglich mitgebrachten Kleiderbügel passen nicht über die - Stange, wahrhaftig, die Stange ist zu dick, die hier gekaufte weiße Krawatte paßt nicht zum deutschen Frackhemd, sondern rutscht, die deutsche Brille paßt in kein amerikanisches Brillenfutteral, die Türklinken sind hier nur runde Glasknäufe, die Schlüssel schließen gegen die Hand, so daß man immerfort zuschließt, wenn man die Tür öffnen will, die Fenster sind Schiebefenster, und im Sommer muß man sie alle aufmachen, damit man möglichst viel Zugluft hat, hingegen darf man in der Eisenbahn kein Fenster öffnen, so daß man halb erstickt. In der subway bekommt man keine Karte, sondern das Drehkreuz läßt jeden passieren, der seine Münze eingeworfen hat, und natürlich sucht man in der ersten Zeit wie wild sein Billett, in der Meinung, man hätte es verloren. Am Sonntag kommt keine Post, aber viele Geschäfte sind am Sonntag auf, und an Wochentagen bis spät in die Nacht ... Ja, der Verwirrung ist kein Ende. Und zum Schluß, liebe Schicksalskameraden, möchte ich gern das mit Euch machen, was man hier einen „test" nennt, und wer die richtigen Lösungen weiß, hat gewonnen. Wenn ich Euch berichte, daß mein Kind hier 45 pounds wiegt, 3 feet und 8 inches groß ist, wie alt ist das Kind ungefähr? Baby, Kleinkind oder Schulkind? Wenn dieses Kind 97,7 Grad Temperatur hat, mit einem hiesigen Thermometer gemessen, muß ich da den Arzt rufen oder nicht? Ja oder nein, ängstliche Mütter? Wenn ich 4 Meter Stoff zu einem Kleid brauche, wie viele yards muß ich hier verlangen? Und wenn i% Pfund Suppenfleisch zum Mittag zu Hause reichten, warum reichen sie hier nicht, und wieviel müßte ich haben, damit es reicht? Wenn draußen 80 Grad Wärme sind, ist es da sehr heiß, oder wenn ich zu Hause 128 Pfund gewogen habe, und die hiesige Waage sagt 134, habe ich da abgenommen oder zugenommen und wieviel? Und wenn ich ein pint Milch kaufe, langt das für den Tag, oder sollte es lieber one gallon sein? Und wenn ich einen Brief mit „special delivery" und „registered" aufgebe, ist das ein eiliger und wichtiger Brief oder nicht? Ferner, wenn der Brief 2 ounoes wiegt, hat er Uebergewicht, und wenn ja, wieviel Porto mehr kostet er? Wer diese Fragen gut beantwortet, hat viel gelernt. Solange wir zu Hause sind, denken wir immer, es wird schon gehen, und was wir befürchten, sind die großen Schicksalsschläge in der Fremde, Krankheit und Hunger, und worauf wir hoffen, ist Schicksalsgunst: Reichtum und Karriere, aber sobald wir hier sind, bemerken wir, daß unser Schicksal derartig dramatisch sich zu gebärden gar nicht im Sinne hat, und daß es für uns viel mehr darauf ankommt, sieh im täglichen Ablauf des Geschehens zurechtzufinden. Wenn wir unsern ersten Brief nach Haus in den Kasten stecken wollen, so geht auch das nicht einmal glatt und mechanisch, weil die Klappe anders angebracht ist als bei uns. Und damit habe ich vielleicht den Kernpunkt des Problems der Eingewöhnung getroffen: was zu Hause glatt und mechanisch ging, automatisch, ohne ins Bewußtsein mehr zu kommen, wie: sprechen, Besorgungen machen, Post erledigen, telephonieren usw. erfordert hier Ueberlegung. Und damit verabschiede ich mich von Euch. Good luck to you, das heißt viel Glück, viel Glück, und das können wir alle brauchen. Das Erholungsheim Lehnitz, Berlin-Nordbahn, Viktoriastr. 19, beabsichtigt einen viermonatlichen Schnellkursus in Planwirtschaft und Sprachen durchzuführen für Mädchen und junge Frauen, die schon kaufmännisch gearbeitet haben, oder für Aerztinnen und andere gehobene Berufszweige, die umschichten, wollen. Es kommen für diesen Kursus also nur Menschen in Frage, die schon beruflich gearbeitet haben. Schulentlassene Mädchen scheiden aus. Dieser Kursus soll in seiner Struktur zu gleichen Teilen auf Sprachen und hauswirtschaftliche Arbeiten zugeschnitten sein. Der Arbeitsplan soll etwa folgendermaßen aussehen: 17 Arbeitswochen zu je 6 Arbeitstagen, also 2 Wochen Zimmer aufräumen (inkl. Bohnern, Fensterputzen usw.), 2 Wochen Hausarbeit (mit Silberputzen, Bürstenwaschen, Möbelreinigen, Entflecken usw.), 2 Wochen Wäsche (inkl. Legen, Rollen, Plätten), 2 mal 2 Wochen Küche, 2 mal 2 Wochen Nähen, 3 Wochen Wiederholung der hier vorgeschlagenen Arbeitspensen in kombinierter Form. An den Nachmittagen findet Sprachunterricht statt. Die Abende sollen für Musik, jüdische Dinge, .Handfertigkeiten, hauswirtschattliche Theorie und zur Orientierung über die Auswanckrungsländer verwandt werden. Anschließend sind zwei Monate praktische Arbeit in einem Privathaushalt vorgesehen.

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