Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 32 (11.8.1938)
- Date
- 1938-08-11
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32 * 11. August 1938 ^°^S <^ X C-V.-Zeftung * Seite 13 AUBGR $ei?} kABBAlA 7« Fortsetzung % Von Leo Rein Der Golem steigt auf Gebete und heilige Namen, auf einen Streifen Pergament geschrieben, öffneten Türen und Tore, sprengten Schlösser, belebten Tote: dies waren also vielgebrauchte Mittel der , Kabbala und Magie. Um zur Erschaffung künstlicher Wesen vorzustoßen, bedurfte es nur noch einer Hilfsvorstellung. Diese wurde in der Erzählung von der Erschaffung Adams gefunden — auch der Golem gehört im Grunde zum Umkreis der Schöpfungssage, er ist neue Schöpfungssage. Wieder müssen wir darüber staunen, was alles, durch kühne Deutung, aus einem Bibelverse werden kann. „Von Staub (Erde) bist du", sagt die Genesis (3, 19); und kannst also aus Staub (Erde) gemacht werden, folgert die Kabbala. Diese Erde, dieser Lehm, aus dem Adam geformt wurde, ist auch die Erde, aus der der Golem geschaffen werden sollte; und sie ist auch die zeugungskräftige „adamische" Erde, die in dem Märchen aus Tausendundeiner Nacht zum Universalmittel, zum ..Stein der Weisen" wurde. Die Golemerschaffung wurde der irdische Parallelfall zur Erschaffung Adams, das magische Gegenstück des mystischen „Adam Kadmon", des „himmlischen Menschen". Eine zweite Wortdeutung tritt hinzu, die dem Golem auch den Namen gibt. Im Psalm 139, Vers 15 sagt der Psalmist von der Allwissenheit Gottes: „Es war dir' mein Gebein nicht verhohlen, da ich im Verborgenen gemacht ward, da ich. gebildet ward unten in der Erde:" und fährt in Vers 16 fort: „Deine Augen sahen mich, da ich noch unbereitet (golem) war." Das Wort „Golem" bedeutet also das Ungeformte, Ungefüge, Gestaltlose, auch Seelenlose; so wird der tote, seelenlose Körper hin und wieder Golem genannt und durch Auflegen heiliger Namen belebt. Schon talmudische Sagen berichten von der Erschaffung künstlicher Wesen: von dem seelenlosen Menschen des R. Rabba bis zu den Kälbern des R. Ghanina und R. Oschaja. Gern schrieb man auch berühmten Persönlichkeiten Golemschöpfungen zu: so dem Propheten Jirmija einen Golem als Diener, dem Dichter Saiomo ibn Gabirol eine Gblem-Dienstmagd. Die jüdische Kabbalistenschule in Deutschland bildete, wohl angeregt von der allgemeinen Magie, die Vorstellungen über die Golemschöpf ung besonders aus; wir sahen, daß einer ihrer Vertreter, R. Samuel in Speyer, sich einen Löwengolem als Diener schuf. Joseph del Medigo bezeugt 1625, daß Legenden dieser Art in vieler Leute Mund waren, besonders in Deutschland. Schon vorher, 1615, hatte Salin an Zewi aus Aufenhausen seinen „Jüdischen Theriak", sein „heilsames Buch" erscheinen lassen, das eine Antwort und Verteidigung gegen die Behauptungen des. getauften Juden Friedrich Brenz aus Ettingen darstellte. Dieser hatte in seiner Schrift „Jüdischer abgestreifter Schlangenbalg"- u. a. gesagt: „es werden unter den Juden Leute gefunden, die einen leim (Lehm)klozen nehmen, formieren und machen ihn einem Menschen gleich; darnach lispelt, man ihm ____ beschwörungen ein, davon das Bild lebt und geht." Sa!man Zewi polemisiert in der witzig-derben Weise seines Zeitalters gegen Brenz und nennt ihn selbst einen „chamor golem", einen „unausgezimmerten Esel"; denn „chamor golem" hatte Brenz das .„bild und gemechte" geheißen. Zur Sache übergehend, fährt Salrnan Zewi fort: „.... ich hab nie kein solch Werk gesehen, aber zur Zeit der Talmudweisen haben sich solche leut gefunden, die durch, das Sepher Jezira ein solch ding beschaffen haben .... uns .... ist solche Kabalah verborgen, in Erez Israel aber solls noch solche leut haben, die durch die Kabalah viel tun können...." Die letztere Andeutung Zewis geht gewiß auf eine dunkle Kunde vom Safeder Kabbalistenkreis zurück. Kabbalistisch - magische Kommentare zum Buche Jezira enthalten oft Rezepte zur Erschaffung des Golems; wir teilen einige nach dem schönen Buche Beate Rosenfelds über die Golemsage mit. Nach gründlicher geistiger Vorbereitung durch das Studium des Buches Jezira soll man ungepflügte, jungfräuliche Bergerde sammeln, im Hause ausbreiten und reinigen; auch der Schöpfer muß sich reinigen. Aus der reinen Erde ist dann der Golem zu bilden. Ueber jedes Glied des Golemkörpers ist der „Königsbuchstabe" des betreffenden Gliedes aus dem Buche Jezira zusammen mit allen Buchstaben des Gottesnamens zu sprechen.. Nach andern Rezepten aber soll man „wie im Reigen" um den Golem schreiten und gleichzeitig die Alphabete, zusammen mit den Buchstaben des Tetragramms, in bestimmter Reihenfolge und Vokalisation, sprechen. 462mal — das ist das Doppelte der 231 Buchstabenkombinationen des hebräischen Alphabets bzw. der 231 mystischen „Pforten" des Buches Jezira — muß man so das Geschöpf umwandeln, bei jeder Umwandlung ein Alphabet sprechen. Schließlich, wenn man zu seinem Antlitz kommt, erhebt es sich. Soll das Geschöpf wieder vernichtet werden, so geschieht, wie beim Gegenzauber, die ganze Zeremonie noch einmal, aber rückwärts. Man wandelt rückwärts und spricht die Alphabete rückwärts. Das Geschöpf sinkt wieder zur Erde und vergeht. Wehe aber dem Adepten, der in der Zeremonie etwas versieht oder ihre richtige Reihenfolge nicht innehält! Er kann den Tod finden oder in die größte Gefahr für Leib und Seele kommen wie jener Schüler, der rückwärts statt vorwärts gegangen war und fast im Sumpf versunken wäre, hätte der hinzukommende Meister ihn nicht gerettet durch den Rat, nach vorwärts zu gehen und die rechte Reihenfolge genau inne zu halten. Mit Absicht sind auch die Bedingungen dieses Zaubers schwierig gestaltet worden, nicht nur, um auf die Schwierigkeiten der Ausführung hinzuweisen, sondern auch, um durch die vielen Möglichkeiten des Irrens, etwa beim Zählen der 462 Umwandlungen, leicht das Mißlingen erklären zu können, das überdem noch auf eine seelische Unwürdigkeit des Zauberschülers geschoben werden konnte. Die Golemschöpfung wurde in der mittelalterlichen jüdischen Welt zum Teil kritisch,- zum Teil positiv betrachtet. Die rabbinische Responsenliteratur enthält ernsthafte Fragen, die sich auf die Stellung des Golems innerhalb des jüdischen Gesetzes und Lebens bezihen, und diese Fragen wurden ernsthaft beantwortet. Mit dem Beginn der Emanzipation zieht die Pflege der Kabbala ostwärts, wo sie allmählich in den Chassidismus übergeht. Bald gelten auch dessen Führer als Magier und Wundertäter, bald knüpft sich auch an sie der Titel „Baalschem", bald werden auch ihnen Golemschöpfungen zugeschrieben: so dem Baal Schern Tob, dem eigentlichen Begründer des Chassidismus, und dem Gaon Elia von W i 1 n a. Aber die Golemsage, welche die Welt erobern und die Quelle für die europäische Golemdichtung werden sollte, erscheint in zwei Formen bei zwei Persönlichkeiten des 16. Jahrhunderts: einer früheren und einfacheren bei R. Elia in Chelm, und einer späteren, reicher ausgebildeten bei dem berühmten R. Low in Prag, dem „hohen Rabbi Low". Der Golem des R. Elia in Chelm verfügt über die typischen Züge der Gestalt: auch er ist als Diener seines Herrn erschaffen. Hinzu tritt aber das Motiv von der Riesengröße des Golem, von dem verderbenbringenden Wachsen seiner Kräfte. Dies führt auch seinen Untergang herbei: der Rabbi, Unheil fürchtend, eilt, ihm den Schern zu entreißen, der, auf einen Papierstreifen geschrieben; an der Stirn des Golems befestigt war. Ehe es ihm gelingt, ehe der Golem wieder zu einem Lehmhaufen zusammensinkt, weiß er dem Rabbi im Pangen einen wuchtigen Hieb zu versetzen, von dem dieser sich nur schwer erholt. Die Sagenform, die sich an Rabbi Low heftet, ist die berühmteste; wir brauchen nur kurz daran zu erinnern, daß ihre Eigenart in der Bindung an die Prager Altneusynagoge und in der Einführung des Schabbatmotivs besteht: Damit der Golem an der Schabbatruhe teilhabe, sein ungefüges Wirken sie nicht störe, nimmt Rabbi Low am Freitagabend den „Schern", der das „Leben" des Lehmkolosses verbürgt, von seiner Stirn oder Brust. Einmal hatte er es vergessen; und sofort richtete die unbeaufsichtigte Kraft Unheil an; bald, so heißt es in einer Sagenform, deckte er die Häuser der Judengasse oder gar das Dach der Altneusynagoge ab, bald, so berichtet eine andere, näherteer sich der Tochter des Rabbi Low. Der Rabbi läßt den schon begonnenen Gottesdienst unterbrechen; es gelingt ihm, dem Golem den Schern zu entreißen. Der Rabbi eilt in den Gottesdienst zurück; der Lehmkörper des Golems soll auf den Dachboden der Altneusynagoge geschafft worden sein. In späteren fast novellistischen Erzählungen erschafft der Rabbi den Golem nicht nur sich zum Diener, sondern gewissermaßen zum Werkzeug jüdischen Schicksals, dessen Tragik den düsteren Hintergrund dieser Form bildet. Eine Judenverfolgung, die Prag durchmachte, scheint diese neuere Form angeregt zu haben. Danach sollte der Golem Angriffe abwehren, die gegen die Juden Prags gerichtet waren, Verbrechen aufdecken, die ihnen in die Schuhe geschoben wurden, gegen die Märe vom Ritualmord wirken, die der Mönch Taddäus verbreitete. Gewiß verwickelte Aufgaben für einen kabbalistischen Homunkulus! Es ist diese Form, welche Leiwik in seinem bekannten Golemdrama bearbeitet — und natürlich seinerseits wieder mit neuen Zügen ausgestattet hat. (Fortsetzung folgt) Porträts aus der Welt des jiddischen Theaters Von W. Kruszynski IV. David Hermann Die großen Regisseure des jiddischen Theaters sind fast durchweg nicht „nur" sondern „auch" Regisseure. Bis heute kennt die Geschichte des jiddischen Theaters nur ganz selten Ausnahmen von dieser Regel, eine freilich von singulärer Bedeutung: David Hermann, dessen ersten Jahrzeittag man vor wenigen Wochen durch eine Feier im Theatermuseum des „Jüdischen Wissenschaftlichen Instituts" in Wilna pietätvoll begangen hat. Er. war „nur" ein Regisseur. David Hermanns äußerer Lebensgang läßt, sich mit wenigen Sätzen schildern: Er wurde 1376 in Polen geboren, ging 1903 zum Theater, verheiratete sich und starb 1937 in Amerika. Dazwischen liegt freilich eine Fülle van künstlerischen Versuchen und Erfolgen, liegen Anerkennung und Verkennung, liegen Jahre der Berühmtheit und der Vergessenheit, liegt endlich ein gerüttelt Maß von Kümmernis und Not. David Hermann war dem Zauber des Theaters verfallen, seitdem er es als Knabe zum erstenmal kennengelernt hatte. Nachdem er die Schule verlassen hatte, widmete er sich literarischen und künstlerischen Studien, besuchte eine Theaterschule, um auch die Praxis seines künftigen Berufes zu erlernen, mußte aber, weil seine Versuche, Anstellung an einem Theater zu finden, zunächst nicht glücken wollten, mehrere Jahre als Lehrer der jüdischen Literatur an einer Schule tätig sein. Erst 1903 fand er Gelegenheit, sich öffentlich künstlerisch betätigen zu können, bildete sich dann einen „Dramatischen Kreis" aus jungen, vorwärtsstrebenden ■ Kunstbeflissenen und bereitete in jahrelanger planvoller Arbeit mit ihnen eine Anzahl von Aufführungen auf das sorgfältigste vor. Im Warschauer „Lettni-Theater", im Sommer des Jahres 1907, führte er seine Inszenierungen zum erstenmal der Oeffentlichkeit vor und erregte die Aufmerksamkeit der gesamten — auch nichtjüdischen — Kritik in ungewöhnlichem Maße. Er spielte Werke von Schalom Asch, Sehoiem A1 e c h e m, Isaak P e r e z, Werke, die seiner künstlerischen Art besonders entgegenkamen, und in denen er Gelegenheit fand, seine Fähigkeit zu beweisen, die einzelnen Noten der Schauspieler zu einer Melodie von erhabener Schönheit zu verbinden. Zustatten kam ihm eine merkwürdig große suggestive. Wirkung auf jeden seiner Mitarbeiter, der er sich übrigens mit Bewußtheit bediente. Im Scherz pflegte er oft zu sagen, er könne jeden Menschen zu einem Schauspieler machen. In der Tat glückte es ihm nicht selten, selbst schwache Schauspieler in einer bestimmten Rolle überraschend zu steigern. 1908 finden wir Hermann in Lodz, 1909 in Wien, 1910 wieder in Warschau als Regisseur der „Perez Hirschbein- Trupp e", die sich der besonderen Gunst des Dichters Perez erfreute. Das Unternehmen wurde aufgelöst und David Hermann war fortan bald hier, bald dort, bisweilen auch als Leiter eines dramatischen Studios immer mit auffallendem Erfolg, aber niemals für längere Zeit tätig. Es waren Jahre, in denen er schwer zu kämpfen hatte, aber zugleich Jahre unausgesetzter Vorbereitung auf den Höhepunkt seines Lebens, der seinen Namen zu einem festumrissenen künstlerischen Begriff machen sollte. Im dritten Jahre des Weltkrieges, 1917, trat er in das Regiekollegium der später unter dem Namen „Wilnaer Truppe" in der ganzen Welt berühmt gewordenen Schauspielergesellschaft ein, die damals noch die Bezeichnung „Verein jüdischer Artisten in Wilna" trug. Während der Okkupation Polens durch die deutschen Truppen hatte sie sich aus einer Gruppe theaterbegeisterter junger Männer und Frauen, von denen nur ganz wenige Berufsschauspieler waren, gebildet. Ihre Vorstellungen erreichten bald — weniger durch Einzelleistungen als durch ein staunenswert ausgeglichenes Zusammenspiel — eine beachtliche Höhe, daß man sie zu Gastspielen in die anderen großen polnischen Provinzstädte, wie Suwalki und Bialystock, einlud. Hier erregten sie die Aufmerksamkeit bekannter jüdischer Schriftsteller und Künstler aus Deutschland, die sich dienstlich dort aufhielten und die, begeistert von der eigenartigen Kunst dieser auf jüdischem Mutterboden gewachsenen Truppe, durch Veröffentlichungen in der heimatlichen Presse unmittelbar nach Beendigung des Krieges Propaganda für eine Tournee der Künstler durch Westeuropa machten. Es darf als bekannt vorausgesetzt werden, daß dieser Plan * sich später verwirklichte. Aus eigenem Erleben werden viele von uns sich noch der außerordentlichen Eindrücke erinnern, die die Kunst der „W ilnaer Trupp e", wie sie sich umgenannt hatte, auf die jüdischen Zuschauer gemacht hat. Zunächst aber setzten die Leiter der jungen Bühne alle Energien daran, sich die Tore der Hauptstadt ihres eigenen Landes, Warschau, zu erschließen, der Stätte der größten jüdischen Siedlung in Osteuropa, des Mittelpunktes des geistigen und kulturellen Lebens der Juden in Polen. Es gelang. Die „Wilnaer Truppe" zog in das Warschauer „Elysium-Thealer" ein, spielte und — siegte. Ihren denkwürdigsten Sieg errang sie am 9. Dezember 1920, als sie den „D y b u k" des gerade dreißig Tage vorher aus dem Leben geschiedenen großen jüdischen Dichters Sch. An-ski zur Aufführung brachte. Die innere Melodie dieser Dichtung, die ja dem Publikum in Deutschland - durch zahlreiche Aufführungen wohlbekannt ist, mußte in David Hermann, dessen ganze künstlerische Art auf seelische Verinnerlichung abgestimmt war, verwandte Töne zum Erklingen bringen. Seine Individualität, fern aller platten Realistik, war wie geschaffen für die Aufgabe, den Elementen der Mystik und des Uebersinnlichen den adäquaten Ausdruck zu geben. Die „Dybuk"-Aufführung der „Wilnaer Truppe", an die ihr Inszenator David Hermann eine über ein halbes Jahr hinausgehende Probenarbeit gewandt hatte, nachdem bereits drei Jahre vorher eine Art Probeaufführung in Wilna veranstaltet worden war, ist der erste Welterfolg des jiddischen Theaters gewesen, der alle späteren Wiedergaben des „Dybuk" überschattete und auch nicht durch Wachtangows Inszenierung dieses Werkes bei der „Habima" übertroffen werden konnte. David Hermanns Ruf als Meister der Regiekunst war fortan unbestritten. Nichtsdestoweniger begann die Tragik seines Künstlerschicksals eigentlich erst jetzt. Er war kein Regisseur für den Tagesbetrieb des Theaters, der heute einen Schwank, morgen ein Sensationsstück und übermorgen ein Werk sublimer Geistigkeit inszenieren konnte. Bevor er zur ersten Probe eines Stückes ging, mußte er es in minutiöser Vorbereitung zu einem Teil seines Ichs gemacht, mußte er die Partitur der Dichtung bis auf die einzelnen Töne der einzelnen Stimmen genau im Kopf haben. Trotzdem waren seine Inszenierungen nicht etwa Produkte kühler Intelligenz, sondern einer glühenden, aus dem begrifflich Faßbaren in das Unbegreifliche vorstoßen wollenden Seele. Einer, wie man hinzufügen muß, jüdischen Seele. Seine berühmten Inszenierungen, um noch einige zu nennen, die der „G o 1 - denen Kett e", der „Nacht auf dem alten Markt" — beides Werke von Perez —, des „N e d e r" von Libermann, „Schwer, zu sein a Jüd" von Scholem Alechem, waren mit tausend und aber tausend Wurzeln fest im jüdischen Mutterboden verwurzelt. — Das jiddische Theater ist — schon aus finanziellen Gründen — auf einen schnell wechselnden Spielplan eingestellt. David Hermann war mithin darauf angewiesen, als Gastregisseur tätig zu sein. Dazwischen kamen immer wieder kürzere oder längere Zeiträume, in denen er sich durch Erteilen von Unterricht oder Mitarbeit in dramatischen Studios mehr schlecht als recht über Wasser hielt. Im Jahre 1924 machte er den Versuch, eine jüdische Oper zu gründen. Er brachte des begabten jüdischen Komponisten Henoch C o n s Oper „David und Bathseba" zur Aufführung, aber schon nach wenigen Vorstellungen machten finanzielle Schwierigkeiten dem Unternehmen ein vorzeitiges Ende. Danach spielte er eine wesentliche Rülle bei der Entstehung des literarischen Revue-Theaters „A s a s e 1", das für das ganze Genre wegweisend geworden ist. Endlich, 1934, erreichte ihn ein Ruf nach Amerika. Eine zum größten Teil aus prominenten Mitgliedern der ehemaligen „Wilnaer Truppe" bestehende Gemeinschaft eröffnete in New York ein nach künstlerischen Prinzipien geführtes Kammerspielhaus. Als Spielleiter kam kein anderer in Frage als der Meisterregisseur der Wilnaer, David Hermann. Seine Inszenierungen begründeten denn auch schnell den Ruf des neuen Unternehmens, und im Frühjahr 1937 erlebte er noch die Genugtuung einer triumphalen Erinnerungsaufführung des „Dybuk" (zwanzig Jahre nach der WTilnaer Premiere). Einen' Monat darauf weilte er nicht mehr unter den Lebenden. Der „Dybuk" war sein Schwanengesang geworden. Auf dem jüdischen Friedhof im Bronx-Viertel New Yorks, unweit der Gräber von Goldfaden und Scholem Alechem, inmitten einer ganzen Reihe von Künstlern und Gelehrten, hat man ihn zur Ruhe gebettet.