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Central-Verein-Zeitung · 1938-08-07 · 31 (7.8.1938) · page 8

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
31 (7.8.1938)
Date
1938-08-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Nr. 31 *. .4. August 1938 6. Fortsetzung \< * ÜB*-* C.-V,-Zeifung Seife 7 Von Leo Rem I Meiper der praktischen Kabbala dem mittelalterlichen Geschichtenzyklus des Maassebuches wird die kabbalistische Tätigkeit oder Bemühung einiger Persönlichkeiten der jüdischen Kabbalistenschule in Deutschland und Frankreich mit Legenden umrankt. Es sind die auch sonst recht gut bekannten Gelehrten R. Samuel in Speyer, sein Sohn R. Jehuda in Regensburg und R. Jechiel in Paris. Mit dem R. Samuel erscheint auch im Maassebuch zum erstenmal das Motiv der Golemschöpfung. In einer Maasse rettet R. Samuel einen Löwen vor der Verfolgung durch einen Leoparden. Der Löwe bleibt ihm dankbar: es ist also das Motiv der Sage von Androklus und dem Löwen, die durch Bernard Shaws Drama so bekanntgeworden ist. Aber in einer anderen Maasse erschafft dieser Löwenrabbi mit einem Schern einen Löwen, der ihm Getreide durch eine Ueberschwemmung trägt. R. Samuel wird Baalschem, Meister des Namens, genannt — gleichwohl muss er Skrupel wegen dieser Schöpfung empfunden haben, denn er büsst sie durch eine neunjährige Wanderung. Auf dieser Wanderung begegnen ihm, nach anderen Sagen, wunderbare Dinge: er trifft ein Haus, dessen Herr der Prophet Jeremia ist; er wendet Unheil von den Juden ab, bekehrt Ungläubige zum Judentum usw. Auch um seinen Sohn, R. Jehuda den Frommen, schlingt sich ein Sagenkreis. In seiner Jugend war er ein reisiger Bursche und ein guter Bogenschütze; nur schwer war er zum Lernen zu bewegen; und doch wurde er ein grosser Gelehrter. Das Maassebuch erteilt ihm die prophetische Gabe; er zieht ein Kind auf, an dessen Stirn „Emet" geschrieben stand, und das ebenfalls ein grosser Gelehrter wird. Sein Schwiegersohn ist R. C h a n i n a, von dem das Maassebuch auch viele Sagen zu berichten weiss. R. Jehuda erlöst, eine irrende Seele, die sich, von Dämonen verfolgt, wieder in den Körper zurückgezogen hatte, indem er heilige Namen auf den Toten legt und für die Seele beiet Zum Retter aus bedrohter Lage wird er in einem andern Fall: Zwei Räuber hatten einen Juden überfallen und beraubt. Der eine der Räuber schlägt den andern toi, um den Rauberlös für sich allein behalten zu können. Dieses Mo'rdes werden die Juden bezichtigt. R. Jehuda legt dem Ermordeten heilige Namen in die Hand; der erhebt sich und weist auf den wahren Mörder. Noch ein andermal ermittelt R. Jehuda durch kabbalistischen Zauber — ein Zimmer weitet sich aus — Diebe und macht ihr Versteck offenbar. Selbst in seiner Schule macht sich seine magische Tätigkeit fühlbar. So war es einem seiner Schüler, dem R. Elieser, bisher nicht gelungen, etwas zu lernen. R. Jehuda bewirkt durch kabbalistischen Zauber, dass R. Elieser erstens doch etwas gelernt hat — in einem ähnlichen Fall wird dies durch Verschlucken der betreffenden Blätter des Buches erzielt —, zweitens, dass er rechtzeitig zum Sederabend nach Hause kommt und drittens eine nachmittags gebackene Mazza noch warm abliefert! Von dem Pariser Rabbi Jechiel erfahren wir im Maassebuch, dass er sein Haus vor Ueberfällen durch einen Zaubernagei schützte, der innen angebracht war: schlug man auf den Nagel, so sank der draussen Stehende in die Erde. R. Jechiels Zauberkunst war so berühmt, dass er zum „Rat des Königs" ernannt wurde. Auch manche Einzelheiten aus dem Leben berühmter Kabbalisten wirken bereits sagenhaft. So glaubte Abraham Abulafia, ein Kabbaiist der ekstatischen Richtung im 13. Jahrhundert, nicht nur, dass sich ihm Gott offenbart habe, sondern auch, dass er kraft der Buchstaben- und Zahlenkombinationen die Gabe der . Prophetie besitze. Er benutzte die Methoden der Gematria, des Ziruph und Notarikon, um den Verkehr mit der Geisterwelt zu erlangen. Andere Kabbalisten glaubten an die Wirksamkeit von Amuletten, ihre Verfertiger genossen das Ansehen von Wundertätern. Besonders der Schule Luria-Vital sagt man nach, dass sie «ehr wohl Propaganda für sich zu machen, an ihrem eigenen Mythos zu arbeiten wusste. Das Leben Isaak Lurias, des berühmten Erneuerers der Kabbala, enthält, wie wir bereits gesehen haben, manche geheimnisvollen Elemente. Er hatte Erscheinungen und verkehrte angeblich mit den Geistern biblischer Helden und Lehrer der. talmudischen Zeit, insbesondere Simons ben Jochai, auf den ja die Tradition den Sohar zurückführt. In seiner Jugend war ihm der Prophet Elia erschienen und hatte ihn in die Geheimnisse des Sohar eingeführt . . . Wie die Träume Lurias aussahen, zeigt folgende Erzählung. Seine Seele wurde nachts von den Engeln des himmlischen Dienstes in Empfang genommen und, nach Blochs hübschem Ausdruck (siehe Bloch: „Die Kabbala auf dem Höhepunkt") gefragt, welchem himmlischen Vortragskursus ihr Träger beiwohnen wolle. Darauf geleiteten sie oder gar Metatron selbst Luria in den Vortragssaal eines berühmten Lehrers, etwa Simons ben Jochai. Man sagte Luria nach, dass er Gedanken lesen und die Sünden dessen erraten konnte, der ihm gegenübersass; er wusste sogar, auf welcher Stufe der Seelenwanderung sich eine Seele befand. Folgende allerdings recht durchsichtige Sage wird von ihm erzählt. Bei einem seiner Spaziergänge bemerkte er einen Raben, der beim Herannahen Lurias unter Zeichen der Furcht auf einen Oelbaum flog. „Hast du vielleicht den Steuerpächter Sabbatai gekannt?" — mit dieser Frage wandte sich Luria an seinen Begleiter. „Gewiss", antwortete dieser, „er war ein harter und grausamer Mann, der die Steuer unbarmherzig eintrieb und selbst die Armen nicht schonte." „Siehe", sprach Luria, „er ist es, der zur Strafe in diesen Raben verwandelt worden ist. — Schweige!" — so schrie er darauf den Vogel an, „ich kann für dich nicht beten, du hast dein Los verdient!" Der Rabe soll betrübt davongeflogen sein. — Ein andermal wünschte Luria — es war kurz vor Sabbatbeginn — nach Jerusalem zu eilen und den Tempel zu erbauen — viele hatten ihn ja für den Messias erklärt. Seine Jünger schienen bedenklich und hielten ihm die Kürze der vor Sabbatanbruch noch zur Verfügung stehenden Zeit vor. Da fuhr er aus anscheinend tiefem Sinnen auf und sagte: „Schade! Durch euer Zögern habt ihr dem Widersacher Israels Gelegenheit gegeben, die Erlösung zu hintertreiben . . Von Luria sollen auch Gebetsformeln stammen, bei denen man sich auf einen bestimmten Gottesnamen konzentrieren musste. Streckte man sich über das Grab eines Toten und sprach diese Formeln aus, so belebte sich der Tote, antwortete auf Fragen und enthüllte Geheimnisse des Jenseits. . . . Allerdings wollte es nach dem Tode Lurias. trotz peinlichster Ausführung seiner Anweisungen, nicht mehr gelingen, einen Toten zum Sprechen zu bringen ... Auch die Erscheinung Chajim Vitais ist psychologisch interessant. Die Historiker sind über ihn uneins: einige halten ihn für einen Charlatan, andere für geisteskrank; möglicherweise war er Epileptiker. Er scheint einer jener Phantasten gewesen zu sein, die von ihrer eigenen Phantasie betrogen werden. Für seine Ruhmsucht ist zunächst die Erzählung von seiner Erwählung kennzeichnend, die er seinem Meister Isaak Luria in den Mund legt: Simon ben Jochai sei Luria erschienen und habe ihm geraten, nach Safed zu gehen, um seine Weisheit auf den dort lebenden Chajim Vital zu übertragen. Bei einer seiner Krankheiten lag er drei Wochen lang bewusstlos; man hielt ihn schon für tot. Plötzlich schlug er die Augen auf und erzählte auf die Fragen seiner Freunde, er hätte sich bereits im Himmel befunden. Dort aber hätte man ihn gebeten, vor der Hand freundlichst wieder zur Erde zurückzukehren, da sein himmlisches Palais noch nicht fertiggestellt sei . . .! Sein Ruf als Zauberer — er trieb gern Dämonen aus — war auch zu den Mohammedanern gedrungen. Ein Araber in höherer Stellung, vielleicht der Gouverneur von Jerusalem, wollte Vitais Gaben nutzen und forderte ihn auf, die Quelle Gichon, welche König Hiskia zugeschüttet hatte, wieder zu entdecken und freizumachen. Die Angelegenheit war ernst und nicht mit Träumen und Worten zu erledigen; Vital zog es vor, dem Auftrage zu entfliehen und nach Damaskus zu gehen. Die prophetische Gabe, die ihm zugesehrieben wurde, hat es auch nicht verhindert, dass er schmählich um einen Teil seiner Lebensarbeit betrogen wurde: während einer seiner vielen Krankheiten machte man Abschriften aus seinen streng gehüteten Aufzeichnungen über die Lehre, seines Meisters Luria. Das Siegel Salomoms — Kabbala in IO0I Nacht Es wird interessant sein hier zu zeigen, wie die Kabbala in der mittelalterlichen morgenländischen Poesie erscheint. So weisen die „Märchen von Tausendlindeiner Nacht", die eigentlich persischen Ursprungs sind, aber im 15. Jahrhundert in arabischer Sprache bearbeitet und gesammelt wurden, neben dem Einfluss der mittelalterlichen Astrologie und Alchemie den der Kabbala recht deutlich auf. Mancherlei kabbalistische Vorstellungen finden wir, oft in sonderbarer Verquickung mit andern Elementen, in der „Geschichte des Brahmanen Padmanaba und des jungen Fikai"; sie ist allerdings nicht in allen Ausgaben der Märchen enthalten. In ihr wird Wort- und Buchstabenzauber getrieben, Talismane werden gebraucht, u. ä. Der zaubermächtige Brahmane Padmanaba lernt einen schönen und klugen Jüngling, Hassan, den Sohn eines Händlers, kennen und derartig schätzen, dass er beschliesst, ihn in die geheimen Wissenschanen einzuführen und sein Glück zu machen. Er führt ihn zu einem ausserhalb der Stadt Damaskus gelegenen verfallenen Gebäude, wo sie einen bis zum Rande gefüllten Brunnen finden. Der Jüngling drückt sein Erstaunen aus, dass er hier die versprochenen Schätze finden solle; denn wie könnte er in den Brunnen se- Judaica Ignas Ziegler: Ein Volksbuch über die Propheten Israels. Verlag Julius Kittls Nachfolger, Mährisch-Ostrau I 938. Die Aufgabe eines solchen Volksbuches muss es sein, die Persönlichkeit und das Wirken der einzelnen Propheten deutlich zu machen und sie in die Zeit mit all ihren religiösen und politischen Schwierigkeiten einzureihen. Das gelingt Ziegler durchaus. Er zeichnet mit plastischer Deutlichkeit und unter Zuhilfenahme ausführlicher Zitate aus den prophetischen Reden die einzelnen Gestalten nach dem Schwerpunkt ihrer Wirksamkeit, so z. B. Jeremia als den Vorkämpfer einer friedlichen Politik und Begründer einer individuellen Frömmigkeit. Ezechiel als den kultisch-ethischen Reformator im Exil und den zweiten Jesaja als den grossen Tröster mit der Aussicht auf die unendliche Tröstung, deren Eintreffen andere nachexilische Propheten zeitlich teilweise schon zu ihren Lebzeiten begrenzten. Dass Ziegler von einem zweiten Jesaja spricht, zeigt schon an, dass er eine freimütige Stellung zu "dieser Figur einnimmt, wie wohl jeder, der dem Inhalt und der Stilistik dieser späteren Jesaja-Kapital gerecht werden will. Zieglers instruktive Darstellung spricht zu jenen, denen auch unsere Religion Menschenschöpfung ist, Schöpfung von Menschen, deren Seelen visionär die höchste Gotteserkenntnis ereicht oder sich ihr genähert haben. Ein Problem ist den Erklärern der Bibel oder biblischer Stoffe jeweils der Gottesname, und auch für Ziegler erhebt sich hier diese Frage, die er nicht sehr einleuchtend beantwortet. Dass er die Eigennamen in der hebräischen Urfassung sefardisch transkribiert, gibt eine gewisse jüdische Nähe. Nur weiss ich nicht, ob man dazu raten kann, ein Adjektiv „jeschajanisch'' zu bilden oder vom ..Deuterojeschajahu" zu sprechen. Das. sind kleine Schönheitsfehler, die dem grossen Wert von Zieglers Volksbuch keinen Abbruch tun können. Zu beachten ist, dass dieses Buch von der Israelitischen Kultusgemeinde in Karlsbad zu Ehren des Verfassers anlässlich seiner fünfzigjährigen Amtstätigkeit als Rabbiner in Karlsbad "herausgegeben wurde. In der autobiographischen Skizze, die Ziegler als Einleitung gibt, berichtet er. dass er dieses Amt, das er heute als verdienter Rabbiner, Wissenschaftler und Vorkämpfer des religiös-liberalen Judentums noch inne hat, am 26. Juli 1888 angetreten. Ueber seine wissenschaftliche und soziale Tätigkeit gibt er getreu und demütig Aufschluss. Seine" Dissertationsschrift war dem Propheten Maleachi gewidmet; nach 50 Jahren kehrt Ziegler jetzt zu seinen Anfangsstudien zurück, um sie in popularisierter Form jedem Leser zugänglich zu machen. Zu seinem Amtsjubiläum beglückwünschen wir den hochverdienten Verfasser aufs herzlichste. L. Ro. Johann de Groot: Exegese. Groningen 1937. Die Wendung der Bibelwissenschaft in den letzen Jahrzehnten, die sie weit wegführt von der Schule Wellhausens, bedeutet eine Besinnung auf das Wort der Bibel in seinem vollen Gehalt. Erklärte man bislang, um die eigenen neuzeitlichen Anschauungen in der Schrift bestätigt zu finden, drehte man den Text nach allen Richtungen, damit er das aus den Forschungen anderer Gebiete entstandene Bild bestätigte und sich den Gedanken des 19. Jahrhunderts, das es zuletzt so herrlich weit gebracht, anpasste, so wird jetzt das biblische Wort zur festen Grundlage jeder Arbeit gemacht. Programmatisch scheint uns auf diesem Gebiete die Rede, welche der schon durch seinen Kommentar zu den Samuel-Büchern bekannte holländische Gelehrte Joh. de Groot bei Antritt seines Utrechter Lehrstuhls hielt. Die Aufmerksamkeit der alttestamentlichen Wissenschaft, so sagt de Groot muss auf den Mittelpunkt der Arbeit, auf die Exegese der Bibel, gerichtet sein. Grosse Schwierigkeiten stellen sich dem Forscher entgegen: im Historischen ist die Bibel oft fragmentarisch; das israelitische Denken ist anders als unsere westliche Logik: und schliesslich geht es in der Bibel „überall um Gott, um Sein Sprechen und Sein Wirken'"'. Das grosse Geheimnis, das mysterium magnum, stelt sich der Exegese entgegen. „Sie muss ihre Grenzen ziehen und sie achten." Wir können die Ansichten des Alten nur sehr schlecht kennen, aber wir müssen uns immer wieder bemühen und suchen, sie zu verstehen. Wie hat nun die an Formen und Regeln gebundene Wissenschaft vorzugehen? Voraussetzung ist Beherrschung der Hilfswissenschaften: Sprache und Kultur, Politik und Archäologie dürfen dem Forscher nicht fremd sein. Textkritik und Literaturkritik sind Notwendigkeiten. Der ägyptische und babylonisch-assyrische Einfluss ist zu berücksichtigen, aber „das Alte Testament ist zu 99 Prozent ein palästinensisches und ein israelitisches Buch." Bei den Gewohnheiten der historisch-kritischen Schule kann es nicht bleiben. Neben der horizontalen Linie muss die Vertikale gesehen werden; die Worte haben eine Vor- und Nachgeschichte. Sie stehen nicht losgelöst allein, sondern sie sind in ihrem textlichen und theologischen Zusammenhang zu sehen. Das Wort führt zu Gott, von dem es ausgeht, und es führt in unser eigenes Leben: es spricht „auch zu dem Exegeten" als Wort Gottes. Sehr gefährlich ist diese Exegese, das erkennt auch de Groot. „Der Exeget der vertikalen Linie wandelt stets am Rande eines Abgrunds: des Abgrunds der Willkür." Das Ziel jeder ernsten Bemühung um die Bibel ist, sie lebendig reden zu lassen, den Abstand, der zwischen dem geschriebenen — einst gesprochenen! — Wort und uns besteht, zu überbrücken. Der Text wird dabei ernstgenommen, unsere Unsicherheit und Ausgesetztheit jenem letzten Geheimnis gegenüber stets betont. Der Willkür des Exegeten, welcher seine Erkenntnis und sein Wissen zum letzten Massetabe der Kritik nahm, dieser Willkür, die auf anderen Gebieten (etwa der alten Philologie) nie soweit geführt hat, wird eine Schranke gesetzt in der Erkenntnis des eigenen Standortes. Der wissenschaftliche Bibelforscher wird sie 'in Distanz und doch in der Nähe des Angesprochenen deuten. Der aufmerksame Leser von de Groots Rede wird manches ausgesprochen finden, was" auch gleichzeitig in der neueren jüdischen Bibelforschung erkannt und geübt wird. In allen Lagern macht die unverantwortliche — weil an keine Gesetze gebundene und keine Bindung anerkennende — Bearbeitung der Bibel einem strengen und bewussten Suchen nach dem Sinn und der Absicht des Wortes Platz. F. Ar. Davin Schönberger: Betendes Judentum. Joseph Jastrow, Jüdischer Buch-Verlag, Berlin,. 1938. Dass Not nicht notwendig beten lehrt, hat. unsere Zeit hinlänglich bewiesen. Nichts also ist willkommener, als ein Buch vom betenden Judentum, das geeignet ist, suchenden jüdischen Menschen Wege zum Gebet zu ebnen, das in den Sprüchen der Väter als eine der drei Säulen bezeichnet wird, auf denen die Welt ruht. Davin Schönberger hat den Versuch unternommen, das betende Judentum in einer neuen Art darzustellen. Nicht wissenschaftlich, denn die wissenschaftliche Darstellung des Gebietes liegt in erschöpfender Weise in Ismar E 1 b og en's Werk vor und auch nicht nüchtern die Gebete des jüdischen Jahres darstellend, wie etwa Zobel es getan hat. Der vorliegende Versuch zeichnet sich durch das heisse Bemühen aus, nicht das Gebet, sondern das Beten darzustellen und dem Leser nahezubringen. Es schildert die Spannung des Beters, der notwendig einsam sein muss und doch im Minjan steht. Es deutet die Kawwana, die Hingabe des Beters an die Vollkommenheit Gottes. Es weist die Bedeutung der Zeit, der Ordnung, der Sprache und der Gestalt des Gebets, spricht von der Wechselwirkung zwischen Haus und Gotteshaus und schliesst mit einer Darstellung betender Juden und der Gebetsdichtung ab. In geschickter Art ist viel Material zusammengetragen worden, um die Anschauungen des Buches zu belegen. Die Bücher der Bibel finden sich neben midraschischem und talmudischem Schrifttum unter den zitierten Schriften, deren Liste auch die Namen der Männer unserer Zeit aufweist,' die zu dem Thema Richtungweisendes gesagt haben. So ist diese Darstellung, die in ihrer Art neu ist, ein wesentlicher Beitrag für Juden auf der Umkehr, die nicht von der Not, sondern von ihrem Willen her beten lernen wollen. Wenn nach der Lektüre des Buches trotzdem . ein „aber" steht, so richtet es sich weniger gegen Davin Schönberger als gegen seine Zeit. Es bleibt fraglich, ob das Buch seinen Zweck erfüllen kann. Nicht nur, weil es fraglich bleibt, ob jüdische Bücher in unserer Zeit genügend gelesen werden, sondern weil es fraglich ist. ob ein Buch wie dies verstanden wird. Denn dass die Juden unserer Zeit sich nicht von der Not das Beten lehren lassen, ist kein Ergebnis charakterlicher Stärke, die solche Wege zum wahren Leben ablehnen muss. Es ist vielmehr nur eine Seite der trügerischen Feststellung, dass die Ereignisse es nicht vermocht haben, den Funken in alle jüdischen Menschen zu tragen, der das Feuer jüdischer Frömmigkeit neu angefacht hätte; vielleicht aber waren die Ereignisse stark genug, nur trafen sie nicht die rechten Menschen an. Das aber wird einstweilen nicht entschieden werden. G. F.

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