Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 31 (7.8.1938)
- Date
- 1938-08-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Seife 6 C.-V.-Zeitung Nr. 31 »4. August 1938 Erinnerung an Fritz Stahl Zu seinem 10- Todestag am 8. August / Von MAX OSBORN aus russischer Kriegsgefangenschaft durch Vermittlung des Prinzen Carl von Schweden berufen wurde. Von 18S9^1919 war an der gleichen Universität als Professor für Nationalökonomie und Finanzrecht David Davidson tätig, der das Ehrendoktoral dieser altehrwürdigen Universität erhielt. Er hat innerhalb der schwedischen nationalökonomischen und Finanzwissenschaft eine leitende Stellung ein- Magiffer SCärtch Der gute Likör, Magister, München VII genommen und ist der Gründer der modernen Nationalökonomie genannt worden. Als Professor an der Handelshochschule in Stockholm wirkt seit deren Gründung 1909 der bekannte Nationalökonom Eli Heck scher. Er kann als einer der hervorragendsten Vertreter der modernen schwedischen nationalökonomischen Schule betrachtet w-erden, mit ihrer Forderung, wissenschaftliche Standpunkte auf praktische Probleme anzuwenden. Asel Raphael, ebenfalls Nationalökonom, ist wohl hauptsächlich wegen seiner erfolgreichen Arbeit für die schwedische Schriftstellervereinigung aufgenommen worden, für die er Schwedens Anschluss zur Berner Urheberrechtskonvention durchgeführt hat. Als Pädagoge ist A r t u r Bendixson hervorgetreten, der an Göteborgs höherer Gemeinschaftsschule ein pädagogisches Reformprogramm entwickelte, während sein Bruder Ivar Bendixson 1905 Professor für höhere analytische Mathematik an Stockholms Hochschule war, dessen wissenschaftliche Sachkenntnis u. a. auch bei Erörterung wahl'echnisöher Fragen in Anspruch genommen wurde. Semmy Rubenson war von 1S85—1898 Polizeipräsident in Stockholm und erwarb sich grosse Verdienste um die Entwicklung des Polizeiwesens. 1898 war er Regierungsvertreter bei der internationalen Konferenz in Rom zur Bekämpfung des Anarchismus. Zwei hervorragende Geschäftsleute: Her man Manheimer, geschäftsführender Direktor des Göteborgkontors der Skandinavischen Kredit A.-G., dessen erster Direktor sein Vater Teodor Manheimer gewesen ist, und Josef Sachs, ehemaliger norwegischer Generalkonsul in RM«k@An§ ALICE SESTOS,W50 SSEläön Passauer Strasse 3. 24 92 31. Chemische Reänlerung — Färben — Entdecken. Stockholm, leitender Direktor der Nordiska Kompanier, des grössten Warenhauses des Nordens, beide infolge ihrer Sonderstellung Vorstandsmitglieder der verschiedensten kaufmännischen und gemeinnützigen Unternehmungen. Damit kommen wir zu dem Gebiet der Kunst und Literatur, auf dem sich die schwedischen Juden besonders verdient gemacht haben: als Schriftsteller und Künstler, als Wissenschaftler und Kritiker, als Buchverleger und Mäzene. Oskar Levertins umfangreiche literarische Wirksamkeit entfaltete sich als Professor der Literaturgeschichte an Stockholms Hochschule. Er ist" sowohl als Schriftsteller wie als Forscher und Kritiker hervorgetreten. Sein Nachfolger auf dem Lehrstuhl wurde Karl Porträts aus der Welt des jiddisehenTheaters III. David Warfield / Von Leo Hirsch David W a r f i e 1 d war ein Zeitgenosse und Landsmann David Belascos (vgl. C.-V.-Zeitung Nr. 18 v. 3. Mai), stammte aus einer armen jüdischen Familie in San Francisco, besuchte die Volksschule, verkaufte vor und nach der Schule Zeitungen und hatte von seiner frühesten Kindheit an einen unbändigen Drang, Schauspieler zu werden. Er begann seine Bühnenlaufbahn so früh und von solcher Tiefe herauf wie kein nachmals berühmter Theaterheld, nämlich als Programmverkäufer, und avancierte endlich zum Öpernglasverleiher. Mit unglaublicher Zähigkeit verfolgte er seinen Plan in der Ueberzeugung, wenn er erst einmal im Theater Fuss gefassi hätte, wäre der Weg vor die Rampe nur ein Schritt, und wurde — Platzanweiser im Busch-Theater. Als ein anderes Theater in San Francisco für eine Revue ..Sibirien" junge „Talente" als Gefolge des Zaren suchte, meldete er sich, wurde angenommen, erlaubte sich au? offener Bühne ein zu lautes Wort über das Ballett und wurde an die Luft gesetzt. Er verdiente sich dann als „Rezitator" von Dialektschnurren bei letztklassigen Unterhaltungen das Nötigste, wurde von einem Schauspieler für eine neue Truppe entdeckt, die nach zwei, höchstens drei Proben jeden Abend ein neues Stück gab. also die schwerste und ungeeignetste Schule für einen Anfänger. Unser Anfänger hatte keine Ahnung von den Figuren, die er vorstellen sollte, war auf den Souffleur angewiesen und machte die falschesten Mienen zum schiechten Spiel. Als die Tournee überstanden war, wurde er wieder Platzanweiser. Aber er hatte Lunte gerochen, konnte einem neuen ähnlichen Engagement nicht widerstehen, und obwohl seine " zweite Tournee nur eine Woche dauerte — die Truppe bestand nicht länger —. war er nun Schauspieler, trat bei gesellschaftlichen Veranstaltungen auf und ahnte nicht, dass er dafür Honorar hätte fordern können, der Beifall war sein ganzer Lohn. Versuchte er sich nun wieder öffentlich, so mit derartigem Misserfolg, dass er schliesslich sich nicht Warburg (1852—1918), der bereits an Göteborgs Hochsuche erfolgreich tätig gewesen war. Er war einer der Wegbahner seines Faches, und die erste grosse, auf wirklicher Quellenforschung gegründete Darstellung der schwedischen Literaturgeschichte ist von ihm zusammen mit Henrik Schück (Halbjude) herausgegeben worden. Schücks Name aber ist aufs engste verknüpft mit der Universität Upsala, deren Rektor er von 1905—1918*' gewesen ist, und an welcher er 1898—1920 die Professur für Aesthetik, Literatur- und Kunstgeschichte innehatte. Er gehört einer grossen Anzahl wissenschaftlicher Gesellschaften des In- und Auslandes als Mitglied an und ist „Einer der achtzehn" in der Schwedischen Akademie der Wissenschaften. Der weltbekannte Bonniersche Verlag, der vor wenigen Monaten mit einer Millionenstiftung seine Hundertjahrfeier begangen hat, ist von AlbertBonnier, der aus Kopenhagen kam, gegründet worden. Sein Lebenswerk gehört der Geschichte des Verlagsbuchhandels an. Sein Verlag, der von Beginn an einen gewissen literarischen Charakter hatte, nimmt eine der bedeutendsten Stellungen im Lande ein. Bonnier hat die erste grössere Arbeit Strindbergs herausgebracht und war dessen Verleger. Die Schriftsteller aufzuzählen, die besonders in den 80er und 90er Jahren ihre Schriften bei ihm herausgaben, wäre gleichbedeutend mit dem Abschreiben einer Literaturgeschichte. Sein Sohn Karl Otto Bonnier, seit 1S86 in der Firma, ist ihr nunmehriger Seniorchef, während seine Tochter Eva Bonnier in den achtziger und neunziger Jahren zugleich mit Hanna Pauli-Hirsch die hauptsächlichsten weiblichen Kräfte der schwedischen Malerkunst repräsentierten. Sie waren daher auch beide mit verschiedenen Porträts auf der Ausstellung vertreten, ebenso wie von Olga Raphael-Linden Zeichnungen und Porträts, vor allem von Schauspielern, vorhanden waren. Ausser von ihnen waren Porträts ausgestellt von G e s k e 1 Saloman (1821—1902), der 1874 Professor an der Kunstakademie Stockholm war, und von Ernst Josephson, dessen schöpferische Produktion im Nationalmuseum reich vertreten ist und der auch als Dichter hervortrat. Die moderne schwedische Malerei war durch Isaac Grünewald (geb. 1889) vertreten, Professor an der Stockholmer Kunstakademie. Als Kunstforscher aber war der Professor für Kunstgeschichte an der Universität Lund, Ragnar Josephson, aufgenommen, während als Kunstmäzene bzw. Sammler vertreten waren: Pontus Fürsten berg, der seine 250 Nummern enthaltende wertvolle Kunstsammlung der Stadt Göteborg hinterlassen hat, John Josephson und Karl Robert Lamm, dessen Vetter Herman Fredrik Lamm als Kommunalmann und Politiker hervorgetreten und 1921 Vizepräsident der Ersten Kammer des Reichstages war. Dagegen hat sich Axel Eliasson ein bleibendes Verdienst auf humanitärem Gebiet erworben. Er schuf den sogenannten „Kindertag" in Stockholm, eine Wohlfahrtseinrichtung, die durch Geldsammlungen und Volksfeste Mittel für Ferienkolonien und ähnliche humanitäre Zwecke zu schaffen versucht. Auch ein Porträt des verdienstvollen Stockholmer Oberrabbiners Professor Markus Ehrenpreis war auf der Ausstellung zu sehen. Rudolf Simonis. mehr auf die Strasse zu gehen getraute und San Francisco verlassen zu müssen glaubte. Hier wragte er, alles auf eine Karte setzend, noch einen eigenen Abend, der ihm 50 Dollars einbrachte, seine Mutter trieb weitere 50 Dollars auf und segnete ihn, und wie er später meinte, war der Segen der Mutter sein einziges Mittel für den künftigen Erfolg. Am 17. November 1890 kam er in New-York an, das ihm so erschreckend gross erschien, dass er sogleich wieder umkehren wollte. Er mietete eine Schlafkammer für VI* Dollar die Woche, draussen war Frost und Schneesturm, und er wärmte sich an der Kerze die eisklammen Hände. Der Schnee kam durchs Dach, und als er am ersten Morgen erwachte, war sein Bett eingeschneit. Verzweifelt ging er in Paines Concert Hall und redete so lange auf den Direkior ein, bis der ihn vorsprechen liess und ihm winzige Rollen für winzigeres Honorar gab. Es ging nun trotzdem bergauf mit ihm, er kam als Komiker in John Russeis Truppe und hatte Erfolg, ging mit Anny Lewis auf Tournee und nach einer Pause der Arbeitslosigkeit wieder zu Rüssel. Nun gefiel er in einer stummen Rolle so gut, dass Rüssel ihm anbot, in einem neuen Stück in New-York einen Juden zu spielen. Es handelte sich in der Höhepunktszene um einen komischen Konflikt zwischen einem Italiener, einem Iren und einem Juden, und Warfield sah nun und fortan seine Aufgabe darin, an Stelle der üblichen Judenkarikatur einen komischen, aber durch und durch menschlichen, menschlich ergreifenden jüdischen Typ zu geben, was ihm ganz erstaunlich gelang und den" ersten ganz grossen Erfolg brachte. Aber sein Direktor war krank, wurde irrsinnig, und Warfield kam zu einem neuen Manager Leder er, mit dem er einen langwierigen und interessanten Streit hatte. Warfield wollte komische jüdische Rollen spielen, Lederer wollte dergleichen um keinen Preis zulassen aus Bedenken, mit der Karikatur jüdischer Typen das jüdische Publikum zu* kränken. Und es gelang Warfield, der sich die Darstellung jüdischer Typen auf seine Art nun einmal zur Lebensaufgabe gemacht hatte, nicht, Lederer von der Gutartigkeit seiner Komik und vom grossherzigen Humor des Publikums zu überzeugen. Warfield siegte erst bei einem — Baseballspiel, das nämlich der „New York Herald'" zum Bestpn New-Yorker Schauspieler spielen liess. Hier erschien nun auf den Polo Grounds War- Als Fritz Stahl an einem strahlenden Hochsommertage des Jahres 1928 beim behaglichen Zusammensein mit einigen Freunden von einem sanften Tode schmerzlos abberufen wurde, rundete sich «in Dasein, das stets beneidenswert in seinem inneren Gleichmass geruht hatte, harmonisch ab. Fast vier Jahrzehnte hatte hier einer als Kunstschriftsteller und -kritiker im Wirbel des modernen Zeitungswesens, gestanden, drei davon auf höchst verantwortungsvollem Berliner Posten an weithin sichtbarer Stelle — aber die Hast und Unruhe des Berufes und der Zeit, die oft unvermeidliche Eilfertigkeit der journalistischen Arbeit konnten diesem Mann nicht das Mindeste anhaben, konnten weder seine Nerven noch seine Neigung erschüttern, den äusseren Tumult der grossen Stadt und ihres Getriebes mit dem wissenden Lächeln einer anmutig-ironischen Heiterkeit zu betrachten. Er gehörte zu den nicht allzu zahlreichen Menschen, die ein ganz bestimmtes, klar umrissenes, von ihnen selbst aufgerichtetes Weltbild in sich tragen und von der festen Grundlage dieses gesicherten Bobachtungspostens aus an die Beurteilung der Einzelerscheinungen herantreten. Das verleiht ihrer Persönlichkeit wie ihren Aeusserungen eine natürliche Gültigkeit, die sich ungemein wohltuend auswirkt. Man fühlt sich bei ihnen geborgen. So erklärt sich das ausserordentliche Vertrauensverhältnis, das den Kunstkritiker Fritz Stahl mit seinem Publikum verband, und der Einfluss, den er auf die Leser ausübte. In der Problematik der neuen Kunst seit den neunziger Jahren stand hier ein unbeirrter, unverführbarer Wegweiser zur Verfügung, der zugleich die Phantasieschöpfung der bildenden Künste im Zusammenhang mit menschlicher Lebe?.sformung überhaupt, als ihre Steigerung, ihre Funktion und ihren Ausdruck begriff. Dah-er auch sein Verständnis für die Themata des Technischen im Künstlerischen, für das Handwerk als die Mutter und Schwester der Kunst und für seine eigenen Bedürfnisse, für alles ..Werkliche" (wie der alte Schadow sagte), sodann für die praktischen Fragen der Kunstpflege. kunstlehre, Kunstverwaltung. Ueber die Fehler, die er auf diesen Gebieten zu entdecken glaubte, konnte der sonst so Zurückhaltende wild in Harnisch geraten, allerdings verlor er auch dabei nicht die gelassene Fröhlichkeit seines Herzens. Sein Kampf galt z. B. besonders dem „Geheimrat" der Vor- und Nachkriegsbürokraiie alter Schule, in dem er mit drolligem Zorn oft eine Verkörperung aller Widerstände gegen notwendige Reformen sah. „Erst glaubte ich", schrieb er einmal in einer solchen Diskussion» „der Geheimrat Lass-mich-in-ruh habe wieder die Hand im Spiel, aber dann merkte ich, es ist der Geheimrat Nun-gerade-nicht!" Aber es gab bei Stahls unzähligen kleinen Besprechungen über irgendeine Ausstellung, einen Neubau, ein Denkmal kaum eine, die sich mit chronikartigen Feststellungen oder mit Lob- und Tadelstrichen begnügte —: immer fand sein lebhafter Geist einen Anhaltspunkt, um andeutend und anregend die Aufmerksamkeit auf übergeordnete Gedanken zu lenken. Das alles geschah in einer überfield in Kostüm und Maske eines jüdischen Peddlers mit solchem Erfolg auch bei den jüdischen Zuschauern, dass Lederer, nun endlich überzeugt, ihn die gleiche Szene noch am Abend im Theater und die ganze Saison hindurch wiederholen liess. Damit war Warfield und seine jüdische Komik durchgesetzt. In den nächsten drei Jahren spielte Warfield ähnliche und immer nur jüdische Typen im Vaudeville-Tbeater, bis David B e I a s c o ihn. entdeckte und ihm zu grossen Rollen verhalf. Im „Auktionator" konnte nun Warfield beweisen, dass der gleiche Judentyp. dessen Komik die Menschen so unbändig amüsiert hatte, die tragischste und erschütterndste Figur ist und wiederum sympathisch durch und durch, wenn er nur eben ein menschliches Schicksal erlebt wie der „Auctioner" Simon Levi, den Belasco ihm auf den Leib geschrieben hat. Damit war Warfield in die vorderste Reihe der Bühnensiars arriviert, man bot ihm 100 000 Dollars Jahrestage, die er, um aus Dankbarkeit, bei seine.ni Entdecker Belasco, dem Gründer seines Ruhms und Aufstiegs zu bleiben, den Mut hatte abzulehnen. Nach diesem und mancherlei weiteren grossen Erfolgen sollte sich auch Warfields Traum erfüllen, den Shylock zu spielen, die Judenrolle par excellence, die er bei andern meist missdeutet fand. Tatsächlich wurde Belascos Inszenierung des „Kaufmann von Venedig" mit Warfield in der Hauptrolle ein Ereignis der Theatergeschichte. Man arbeitete anderthalb Jahre an den Vorbereitungen und Proben, die Bühnenbildner wurden zu Lokalstudien nach Venedig geschickt, und Belasco richtete mit ebensoviel der Dichtung gerechter Umsicht wie Kühnheit den Shakespeareschen Text ein. Am 14. November 1922 fand die Premiere in Baltimore statt, dann folgten Pitisburg, Cleveland, Detroit, Washington und am 21. Dezember spielte man im New-Yorker Lyceum- Theater. Waren nun schon die Grossartigkeit der Aufführung überhaupt und die Kühnheit von Belascos Textgestaltung für das moderne Theater Gegenstand sensationellen Erfolges und kritischer Debatten, so war es vollends Warfields neuartige auf der Bühne und im Druck vertretene Auffassung des Shylock. Das war übrigpns nicht Warfields einziges schriftstellerisches Auftreten, es gibt noch ein Buch von ihm, worin er jüdische Typen der East-Side schildert. aus reizvollen, sorgfältigen und einfallsreichen schriftstellerischen Form persönlichsten Stils, die ebenso liebevoll behandelt wurde wie die» grossen, schöngebildeten Buchstaben seiner Handschrift, die auch im schleunigen Referat „knapp vor Schluss des Blattes" ihre schwungvolle Federzeichnung und ihren geruhsamen Schritt nicht einbüssten — eine Manuskriptseite oder ein Brief Stahls bot, ehe man las, dem Auge Wohlgefallen wie ein graphisches Blatt. Freilich, die Medaille hat auch ihren Revers. Wer seiner aus Erfahrung und individueller Einstellung gewonnenen Ansichten so sicher ist, kann auch auf einen Gefahrenpunkt stossen. Für den schöpferischen Künstler gibt es das nicht; theoretische Einseitigkeit wird seinem Werk nicht schaden, sie läuft neben ihm her, sie kann es sogar fördern. Für den Kunstbetrachter, dessen Amt die Forderung in sich schliesst, die Bewegungen und Begebenheiten ringsum zu verfolgen und zu deuten, der Entwicklung nachzuspüren, bevor die kritische Sonde angelegt wird, kann jene Eigenschaft hemmend werden. Fritz Stahl trat überzeugt und leidenschaftlich für die künstlerischen Ideen ein, die in seiner Jugend aufgetaucht waren und sich durchzusetzen suchten. Aber hinter dem Impressionismus machte er einen Punkt. Weiter ging er nicht mit. Er hat dabei viele Uebertreibungen, Verstiegenheiten und blutlose Experimente mit Recht entlarvt und aus dem Tempel gejagt, aber auch manche Talente arg verkannt. Immerhin, selbst das geschah mit solcher Freimütigkeit, Selbständigkeit und gesunder Aufrichtigkeit des Abwägens, dass auch der Andersdenkende die Berechtigung, ja Förderlichkeit solcher Opposition anerkennen musste. Für jedes anstürmende Kunststreben ist das Vorhandensein von Widerständen nur stärkend, vielleicht notwendig. Vor allem: der Zwiespalt der Meinungen ging bei Stahl niemals ins Persönliche, davor bewahrte ihn seine vornehme Natur ganz von selbst. Wir beide habpn manche Fehden miteinander ausgefochten, nicht nur in Redeschlachten, sondern auch öffentlich, und keineswegs in übermässig milder Art. Doch niemals hat das unsere freundschaftlichen Beziehungen vergiftet, und wir waren ein wenig stolz darauf, dass wir ein Beispiel dafür zu geben suchten, wie dergleichen bei geistigen Auseinandersetzungen möglich sei. Stahl war stet3 ein Gegner, vor dem man nach abgeschlossenem Duell den Degen zura Gruss und Zeichen der auch weiterhin unverminderten Hochachtung senken konnte; Ein seltener Fall: man konnte ihn auch dann lieben, wenn man von ihm angegriffen war — nicht etwa, weil sein Widerspruch oder Nasenstüber weichlich-verschwommen und kompromisslerisch war (er war im Gegenteil meist recht deutlich und mitunter hanebüchen), sondern weil man den prachtvollen untadeligen Menschen spürte, der hinter seinen Worten stand. Auch Stahls grössier und erfolgreichster Arbeit, die eine Einführung in die Kunst verspricht, aber viel mehr hält, wird mancher Fachgenosse mit Einwendungen gegenüberstehen, und dennoch wird er sich vor der Geschlossenheit und Reife der Anschauungen verneigen, die hier das Fazit eines reichen Lebens zieht. Ganz ohne Rückhalt dagegen wird jeder den Beschreibungen zustimmen, die einzelnen Städten gewidmet sind: Rom, Potsdam, Paris. Sie sind mit hoher Berechtigung manchem Reisenden zuverlässige Führer, manchem Heimgekehrten schönste Stützen seiner Erinnerung, vielen eine Quelle angenehmster Belehrung, vor allem aber auch den Eingeweihten zu einer so noch nicht gebotenen Durchleuchtung des behandelten Stoffes geworden. Wie diese bedeutsamen, ganze Volks- und Weltkulturen verkörpernden Stadtgebilde gleichsam als beseelte Wesen dargestellt sind, das ist eine Schriftstellerleistung ersten Ranges. Durch alles, was Stahl schrieb und im Gespräch oder Vortrag äusserte, ging diese beseelende Macht. Seine tiefe Menschlichkeit hatte die Kraft, Lebendiges zu erzeugen wie auch die subtilste Feinheit einer ungewöhnlichen Menschenkenntnis an den Tag zu legen. Unzählige Beispiele könnte ich dafür anführen. An ihrer Stelle sei nur eines herausgehoben. Ich ging mit ihm einmal im Theater während der Pause durch den Wandelgang, da begegnete uns im Zuge der in entgegengesetzter Richtung Strömenden ein Herr, der vor Fritz Stahl eine besonders höfliche, sogar ehrerbietige Verneigimg machte —: „Nanu", sagte Stahl, als der andere vorübergeschwebt, und sah ihm sinnend nach, „der begrüsst mich mit solcher Betonung? Dabei habe ich ihm doch erst vor einigen Wochen eine Gefälligkeit erwiesen!"... Bezeichnend für die innere Festigkeit seines Wesens (und damit auch bezeichnend für sein Werk) war der wunderbare Gleichmut, mit dem er das Gebrechen der Schwerhörigkeit, schliesslich der Taubheit trug, das ihm vom Schicksal zuerteilt war. Er nahm auch das mit lächelnder, verstehender Weisheit auf und fand sich mühelos damit ab. Die Schwierigkeiten des persönlichen Verkehrs, die es mit sich brachten, und die andere verstimmt und belastet hätten, bedeuteten ihm gar nichts. Ging die Verständigung nicht so schnell — nun, so ging sie eben etwas langsamer. Muss denn alles so schnell gehen? Ja, er sah die schwindende Hörfähigkeit tatsächlich philosophisch auch als eine „Gabe" der göttlichen Vorsehung im freundlichen Sinne an