Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 31 (7.8.1938)
- Date
- 1938-08-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Nr. 31 * 2. Beiblatt 4. August 1938 * Seite 5 Finnische Reiseeindrücke / Von Erwin Lichtenstein Statue vor der Kunstakademie in Wipuri (Wiborg) Die Olympischen Spiele 1940 werden in Helsingfors stattfinden. Dies war unser erster Eindruck, als wir in Helsinki, der finnischen Hauptstadt, gelandet waren und in den frühen, seltsam hellen Abendstunden durch die Strassen zogen: welch eine Ruhe herrscht in dieser Stadt! Ist es, so fragten wir uns, die Ruhe einer Kleinstadt, die Stille der Beschaulichkeit? Nein, grossstädtisches Leben flutete über die breiten Boulevards, Autos und Autobusse modernster Bauart flitzten vorüber. Lichtreklamen leuchteten von grossflächigen Häuserfronten aus Glas und Beton. Aber all das atmete Ruhe aus, asphaltierte Fahrbahnen dämpften die .Geräusche des Strassenverkehrs ab, kein Motor knatterte, keine Hupe tönte, mit einer imponierenden Selbstverständlichkeit wickelte sich der Verkehr in dieser nördlichsten Hauptstadt Europas ab. Es gibt Grossstädte, die lärmend ihren Betrieb, ihre Geschäftigkeit, ihre Grösse zur Schau stellen, dem Besucher gleichsam zurufen: seht, wie viele Tausende, wieviel Millionen Menschen, Räder. Wagen, Motoren hier in Bewegung sind! Und hier diese unaufdringliche Ruhe in" einem weit fortgeschrittenen Lande, von dem wir Durchschnittseuropäer nur wissen, dass es an die Polarzone reicht, und von dem wir uns eine unklare Vorstellung aus Urwald und Renntierherden und Nomadenstämmen gemacht haben. Wir. müssen unsere Vorstellungen revidieren: auch hier gibt es alle Errungenschaften der Zivilisation, aber wie unter dem Asphalt das Urgestein sich erstreckt und hier und da mahnend an die Oberfläche tritt, so ist die moderne Zivilisation des Landes eingebettet in die grossartige Ruhe einer weitflächigen Landschaft, so ist die fortschrittliche Aufgeschlossenheit der Menschen gegründet auf eine schlichte, unpathetische Natürlichkeit. Dieser Eindruck verstärkt sich, je weiter man von Helsinki ins Innere des Landes vorstösst. Tagelang, nächtelang kann man über die unendliche Kette der Binnenseen dahingleiten, die aus Eiszeittagen her in den felsigen Urgrund hineingesenkt sind, umgeben von schweigenden Wäldern in immer neuen Silhouetten, überstrahlt in der Nacht vom roten Nachglanz der Sonne und dem silbernen Lichte des Mondes zu gleicher Zeit. Hin und wieder verlässt an einer Anlegestelle ein Fahrgast den kleinen Dampfer und verschwindet im Walde auf dem Wege nach einer versteckten Siedlung, wo er als Holzfäller oder als Bauer zu Hause ist. Bilder aus Hamsuns „Segen der Erde" werden lebendig. An einer Stelle aber, nahe der Grenze nach Russland, wird die weite Wasserfläche zum beherrschenden Uebergewicht gegenüber dem immer schmaler sich zusammenkrümmenden Lande: das ist in Punkaharju, einer strichfeinen Landzunge zwischen den Wassern rechts und links, wo den Wanderer auf seinem Wege die Einsamkeit und Grösse dieses Landes in einer unüberbietbaren Gipfeiung überwältigt. Was getan werden muss. das ist den Menschen dieses Landes in weitestem Masse durch die Natur vorgeschrieben. Wasser und Fels u n d W a 1 d, dieser immer wiederkehrende Dreiklang, sind ja nicht nur Gegenstand der Betrachtung, an denen sich unser Auge auf der Dampferfahrt über den endlosen Seenketten trunken sieht, nicht nur Stätten der Erholung für Fremde und Einheimische, sondern das sind ja vor allem die wirtschaftlichen Grundtatsachen, aus denen sich alle Lebensäusserungen dieses Volkes ergeben müssen. Der Wald, das Holz ist das Lebenselement der finnischen Wirtschaft, es ist der Grundstoff der Industrie, der Hauptgegenstand des Exports, es setzt den grössten Teil der Bevölkerung in Nahrung. Auf den "Bahnhöfen lagern riesige Holzvorräte zur Versorgung der Lokomotiven, die Fahrt über die Saimaaseenplatte, von Savonlinna nach Imatra, führt ununterbrochen an Holzlagern, Holzflössen, Sägewerken vorüber; Holzschnitzereien nimmt der Fremde als Andenken neben den bunten Finnenmessern nach Hause. — Das Wasser ist die natürliche Fahrstrasse für das Holz, es ist das verbindende Element von der Produktionsstätte zum Exporthafen, es trägt auf den gebändigten Stromschnellen des Imatra in sausender Fahrt die Riesensfämme tanzend bergab: es wandelt sichgleichzeitig in den Turbinen des Imatra-Werkes in Elektrizität und wird damit zur Energiequelle des Landes. — Neben Holz- und Wasserausnutzung aber tritt als dritter natürlicher Faktor eine hochentwickelte Landwirtschaft, deren Qualitätserzeugnisse uns in den Produkien der Milchgenossenschaft Valiö begegnen: einer köstlichen, eisgekühlten Milch und mannigfachen Arten von Speiseeis, an denen man sich sowohl in der eleganten Milchbar im Glaspalast von Helsinki wie weit drinnen im Lande, indenStrassen desstillenJyveskyläoder auf dem Markt von Savonlinna bei gleichen Preisen und gleicher Qualität delektieren kann. Diese natürlichen Gegebenheiten drücken dem Wirtschaftsleben des Landes ihren Stempel auf und den von ihm erfassten Menschen nicht weniger. Im Umgang mit der Natur, die ihren ewigen Gesetzen unveränderlich folgt, gewinnen auch die Menschen Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit. Es ist naheliegend, dass diese Naturschätze uns auch dort beherrschend entgegentreten, wo das politische Zentrum des Landes sich befindet, in dem Prachtbau des Reichstags. So mögen einst die Griechen zu den Säulenhallen ihrer Tempel emporgestiegen sein, wie hier das Volk über riesige Freitreppen zu dem säulengetragenen Sitz der Volksvertretung emporsteigt. Alles, was das Land an Gaben der Natur, an Erzeugnissen des Fleisses seiner Bewohner bietet, hat sich vereinigt, um dieses Gebäude zu errichten und zu schmücken: die Mauern und Böden von Granit und Marmor, die edlen und schlichten Hölzer,, die Gewebe und Teppiche, sie alle gewähren den Eindruck von Gediegenheit und Echtheit, ohne doch prunkend zu wirken. Wo schmückende Motive auftauchen, sind es Symbole d^r Stände des Volkes, Arbeiter, Bauern, Handwerker und Bürger, oder der Natur des Landes, Wasser. Wald, Fels und Feld, oder der staatsbürgerlichen Tugenden: des Fleisses. der Tapferkeit und der Frömmigkeit Anderer Schmuck ist nicht vorhanden. Aehnlich sachlich gehalten sind die anderen Bauten des modernen Finnland, die grossen, weiträumigen Bankpaläste, die stattlichen Bahnhöfe von Helsinki und Wipuri, die riesigen Getreidespeieher, die Sanatorien und Wohnblocks der jüngsten Zeit. Diesen Zeugen neuzeitlicher Baugesinnung stehen freilich prächtige Kirchen aus" der russischen Zeit. Schlösser und Festungen aus dem 17. Jahrhundert gegenüber bis hinauf zu der Olafsburg aus dem 15. Jahrhundert, die mit ihren wehrhaften Türmen wasserumspült als unbesiegte Grenzwracht im Seengebiet von Savonlinna emporragt. Dreieinhalb Millionen Menschen bewältigen die Aufgaben, die dieses weite Land stellt.'Das heisst, etwa soviel Menschen, wie in Berlin leben, haben ein Arbeitsgebiet von der Grösse Deutschlands. Da muss jeder Mann und jede Frau mitarbeiten, die Männer in den Wäldern, im Heer, im schweren, lebensgefährlichen Dienst der Feuerwehr und Polizei; die Frauen über die sonst gewohnte Tätigkeiten hinaus, in vielen kaufmännischen, handwerklichen Beamtenberufen. Was wir als Kriegsausnahme kennen, die Frau am Schalter, auf der Eisenbahn, als Maurer auf dem Baugerüst ist hier fast die Regel. Dein entspricht ein kraftvoller, sportgeübter Frauentyp, dem nichts vom Luxuswesen anhaftet. Wenn man bei einem finnischen Sportfest Knaben und Mädchen vom Sprungturm in die Tiefe stürzen, im Wettschwimmen dahinschnellen sieht, wenn man die begeisterten Zuschauermassen betrachtet, so stellt mau fest, dass der finnische Sport nicht nur Spitzenkönner wie Paovo Nurmi hervorbrachte (dessen Herrenartikelgeschäft jeder Fremde in Helsinki mit Respekt besucht), sondern eine gewaltige Breitenarbeit geleistet hat. Und das Geistige, die Kultur? Gibt es neben den finnischen Sporthelden auch so etwas wie finnische Dichtung, Musik, Malerei. Plastik? In der Tat, es gibt so etwas, wenn wir auch herzlich wenig davon wissen. Geht man durch das Museum von Helsinki oder die Kunstakademie von Wipuri. so sieht man sich einer Fülle interessanter Maler und Bildhauer gegenüber, von denen der gebildete Mitteleuropäer noch nie etwas gehört, geschweige denn gesehen hat. Der Bildhauer A a 11 o n e n sei als der bedeutendste wenigstens genannt: Der Komponist S i b e 1 i u s ist allenfalls noch bekannt, die schönen Volkslieder dieser vokalreichen Sprache schon weniger, und an Dichtungen dürfte höchstens der Name des Nationalepos Kalevala, das Martin Bub er übersetzte, über die Grenzen gedrungen sein. Das stört die Finnen nicht und hindert sie nicht, in ihren Schulen viel Zeit und Arbeit fremden Kulturen zu widmen. Das alte Zentrum der finnischen Kultur, der Ort. wo die Sprache am reinsten gepflegt wird und wesentliche Beiträge zur finnischen Literatur geleistet worden sind, ist Jyveskylä, eine stille, freundliche Mittelstadt im Herzen des Landes. Auch Juden leben in Finnland, 1800 an der Zahl, davon 1100 in Helsinki, vorwiegend russischer Herkunft. Ihre Synagoge in Helsinki wird nicht nur zum Beten aufgesucht, sie enthält auch Klubräume, Zeitungen liegen aus, es ist ein gesellschaftlich-geistiges Zentrum. Daneben bestehen jüdische Vereine, ein jüdischer Sportklub, jüdische Gaststätten. Die Juden sind besonders im Getreidebandel und in den Konfektionsgeschäften tätig, es gibt einige Anwälte, aber kein Ueberwiegen des akademischen Elements. Eine Einwanderung nach Finnland ist, von den wirtschaftlichen Voraussetzungen ganz abgesehen, schon deshalb schwierig, weil die herrschende Sprache, das Finnische, ausserordentlich schwer zu erlernen ist. Von allen europäischen Sprachen ist ihr nur das Ungarische verwandt. In den Küstengebieten ist zwar das Schwedische und zum Teil noch das Russische im Gebrauch, aber die Entwicklung scheint zur Alleinherrschaft des' Finnischen zu drängen. Ganz abgesehen von der uns heute immer wieder zuerst überfallenden Frage, wo Juden etwa einwandern können, sollte hier das Bild eines Landes gezeichnet werden, das in seiner wundervollen Ruhe, in dem unendlichen Schweigen seiner Wälder und Seen, in dem freundlichen Entgegenkommen seiner Bewohner den Besucher aufs tiefste ergreift und in ihm unvergessliche Eindrücke hinterlässt. Schönkeit und Reichtum Finnlands: Wasser, Wald und Fels Die Stockholmer Porträt ausstellung Vadstena, im Juli. Die Ausstellung, die im vorigen Monat aus Aulass von König Gustavs 80. Geburtstag in Stockholm gezeigt wurde, brachte Porträts von Persönlichkeiten der verschiedensten Berufszweige, die während der vergangenen achtzig Jahre in Stockholm gelebt und gewirkt haben: Staatemänner, Politiker, Akademiker, Künstler, Geschäfts- und Finanzleute. Die Auswahl zeigte allerdings nur repräsentative Personen in künstlerischen Darstellungen. Es waren daher unter den etwa 850 ausgestellten Gemälden, Zeichnungen, Radierungen und Skulpturen nicht alle bedeutenden Männer und Frauen des Landes zu finden. Die jüdische Allgemeinheit dürfte interessieren, dass etwa 30 der gezeigten Bilder jüdische Persönlichkeiten darstellten, und dass ausserdem fünf jüdische Künstler mit ihren. Schöpfungen vertreten waren. Der folgende kurze Ueberblick zeigt die jüdischen Menschen, die auf kulturellem und kommerziellem Gebiet für ihre Heimat besonders Hervorragendes geleistet haben. An der Spitze steht ein Mann, der Halbjude gewesen ist und aus Wien stammt, aber seit 1917 schwedischer Bürger war: Robert Bär ä n y , Professor für Ohren-, Nasen- und Halskrankheiten an der Universität Upsala, wohin er!l!!;!l!i!!!!!!lIl!l!!!!i!i!l!:!:ill!!!li;i!E!lll!!!ilI!!!i!lli!:!ni!![l!IllllI!l!!IM!!i Mittelalter und Neuzeitr Wasserburg Olavlinna Mühle am Hafen von Wipuri (IViborg) Bahnhofsturm in Helsinki (Helsingfors) fricatfotos (o).