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Central-Verein-Zeitung · 1938-08-07 · 31 (7.8.1938) · page 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
31 (7.8.1938)
Date
1938-08-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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XVII. Jahrg. / Nr. 31 Berlin, 7. August 1938 Preis 10 Pfennig ALLGEN EIN E ZEITUNG DES JUDENTUNS vtKÄS iLiX« &??b7fÜ6<£Dn£ ^^nann&hm^Yertn^hteünng): Berlin W15, Emser Str. 42. Fernspr.: 928141-45. Telegr.-Adr.: Centralglauben, Berlin. Postscheckkonten: Berlin 70344, Prag 77218, Zürich vui 2b obd Bankkonto: Mosler, Susskind & Co., Berlin W8. Die C.-V.-Zeitung erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionssehluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Znsteilung erfolgt durch die Post die die Gebuhren durch den Postboten erhebt. Bezugspreis Vierteljahr!. 81Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzügl. ISRpf; Bestellgeld. Für Ausland rierteljährl. 2,30 RM (umgerechnet in die Landeswahrung) einschl. Zustellgebuhren. Einzelnummer ICiRpf. (Ausland 20 Rp£) Im Falle höh. Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlief, od. Rückvergütung der gezahlten Beträge. - Anzeisengebühren: Preisliste 6 efiltig. Die l^gesp. mm-Z,eüö JSi Kpl., t. Stellengesuche 10 Rpf., f. Famihenanzeigen 16 Rpf., weit, ermäss. Grundpreise s. PreisL Einzelanzeigen nur geg. Vorauszahl. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platzu. Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. Glauben und Erkenntnisse Gedanken zu Tiseha foeaw i. A. H. Die Zerstörung des zweiten Tempels, mit dem vor fast zweitausend Jahren unser staatliches jüdisches Dasein endete, jährt sich am Tischa beaw, am 10. August. Aus einem trüben nationalen Ereignis, in der geschichtlichen Welt, der Welt der Tatsachen, ist ein religiöser Trauertag geworden. Diese Umwandlung eines vernichtenden politischen Vorgangs zum Anlass einer läuternden Glaubensfeier war für ein Volk kennzeichnend, dessen inneren Mittelpunkt seit je mehr die Glaubensals die Geschichtstatsachen bildeten. „Um unserer Verfehlungen willen . . ." antwortete der aufrichtende Glaube dem politisch zerschmetterten Juden auf seine Frage nach dem „Warum?". Und der Jude nahm diese Antwort an. Der Glaube wurde ihm inmitten einer Welt, in der die geschichtlichen Ereignisse in rascher Folge politische Mittelpunkte schufen und wieder veränderten, die unveränderliche Mitte eines wechselvollen Daseins. Was sich um den Juden vollzog, war fast immer anders, als was sich mit ihm vollzog. Sein Leben kreiste sozusagen um zwTei Zentren, das unveränderliche seines Glaubens und das seiner wechselnden Umwelt. Das jüdische Schicksal wahrend der Jahrhunderte der sich immer wieder neu formenden Gestalt Europas und der Welt war stärker preisgegeben und doch zugleich isolierter als irgendeiner anderen Gemeinschaft Die Preisgegebenheit schuf die Kette schmerzvoller Erinnerungen. Die Isoliertheit bewirkte die Erhaltung unserer Gemeinschaft. Die Ebene, auf der die jüdische Gemeinschaft hätte besiegt werden können, war eine andere als die der Sehlachtfelder, auf denen sich das Schicksal der Welt formte. So traten wir, distanznah den Ereignissen, in die Welt des 19. Jahrhunderts ein, und wir erlagen seinem Segen ebenso wie seinem Fluche. Der befreiende Wirbel jener Epoche war so mächtig, dass er zahllosen Juden den Glaubens- und den Lebensmittelpunkt in eins fügte, und sie zu Bestandteilen des Schicksals um sie machte. _ Was sich um sie vollzog, war nun das gleiche, was sich mit ihnen vollzog. Sie kämpften, siegten, starben auf allen friedlichen und kriegerischen Kampfstätten der Welt unter den Fahnen, die über ihnen im Winde der Kämpfe flatterten, aber nicht als Juden, sondern für die Fahne. Oder In dieser Nummer finden unsere Leser u. a.: Die Aufsätze: Max Osborn: Erinnerung an Fritz Stahl — Weitere Dokumente zu Evian — HÜde- Rosenthal: Japanisches Allerlei — Arthur Silbergleit: Erscheinung — Erwin Lichtenstein: Finnische Reiseeindrücke — Rudolf Simonis: Stockholmer Ausstellung — Verordnung über die Kennkarte — Geeinte Judenheit in Deutschland Die Beilagen: Wirtschaft der Woche — Palästina-Umschau — Sportblatt nur soweit als Juden, als sie sich dabei vergegenwärtigten, dass die Umwelt über ihrem Kämpfen und Sterben das Judesein als Fremdheits-, als Trennungsmoment vergässe. Es war fast so, als ob die die ganze abendländische Welt erfassende Welle des nationalen Bewusstseins trotz der bewussteren Grenzziehung zwischen Staaten und Völkern eine neue Einheit der Menschheit geschaffen habe, eine neue Koine des politischen und mensehheitlichen Bewusstseins, in der auch die jüdische Gemeinschaft — nein: der einzelne Jude — geborgensein könnte. Der Glaube war nur noch mehr an der Peripherie. Das Wissen um die Tatsachenwelt erfüllte alle Menschen, auch' die Juden. Erfüllte die Juden so stark, dass sie eine jüdische Tatsachenwelt schaffen wollten. Der Zionismus Hess "die dem Lichte der ganzen Welt freudig geöffneten jüdischen Augen wieder nach Osten schauen, nicht zum Gebete gesenkt, sondern fordernd auf Palästina gerichtet. Palästina, aber zugleich auch ein in Umkehr wiedererweckter Glaube, begannen freilieh schon zu dieser Zeit für die Juden, die noch nicht mit der Umwelt lebten, oder die fühlten, dass eine neue Zeit kommen könnte, wo sie wieder neben ihr würden leben müssen, neue Mittelpunkte zu werden. IL Der Weltkrieg und seine Folgen zerstörte die Einheit des abendländischen politischen Bewusstseins. Es kann nicht unsere Sache' sein, in die grosse weltpolitische Diskussion der Gegenwart über die Möglichkeit und Notwendigkeit einer neuen Einheit, die zwischen den demokratischen und den totalitären Mächten geführt wird, einzugreifen. Aber wir Juden hier, denen die Wiederkehr des Tischa beaw genügend Anlass zur prüfenden Betrachtung unseres auch ohne dieses Festtagsgedenken hinreichend trüben Daseins gibt, müssen uns bemühen, die diskutier- ten Zusammenhänge zu begreifen. Denn auch für das praktische Tun, für die Entschlüsse, wohin man den Weg nach draussen zu nehmen hat,, ist es wichtig, Klarheit über die Stellung der Juden in - der Welt für unsere durch die Ereignisse häufig verwirrten Menschen zu gewinnen. Nur dieser uns Juden berührende Ausschnitt geht uns an. Das Vorhandensein der zwei genannten Staatentypen in der Welt bringt mit sich, dass Juden sowohl in der einen als auch in der anderen Gruppe leben. Für die Demokratien hat sich in der Stellung derjenigen ihrer Bürger, die Juden sind, nichts geändert; für die Juden in ihnen ist das Schicksal um sie zugleich auch ihr Schicksal. Die politische Grundhaltung der totalitären Staaten sieht in den Juden Fremde, die aus der Einheit des Staatsvolkes herausfallen und auszuscheiden sind. Nun bestehen zwischen den Staatengruppen Differenzen über die Verwirklichung einer an sich erstrebten allgemeinen Kooperation. Die Auffassung, wie diese zu erzielen sei, ist bei den Staaten, wo nicht eine verbindlich handelnde Spitze vorhanden ist, je nach der Parteiauffassung unterschiedlich. Man wird aber annehmen müssen, dass dabei jeder Angehörige jeder Partei nur das Wohl seines Vaterlandes, wie er es sieht, im Auge hat. Jede andere Gesinnung wäre Verrat. In jeder Partei der Demokratien gibt es auch Juden. Die Staaten, in denen sie leben, sehen sie als ihre Bürger an und verlangen von ihnen politische Willensäusserungen in dem von ihnen wohlverstandenen Interesse ihres Vaterlandes. Für die Vorstellung der Staaten jedoch, in denen die Juden aus dem Staatsvolke ausgeschaltet sind, sind jene ausländischen Juden gleichwohl Juden. Aeussern sie eine Ansicht, die sich gegen die andere Anschauung wendet, dann hat nach dieser Anschauung nicht ein Bürger jenes Staates, sondern ein Jude seine Abneigung zu erkennen gegeben. Enthielte sich der Bürger eines Staates, der Jude ist, seiner politischen Pflicht, weil ex- Jude ist, so würde er wiederum selbst die politische Gleichberechtigung in Frage stellen, die ihm sein Vaterland zugebilligt hat. Wir Juden hier, die wir an den grossen Ereignissen nur passiv beteiligt sind, die sich in der Welt abspielen, müssen diese für uns widerspruchsvolle Situation begreifen. Es ist gar kein Zweifel, dass aus der politischen Betätigung jüdischer Menschen dort, wo sie Bürger ihres Landes sind, sichtbare und nachweisbare Nachteile für die Juden anderen Schicksals entstanden sind. Die Juden, die in der Politik ihrer Staaten stehen dürfen, sollten diese Sondersituation, die sich auch für sie selbst ergibt, im Auge behalten. III. Eine Feststellung müssen wir mit tiefem Bedauern, aber mit aller Deutlichkeit treffen: Es gibt keine Gesamtorganisation der jüdischen Diaspora. Es ist keine jüdische Instanz vorhanden, die befugt wäre, als der Sprecher des Judentums aufzutreten, für die Juden in der Welt das Wort zu nehmen. Wir haben auch nicht die Möglichkeiten, sensationsgierige Juden für ebenso törichte wie unverantwortliche Aeusserungen zur Rechenschaft zu ziehen, auf eine jüdische Anklagebank zu bringen. Aber es ist kennzeichnend für die Beiehrbarkeit der Juden durch die Ereignisse, wenn sie ihnen nur genügend nahe kommen, dass unsere jüdische Gemeinschaft hier die aus solchen und anderen Beobachtungen entstehenden organisatorischen Konsequenzen zu ziehen gewillt gewesen ist, seitdem sich die Entwicklung der Verhältnisse um uns klar erkennen liess. Es ist deshalb keine Paradoxie, dass sich während des Auflösungsprozesses der Judenheit hier eine einheitliche, straffe und spruchbefugte jüdische Zusammenfassung gebildet hat. Die Reichsvertretung, aus der unter oft , nicht sehr schönen Begleitumständen nun der Reichsverband der Juden in Deutschlanderwachsen ist, zeigt an, dass man einen geschichtlich notwendigen Auflösungsprozess nicht zu einem chaotischen Zerfall ausarten lassen will. Die zahllosen Menschen unseres Kreises von früher her vertraute und durch die letzten Jahre verlorene Mitte wird durch das sichtbare und scharf profi- . lierte jüdische Zentrum ersetzt. Wir begrüssen freudig die Männer, die seit Beginn unser Vertrauen und unsere Mitarbeit besessen haben, an der Spitze des Reichsverbandes. Die Aufgabe, die dem neuen. Reichsverband gestellt wird, ist nach menschlicher Berechnung grösser, als dass sie von uns allein erfüllt werden könnte. Aber was wir von uns aus dazu tun konnten und können, nämlich aus den Ereignissen lernen und die gewonnenen Erkenntnisse in die Tat umzusetzen, haben wir getan und wollen wir auch in Zukunft tun. Es scheint so, als ob die Formel „um unserer Verfehlungen willen . . ." ihren Sinn behalten hat. Und vielleicht soll man daraus lernen, dass inmitten des schwer übersehbaren und mit unseren materiellen und Verstandeskräften kaum aufzulösenden Tatsachenkomplexes die Kraft des Glaubens ihren lang verwaisten Platz in unserem Leben wieder einnehmen sollte. London: 3. AugUSt Genau vier Wochen nachdem das zwischenstaatliche Komitee sich in Evian konstituiert hatte, tritt die Arbeit der 32 Mächte, welche am Genfer See versammelt waren, in ein neues Stadium. Die Blicke nicht nur der jüdischen Welt sind nach London gerichtet, wo am Mittwoch dieser Woche unter dem Vorsitz des englische» Delegierten Lord W i n t e r t o n im „Locarnoroom" des Foreign Office die Besprechungen wiederaufgenommen worden sind, an deren Ergebnis sich die Hoffnungen der Juden Deutsch- Fands klammern. Unter den Delegierten sind wiederum der Franzose Henri Beranger und der Amerikaner Myron C. Taylor, dessen unermüdlicher Arbeit der rasche Fortschritt der Konferenz zu verdanken war. Das grosse Geheimnis ist im Augenblick noch, wer der Präsident und (Fortsetzung umseitig) IV. Am 3. August begann in London die zweite Etappe auf dem Wege, den die in Evian geschaffene Organisation zur Lösung der Nöte der mitteleuropäischen Juden beschreiten will. Evian gab uns das Recht, hoffnungsvoll zu sein, in jenem nüchternen, realen Sinne hoffnungsvoll, den uns die Erfahrungen der letzten Jahre gelehrt haben. Die seit Evian nicht abreissende, an sichtbarster Stelle der grossen beteiligten Mächte geführte Diskussion lässt erwarten, dass praktische Lösungen vorbereitet werden. Ihre Verwirklichung wiederum kann nur — erhofft werden. Aber es verdient Unterstreichung, dass es sich bei dem zwischenstaatlichen Regierungskomitee nicht um eine Schöpfung handelt, die als Rückwirkung von Bemühungen auf jüdischer Seite entstand, sondern um die Konkretisierung des Verantwortungsgefühls bei den führenden Männern Amerikas, Englands und Frankreichs. Vielleicht spielen unterbewusst auch die Erwägungen mit, die wir eingangs über die für uns Juden unlösbare Antinomie aus unserer Verteilung über Staaten der verschiedenen politischen Grundhaltung angestellt haben: entweder mussien die Staaten, in denen Juden gleichberechtigte Bürger sind, von sich aus einen wesentlichen Beitrag zur Behebung der Schwierigkeiten der übrigen Juden liefern, oder ihre Grundhaltung gegenüber den eigenen Juden musste fraglich werden. Wir sind dankbar, dass jene Staaten ihre Stellung zum Problem der in ihnen lebenden Juden als Bürger unerörtert Hessen und die erst in Evian und hoffentlich auch in London gefassten Pläne auf der Grundlage der im allgemeinen Bezirk von allen sehnlichst erstrebten Kooperation zu verwirklichen bestrebt bleiben. Am gleichen 3. August verlässt die Technische "(Teilungs-) Kommission Palästina. Der moderne Sakko, den Politiker und Diplomaten heutzutage tragen, hat mehr Taschen als die berühmte Toga des alten römischen Unterhändlers, aus deren Falten nur alternative Lösungen in ihrer ganzen Härte und Strenge hervorzuholen waren. Man vermag also nicht zu sagen, welche der innerhalb der Grundgedanken mögliche Lösungen des Palästinaproblems London für das Mandatsland finden wird. Aber es ist doch recht nachdenksam zu wissen, dass das gleiche England, dessen Entscheidung In der Palästinafrage sehr ungewiss ist, sich im gleichen Augenblick bemüht, im umfassenderen Sinne jüdische Nöte zu lindern. Manche werden dieses Zusammentreffen als einen Ausdruck der besonderen politisch-psychologischen Klugheit der Engländer bezeichnen. Andere werden an Tischa beaw denken und mehr dahinter verspüren, als in der Tatsachenwelt sichtbar wird. £

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