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Central-Verein-Zeitung · 1938-07-28 · 30 (28.7.1938) · page 7

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
30 (28.7.1938)
Date
1938-07-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr.30* 28. Juli 1938 5. Fortsetzung 2AUB6R 0)€Ri % kü US** C.-V.-Zeifung * Seite 7 Von Leo Rem Zauber und Gegenzauber Im Mittelalter erlebt die -Furcht des primitiven Menschen vor Geiscern und Dämonen eine, bei aller Verfeinerung der Vorstellungen, seltsame Auferstehung. Die Dämonen haben sich, durch den Untergang so vieler heidnischer Religionen, eher vermehrt als vermindert, die Hölle hat sich noch mehr bevölkert, Mythologie ist oft zum Dämonismus herabgesunken... Auch die Kabbala wird praktisch, möchte ihre angesammelte Geistesmacht und Kraft erproben, Krankheiten heilen, mit Amuletten vor Unheil schützen, Geister aus Besessenen austreiben; ja, sie -erkühnt sich sogar, dem Problem der Erschaffung künstlicher Wesen nachzusinnen. Besonders in dieser Zeit dringen Vorstellungen und Techniken der allgemeinen Magie in den Begriffskreis der Kabbala ein. Nach diesen allgemeinen Vorstellungen wird der Geist durch den Zauber gerufen (angreifender Zauber). Die Mittel dazu sind Buchstaben, Vokalreihen, Worte und Sätze: die Gottesnamen spielen'bei der „weissen Magie" gleichfalls eine erhebliche Rolle. Heidnische Magier freilich hatten unbedenklich auch die Namen fremder Götter gebraucht, da sie glaubten, dass ihre Nennung durch die Macht dieses Gottes dem Zauber eine zusätzliche Wirkung verleihe. So sollen griechische Magier den jüdischen Gottesnamen unter der Verhüllung Jao angerufen haben. — Auch Bewegungen in bestimmter Ausführung, Richtung und Reihenfolge wurden als zauberkräftig angenommen und begleiteten die Beschwörung. Mit dem Gegenzauber macht man den Zauber unwirksam, scheucht den Geist hinweg (abwehrender Zauber). Die Mittel dazu sind die gleichen wie beim Zauber, nur inumgekehrter Reihenfolge: man sagt die Buchstaben, Vokalreihen, Worte und Sätze nun rückwärts her, man macht die gleichen Bewegungen rückwärts. Der Gegenzauberer — wenn es ein anderer ist — rrrass also wissen, erraten oder ausprobieren, weiche Zaubermittel der erste Zauberer benutzt hat. Um den Gegenzauber von anderer Seite völlig auszuschliessen, fand man ebenfalls ein Mittel: man sagte Buchstaben, Worte und Sätze her, die, vorwärts oder rückwärts gesprochen, den gleichen Klang, die gleiche Buchstaben- und Wortfolge behielten. Der Schweizer Gelehrte Franz Dornseiff, der Erforscher der Buchstaben- und Zahlenmystik, hat in seinem Buche „Das Alphabet in Mystik und Magie", in dem auch die jüdische Buchstaben- und Zahlenmystik ausgiebige Berücksichtigung findet, einige solcher „Krebsworte" genannt: etwa das Wort Ablanadanalba, den Satz: Sator arepo tenet opera rotas (bitte rückwärts lesen-'). Hier klang der Gegenzauber wie der Zauber und war also seinerseits unwirksam. Auf den ersten Blick scheinen diese Methoden willkürlich, unsinnig und betrügerisch; sie waren auch nur da möglich, wo Ulauben zum Aberglauben verzerrt war, wo die Tätigkeit der Phantasie die exakte Beobachtung überwog. Betrachtet man sie aber als kulturhistorische Erscheinungen, so erkennt man ihr hohes Alter: es sind „gesunkene" Vorstellungen überwundener Religionen und früherer Kulte, die in ihnen wieder lebendig werden und, neu geformt, ein geheimes und gefährdetes Dasein führen. Manche erinnern verblüffend an weit, weit zurückliegende Räume der Vorgeschichte: so der Gegenzauber an die Furcht des primitiven Menschen vor den Seelen oder Geistern der Toten, die ihm bedrohlich schienen, und die er abzuwehren suchte (abwehrender Kult); der Zauber aber gemahnt an die weit spätere und schon etwas hellere Zeit, da die gleichen Geister dem Menschen freundlich schienen, da er sie begrüsste, sie zu versöhnen trachtete und ihnen Gaben darbrachte (positiver oder gewährender Kult, Ahnenkult). Die Beschwörung erinnert an die Gebete von Priestern primitiver Völker: haben doch erst die fortgeschrittenen Religionen das Gebet zu dem Aufruf innerster edelster Kräfte gemacht, den es heute darstellt. Die fortgeschrittenen Religionen, voran der jüdische Monotheismus, haben denn auch gegen jene dunklen Vorstellungen, die in den meisten heidnischen Religionen noch lebendig waren, gegen Zauberkulte und Zauberpriestertum. ständig angekämpft. Dass, auf dem Wege über die Aussenwelt, einige solcher alten Vorstellungen, wenn auch nur in ihrer erneuerten, abgeschwächten Gestalt in die Kabbala eindrangen, ist ihr schon oft zum Vorwurf gemacht, ihre magische Betätigung überhaupt als ihre Entartung bezeichnet worden. Aber der Rückfall ins Primitive lag im Zuge der Zeit. Kabbala und Älchemie A Sonnen-Amulett uch die Beziehungen der Kabbala zur Älchemie sind keine sehr engen: das hat Gerhard Scholem in. einer sehr gediegenen kleinen Schrift „Älchemie und Kabbala" nachgewiesen. Selten wohl hat ein jüdischer Kabbali st den ..roten Leu" „im lauen Bade" „mit der Lilie vermählt"; selten wohl hat er seine kleine Klause mit einem mittelalterlichen Laboratorium vertauscht, in Retorten gebraut und das Lebenselixier zu finden gesucht. Zwar wird schon dem grossen jüdischen Denker Saadia (891 bis 941) ein Buch „Der Stein der Weisen" zugeschrieben; aber man. hat es bisher noch nicht finden können. Die Älchemie, die mystisch verbrämte Vorgängerin der modernen Chemie, aus Aegypten stammend, von Griechen und Arabern ausgebaut, von der Intelligenz des mittelalterlichen Abendlandes liebevoll gepflegt, verfolgte keine rein magischen Ziele: der Durst nach Gold stand in ihrem Hintergrunde. Aus dem Umstände, dass die Metalle aus den Erzen herausgeschmolzen werden mussten, dass also die Erze veränderlich waren, schloss sie, dass auch die Metalle veränderlich sein müssten. Es musste möglich sein, argumentierte sie, diese veränderlichen Metalle zu vervollkommnen, die unedlen (unvollkommenen) zu edlen (vollkommenen) zu machen. Da Gold als vollkommen, Silber als fast vollkommen galt, strebte man danach, durch die Metallumwandlung Gold und Silber zu gewinnen. Zahlreiche Laboratorien arbeiteten an der Darstellung eines Geheimmittels, das die Verwandlung von Silber in Gold, oder die Verwandlung [/W tosix^sxxg? iMj WAfD Kabbalistisches Amulett zur Getvinnung des Wohlgefallens bei Gott und Menschen T^H^°-;fsä ,.. TOKHX^<t% <x^?^mnt%>& Kabbalistisches Amulett zur Gewinnung von Liebe und Freundschaft v<s nn c2-o| S~0~2> wmev&v. ^6o^?KFt2i§ Kabbalistisches Amulett zum Schutz gegen feindliche Waffen Fat. (6) Archiv unedler Metalle wie Blei, Quecksilber usw. in Gold bewirken sollte, und die Sage raunte bald von diesem, bald von jenem Alchemisten, er hätte das Mittel gefunden. Dies so umstrittene Mittel hiess, in der Bildersprache jener Zeit, der Rote Löwe oder die Rote Tinktur, das Grosse Elixier oder Grosse Magisterium (Meisterstück). Es sollte Die Krise Von Hertha Rosenfeld Diese Novelle wurde mit einem Erzählerpreis der C-V.-Zeitung ausgezeichnet. Levisohn geht durch die Hauptstrasse, — nicht eben langsam und nicht zu schnell, gleichermassen „geordnet" könnte man sagen. Zwanzig Jahre geht er diesen Weg, — morgens schon früh in den Dienst, abends vom Dienst zurück. Es ist IS Uhr 10. Genau. In vier Minuten würde er, wie immer, Müllers Papierwarengeschäft an der Ecke passiert haben, in die Neumannstrasse einbiegen und von dort aus die Zeiger der Normaluhr am Eingang des Vorortbahnhofes erkennen, der seiner Wohnung gegenüberlag. Wie gesagt: präzise eine Minute vor Viertel, tagaus, tagein; denn er besass in der äusseren und — nach seiner Meinung — auch innerlich begründeten Lebensführung eine Korrektheit, die von Aussenstehenden oft als Pedanterie bezeichnet wurde. Levisohn fühlt plötzlich einen leichten, stechenden Schmerz in der linken Schläfe, von dem er keinerlei Notiz nimmt, absichtlich nicht. Doch nun gebärdet sich der Schmerz "wie ein gekränktes Lebewesen: Ach, du ignorierst mich?! Gut! Du sollst schon wissen, dass ich da bin. Also? Aeussere dich! Levisohn pocht mit-dem Mittelfinger der ausgestreckten Hand vorsichtig gegen die schmerzende Stelle, als wolle er so dem ihm ungewohnten Zustand ein Ende bereiten. Mit derartigen Beschwerden wird er sich nicht lange . . ., eine Ader ist etwas herausgetreten. Was tut das . . . Der Lärm ist heute grösser als sonst. Die Autofahrer hupen lauter, die Räder kreischen förmlich in den Pedalen, und der Zeitungsverkäufer hat offenbar die unbegreifliche Absicht, sich die Kehle heiser zu schreien: Wie spricht die Welt? So spricht die Welt! Bitte, denkt Levisohn, bitte: was geht das mich an? Meine Interessen haben andere Richtlinien erhalten. Man hat mich daran erinnert, dass ich Jude bin. Ich hatte nicht darum gebeten. Keineswegs. Aber eine neue Epoche im Schicksal der Juden erinnert mich und Gleichgesinnte unaufgefordert: Hast du vergessen, dass du Jude bist? Nein! Vergessen habe ich's nicht. Der Name Levisohn bat es verhindert. Ein drückender Sommertag heute. Aussergewöhnlich drückend. Die Stirne wird heiss, ohiie feucht zu werden, und der atmosphärische Druck scheint sich den Leuten geradezu auf den Nacken zu setzen, als gelte es, dort die Explosion abzuwarten. Ah! Da ist bereits die Müllersche Papierwarenhandlung! Noch zwei, drei Schritte. — Er möchte wohl wissen, warum die beiden Herren hinter ihm ihre Meinungsverschiedenheiten unbedingt auf der Strasse austragen müssen. Schliesslich kann doch jeder--. Ruft denn der Mensch auch Zeitungen aus? Ein ziemlich heftiger junger Mann. Wie er sich auflehnt, die Rede seines Begleiters unterbrechend: „Dasein nennst du das? Sich mühen in der selbstgewählten Enge seines Wesens: Dasein?' Im gleichen Augenblick bleibt Levisohn stehen. Der stechende Schmerz jagt ihm mit rücksichtsloser Heftigkeit durch Schläfe und Auge zugleich. Er ist nicht zur Seite getreten und wäre mit dem Redner fast zusammengeprallt. Es ist ein junger Jude, dem er irgendwo schon begegnet sein muss. Sinnend blickt er ihm nach. „Enge seines Wesens." Das hiesse: diese als Raum eines Daseins. Wogegen rebellierte der Fremde also? Gegen die Enge des Daseins. Ein merkwürdiges, verwirrendes, aber treffendes Wort. Er geht weiter und biegt langsam in die Reichmannstrasse ein. Endlich zerteilt sich die Luft. Nein, sie zerteilt sich nicht; sie wird zerrissen durch eine Schwingung, einen Ton, der anschwillt und dröhnend über den Häuptern steht. Die Turmuhr zeigt den Ablauf einer Viertelstunde an. Wie? Vergleichend sieht Levison zum Bahnhof hinüber. Kein Zweifel! 18 Uhr und 15 Minuten. Das ist nicht zu glauben. Levisohn! Eine Minute Verspätung. Was bedeutet das schon. Der Mensch ist doch keine Maschine. Und wenn es noch auf dem Wege ins Büro geschehen wäre. Unsinn! Die Bedeutung liegt nicht in dem Verlust einer Minute; sie besteht in der überraschenden Abweichung jener Richtschnur, die die Balancestange seiner Energien darstellt, den Gradmesser seiner Aktivität gegen jeden Gefühlsballast. Genügt das? Mir ist es genug! Und ginge es nicht darum. Ginge es wirklich nur um diese einzige Minute. Auch dann. Man sollte keine Minute mit nachsichtigem Lächeln ins Zeitmeer rinnen lassen; denn sie hat sechzig Sekunden. Ein kleines Rechenexempel: eine Katastrophe im Ausmass von sechzig Sekunden. Die Summe der Wirkung ist kaum noch vorstellbar. Sechzig Sekunden sind nichts, wenn nichts geschieht. Aber es bedarf keiner so ausgedehnten Dauer, wenn Züge in die Tiefe stürzen, Erdbeben zerstören, Entschlüsse vernichten oder — um die Enge eines Daseins, nein, die Enge seines Wesens zu sprengen. Levisohn ist vor seiner Wohnungstür angelangt und sucht den Schlüssel. Kalter Schweiss dringt ihm aus den Poren. W o hat er heute den Schlüssel? — Ghetto! Oder wie? Enge eines Daseins! Schliesslich kam es auf dasselbe heraus. Eigentlich hat er sich dieseu Wortes wegen verspätet. Hatte es ihn nicht für eine ganze Minute vom Wege zurückgehalten? Einfalt! Der stechende Schmerz in der Schläfe zwang ihn, stehenzubleiben. Ja, ja. Die Schwere der Luft Er findet den Schlüssel nicht und läutet. „Da bist du ja!" begrüsst ihn seine Frau. Jahre hindurch, seitdem sie nicht mehr, am Fenster sitzend, sein Kommen erwartet, nicht mehr einen raschen Blick in den Spiegel wirft. ehe er den Korridor betritt, allabendlich die gleiche, dem flüchtigen Beobachter albern erscheinende Redensart: „Da bist du ja!" Und Levisohn, die Aktentasche noch unter dem Arm, steht sehen auf der Schwelle zum Wohnzimmer, wenn er, ohne sich umzuwenden, erwidert: „Ja, da bin ich." Heute ist die gewohnte Situation um eine unbedeutende Nuance verändert. Der Mann sieht seine Frau an. als höre er ihre Worte zum ersten Male, und sagt gereizt: „Ja! Wie du siehst, bin ich's. Ueberflüssig, es noch besonders zu betonen." Und sie verwirrt: „Nun, nun. Reg' dich nur nicht gleich auf. Ich meinte ja nur." „Ich meinte. Uebrigens: Ich habe meinen Schlüssel vergessen." „Du hältst ihn ja in der Hand", sagt sie ruhig und geht in die Küche. Das Essen wird aufgetragen. Aber Levisohn nimmt kaum etwas zu sich. Die Gatten plaudern noch ein Weilchen über die Post der Kinder. Die Frau strickt, in bestimmten Zeitabständen die Maschen zählend, und Levisohn blättert noch in den Briefen. Allmählich gleitet sein Blick ganz über die beschriebenen Seiten hinweg und wandert ins Leere. Seltsam! Wie nahe man einer solchen Leere ist und weiss es nicht. Sie steht gleich hinter den Dingen, hinter all den vertrauten Dingen des Lebens, und erstaunt, gebannt, neugierig wie ein Knabe starrt er in sie hinein. Solange man diese Leere nicht kannte, war's gut; denn in der Entfernung eines jeden Pulsschlags zu ihr spannte sich die Weite oder — die Enge eines Daseins. Er, Levisohn, hatte die Begrenzung seiner menschlichen Existenz bis heute immer nur in der ihn bedrückenden Tatsache erblickt: Jude zu sein. Er hätte längst den Glauben seiner Väter zugleich mit seinem Namen abstreifen können, wie andere auch. Nicht allein seiner Frau wegen war dieser *****t»-7z~ JUWELIER LIPOWETZK! BERLIN W8 .^J!f**Aüm P^W* •^°*Ck©ia«*Ä FRIEDRICHSTRASSE 193a, ECKE LEIPZIGER STRASSE. ANK. Q. 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