Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 30 (28.7.1938)
- Date
- 1938-07-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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gelte B * C-Y.-Zeifung Nr. 30 * 28. Juli 1938 8ie Kraft besitzen, unedle Metalle in edle zu verhandeln und, in kleinen Dosen und entsprechender Verdünnung genommen, als „Trinkgold", als Universalmittel, alle Krankheiten zu heilen, 'das Leben zu verlängern, das Alter zu verjüngen. Rühmte man von ihm die Erfüllung aller dieser Erfordernisse, so wurde es der „Stein der Weisen" oder der „Stein dir Philosophen", manchmal auch die „Panacee des Lebens" genannt. Das zweite, im Range niedriger stehende Geheimmittel führte den Namen Weisser Löwe, Weisse Tinktur oder Kleines Magisterium; es sollte fähig sein, unedle Metalle in Silber zu verwandeln. Indes war auch die Alchemie nicht ohne Philosophie, welche ihre Bestrebungen vertiefte und veredelte; und diese „theoretische Alchemie" war es, mit der sich die Kabbala gern beschäftigte. Sie sah in der Verwandlung der unedlen in edle Stoffe nur Bilder für die Verwandlung der Seele aus Unedlem in Edles; sie sab in dieser Verwandlung ein Bild für den mystischen „Weg" des Gläubigen zur Vereinigung mit der Gottheit; und sie suchte sonach das „philosophische Gold" der Seele zu gewinnen. So entstanden alchemische Bilder für mystische Begriffe: man unterschied „Kupfermenschen", „Silbermenschen" und „Goldmenschen", je nach dem Range, den man ihrem Seelenwerie zuwies. Wer zum Idealbilde des Menschen, des Adam Kadmon oder Makroanthropos, strebte und. bis zur Sefira Bina, die auch „Gottesfurcht" heisst, vorgedrungen w^äre, der verwandle, so meinte man, seine Seele aus dem niederen Zustande des „Kupfers" oder „Silbers" in den des „Goldes". Möglicherweise ist eine schwache alchemische Betätigung jüdischer Kabbalisien später doch Satirisch-symbolische Darstellung eines alchemistischen Laboratoriums Fot. Archiv Schritt unterblieben. Irgendwelche unerklärlichen Gründe hatten ihn zurückgehalten. Wer vermochte es je, die Quellen aufzuspüren, die unterhalb unseres Bewusstseins die eigentliche Substanz jenes Willens bilden, der die Triebfeder unserer wirklich entscheidenden Handlungen darstellt. Gleichviel. Levisohn kämpfte noch gegen den Zwiespalt seiner Empfindungen, als die Geschehnisse der letzten Jahre uns mehr und mehr zusammenführten, wie er es auriasste: zusammendrängten. Hinter dem Wort „Gemeinschaft" stand für ihn der Begriff „Ghetto". Nicht das „Ereignis", sondern die verdeutlichte Zugehörigkeit zum Judentum war die Mauer, die ihn von der Umwelt trennte. Und plötzlich, innerhalb einer Minute, vollzog sich in ihm die Wandlung mit atemberaubender Schnelligkeit. Eine gewaltsam niedergerungene Stimme macht sich frei, hinter seinem Rücken allerdings, wo er ihr nicht entgegentreten kann, und höhnt — nicht etwa die Enge seines jüdischen Daseins in der äusseren Erscheinungsform, sondern das Ghetto in der eigenen Brust. Er blickt sich um, lehnt sich auf, bereut es aus Klugheit, wie er meint, will mit einer raschen Drehung zurück und — schlägt mit dem Kopf gegen die Leere. Frau Levisohn lässt das Strickzeug sinken. „Ist dir etwas?" „Nein! Mir? Warum?" „Du stöhnst. Hast du Schmerzen?" „Wahrhaftig, ich habe etwas Schmerzen — in der Brust. Ich werde zu Bett gehen, weisst du. Morgen ist es' vorüber. Gute Nacht." An der Wand vor dem Bett bewegt sich ein Schatten. Er biegt den Oberkörper nach rechts, nach links, sackt in sich zusammen, plustert sich auf, wächst, verharrt so und beginnt das Ganze von neuem. Kein phantastisches Spiel. Der Vorhang vor dem Fenster ist dicht geschlossen, und in der gegenüberliegenden Wohnung hantiert jemand in der Nähe der Lampe. Seine Frau wird gleich hereinkommen und die Gardinen sorgfältiger'schliessen. Er könnte es selbst tun, fühlt sich aber zu zerschlagen, um aufzustehen. erfolgt. Neben manchen Werken, deren jüdischer Ursprung zweifelhaft ist und von Interessierten nur behauptet wurde, existiert ein Buch, dessen jüdische Herkunft auch Scholem nicht völlig ausschliessen möchte. Es handelt sich um „Des Juden Abraham von Worms Buch der wahren Praktik in der uralten göttlichen Magie . . wie sie durch die heilige Kabbala und durch Elohym mitgeteilt worden" (Köln 1725). Ausser Betrachtet man die Sage, die sich an die Kabbala knüpft, so muss man scheiden zwischen dem, was die Kabbala selbst an Mythischem und Dichtung-Aehnlichem geschaffen bzw. dem jüdischen Sagenschatz hinzugefügt — und dem Legendenkreis, den die Phantasie des Volkes und der Volkserzähler um die Meister der Kabbala gesponnen hat. Der Beitrag der Kabbala geht von der absonderlichen Deutung des biblischen Wortes, die ein phantastisches Ergebnis zeitigt, ebenso aus wie von der Bedeutungserweiterung talmudisch-midraschischer Erzählungen, die auf mündliche Ueberlieferungen zurückgehen. Der Volksdichtung aber genügt die Bemühung um die Kabbala und die Beschäftigung mit ihr bereits, um das Erstrebte als Tatsache, das Studium des Wunderbaren schon als das Wunder selbst zu sehen und so die Meister und Jünger der Kabbala mit einer Fülle von Wundern und Legenden zu überschütten. Die Phantasie der Kabbalisten hat sich besonders mit den Sagen um Paradies und Hölle, um Samael und Lilith, gewissermassen als Ergänzungen und Gegenstücke der Schöpfungssage, beschäftigt. So verbindet das Buch Bahir, nach den Sprüchen des R. Elieser, die Erzählung vom Sündenfali mit der Sage von der Empörung Samaels gegen den Herrn. Danach war Samael unmutig und eifersüchtig, weil der Herr dem Menschen die Herrschaft über die Tiere gegeben hatte, und suchte einen Anlass zum Streit. Er sprach zu sich selbst: Wie kann man den Menschen zur Sünde verleiten und ihn Gott abspenstig machen? Er fuhr mit allen seinen Scharen — er wohnte noch in der Höhe — herab zur Erde und suchte sich einen Genossen, der zu ihm passte. Er fand das Kamel, bestieg es und ritt zu Eva. Nicht die Schlange war es, die sie verrührte, von dem Baum der Erkenntnis zu gemessen, sondern Samael selbst. Zur Strafe seines Aufruhrs wurde er mit allen seinen Scharen von der Höhe herabgestürzt, dem Kamel wurden die Füsse abgeschlagen, so dass es fortan auf dem Bauche kriechen musste und zur Sehlange wurde. Die dämonischen Kräfte erscheinen hier in verschiedenen Gestalten: bald als Schlange, bald als Kamel, bald in der Gestalt Samaels selbst. Dagegen findet der Sohar eine andere Ableitung für die Abstammung der Dämonenfürsten: man kann sie in Scholems „Geheimnissen der-Schöpfung" nachlesen. Sie geht zunächst von der Differenz aus, die im ersten Kapitel der Genesis zwischen den Versen 3 und 14 bis 17 besteht. In Vers 3 ertönt das erste Schöpfunsswort: Es werde Licht! Aber erst in Vers 14, am vierten Schöpfungstage, werden die Hiinmeislichter, Sonne, Mond und Sterne, geschaffen. Das mystische Denken folgert nun, dass das in Vers Als die Frau sich bald darauf zur Ruhe begibt, schläft ihr Mann bereits Er atmet unregelmässig, wirft sich hin und her und spricht zusammenhanglose Sätze. Levisohn öffnet die Augen nur halb. Blitzte es nicht? Seine Frau hat auf den Vorhang nicht geachtet. Durch den schmalen Spalt wälzt sich das grelle Licht wie ein Aufschrei der Angst ins Zimmer. Donner grollt in der Ferne. Er will aufstehen, ans Fenster gehen und schläft schon wieder fest. Ein bleigrauer Schein erfüllt allmählich den Raum, zieht sich an den Gegenständen empor, stützt eich auf den Ofensims, schwingt sich zur Decke, lässt sich fallen, kriecht über den Boden, rafft sich auf und lässt sich wieder fallen. Das ist die Dämmerung, denkt Levisohn, sie schlich sich herein und kann nicht mehr hinaus. Von Helligkeit überlistet, wird sie in den tiefsten Ecken hocken müssen. Diese Tragödie will ich nicht schlafend versäumen, sondern zuschauen und lachen. Jeder an meiner Stelle würde das tun. Man lacht über die Tragödie, deren Held nicht mit Pathos stirbt; denn sie ist dann keine Tragödie mehr. Ein Geschlagener, der weint, wirkt grotesk, und wäre er eben noch Gigant gewesen. Wir w7ollen Anstrich, Beleuchtung, Effekt! Ein Jude, der erst — gezwungen durch die Not der Zeit — zu sich zurückkehrt, ist kein Held. Er glaubt sich von Beifall umtost, und die Zuschauer lachen. Die Jungen hänseln ihn, krümmen sich, strecken sich, wollen schier bersten vor Lachen — wie er mit dem Mittelfinger gegen die Schläfe pocht. Sie deuten auf seine Brust und schreien, als wollten sie Zeitungen ausrufen: „Dort hast du dein verdientes Reich! Nimm nur deinen Schlüssel, schliess auf und geh' hinein. Hoffentlich bekommst du Luft in der Enge. Gib nur acht. Eine Minute länger darin als möglich und wir, die wir jüdische Vergangenheit in jüdische Zukunft wandeln wollen, blasen dir den Atem aus." Die Alten aber blicken ihn schweigend an: sie biegen den Oberkörper nach rechts, nach links und klagen um seinetwillen. Der Gequälte wälzt sich auf seinem Lager. Welche Gedanken! Jener Fremde, den er heute einer Anleitung zum mystischen Leben enthält es auch drei magische Plaketten, dazu-bestimmt, „allerley Alchymische Arbeiten durch die Geister verrichten zu lassen". Den eigentlichen Nutzen aus diesen Bemühungen zog die von ihnen angeregte medizinische und Naturwissenschaft; unter den ersten berühmten Aerzten des Mittelalters befanden sich bereits mehrere Juden. 3 genannte erste, das „Urlicht", wieder verborgen wurde, und zwar unter Mitwirkung der Ur¬ Finsternis, des Ur-Bösen, das sich wie eine „Schale" um das Urlicht, den „Kern", legte. Hinzutritt, bei dem Fehlen derVokalisation im Hebräischen und der daraus entspringenden vielfachen Deutungsmöglichkeit, eine andere Lesart des biblischen Worts. „Leuchten seien im Himmel!", sagt Vers 14. „Leuchten" heisst in der allgemein anerkannten Lesart „me'orot"; dieser Soharteil weist aber auf die unvollständige, „abnehmende" Schreibung des Wortes hin und meint, dass es auch „me'orot", „Unheil', gelesen werden könnte! Und so verkehrt sich dem Sohar der leuchtende Schöpfungstag zu einem Tage des Unheils, an dem zur Verhüllung des Urlichts jene „Schale", das Ur-Böse, geschaffen wurde, welche der Satan ist. Das Ur-Böse breitet sich aus und erschafft andere dämonische Kräfte; darunter ist, neben einem Krankheitsdämon, der kindermordenden Bräune, auch Lilith, das weibliche Gegenstück zu Satan, die in andern Sagen als seine Gemahlin auftritt. Lilith wird den Menschen und selbst den Engeln gefährlich; erst das Flammenschwert der Cherubim vertreibt sie. Sie liebkost Kinder, die für die Sünden ihrer Eltern büssen müssen, und tötet sie dann. Auch Adam verfolgt sie; doch erst nach Abels Ermordung, als Adam sich Eva fernhielt und mit wreiblicben Dämonen Umgang hielt, konnte sie sich ihm nähern. Von ihr und der Dämonenfürstin Naama stammen böse Geister und Dämonen. Sie schweifen nachts umher, lassen sich auf einsam schlafenden Menschen nieder, liebkosen sie und verschaffen ihnen wollüstige Träume. Aber auch Krankheiten bringen sie, deren Ursache niemand erkennt. Alles dies geschieht bei abnehmendem Mond, wras wiederum auf Buchstabendeutung, nämlich auf die unvollständige, „abnehmende" Schreibung des Wortes „me'orot" zurückgeht. Wieder tritt dazu die Buchstabenversetzung: Wenn der Mond zunimmt, so bilden die gleichen hebräischen Konsonanten das Wort „imrat" gleich „Wort"; und-nun ist der Psalmvers 18,31: „Gottes Wort ist lauter, ein Schutz für alle', die bei ihm Zuflucht suchen" auch ein Schutz gegen die Dämonen. In. der-Tat-kennt die Vergangenheit ein Dankgebet zur Begrüssung des Neumondes bzw. der Einrichtung des Mondwechsels, das wohl noch mit diesem Dämonen glauben „bei abnehmendem Mond" zusammenhängt. Auch die Hölle hat ihre Systematik. Sie zerfällt in zehn Stufen, die auch Sefirot genannt werden. Und wie es bei Dante sieben Stufen der Höllentreppe gibt, so finden sich hier sieben höllische Hallen. Diese Ordnungen stellen eine Reihenfolge von Unterlassungen und Begehungen, von Fehlern, Lastern und Sünden dar; auf der Strasse sprechen hörte, ist einzig schuld an ihnen. Seine Worte störten ihm, gleich dem schrillen Ton eines Weckers, die vermeintliche Ruhe. Levisohn weiss nicht w>ann und wie er aufgestanden ist. Jedenfalls befindet er sich jetzt am Fenster und beugt sich weit hinaus, fröstelnd in der Feuchtigkeit nach dem Gewitter. Und nun durchzuckt es ihn wie ein elektrischer Schlag. Unten auf der Strasse, gegen die Laterne gelehnt, die Hände in den Manteltaschen, steht der junge Jude, als ob er ihn erwrarte und blickt hinauf. Mit erschütternder . Deutlichkeit fühlt Levisohn, dass er diesen Mann hasst. Er tritt zurück, geht mit blossen Füssen aus dem Schlafzimmer, durch den Korridor, die Treppe hinunter. Die Haustür ist offen. Als der Mann dort draussen ihm gegenübersteht, fährt er erschreckt zusammen. Levisohn verbeugt sich höflich, korrekt mit eisigem Lächeln. „Es handelt sich lediglich um die Beantwortung einer Frage, um eine Richtigstellung sozusagen, eine kleine Formalität." Der Fremde erbebt. „Bitte?" „Sind Sie ein Geschöpf oder eine Stimme?" Nun atmet der andere erleichtert auf. Er kann sich den Rückzug sichern und erwidert gefasst: „Eine Stimme." Levisohn schüttelt den Kopf. Das drohende Lächeln, das seine Züge entstellt, vertieft sich: „Ich bedaure. Ich bedaure unendlich. Allein diese Tatsache zwingt mich, Sie zu vernichten. Ein Geschöpf kann man anspeien und gehen. Verstehen Sie das? Aber eine Stimme, die alle Schleier erbarmungslos zerreisst —" Der Fremde weicht zurück, Schritt um Schritt. Levisohn folgt ihm und hebt die Hände. Der Bedrohte stösst einen gurgelnden Schrei aus, stolpert über die Bordschwelle und stürzt mit der ganzen Wucht seines' Körpers auf das Pflaster. Levisohn beugt sich zu ihm, ergreift seinen Arm und lässt ihn wieder fallen wie ein Stück Holz. Tot! Es regnet. Sein Haar ist nass. Man muss. die Polizei holen, denkt er, sich ankleiden und die jedes -Laster, jede Leidenschaft wird' durch, einem Dämon verkörpert. Aber am Ende der Tage, .so heisst es in den Schriften .Cordoveros und Lurias, wird die Hölle mit allen ihren Ordnungen verschwinden, das messianische Zeitalter werde weder Schuldige noch eine Versuchung oder Züchtigung kennen. Auch Samael werde seine erste Silbe,welche „Gift" bedeute, verlieren und nur noch die Silbe „el" behalten, welche allen Engeln gemeinsam ist. Irrende Seelen und Geijter Das grosse Ma'assebuch, das als Niederschlag der Volkspoesie diese Dinge ein wenig freier behandelt, kennt ein Zwischenreich irrender, auf der Wanderung befindlicher Seelen. Da gibt es verschiedene Stufen. Die Seelen von Toten, die nichts verbrochen haben, steigen zum Himmel auf, kehren aber in den ersten zwölf Monaten wieder zum Grabe zurück und grämen sich, wenn Pietätloses geschieht; vielleicht hängt mit diesem Glauben der früher geübte Brauch zusammen, Grabsteine erst nach dem Verlauf eines Jahres nach dem Tode zu setzen. Seelen aber, deren Träger sich vergangen haben, werden zu irrenden Seelen oder Geistern (Ruach) oder, wenn sie es schlimm getrieben haben, zu .Dämonen (Schedim). Der heimatlose Ruach sucht sich wieder zu verleiblichen und fährt in einen Menschen, der damit zum „Besessenen" wird. Es kommt vor, dass er dort Ungewöhnliches tut, etwa wirklich geschehene Untaten prophetisch kündet, bis er ausgetrieben wird. Solch ein Ruach wird später zum „Dibbuk". Die Schedim aber stehen in einem näheren Verhältnis zum Gehinnom, der Hölle. Es gibt Schedim, die selber zaubermächtig sind, Krankheiten heilen und dgl. Ihr Herr wird bald mit dein Namen Satan, der schon in der Bibel vorkommt, bald mit dem Namen Asmodai, der. dem Parsischen nachgebildet ist, bald mit dem kabbalistischen Namen Samael bezeichnet. Eine ausserordentlich berühmte, nicht nur teilweise im Buche Hiob, sondern auch in den grössten Dichtungen der Weltliteratur verwendete Sagenform taucht in einer Maasse auf: Satan führt ein Gespräch mit Gott und bittet um die Erlaubnis, einen Frommen zur Sünde verleiten zu dürfen. Er verleiblicht sich in einer hübschen Frau; der fromme Mann aber blendet sich selbst, um nicht sehen und sündigen zu müssen. Zur Belohnung seiner Standhaftigkeit wird er durch den Erzengel Raphael wieder geheilt. Auch Lilith erscheint in einer Maasse, allerdings, in einer abgeschwächten und Nebenrolle. Der Geisterkönig, der in der Gestalt eines Frosches auftritt, ist ihr Sohn; unter dem Einfluss abendländischer Märchen ist er zu einem guten Geiste umgewandelt-worden, denn er lehrt den R. Chanina die berühmten „siebzig Sprachen" und dazu, noch die Sprache der Tiere und begabt ihn mit vielen guten Dingen und zauberhaften Fähigkeiten. Gern verleiht die Dichtung solchen Wesen Körperlichkeit und eine wenigstens-scheinbare- Wirklichkeit. Gleichwohl lässt auch das Ma'assebuch erkennen, dass es der böse Trieb (Jezer hara) ist, der hinter ihnen steckt. Und wie.die Kabbala verkündet auch das Maassebuch, dass der Jezer hara in den Tagen des Messias getötet werden, die Hölle nicht mehr sein wird. (Fortsetzung folgt.) Polizei holen. Er gelangt in seine Wohnung "und wankt in die Küche. Einen Schluck Wasser! Als er ein Glas aus dem Schrank nimmt, stösst er gegen einen Teller, der klirrend fällt und zersplittert. Seine Frau, im Morgenrock, kommt eilig herbei. „Was tust du denn hier? Oh! Schade um den schönen Teller.4' „Ich hatte Durst", sagt er mit trockener Kehle. Die Beine zittern ihm. . „Da suchst du s o lange nach einem Glas?!" „Wieso lange?" „Du gingst doch schon hinaus, als der Wecker läutete. Ich habe mich ja inzwischen bald angezogen." „Ach!" Er setzt, sich auf den Küchenstuhl. Vom Flur her hört er das Pfeifen des Bäckerjungen, der die Brötchen bringt. Nach langem Schweigen: „Dann brauche ich eigentlich kein Wasser mehr. Du kochst ja wohl Kaffee." Er klopft ihr mit der flachen Hand auf den Rücken und geht ins Badezimmer. „Ist dir denn wieder besser?" ruft sie ihm nach. „Ja! Danke, danke! Nun ist alles in Ordnung!c< Das Wasser braust in die Wanne. An diesem Tage hat Levisohn noch eine Begegnung. Der junge jüdische Mensch kreuzt — wiederum direkt vor der Müllerschen Papierwarenhandlung — seinen Weg. Levisohn, die Aktentasche unter dem Arm,, tritt auf ihn zu, verbeugt sich höflich, korrekt, und sagt mit verbindlichem, ja, fast demütigem Lächeln: „Ichdanke Ihnen. Ich danke Ihnen sehr, mein Freund. Verzeihen Sie!" Verblüfft, betrachtet ihn der Angeredete, —• doch ehe er ihn fragen kann: „Warum? Sie haben mir doch nichts getan, mein Herr?!" ist Levisohn schon weitergegangen. Eine groteske Erscheinung, denkt der Fremde und blickt ihm nach, wie er in, gravitätischer Haltung, mit ruckartigen Schritten in die Neumarmstrasse einbiegt. II!. Sagen der Kabbala Paradies und Hölle