Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 29 (21.7.1938)
- Date
- 1938-07-21
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29 * 4. Beiblatt CYIeitunq 21. Juli 1938 * SeifelS Musica hebraica" / 99 Arn 1. März wurde in Jerusalem das „World Centre for Jewish Music" feierlich begründet (vgl. C.-V.-Zeitung Nr. 14 vom 7. April). Jetzt hegt das erste Doppelheft der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Musica hebraica" vor. Danut wird auf einem zentralen Gebiet jüdischer Kultur eine klaffende Lücke endlich geschlossen. Diese erste umfassende jüdische Musikzeitschrift, als deren Herausgeber Hermann S w e t zeichnet, will eine Plattform sein sowohl für die Fragen jüdischer Musikwissenschaft wie jüdischer Musikpraxis in weitestem Sinne (einschliesslich der Musikerziehung). Diese breite Zielsetzung ergibt, wie die vorliegende erste Nummer erweist, eine gewisse Mannigfaltigkeit der Ausgangspunkte, der Methoden und des Stiles in den einzelnen Abhandlungen; "deren Bereich spannt sich etwa von der strengen Sachlichkeit vergleichender Musikwissenschaft zum irrationalen künstle- Die erste grosse jüdische Musikzeitschrift Fleckfort Chemische Reinigung ALICE SERTOS. W50 Passaner Strasse 3. 24 92 31. — Färben — EntflecJken. rischen Bekenntnis eines Ernest Bloch. Man darf hoffen, dass diese Breite des Rahmens in einem entsprechend breiten Leserkreis ihre ..Rechtfertigung findet, dem zuliebe auch zur Mehrsprachigkeit gegriffen wurde. Es ist bezeichnend, dass von den.Mitarbeitern der Eröffnungsnummer die meisten mehr oder weniger ausdrücklich die Frage nach Existenz und Art einer jüdischen Musik berühren, natursemäss ohne zu einer einheitlichen Antwort zu gelangen. So interessant die Gegenüberstellung der einzelnen Meinungen sein mag, so sehr muss man es doch Dr. Erich Werner (Breslau) danken, dass sein Einleitungsaufsatz „Um den Begriff" den ganzen Fragenkomplex einmal in üer Sauberkeit wissenschaftlicher Methodik in Vigriff nimmt. In grossen Linien ist das Wesentliche umrissen, wird das mehr oder weniger als legitim anzusprechende Riesenmaterial des Volks¬ und Synagogengesanges von dem problematiscnen Stoff, den die Kunstmusik jüdischer Komponisten bietet, geschieden. Wenn Werner neben der Untersuchung der musikalischen Substanz auch eine solche der „emotionalen Eigenart" fordert, so ist damit ein erfolgversprechender Weg zur Gewinnung nationalstilistischer Kategorien umschrieben. In die Arbeit des Jerusalemer Archivs für orientalische Musik und die dafür massgebenden Methoden vergleichender Musikwissenschaft gewährt Dr. Edith Gerson-Kiw'i einen klaren Einblick. (Man vermisst übrigens den Leiter des Archivs, Dr. Robert Lachmann, sowie den Altmeister jüdischer Musikforschung, Professor Idelsohn, als die beiden grössten Kapazitäten des Gebietes im Mitarbeiterverzeichnis der Zeitschrift!). Joseph Y a s s e r (New York) zeichnet in seinen '„Foundations of Jewish Harmony" die Grundlinien einer konsequent pentalonischen Harmonielehre, die man als Anregung, wenn auch nicht als Dogma für mehrstimmige Gestaltung des jüdischen Melos gern annehmen kann. Darius Milhaud berichtet über traditionelles jüdisches Musikgut aus der Provence, ein faksimiliertes Beispiel einer eigenen Bearbeitung ist beigefügt. Max B r o d äussert sich über eine von ihm gestaltete „Hagadah" in Oratorienform, die Paul Dessau vertont hat und deren Uraufführung noch bevorsteht. Erich- Walter Sternberg erläutert sein neues Variationenwerk für Orchester, das den Titel trägt „Die zwölf Stämme Israels". Aufsätze von M. T. C h i e s a (Mailand) über Ernest Bloch, der sich selbst in einem sehr persönlichen Bekenntnis über die „Jüdischkeit" seiner Musik ausspricht, sowie von N. Lopatnikoff (London) über Ernst loch bieten einen, von kleinen Uebertreibungen abgesehen, guten Ueberblick über das Schaffen. Ebenso gibt Dr. Anneliese Landau (Berlin) eine kluge Skizzierung der Kunst Jakob Schönbergs. Arno Nadel (Berlin) schildert das „Hannoversche Kompendium", das er etwas überschwenglich und im Widerspruch zu seinen eigenen Ausführungen als „älteste Sammlung" hebräischer Musik betitelt. Die einst von ihm aufgestellten und hier wieder erwähnten sieben „Charaktere" jüdischer Musik lassen sich angesichts des heute vorliegenden Materials wohl kaum aufrechterhalten. Dr. Heinrich Simon (Tel-Aviv) berichtet über das Palästina-Orchester, Karl Salomon (Jerusalem) über die — unter seiner Leitung stehenden — jüdischen Musiksendungen des palästinensischen Rundfunks. Der Bericht von Dr. Oskar Gut t mann (Berlin) über jüdisches Musikleben in Deutschland enthält trotz mancher treffenden Bemerkung leider im Grundsätzlichen wie vor allem bei der Nennung künstlerischer Namen bedauerliche Einseitigkeiten. Der Behauptung vom abnehmenden Musikinteresse unserer Jugend sei hier ausdrücklich widersprochen. — Die Verhältnisse in England beleuchtet Dr. M. Camer (London). Wir begrüssen diese erste grosse jüdische Musikzeitschrift auf das wärmste und wünschen, dass sie auf ihrem Gebiet Wesentliches zu wirken vermöge! H. Freyhan. * Dem Bericht Karl Salomons über den Palästina-Rundfunk im ersten Heft der „Musica hebraica" entnehmen wir: 90 Prozent aller Musiker im nichtarabischen Programmteil, wozu auch der englische gehört, sind Juden. Der Zuwachs an Hörern betrug in den letzten 12 Monaten etwa 40 Prozent. Der mcistgrespiclte Komponist der englischen Programme ist Mozart. An Zyklen werden Sonaten von Beethoven, Kammermusik von Schubert, englische und französische Klaviermusik gebracht. Neben den vom Sender fest verpflichteten Solisten, die zu einem Studio-Ensemble zusamniengelasst sind, konzertiert regelmassig der vom Waad Leuna gegründete „S c h e nr- -Chor. Ezra A h a r o n leitet einen Chor, ein kleines orientalisches Orchester, er konzertiert ferner auf dem Cd, der arabischen Laute. international berühmten Musikers, wie ein menschlicher Sympathiebeweis für den jüdischen Künstler, was Toscanini bewog, ihm seine Tochter, anzuvertrauen. Mit Wladimir Horowitz hat das Schicksal einen jener Frühvollendeten abberufen. Auch dem Virtuosen flicht ja die Nachwelt keine Kränze, sein Kunstgebilde schwindet ihm stets wieder unter den Fingern, sobald der Ton verklungen, und was etwa die Schallplatte davon bewahrt, ist, so wertvoll es als Surrogat der unmittelbaren, lebendigen- Kunstleistung auch seih mag, im letzten Grunde doch nur ein Klanggehäuse, aus dem die lebenspendende Seele entflohen. Wer aber einmal Wladimir-Horowitz in der Fülle jugendhaft-blühenden Lebens vor sich sah' und sein Zauberwerk der Töne vernahm, dem wird er für immer unvergesslich bleiben. Dr. Martin Friedland, Köln ~tt% ä > TP*• . g Zum Tode von Jrortrat eines Jrianisten / wiadimir h«^ Es war vor etwa zehn Jahren, als ein junger jüdischer Pianist in den europäischen Konzertsälen erhebliches Aufsehen verursachte. Er hiess Wladimir Horowitz und kam aus Russland, dem Lande, das auch seine älteren grossen jüdischen Fachgenossen, Anton Rubinstein und Karl Taus ig, nach dem Westen entsandt hatte. Und es wollte gewiss etwas bedeuten, wenn inmitten einer Ueberzahl bekanntester und erfolgreichster Klavierkünstler ein junger homo novus der Tastatur in solchem Masse Begeisterungsstürme erregen und gefeiert werden konnte. Der Fall Horowitz wurde gleichsam zum pianistischen Gegenstück des jüngeren jüdischen Geigenwunders Jehudi M e n u h i n. Man erblickte auf dem Podium einen schlanken, etwas blassen, sehr gepflegt aussehenden jungen Mann mit feingeschnittenem Profil, aber ohne jedes äussere Anzeichen künstlerischer Geltungsabsichten. Dann aber, wenn er schlicht und unauffällig vor dem Flügel sass, entfaltete sich ein Klangspiel, wie man es in solcher Feinheit, Nervigkeit, Durchseelung und Durchgeistigung noch "nie vernommen zu haben glaubte. Es war"bei diesem Klavierspiele, als ob ein jeder Finger von einer besonderen Gehirnzelle aus bestärkt und geleitet würde: die abgespieltesten Chopin- und Schumann-Stücke erschienen neu und herrlich wie am ersten Tag; als vernähme man zum ersten Male, was alles eigentlich an klanglichem Zauber und verborgensten virtuosen Reizen in ihnen steckte. Unter diesem subtilsten Finger-Feinmechanismus glaubte man das Notensatzbild in vollster Klarheit vor dem geistigen Auge zu sehen, auch innerhalb des schnellsten Passagenwerkes kam jegliches Sechzehntel zu seinem vollen, ungeschmälerten Recht, und das Geflecht der Mittelstimmen, die Feinheiten einer Bassführung enthüllten sich zum Entzücken eines jeden hörgeübten Musikerohres. Dazu eine blühende, gesättigte Fülle, eine fast stühlerne Energie der Tongebung. Tschaikowskys b-inoU-Kiavierkonzert halte man wahrhaftig ungezählte Male ausgezeichnet in den Konzertsälen vortragen hören, wenn Horowitz es aber spielte, so funkelte dieses pianistische Prachtstück von ganz neuem virtuosem Glänze, federte es vor unerhörter rhythmischer Schwungkraft. Das Merkwürdigste angesichts einer solchen sprühenden inneren Lebendigkeit war aber die fast magische äussere Ruhe des Spielers, jene scheinbare Apathie alles Körperlichen, die Paganinis Virtuosenerscheinung ein Jahrhundert zuvor mit der Mystik eines Wunders umkleidete. Wohl aber hatte man bald -den Eindruck, dass eine solche unvergleichliche Kunstleistung durch die Kraft eines ausserordentlichen, sehr zähen Willens dem wenig widerstandsfähigen Körper abgezwungen sein musste, und bei allem hellen Entzücken, war man fast geneigt, mit einer Art Märtyrertum der Kunst Bedauern zu empfinden. Vielleicht hat der Krankheitskeim eines inneren Leidens, dem Wladimir Horowitz mit einigen dreissig Jahren jetzt erlegen ist, schon lange in dem jugendlichen Körper geschlummert. Es war ebenso die hohe Anerkennung eines Theater, Musik* Film Da? Neue Theater in Prag beschloss seine Spielzeit mit einem Gastspiel von Adrienne G essner in M o I n ä r s „Grosse Liebe". x Carl F 1 e s c h hält im August in Malvem' (England) einen Meisterkursus ab. * Kapellmeister Herbert Sand borg von der Königlichen Oper in Stockholm, geboren in Breslau, dirigierte im Hofkonzert am Vorabend des SO. Geburtstages des Königs von Schweden. * Am IS. Juli beginnt in lazern die „Internationale musikalische Festwoche*', in deren Rahmen u. a. Emanue! F e u c r m a n n, Rudolf Serkin und Bruno Walter mitwirken. Franz 0 s h o r n und Hansi Freudberg spielten im Rahmen des ersten von der Ernest. Bloch- Gcscllschaft veranstalteten Kammerkonzertes in London. Franz Osborn und Nathan Mil* stein spielten mit grossem Erfolg in Kurhauskonzerten in Scheveningen. * Darius M i 1 h a u d sprach auf dem Florent t i n e r .Musikkongress zum Thema „Die alte Musik und der moderne Geschmack". •k Ludwig B e r g e r hat Mozarts komische Oper „Gärtnerin aus Liebe" neu eingerichtet. * _ Alexander Kor da dreht einen neuen Kipling- Film mit dem jungen indischen Schauspieler Sabu als „Morgli". _ Jüdischer Kulturbund Berlin Wochenplan Theater in der Kommandantenstr. 57: Datei Einakter von Courteline: 24. Juli, 15 Uhr (Abt. 50. 60), 20 Uhr: (Abt 44, 54, 4:4000 bis 4299): jeweils 20 Uhr: 25. Juli (Abt. 1, 11, 4:4300-4399), 26. Juli (Abt. 2. 12, 4:4400 bis 4449, 14:14450-14499), 27. Juli (Abt. 41, 51, 14:14500-14599), 28. Juli (Abt. 42, 52, 14:14600-14699). Kulturbundsaal. Kommandantenstr. 58'59* 24. Juli, 20 Uhr: Vortrag Leo Rein: 25., 26., 27. Juli, jeweils 20 Uhr:"Vortrag Dr. Anneliese Landau; 28. Juli. 20 Uhr: Vortrag Professor Dr. Franz Landsberger. * Als nächste Neuauffiihrung gelangt das bekanntes sehr erfolgreiche Lustspiel von Fodor „Arm wi| eine K i r c.lienmau s" zur Aufführung. Ein Leben für Musik Leopold Damrosch Es ist bei weitem nicht bekannt genug, welche Rolle im amerikanischen Musikleben ein Mann wie Leopold Damrosch gespielt hat. Die Oper, die Sinfoniekonzerte, das Chorwesen, die gesamte Musikgeschichte besonders in New-York ist mit durch diesen Mann zu ihrer Bedeutung gekommen, der eine eminente musikalische Begabung und zugleich eine ebenso stark organisatorische Persönlichkeit war. Am 22. Oktober 1832 in P o s e n geboren, lernte er mit neun Jahren Violine spielen, durfte es aber nur heimlich, bei Freunden tun, da seine Eltern, sein Vater war Kaufmann, für derlei brotlose Künste nichts übrig hatten. Er sollte Arzt werden, wurde nach Breslau aufs Gymnasium und auf die Universität nach Berlin geschickt, wo er 1854 seinen Doctor med. machte. Nun hatte er dem Wunsch der Eltern Genüge getan, legte sein Doktordiplom ins Schubfach und studierte Musik. Er trat bald und mit Erfolg als Violinvirtuose und Orchesterdirigent auf, wurde 1S57 erster Geiger in Franz Liszts Orchester, heiratete 1858 die Liedersängerin Helene von Reimburg und lebte dann einige Jahre auf Tourneen. 1862 schuf er sich in Breslau seine eigene Orchestergesellschaft mit achtzig Mann, dazu einen Chor und, wie Joseph Joachim in Berlin, sein Saitenquartett. Seine Tätigkeit machte ihm einen guten Namen, sie war ein Vorspiel für das, was er in Amerika leisten sollte. 1871 lud ihn Edward Shubert, ein New-Yorker Music Publisher, ein, die Leitung der Arion-Gesellschaft zu übernehmen, eines ursprünglich kleinen Männerchors, aus dessen Geschichte übrigens erwähnenswert ist, dass hauptsächlich der „Arion" es war, der gegen alle Widerstände die Errichtung eines Denkmals für Heinrich Heine in New-York durchgesetzt hat. — Damrosch sagte zu, weil er sich trotz aller künstlerischen Bemühungen und Erfolge in seiner Heimat weder eine wirtschaftlich noch sozial hinreichende Position schaffen konnte. Es scheint, dass er ebensosehr als Jude wie als Vorkämpfer der damals modernen Musik einen schweren Stand hatte. Trotzdem war er gegen die Chancen in der Neuen Sfelt noch misstrauisch, fuhr, zunächst allein nach New-York, richtete aber, als er doch alles positiver fand, in der East 35th Street eine Wohnung ein und soll dann acht Stunden ununterbrochen am Hafen gestanden haben, als er das Schiff erwartete, das ihm seine Familie brachte. Sofort nach seiner Ankunft hatte er die Chorproben begonnen, am 6. Mai 1S71 war im. Steinway-Saal die erste Aufführung unter seiner Leitung, und nach kurzer Zeit war der anfangs nur vierzehn Stimmen starke und unbedeutende ..Arion", der aus einer Sezession des „Liederkranz" hervorgegangen war, mit 350 Stimmen nicht nur zahlenmässig die bedeutendste Institution für Choräle Musik in Amerika. Im Jahr darauf waren zwei der grössten musikalischen Koryphäen der Zeit auf ihrem Triumphzug in die neue AVeit Damroschs Gäste, nämlich Anton Rubinstein und der polnischjüdische Komponist und Violinvirtuose Wieniawski. Sie besprachen die im allgemeinen trüben musikalischen Zustände im Lande, und Rubinstein riet seinem Gastgeber, eine Oratoriums-Vereinigung zu schaffen, weiteres würde sich dann schon ergeben. Mit seiner grossen, begeisterten und andere begeisternden Energie ging Damrosch daran, gewann als Geldmann den jüdischen Musikfreund Naumberg für den Plan, und 1S73 fand das erste Konzert der neuen Gesellschaft statt, nach mühseligster Organisation- und Probenarbeit. Der Erfolg war so gross, dass die Vereinigung beträchtlich wuchs und im Jahre darauf Händeis Simson- Oratorium aufführen konnte. Daneben 'dirigierte Damrosch Orchesterkonzerte mit berühmten europäischen Solisten, die erst durch seine Vermittlung für Amerika gewonnen werden konnten, und hatte dabei doch nur so mühselig sein Auskommen, dass er sich von einer Zeitung, der „New York Sun", 500 Dollar für Berichterstattung über die Parsifal-Premiere vorschiessen lassen musste, als er 1876 zu seinen alten Freunden Liszt und anderen nach Bayreuth fahren wollte. Nach seiner Rückkehr sollte sich erweisen, wie sehr Rubinstein recht hatte. Damrosch schuf nun die grosse Symphonie-Gesellschaft, den Anfang zur Errichtung eines ständigen Orchesters; zuvor hatte es nämlich keins in den Staaten gegeben, und die Orchestermitglieder mussten im Hauptberuf das ganze Jahr hindurch Musikstunden geben oder in "Vaudeville- Theatern spielen oder bei politischen Meetings aufspielen oder sonst etwas sein. Unter solchen Bedingungen war es schwer genug, mit dem überhaupt verfügbaren Menschenmaterial und ohne den Hintergrund staatlicher oder städtischer Institutionen einem wenig systematisch vorgebildeten Publikum wirklich musikalische Leistungen zu bieten: Damrosch musste geradezu aus dem Nichts schaffen, alles erst organisieren und sich seine Musiker und sein Publikum erziehen. Das wurde ihm weder von den moderner Musik feindlichen Zeitungen noch von den weniger fähigen Kollegen leicht gemacht. Dazu musste auch er noch Unterricht erteilen, um seine Familie zu ernähren. Die Symphonie-Gesellschaft gab sechs Konzerte im Winter. 1881 veranstaltete Damrosch ein Monsterkonzert vom 3. bis zum 7. Mai mit der Symphonie-Gesellschaft und dem Arion- Chor, insgesamt 250 Orchesiermitgliedern und 1200 Sängern, aufgeführt wurden Händeis Messias, Rubinsteins Turm von Babel und die Neunte Symphonie. Der Erfolg war triumphal, jeden Abend an 10 000 Besucher, lange noch sprach man von diesem Ereignis, und Damrosch wurde darauf zum Ehrendoktor der Columbia- Universität ernannt. 1876 wandte sich die Philharmonie Society, die damals den Tiefpunkt ihres Niedergangs erreichte, an Damrosch, der sie mit seinem Elan sowohl musikalisch reorganisierte als auch wirtschaftlich auf eigenen Fuss stellte, indem er Mäzene, besonders jüdische, für sie zu gewinnen verstand, so Isaak und Walter Seligmann, Otto H. Kahn, und als Subskribenten u. a. Paul Warburg und Joseph Pulitzer, der später, 1911, der Society eine Million Dollars stiftete. Damrosch selbst dirigierte die philharmonischen Konzerte nur 1876 und 1877. Um diese Zeit war er bereits eine zentrale Figur des amerikanischen Musiklebens. Sein Ruhm wuchs durch die Institutionen, die er geschaffen hatte und immerweiter ausbaute, und es gab und gibt kaum ein wesentliches musikalisches Unternehmen in New-York, dem sein Enthusiasmus und seine energische Umsicht nicht ihren Stempel aufgeprägt hätten. Auch mit der Metropolitan Opera ist sein Name eng verknüpft. Sie war ursprünglich auch eine ..Sezession*'; reichgewordene New-Yorker Bürger, die in der alten, -exklusiv aristokratischen Academy of Musik um keinen Preis eine Loge bekommen konnten, hatten 1882 aus Protest eine eigene, die Metropolitan Opera gebaut, in der ersten Saison verpachtet, dabei aber noch Geld zugelegt und nur Misserfolge geerntet und übergäben sie nun Damrosch, der das verfahrene Unternehmen reorganisierte und zu dem grossen, weltberühmten Opernhaus machte, das es seitdem ist. Während die Academy of Musik, übrigens auch unter Leitung eines Juden, Max Strakosch, nur die italienische Oper pflegte, •hatte Damrosch hier die Gelegenheit, sich als Vorkämpfer der damals neuen Musik und der modernen italienischen. Oper zu bewähren, der erst er — und mit und nach ihm sein ebenfalls bekannter Sohn — in Amerika Eingang und Popularität verschafft hat. Er machte zuvor noch eine Europa-Reise, die letzte seines Lebens, und brachte neue, grosse Opernsänger mit, darunter den berühmten jüdischen Tenor Adolph Robinson .aus Breslau, den er noch aus seinen frühen Jahren kannte. Er war nun der Direktor und Dirigent der Oper und führte sie zum Erfolg. Er sollte diesen Ruhm aber nicht lange gemessen. Er starb am 15. Februar 1885 an einer Lungenentzündung. Sein Sohn hat sein Werk weitergeführt, eine Lebensleistung, die man als :die Hebung des musikalischen Niveaus und der Geschmackskultur bezeichnen darf. Was für ein Mensch Leopold Damrosch war, erkennt man aus dem Wenigen, was über sein Privatleben, über das Verhältnis zu seinen nicht musikfreundlichen Eltern und zu seiner Frau und" den Kindern bekannt ist. Seiner Treue gegen sie alle wie gegen seine berühmten Freunde, für deren Musik er Unendliches getan hat, entspricht seine stille, wie selbstverständliche Treue gegen das Judentum. Für die Aufführung biblischer Musikgestaltungen hat er sich besonders eingesetzt. Es ist wenig bekannt (da er selbst es nicht in den Vordergrund schob), dass Damrosch auch als Komponist bemerkenswert ist. Seine hervorragenden Schöpfungen sind zwei grosse Chorwerke „Ruth und Naemi'- : und „Sulamith" Leo Hirsch.