Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 29 (21.7.1938)
- Date
- 1938-07-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 6 C-V.-Zeitung Nr. 29 * 21.JuIi.1938 Annehmlichkeiten aller Art. Die Kolonie hat Raum für einen Zuzus ausgewählter Flüchtlinge, von denen einige selbst nach den drastischen Massnahmen der Kou-fi'skation. denen sie unterworfen waren, noch seihst' genug Kapital haben, während die übrigen die Unterstützung der Landsleute mit Vermögen und Einiluss auf den' britischen Inseln gemessen werden. Dass die neuen Siedler fast ausschliesslich Juden sein werden, ist unter den gegebenen Umständen unvermeidlich und sollte keine unberechtigte Besorgnis hervorrufen. Die Juden habenals Kolonisten in Palästina ihren Wert -erwiesen trotz der politischen Komplikationen, deren unglückliche Opfer sie gewesen sind; die grossen Orangen Pflanzungen, und der Anbau anderer Erzeugnisse im Heiligen Land unter dem Ansporn jüdischen Unternehmungsgeistes und Kapitals sind überraschende Entwicklungen, zu denen noch andere Unternehmungen kommen, die nicht landwirtschaftlicher Art. aber darum nicht weniger imponierend sind. Palästina, ein bedeutend weniger fruchtbares und günstiges Gebiet als Kenya, wird von jüdischen Kolonisten umgeformt. Kenya hat bereits eine jüdische Gemeinde, brave und beständige Siedler, gute Bürger und loyal gegenüber dem König und dem Empire. Es übersteigt sicherlich nicht die menschliche Klugheit, einen Plan auszuarbeiten, durch den jener Kern stark vermehrt werden würde durch eine sorgsam überwachte Einwanderung, die mit der Unterstützung der Landsleute vor sich gehen würde und dazu bestimmt wäre. Kenya mit der weiteren europäischen Bevölkerung zu versorgen, die ihm jetzt fehlt. heit lebt in einer Höhe von über 5000 Meter; die Hauptstadt La Paz liegt etwa 3600 Meter hoch. Derartige Höhenlagen stellen ausserordentliche Anforderungen an die inneren Organe, besonders au Herz und Lunge, so dass für die Auswanderung nach Bolivien nur junge und kräftige Menschen in Frage kommen. Gewisse Teile Boliviens liegen allerdings erheblich niedriger, doch ist noch nicht zu ersehen, wieweit diese praktisch für die Kolonisation in Frage kommen. Die wirtschaftliche Lage Boliviens ist gegenwärtig nicht ungünstig. Auswanderungswillige werden in ihrem eigenen Interesse dringend ersucht, sich zunächst beim Hilfsverein beraten zu lassen, worauf auch auf Seiten der bolivianischen Konsulate Wert gelegt wird. Die Erteilung des bolivianischen Visums dauert mehrere Monate. Möglichkeiten in Bolivien Bisher war, wie der Hilfsverein der Juden in Deutschland mitteilt, eine jüdische Einwanderung nach Bolivien nur in seltenen Ausnahmefällen möglich, da die Einreise von Juden offiziell als unerwünscht galt. "Neuerdings hat aber, ohne dass die Gesetze geändert worden waren, ein Umschwung in der Haltung der zuständigen bolivianischen Behörden stattgefunden. So hat der neuernannte bolivianische Kolonialminister in Uebereinsiiimmung mit dem Staatspräsidenten erklärt, die Pforten Boliviens ständen ..allen körperlich und geistig gesunden Menschen offen", und auch die Juden seien hiervon nicht ausgenommen. Tatsächlich werden auch Einwanderungsvisa für Bolivien erteilt, sofern der Nachweis eines Kapitals von 300 bis 400 Goldmark erbracht werden kann. Doch sind hinsichtlich der Aufnahmefähigkeit des Landes vor allem zwei Gesichtspunkte zu beachten: in wirtschaftlicher Hinsicht ver- - NEW YORK *V*rs. Marge» Samojö-Kaui Vornehme Pension 905 Westend Ave comer 104. Str. bietet die geringe Bevölkerungsdichte des Landes und die schwache Kaufkraft der grossen Mehrheit die Aus- Übung fast aller Berufe, die eine entwickeltere Volkswirtschaft voraussetzen. Möglichkeiten sind in erster Reihe, dem Mineralreichtum Boliviens entsprechend, für Bergbau-Ingenieure. Geologen, Metallchemiker und verwandte Berufe gegeben. Gewisse Aussichten liegen ausserdem für Handwerker und Landwirte vor. Ein wesentliches Hindernis für die Einwanderung nach Bolivien besteht in der ausserordentlichen Höhenlage des grössten Teiles des Landes. Die überwiegende Bevölkerungsmehr- Jüdische Jugend in Kapstadt Kapstadt, 25. Juni. Den Schritt der Einordnung haben wir hier schon beinahe erfolgreich getan. Wir Einwanderer sind heute ein Teil der jüdischen Jugend Kapstadts. Wir stehen nicht mehr einsam abseits, sondern sind ein unlöslicher Teil der hiesigen jüdischen Jugend geworden. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen. So wie es früher in Deutschland junge Juden gab, die sich nicht in . die jüdische Jugend einordnen wollten, gibt es hier auch Einheimische, die abseits stehen, und Juden aus Deutschland, die noch nicht den Anschluss gefunden haben oder ihn nicht finden wollen. Das ist jedoch Schuld des einzelnen. Als seinerzeit die „Stuttgart" einige hundert Einwanderer hierher brachte; wurde uns von Mr. Sonnenberg ein Haus „Rosecourt" zur Verfügung gestellt, das einen Aufenthaltsort für alle diejenigen bieten sollte, die herkamen, ohne Freunde, und die froh waren, wenn sie zunächst einmal vier Wände hatten, innerhalb deren sie schlafen konnten. Um diesen Menschen gemütliche Aufenthaltsräume und eine Möglichkeit zu geben, neue Freunde zu finden, war „Rosecourt" geschaffen worden. Das Haus erfreute sich immer grösserer Beliebtheit. Bald wurde der Wunsch laut, eigene Veranstaltungen zu organisieren. Seit Mitte 1937 fanden regelmässig Vorträge und musikalische Abende statt. Während letzlere nur von Juden aus Deutschland bestritten wurden, holten wir uns für die Vorträge hiesige Redner, die uns über aktuelle Fragen "in unserer neuen Heimat aufklären konnten. So hörten wir Vorträge über die Südafrikanische Verfassung, über Rechtsgrundlagen in der Union, über Klimatische Einflüsse auf die Gesundheit u. a. Eine der grössten hiesigen jüdischen Jugendorganisationen trat an uns heran und erbat unsere Mitarbeit. Wir hatten niemals die Absicht, für ewig eine Art Verein von Einwanderern aus Deutschland aufrechtzuerhalten. Wir wussten, dass es unsere Pflicht war, unsere Arbeit in . erster Linie auf einer jüdischen Basis aufzubauen. Unser gemeinsames Schicksal hat uns hier zusammengeführt. Das zu vergessen, würde uns zu demselben Traum führen, aus dem viele von uns schon einmal jäh erwacht sind. W7ir stimmten also freudig dem Vorschlag zu, in die Organisation einzutreten. Einer von uns wurde in den Vorstand gewählt, der die Interessen der in ihrer Gesamtheit eingetretenen Mitglieder wahren sollte. Der ..Rosecourt" als Treffpunkt der jüdischen Immigration aus Deutschland hatte jetzt seine Aufgabe erfüllt. Mr. Sonnenberg übergab daher das Haus der gesamten jüdischen Jugend Kapstadts mietfrei. Einzige Bedingung war, dass (Jas Haus auch weiterhin allen denen offenstehen solle, die, von fernen Ländern kommend, an dieser Küste landeten, um hiereinen neuen Lebensraum zu finden. Das Haus wurde jetzt zum. „Jewish Youth Centre". Um'unsere Dankbarkeit dafür, dass wir das Pfaus über ein Jahr kostenlos zur Verfügung hatten, zu beweisen, haben wir eine Sammlung unter unseren Mitgliedern eingeleitet, um monatlich einen bestimmten , Betrag zur Aufrechterhaltung des . Hauses beisteuern zu können. Innerhalb des „Jewish Youth Centre" sind die verschiedensten Arbeitsgemeinschaften entstanden. Neben der deutschsprechenden Gruppe haben wir Gruppen, die sich mit jüdischer Geschichte und jüdischer Literatur befassen. Es gibt eine Ping-Pong- Gruppe'" und eine dramatische Arbeitsgemeinschaft. An allen diesen Gruppen beteiligen sich jüdische Menschen aus Deutschland an erster Stelle. In unserer Tätigkeit sind wir uns stets unserer jüdischen Verpflichtung bewusst. Leider ist uns die Ausführung einer Aufgabe, die wir uns gestellt haben, umöglich gemacht worden; nämlich allen denen zu helfen, die nach uns kommen sollten. Wir hoffen, dass sich eines Tages die Grenzen dieses Landes wieder in massigem Umfange öffnen werden, und dass wir dann den Neuankömmlingen mit unseren Erfahrungen hilfreich zur Seite stehen können. Gerhart Simon. Koch- und Konditoreikurse in München Die seit drei Monaten bestehenden Koch- und Konditoreikurse Albert Schwarz hatten die Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde München und der jüdischen Presse zur Besichtigung der Unterrichtsräume und zu einer Kostprobe eingeladen. Man folgte der Einladung mit grossen Erwartungen; denn der Leiter der Kurse, Albert Schwarz, hat einen über München hinausreichenden Namen als Küchenfachmann, nicht nur als ehemaliger Inhaber der Gaststätte Schwarz, sondern auch als früherer Gewerbelehrer an der Münchener städtischen Gewerbefachschule für das Gastwirtsgewerbe in die Waagschale zu werfen. Die Erwartungen wurden bei weitem übertroffen durch ein quantitativ und qualitativ ausgezeichnetes Menü, mit dem die Teilnehmer sämtlicher Kurse (Kalte Küche, Warme Küche, Kaffeeküche und Konditorei) nicht nur das Beste boten, was sie . in diesen drei Monaten als Schüler gelernt hatten, sondern auch das Vorzüglichste, was ein erlesener Geschmack sich wünschen kann. Man darf Albert Schwarz zu seiner Leistung, die im jüdischen.Bereich in Deutschland einzigartig ist, •gratulieren. Unter seiner Leitung lernen gegenwärtig 56 Schüler im Alter von 17 bis 58 Jahren aus allen Teilen des Reiches, ehemalige Kaufleute und Akademiker, Männer und Frauen, in intensiver Arbeit von Grund auf einen neuen Beruf, der sie befähigen soll, in fernen Ländern eine neue Existenz, sei es im Haushalt, als Angestellter in Restaurant- und Hotelbetrieben oder selbständig, aufzubauen. Diesem Gedanken gaben auch die während der Veranstaltung gehaltenen Ansprachen des Kursleiters sowie der Herren Hechinger (als"Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde) und von E r 1 a n g e r (namens der Kursteilnehmer) lebhaften Ausdruck. Man trennte sich erst spät abends mit dem Wunsch, dass das begonnene Werk in die Lage versetzt sein möchte, auch in Zukunft vielen jüdischen Menschen wertvolle Kenntnisse zu vermitteln. Ca. pMskMüsse b&sk Ue&mw Erscheint wöchentlich ohne Gewähr.. Postschhiss für :.Luftliostsenduniien bei folgenden Postämtern: Berlin S\Y 11, Frankfurt'Main Bthnpcstamt 19 oder Flughafen; München Postamt 1 (Fiirphafen); fcöln Flughafen. Einwurf bei anderen Postämtern oder in anderen Orten Ins zu 1 Ta£ früher. Abkürzungen: B. A. Buenos, Aires; Bonl. — Bmilonac: Chcrh. - Cherhourg-: LH Le Havre; Liss.. Lissabon: Mars. Marseille;' Melb. Melbourne: Syd. Sydney. Ziffern in Klammem — Postscklusszeitea. Ab Seeweg nach Nordamerika An Berlin Hamburg Bremen Cherb. N.-York 25. 7. 25. 7. (19) „Xormandie" 27- 7. (LH) I. 8. 28. 7. 28. 7. (19) „Bremen-1 29. 7. 30. 7. 4. S. Seeweg nach Südamerika Berlin Frankfurt Hamburg Boul. Liss. Rio B. A. 23. 7. (23) 2-1. 7. (14) 24. 7. (8) 27. 7. 10. S. 16. 8. 28. <f. (IS) 29.7.(8) ' 30.7. S.S. 15.8. 19.8 Luftweg: Zuschl. 1.50 RM für fc5g(125 Brasil) Berlin Frankfurt Köln Rio B. A. 23. 7. (13) 23. 7. (16) 23. 7. (LT) Fr. Luftp. 26. 7. 27. 7. 27. 7. (21) 27. 7. (24) Dt. Luftp. 30. 7. 31.7. Seeweg nach Südafrika Berlin Köln Sonthampton Kapstadt 27. 7. (17) 27. 7. (21) 29. 7. („Balmoral C") 15. 8. Kapsladt—Johannesburg (oder Pretoria) 30 Stunden Luftweg: Zuschlag 35 Pf. für je 5 g Berlin München Brindisi Athen 22.7.(10) 22.7.(13) 23.7.(16) ) 23. 7. (6) 24. 7. (5) l Laufzeit 26. 7. (10) 26. 7. (13) 27. 7. (16) ( 7—9 Tage 27. 7. (6) 28. 7. (5) J Seeweg nach Australien Berlin München Mars. Neapel Melb. Syd. 22. 7. (10) 22. 7. (20) 24.7. 20. 8. 21. S. 27. 7. (23) 28. 7. (12) 30. 7. 27. 8. ,28. 8. Luftweg: Zuschlag 50 Pf. für je 5 g Berlin München Athen Brindisi Laufzeit 23. 7. (6)" 24. 7. (5) 'ca. S Tage 23. 7. (10) 23. 7. (13) 24.7. (13) „ 11 .. 26. 7. (6)* 27. 7. (5) „ 8 29.' (5) 11 See- und Landweg nach Palästina Berlin München Haifa 22. 7. (16) 23. 7. (51) via Belprad—Istanbul 27. 7. 23. 7. (14) 24. 7. (<)) Schiff 26. 7. ab Piräus 29. 7. 24. 7. (14) 25. 7. (9) via Belgrad—Istanbul 29. 7. 26. 7. (16) 27. 7. (9) Schiff 28. 7. ab Brindisi 1. 8. Berlin München Brindisi Athen 22. 7. (6) 23. 7. (11) 23. 7. Lvdda 23. 7. (6)* 24. 7. (5) 24. 7. Lvdda 23. 7. (10) 23. 7. (13)f 24. 7. (16) 25. 7. Tiberias 25/7. (6) 26. 7. (11) 26. 7. Lydda. 26. 7. (6)' 26. 7. (13)+ 27. 7. (5) 27. 7. Lydda 27. 7. (6) 28. 7. (11) 28. 7. Lvdda 28. 7. (6)* 29 . 7. (5) 29. 7. Lydda ' Halle/Leipz. Flughf. (6). f via Brind. nach Haifa. AHpapier — Ado!! Nafianiel Berlin r¥ 65. Arn Xordhafen 5 4626 05. Vqh 1U13 UUe findet die Sprechstunde der Beratungsstelle des Jüdischen Centrai- Vereins, Berlin Wl 5, Emser Strasse 42, IV, statt. Sprechtage sind Montag bis Freitag, für Mitglieder des Centrai-Vereins auch ausserhalb der angegebenen Sprechstunde nach vorheriger telefonischer Vereinbarung. ■Wann .'und wo finden Sie Rat? Mitteldeutschland Halle Erfurt 26. Juli. 17—19 Uhr. GeimaTstrasse 12 (Gemeindehaus). 23. Juli. 16-18«/« Uhr, Synagogenfrebäude. Jforddeutschland Hannover Mittwochs, 16—18 Uhr, Land- schaftstrasse 6 (Bankhaus Sleyerstein). Der Sehrankkoffer Gegen gebrauchte Gegenstände habe ich eine grundsätzliche Abneigung, die daher rührt, dass ich als kleiner Junge auf ein paar alten Schlittschuhen laufen lernen sollte. Eine halbe Stunde dauerte das Anschnallen, fünf Minuten lief ich, und dann sass ich wieder am Rande der Eisbahn un'd bastelte an den alten Eisen herum. So wundere ich mich heute selbst, dass ich plötzlich einen alten Schrankkoffer erwarb. Das aber kam so: ich feierte mit einem Kollegen, mit dem ich zusammen auswandern wollte, Abschied. Während er das Visum bereits in der Tasche hatte und in den nächsten Tagen ausreisen wollte, beabsichtigte ich. zu meinen Angehörigen in die Provinz zu fahren, um dort auf die Einreiseerlaubnis zu warten. Der Freund zeigte mir an diesem Abend das Handwerfegerät, das er mitnehmen wollte. Wir erörterten die Frage, was zweckmässigerweise noch anzuschaffen sei, damit man alles Notwendige bei sich habe, und später zeigte er mir den Schrankkoffer, dessen grosse Zweckmässigkeit mir ohne weiteres einleuchtete, als er mir die Fächer für Wäsche, Schuhe, Hüte auf der einen und die schonende Aufhängung der Kleider auf der anderen Hälfte des Koffers zeigte. An sich seien solche Koffer sehr teuer, äusserte der Freund. Diesen habe er gebraucht gekauft. Man müsse sich sehr beeilen, w-enn man einen gebrauchten in der Zeitung angeboten fände. Gewöhnlich seien sie blitzschnell verkauft. Nun benötigte ich für meine Reise unbedingt noch einen Koffer. Was lag näher, als sich gleich mit einem solchen Koffer auszurüsten? Am nächsten Morgen streifte mein Blick zufällig einen gelben Karton, der in einem Vorgarten hing: Schrankkoffer zu verkaufen! Ich ging ins Haus und liess mir den Koffer zeigen. Ein Ungetüm: 1.70 hoch, je einen halben Meter breit und tief. „Nicht nehmen! Der ist ja ohne Gefäeher!" war der erste Eindruck. ..Der ist für deine Zwecke nicht zu brauchen!" Die Dame öffnete ihn, betonte, dass sie mich von selbst darauf aufmerksam mache, dass die Rückwand zwei Risse aufweise, die aber oberflächlich seien, während die Platte unbeschädigt sei; sie zeigte mir, dass hier und da ein gelber Messingknopf abgebrochen sei, dass er aber nur ein wrenig aufgefrischt werden müsse, um so gut wie ein neuer zu sein. 20 Mark sei ein Spottpreis! Ich zahlte fünf Mark an, die mir die Dame auf ihrer Visitenkarte quittierte. „Ich lasse ihn gegen Mittag abholen." Auf der Visitenkarte stand: Lotte Bronitzki, Sängerin. Auf der Suche nach einem Fuhrmann durchechoss mich der Gedanke: lass ihn stehen, hol' ihn nicht ab! Mit diesen fünf Mark bist du noch billig davongekommen. Ach, hätte ich's getan! . Als der Koffer im Zimmer stand, drückte mir die Wirtin eine Flasche Salmiakgeist und einen Lappen in die Hand und bat mich dringend, die Ecken gut auszuwischen. Denn es sei nicht ausgeschlossen, dass der Koffer verwanzt sei. Ich selber schüttete schweren Herzens eine halbe kostbare Flasche ..Kölnisch Juchten" gegen die Innenwände des Koffers, worauf er schon bedeutend besser roch. Auf dem Koffer klebte ein roier Zettel: ARTISTENGEPÄCK! Natürlich! In diesem Koffer waren die Brokatschuhe und die Abendkleider der Sängerin untergebracht. Scheinwerferlicht, Tango-Musik, Beifall, ab und zu ein paar Blumen . . . Damit hatte die Sängerin Schluss gemacht. Was soll der rote Zettel? Befördert die Reichsbahn auch das Gepäck der Künstler zu Ausnahmetarifen? Oder soll das Schild die Beamten auffordern, den Koffer schonend zu behandeln und bevorzugt abzufertigen? Wer weiss! Auf jeden Fall musst du das Schild entfernen! Sonst fragen die Eisenbahner meinen Vater, ob ich mich inzwischen so verändert hätte und ob ich unter die Seiltänzer gegangen sei. Und meine Mutter würde händeringend rufen: Wie kann man nur! Aber das fragte ich mich ja auch schon! Meine Mutter wird auf jeden Fall die Hände ringen! Nämlich dann, wenn ich den Koffer öffne und Bücher, Wäsche, Anzüge und Schuhe kunterbunt durcheinandergewürfelt ihr entgegenstürzen! War' ich den Koffer schon wieder los! Wie werde ich den Koffer los?! Einen Auktionator störe ich mitten in einer Versteigerung, einen anderen rufe ich an. Sie haben natürlich kein - Interesse. Ich überlege eine neue Möglichkeit: ich werde den Koffer leer heimschicken, ihn von unserm Nachbar, dem Schreiner, mit Fächern ausstatten und tapezieren lassen. Mit diesem Plan stand ich unversehens vor dem Schaufenster eines Koffergeschäftes. Ich gehe hinein und lasse mir Schrankkoffer zeigen. „Hier haben wir schon einen für 21 Mark." „Was bist du reingefallen!" denke ich und sage der Verkäuferin,"dass ich mich jetzt nicht zum Kauf entschliessen kann. Ich konnte ihr doch unmöglich sagen, dass ich schon einen zu Hause stehen habe. Dann gehe ich in die Meinekestrasse; w^o ich für einen Freund etwas erledigen soll. Beim Verlassen des Hauses frage ich den Portier, ob er zufällig jemand weiss, der einen Schrankkoffer braucht. „Nein", erwidert er, „für Palästina nehmen die Leute nur Kisten!" Ich überlege, ob ich's mal beim Portier des Hilfsvereins versuche. Was aber werden die Bekannten zu Hause sagen, wenn sie solch einen Koffer sehen: „Was willst du mit dem Koffer, sprich?!" Was habe ich eigentlich getan? Ich komme mir vor wie der Mann, der ein Auto haben möchte und sich zunächst mal eine Hupe anschafft, weil sie leichter anzuschaffen ist als das Auto. Das ist es,'genau das ist es! Auf keinen Fall darf ich den Koffer mit nach Hause nehmen. Lieber lass ich ihn der Wirtin als Abschiedsgeschenk stehen! Ich möchte nicht den Anlass dazu geben, dass die scharfen Zungen der Bekannten jedesmal, wenn jemand den Wunsch äussert, im Laufe der nächsten drei Monate zu verreisen, wenn nichts dazwischenkommt, sagen: „Na, auf jeden Fall können Sie sich ja schon mal einen Schrankkoffer anschaffen, das kann nichts schaden!" Glücklicherweise aber verriet mir ein Altmöbelhändler die Adresse eines Mannes, der solche Koffer aufkauft und an die Konfektion weiterverkauft. Und so bin ich den Koffer für 12 RM wieder los geworden! Habe ich die 12 RM nicht verdient? Kann ich mir jetzt nicht für das Geld einen neuen Koffer kaufen, einen schönen schwarzen, mit gelben Kanten?! „Wirtschaftliches Handeln ist die Befriedigung eines Bedürfnisses mit dem geringsten Aufwand an Mitteln" sagen die Nationalökonomen. Sie haben unbedingt recht, diese scharfsinnigen Wissenschaftler! Schade, dass man nicht immer in der Lage ist, wirtschaftlich zu handeln. Nun werden in meinem Schrankkoffer wieder Damenkleider befördnert. „So was haben Sie noch nicht gesehen, Fräulein Löwenstein!" sagt der Reisende, der die neue Kollektion vorführt, zu der Abteilungsleiterin, während' er die Schnappschlösser aufspringen lässt. „Ist das nicht ein schöner Georgette?! Und dieser Mantel! Den zeige ich nur der Stammkundschaft!" Der aufmerksame oder gar fachkundige Leser wird hier schon merken, dass ich von der Konfektion und ihren Gebräuchen gar keine Ahnung habe, er wird aber gleichzeitig fühlen, wie glücklich ich bin, dass ich den Koffer wieder los bin! Meinem Vater habe ich ein Telegramm geschickt, er solle mich morgens um fünf Uhr auf dem Bahnsteig in Empfang nehmen. Mit zvvei grossen und zwei kleinen Koffern, einer grossen Aktenmappe und einer Huttüte stürzte ich ihm aus dem Nachtschnellzug entgegen. h.I. Das Jugendpflegeamt "der Jüdischen Gemeinde Berlin gibt im zweiteu Jahrgang das Heft 3 seines Mitteilungsblattes „Jüdische J u g e n d" heraus, das unter dem Leitwort „Freizeitgestaltung" steht. Das Heft gibt praktische Ratschläge und berichtet von Erfahrungen, wie jüdische Jugendliche in dieser Zeit ihre Freizeit ausnützen können, wobei es dem einzelnen als Ziel setzt, „zu sich selbst zu kommen, um neue Kraft zu schöpfen für Arbeit und Dasein". Hervorgehoben sei aus der Reihe der Beiträge die Erzählung „Der Fuchs" von Jakob P icar d.__ ' G. F. Der Hilfsverein der Juden in Deutschland bittet um Uebeiiassung von Buche rspen den, -die teils nach Bogota (Kolumbien), teils an die Iea-Kolonicn in E n t r e Ri o s (Argentinien) weitergeleitet werden sollen. Da diese Bücher dazu bestimmt sind, 1udiscb.cn Auswanderern in Uebersee Freude und Belehrung zu schaffen, soll es sich um Bücher gediegenen Inhalts aus der jüdischen oder der allgemeinen Literatur handeln. Bücherspenden an:. Hilfsverein der Juden in Deutschland (Informationsabteilung^, Berlin W 35, Ludendorffstr. 2U.