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Central-Verein-Zeitung · 1938-07-14 · 28 (14.7.1938) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
28 (14.7.1938)
Date
1938-07-14
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Kr.28* 14.Juli1938 2ÄUBGR ^€R5 kABB C.-V.-Zeifung * Seite 1Z 3. Fortsetzung x Von*Leo Rein X ber auch unter dem Bilde eines Baumes werden die zehn Sefirot dargestellt. Dieser „Baum" entsteht zunächst durch ein Schema senkrechter und waagerechter Linien, welche die „mittleren" und die „rechten" und „linken" Sefirot miteinander .verbinden. Die senkrechte Hauptlinie wird gebildet von Keter der Krone, welche an der Spitze steht, Tiferet der Schönheit, Jessod der Basis und Malchut dem Reich; sie wird auch die „Säule der Mitte" oder des „Ausgleichs" genannt. Diese Hauptlinie wird durchschnitten von drei waagerechten Linien, an deren Enden die Sefirot- Paare angeordnet sind: an -der obersten rechts die Weisheit (Chochma), links die Einsicht (Bina); an der zweiten rechts die Gnade (Chessed), links das Gericht (Din); an der dritten rechts der Triumph (Nezach), links die Glorie (Hod). Es gibt auch graphische Darstellungen der Sefirot, in denen diese Reihenfolge umgekehrt, das Schema auf den Kopf gestellt erscheint: es beginnt alsdann mit Malchut dem Reich und endigt mit Keter der Krone. In dieser umgekehrten Form darf es wieder an die alte, fast vergessene Bedeutung der zehn Sefirot als Zählung und Zahlbuchstaben erinnern: in dieser Form zählt man die Sefirot wieder von eins bis zehn, von der Sefira Malchut (Alef) bis zur Sefira Keter (Jod). Verbindet man nun noch die Sefirot der beiden Seiten des ersten Schemas durch senkrechte Linien, so erhält man auf der rechten, „männlichen" Seite aus den Sefirot Chochma. Chessed und Nezach' die „Säule der Gnade", auf der linken, „weiblichen" Seite aus den Sefirot Bina, Din und Hod die „Säule des Gerichts". Dies ist der berühmte Baum der Kabbala, zu dessen Symbolik die Meditation über den Paradiesmythos, über den Baum der Erkenntnis und den Baum des Lebens gewiss einiges beigetragen hat. Kabbalistischer Lebensbaum Fot. Archiv Die Folge der Emanationen Fot. Archiv Aber die Welt der Sefirot ist nur die höchste, die strahlende, göttliche Lichtwelt, die ihr Licht weitergibt, durch seine Ausstrahlung weitere Welten schafft. Allerdings verdünnt sich, mit der weiteren Entfernung, die Ausstrahlung immer mehr, vermischt sich mit Unreinem, so dass die unteren Welten auch die niedersten sind. Nach der Systematik der Kabbala folgen auf die Welt der Sefirot, die Olam ha-azilut genannt wird, die Welten Olam ha-beria (Welt der Schöpfung), Olam ha-jezira (Welt der Formgebung), bis in der Welt Assia oder Welt der Handlung auch die 'Materie ihren Platz findet. In ihr denkt der Kabbaiist die „Kelifot", die „Schalen" oder Hüllen, die Welt des Bösen und der Dämonen wohnhaft und nennt sie eine Welt des Scheins und Truges . . . Das Böse — die Dämonen sind oft nur verkörperte böse Triebe (Jezer ha-ra) — entsteht somit aus dem abnehmenden Licht bzw. der Entfernung vom Göttlichen, dem „Abfall" von ihm. Doch tritt hin und wieder eine — widerspruchsvolle — andere Ableitung des Bösen auf. Aus der Ueberspitzung von Strenge und Gericht, der „linken Seite", soll es stammen, und in diesem Sinne heisst die Hölle „Gottes Zorn". Dagegen wird die hohe Einschätzung der menschlichen Seele durch ihre Zuordnung zur Sephira Bina-Einsicht gekennzeichnet. Graphische Darstellungen kabbalistischer Druckwerke zeigen den Zusammenhang dieser Welten, eine mittelalterliche Kosmologie, in einem System krauser Kreise und Linien. Doch auch hier wird das Bild des Baumes wichtig und steigt auf zu mythischer Bedeutung: dies System wird oft der „Weltenbaum" genannt. So sehen wir in der Kabbala eines jener Weltsysteme, zu denen nicht nur das jüdische Mittelalter gläubig aufblickte. Hat doch der grosse italienische Dichter Dante seiner „Göttlichen Komödie" ein in manchen Zügen nicht unähnliches System zugrundegelegt. Auch für Dante bedeuten die Leidenschaften und Triebe, das Unterlassen des Guten und das Tun des Bösen, die Vergehungen, gegen menschliche und göttliche Ordnung, die Hölle, und die göttliche Welt ist ihm — und Gustave Dore, dem wundervollen Illustrator der dunklen und erhabenen Dichtung — ebenso eine strahlende Lichtwelt wie der Kabbala. Auch er zeigt den „Abfall" vom Göttlichen und den Wiederanstieg zu ihm; auch ihm ist, wie dem Buche Jezira, Jerusalem der Mittelpunkt der Welt. Dante kennt und benutzt die Zahlen- und Buchstabensymbolik und die allegorische Maskierung der Begriffe durch Bilder; wie kein Zweiter lebt er in den Vorstellungen der biblischen Bücher, deren Psalmen er zitiert, deren Persönlichkeiten er in zahllosen Anspielungen gedenkt. Im 29. Gesang des Purgatorio schildert er auch die „vier Tiere" der Ezechielischen Vision, „beschwinget mit sechs Flügeln, die Flügel voller Augen"; zwischen ihnen einen Siegeswagen, gegen den ,.wär' arm selbst der der Sonne, der Sonnenwagen, der entgleist verbrannt ward" — also eine Vorstellung, die der Merkaba nicht unähnlich ist und möglicherweise von ihr her umgebildet erscheint. Ebendort erstrahlt auch der Glanz von sieben hohen Leuchtern — die Schema des Weltsystems Fot. Archiv aber nichtsanderes sind als die sieben Tugenden der Einsicht, des Rates, der Weisheit, Wissenschaft, Frömmigkeit, Stärke und Gottesfurcht. Die Möglichkeit, dass Dante die Kabbala bereits gekannt habe, erscheint hiermit nicht ausgeschlossen, und in der Tat haben einige Gelehrte über die Beziehungen Dantes zur Kabbala gehandelt. er. Wie sollte man denn auch so etwas in sich verschliessen können? Würden nicht die Kinder, diese Kinder, den Schweigenden bedrängen?' Denn Kinder, auch diese hier, nehmen es nicht geduldig hin, dass man ihnen gute Dinge vorenthält, die ihre Augen sehen oder ihr Spürsinn in der Nähe ahnt. Dem dachte der besorgte Onkel doch lieber zuvorzukommen. Der gute Sokrates! Merkte er, dass er soeben ein geriebener kleiner Sophist geworden war, der die Sachen nach seinem Belieben zurechtdrehte? In ruhigen Stunden, wenn er daheim vor seinem grünen Tintenfass sass, ein bisschen gelangweilt mit einem kleinen Geschäftsbuch und ein paar Rechnungen hantierte, ja, da sah er die Dinge anders an. Da war ihm bewusst, oft schmerzlich bewusst, dass die Kunst und über allem die heiss geliebte Frau Musika sein Lieben fast so unerwidert zurückwies wie die gänzlich unnahbare Frau Physika. Und dass seine Unterhaltungen mit den Kindern im Grunde verzweifelte Liebesklagen und -seufzer waren, ihm mehr als den Kindern dienlich, weil sie ihn, der kein Instrument besass und keines spielen, ja vielleicht keine Note lesen konnte, weil sie ihn ein wenig befreiten, seine Sehnsüchte und seine Betrübnis, nie und nimmer zu aktivem Dienste der Frau Musika zugelassen zu werden, über andere Seelen ausschütteten, in denen sie — hoffentlich! — nicht abermals als Trübsal und Sehnsüchte, sondern als Segen und Tat erblühen würden. Man war in der kleinen, schläfrigen Werderschen Rosenstrasse vor dem Hause angelangt, in welchem die Eltern der Kinder und ihre vielen größeren Brüder und Schwestern ein Stockwerk bewohnten. Der kleine Hermann küsst dem Onkel die Hand und zieht das Fazit, zu ihm halb und halb zu der Schwester gewandt: „Sie muss einen Kapellmeister heiraten. Dann werden sie reich. Dann bekommen sie vom König ein Segelschiff. Und ich steuere es." „Und mich nehmt ihr mit auf Fahrt?" fragt der Onkel lächelnd. Jenny fliegt ihm lachend und weinend um den Hals. Familienrat vor dem Konzert Oben ist der lange Abendbrottisch gedeckt. Aber die Stühle sind noch leer. Mutter Henriette hantiert in der Küche, Vater Kaspar liest am Fenster die „Vossische". Die Kinder sind hungrig. Die Leberwurststullen schmecken. Sie sind jetzt nicht mehr die vornehmen Leute aus der Bendlerstrasse. Das kann man nur an Onkel Simons Arm. Aber die Gegenwart ist auch gut. Die reinliche Trennung der beiden Gebiete verursacht weder Pein noch Bedauern in diesem reinlichen Hause, in welchem jedes Ding an seinem richtigen Platze sich befindet. Soehlke? Martini? Natürlich kommt man auch einmal ohne den Onkel dort vorüber. Die Leckerbissen bei Martini lohnen nicht das Stehenbleiben. Aber an die Soehlkeschen Schaufenster darf man ungestraft die Nasen drücken. Neidlos betrachtet man die unbeschreiblichen Herrlichkeiten, die Graien- und Generalskinder bekommen, wenn sie artig gewesen sind. Uebrigens kann man vor dem Schlafengehen noch ein halbes Stündchen mit den Anziehpuppen Schule spielen. Die Anziehpuppen haben Namen. Sie sind musikalisch und spielen mehrere Instrumente. Unter den Puppen gibt es hübsche und hässliche, kluge und dumme Mädchen und Jungen. Herman liebt die Puppe Sophie am heftigsten, denn sie ist klug und schön. Jenny liebt Waldemar. Der ist schlank wie ein Prinz und besitzt herrliche bunte Kleider. Aber mit dem Schulespielen beginnt der Ernst des Lebens. Nach einem unerschütterlichen Gesetz darf keine Puppe ihrem rechtmässigen Lehrer entzogen werden, und Jenny ist ein für alle Male Lehrerin von Hermanns Puppen. Hermann Lehrer von Jennys Puppen. Jenny verlangt Unmögliches von Sophie und legt sie hinein. Hermann rächt sich und setzt den dummen Waldemar auf den letzten Platz wregen seines ausdrucklosen Trommelspiels. So endet dieser, so enden meist die „Onkel Simon'VFage. Zerknischt begeben sich die Kinder zu Bett und schlafen unter glücklichen Träumen Vergessenheit bis zum andern Morgen. An einem der folgenden Abende gibt es eine Art Familienrat in dem Hause der Werderschen Rosenstrasse. Alle sind am Abendbrottische versammelt. Vater Kaspar und Mutter Henriette, zwei Brüder des Vaters, zwei verheiratete Töchter mit ihren Männern (deren einer Onkel Simon ist), und die übrigen Söhne und Töchter bis herunter zu den Jüngsten, Jenny und Hermann, die heut mit den Grossen essen dürfen. Vater Kaspar hat bei Tische — gegen die Sitte des Hauses — noch die „Vossische" in der Hand. „Wer kommt morgen mit zu Liebig in den Sommerschen Salon?" fragt er. mit der Zeitung knitternd, worauf ihm die nervöse Mama Henriette das Blatt entzieht, um es vorwurfsvoll auf einen Nebentisch zu legen. Die Essenden sehen nicht von ihrer Suppe auf. Viele, etwas mehr als die Hälfte, heben die Hand hoch. Die Frage erscheint ihnen überflüssig, da Liebig jeden Mittwoch und jeden Sonnabend bei Sommer oder in der Villa Colonna seine Sinfoniekonzerte gibt, und der Besuch der Konzerte für die Mitglieder einer so musikliebenden Familie eine Selbstverständlichkeit, aber dem Belieben jedes einzelnen überlassen ist. „Wollen wir nicht allesamt hin?" fragt Kaspar nochmals. „Es ist was Besonderes los. Sie spielen ein klassisches Klavierkonzert. Stern dirigiert."; Jetzt sahen alle auf. Das war ja ganz was Neues. Misstrauische Gesichter blicken über den Tisch zum Vater hinüber. „Ich meine, das ist nichts für uns", sagte Johanna, die älteste Tochter, mit einer Miene, als hätte sie etwas Unrechtes in der Suppe gefunden und hinuntergeschluckt. „Nicht wahr, Alterchen, dir genügt Liebigs Kapelle?" wandte sie sich zu ihrem Manne, der sich, ein angeheirateter Fremdling, aus der Musik nichts machte und nur aus Gutmütigkeit stets mitging und stets dabei einschlief. Die Mutter, die an zunehmender Schwerhörigkeit zu leiden begonnen und daher meist zu Hause blieb, sagte: „Klavier allein ist gewiss sehr anstrengend. Zu viel für deine Nerven, Kaspar. Am anderen Tage hast du doppelten Aerger mit den Schneidern." Inzwischen hatte Julius, ein^jüngerer Bruder des Hausherrn, ein schöner Mann mit blitzenden Jünglingsaugen und einer lustigen Künstlertolle, die Vossische an sich genommen und las darin. „Warum sollen wir uns vor jeder Neuerung fürchten?", sagte er. „Die Voss schreibt, man habe die Frage ernsthaft überlegt, ob die gebildete Berliner Bürgerschaft für solche Klavierkonzerte schon die erforderliche Reife habe. Das Publikum habe bisher meist vor Kammermusikaufführungen, namentlich Sonaten und Quartetten aus der Spätzeit der grossen, klassischen Meister, versagt. Doch wohl aus Mangel an Verständnis? Jetzt biete man ihm erneut die Gelegenheit . . . Frechheit! Donnerwetter, wir sind doch keine Schulbuben. Unser Neffe und Schwager Simon geht in der Singakademie ein und aus, ein Stolz unserer Familie. Und wir trauen uns nicht zu Liebig, wenn einer Klavier spielt?" Es klingelte. Frau Panzeram, die Kinderfrau bei der befreundeten Familie aus dem Nachbarhause, hatte irgendein hausfrauliches Anliegen. Nachdem Frau Henriette sie abgefertigt, grüsste sie mit ihren gutmütigen Augen in das Esszimmer hineinein. „Seid. Ihr morgen bei Liebig, Panzeram?" fragte Julius. „Net:, sagte sie, „unsre Frau hat jetzt nischt zu häkeln. Sie ist man eben mit ihrer Decke fertig geworden, und Neues hat sie nicht. Ohne Häkelei macht sie sich nichts aus Musik. Was spieln sie denn?" .. „Ein Klavierkonzert. Zum erstenmal in Berlin. Sehr was Schweres und Ernstes", sagte Mutter Henriette. Wie das Klavierkonzert heisse, wollte die Panzeram noch wissen. Onkel Simon sagte, Klavierkonzerte hätten keine besonderen Namen, es sei in G-dur. (Fortsetzung folgt.)

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