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Central-Verein-Zeitung · 1938-07-14 · 28 (14.7.1938) · page 16

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
28 (14.7.1938)
Date
1938-07-14
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seife 16 C.-V.-Zeitung Nr.28 * 14. Juli 1938 Gottesdienste in Berlin > Abkürzungen ALTER RITUS: Granewald G., Heidereutergasse H., Kaiseretr. K., Köpenick Kp., Münchener Str. M., Pestalozzistr. Pe., Rykestr. R., Thielsch-Ufer Tu. NEUER RITUS: Fasanenstr. Fa., Friedenstempel Fr., Levetzowstr. Le., Lindenstr. Li., Lützowstr. Iü., Oranienburger Str. 0., Oranienburg Or., Prinzregentenstr. Pr., Schmargendorf Sm. REFORM: < Johannisstr. Jh., Joachimsthaler Str. J. FALKENBERG - Synagogen: Kaiserstr. Ka., Kaiserdamm Kd., Prenzlauer Promenade Pz., Schönhauser Allee Sö., Triftstrasse T. Sonnabend, 16. Juli Freitag, 15. Juli Sonntag (St.), 17. Juli Fa. 30 Salomonski 10 Fr. 19 Warschauer 10 G 19.30 9 ' H 19.30 8.30 J 18.30 Gottschalk — Jh. — 10.30 (St.) Rosenthal K 19.30 9 Ka. 19.30 Loewenthal 10 Zimet Kd. — — Kp. 19.30 9.45 * Le. 39 Jospc 10 Li. 19 Maybaum 30 Lii. 19 Nussbaum 10 ' M 19.30 9 O 19 Weyl 30 Pe 19.30 9 Pr. 19 Wiener 10 Pz. 19.30 Zimet — R 19.30 9 Sm. 19 Löwenthal 10 Sö. — — ' T 19.30 Winter — Tu. 19.30 9 WEITERE VEREINS - SYNAGOGEN: Berliner Strasse 91 (Hohenschönhausen), lö.: 20. — FalkenthalerSteiglO(Hermsdorf), 15.: 33.30:16.: lO(Heimann). — Frankfurter Allee 56, 15.: 19.30; 16,: 20,49; St.: 8; werktags 7 und 19.30. — Kammerstr. 7 (Spandau"), 15.: 19.30: 16.: 10 und 21.19. — Lothringer Str. 22. 15.: 19; 16.: 10. — Mark?raf-Albrecht-Str. 11/12, 15.: 39.30; 16: 9. — Prinzenallee 87, 15.: 19.30: 16.: 9 und 20.45; werktags: 7 und 19.30. — Schulstr. 7, 15.: 18.30 (Adler); 16.: 9.30 (Adler). fragmentarische „Hirtenlied" von Gerhart Hauptmann und einige Szenen aus Richard Beer-Hofmanns ..jungem David'* hervor. In diesen beiden Werken, in denen das Lyrische überwiegt, wo eine reiche Bilder- und Gedankenfolge alles Dramatische überrankt, gibt die Gestaltungskunst Walter Herz ihr Bestes. Dass der Vortragende auch den leicht hingeworfenen, humoristischen Erzählerton reizvoll zu präsentieren versteht, bewies der Erfolg, den er mit Mark Twains Tischgespräch „Tot oder Lebendig" und den entzückenden Satiren des Meisters der kleinen Form, Alfred Polgar, zu verzeichnen hatte. — yo — In der Photogruppe Tinunah hielt Hans S. LI e w y einen interessanten Vortrag über „Werbephotographie — ein neuzeitlicher Beruf". Der Redner, selbst ein Fachmann mit grossen praktischen Erfahrungen, sprach vom Umschichten auf die Photographie, von allen Möglichkeiten, die das Fach dem Auswanderer bietet, aber auch von vielen Schwierigkeiten, die sich einstellen, wenn eine Ausbildung zu kurzfristig ist oder gar nicht sattelgerecht vor sich geht. Ist es doch mit dem Begriff Werbung oder Propaganda nicht getan! Weder der Werbephotograph noch der Werbeberater dürfen einseitig und zu Konzessionen bereit sein, immer gilt es, das rechte Organ zu besitzen für die tausend Möglichkeiten der Reklame. Der erste Teil des Vortrages war wenigerauf das Photographische aufgebaut als darauf, den Sinn und die Bedeutung des Inserates herauszustellen. Man sah im Lichtbild beachtenswerte Proben alter und neuer Insejate, tüchtige und weniger zugkräftige Leistungen,; um schliesslich zu erfassen, was der Blickfang, das Bildinserat, die gesamte Anordnung des Inserates im Leben der Wirtschaft und in der Arbeit des Werbephotographen für eine wichtige Bedeutung besitzen. Dr. O.B. Jüdischer Kulturbund Berlin Wochenplan Theater in der Kommandantenstr. 57, 20 Uhr: Drei Einakter von Courteline: 17. Juli (Abt. 8. 18 und 3: 3300—3399), IS. Juli (Abt. 9, 19. 3: 3400—3449 und 13: 13 450—13 499\ 19. Juli (Abt. 21, 31 und 13: 13 500—13 549), 20. Juli (Abt. 29 , 39 und 1$: 13 550 bis 13 649), 21. Juli (Abt. 27. "37 und 13: 13 650 bis 13 749). 23. Juli,. 21 Uhr (Abt. 24, 34 und 13: 13 750 bis 13 850). _ Jüdisches Leben — Jüdischer Geist Berlin Arn 3. Juli, dem Jahrzeittage des unvergeßlichen Begründers des Rabbiner-Seminars, Esriel Hildesheimer, fand die traditionelle Entlassungsfeier der Absolventen der Anstalt statt. In der" dichtgefüllten Seminarsynagoge »bemerkte man neben vielen Rabbinern auch namhafte Vertreter der Gemeindeverwaltungen. Die Gedenkrede auf Esriel Hildesheimer hielt Rabbiner Dr. Eduard B i b e r f e 1 d. Er vermittelte vieles von ' dem geistigen Milieu des Kreises um Hildesheimer. Leitstern seines Lebens, so führte er aus, war jenes alte talmudische Wort: Bei jedem Streit zwischen einzelnen und der Gesamtheit bleibt die Entscheidung der Gesamtheit massgebend; wo das Einzelne in die allgemeine Interessensphäre störend hineinragt, muss das Interesse der Gemeinschaft übergeordnet werden. Mit besonderer Liebe hing Esriel Hildesheimer am Rabbiner-Seminar: alle Ereignisse des Seminarlebens spiegelten sich in seinem Denken und Fühlen wider. Inbegriff seines Lebens war der kategorische Imperativ seiner Pflicht; alles in ihm ordnete sich der Pflicht unter. — Die Rezitation des Psalm 16 durch den Rabinatskandidaten Oberkantor Apfel leitete über zur Rede des Rektors Dr. W e i n b e r g. Im Zusammenhang mit dem Wochenabschnitt Korach stellte er eine psychologische Betrachtung über die Persönlichkeit Moses an. Aus seiner Interpretation des . biblischen Textes ergab sich eine Fülle von Gedanken, die in ihrer Summierung das Persönlichkeitsbild abrundeten. In allen Zeiten, so formulierte Dr. Weinberg die Nutzanwendung seiner Betrachtung, besonders aber in Zeiten der Not, musste der jüdische Volksführer bei seiner Gemeinde sein. Der Rabbinerberuf verlangt besondere Heiligkeit. ' Weder Rhetorik noch Diplomatie dürfen für den Rabbiner entscheidend sein; der Weg eines Rabbiners ist nicht der Weg einer Karriere. In diesem Sinne ermahnte er den Absolventen, Rabbiner Jacob Fink, das rabbinische Amt zu führen. — Rabbiner Jacob Fink hielt darauf die Entlassungerede, die er in deutscher Sprache begann und in hebräischer Sprache fortsetzte. Er unterschied in der geistesgeschichtlichen Situation des Judentums von heute zwei Denkhaltungen. Zum ersten die des Rationalismus und zum anderen die Verselbständigungstendenzen der Hagada, die ihr jeden E influss auf das praktische religiöse Leben nehmen wollen. Kern des Judentums ist und bleibt die normierte Halacha. Viele Menschen meinen, Juden brauchen heute keinen religiösen Führer. Häufig macht bearbeitet von P. Rosenblatt Schachaufgabe Nr. 127 von S. L o y d .B&ll 11 m.^^M^^^m^^ ''m& ■! HP WBös m M, mk H1^3 WS. WM i WM Wfa Ii iiiii 'Z£i% %*r W/M &. tVir^Z fl/fr/ ti •Y^S3?-,' V: / '/////v/f ff* 'as&S& VWV'/// jjWgjJLlfl in ■Matt in drei Zügen Weiss: Kai, Dbl, Lg2. Sh3 (4) Schwarz: Kel, Ldl, ScS, Bd2, e2, f5, g7 (7) * Schachaufgabe Nr. 128 von W. A. Shinkman IJI ■.....£ AJMfW* wm. «l « "i^'M WM; V// "' JrJßwPn MM 3 III Matt in drei Zügen Weiss: Ke2, Df4, Sh4, Bf5 (4) * Schwarz: Kh5, Sg7, Sh2, Bh6 (4) # Die vorstehenden Probleme der beiden verstorbenen berühmten amerikanischen Problemkomponisten -sind vor 80 bzw. 60 Jahren erstmalig erschienen. ' * Lösung der Aufgabe Nr. 123: 1. Ld8—h4, (drohend Tg2—h2 matt.) . . . Th7Xh4; 2. Se3—fo, Th4—g4; 3. Tg2—h2 matt. « . . Kh3Xh4; 2. Se3—f5f und 3. Tg2-g3 bzw. gö matt. Der sofortige Versuch, durch 1. Se3—fo mit dem . Turm auf g3 matt zu setzen, scheitert an Th7—g7. Durch die „römische" Hinlenkung des schwarzen Turmes nach b4, muss dieser auf 2. Sf5, auf g4 anstatt auf g7 gehen, wodurch er dem König ein Fluchtfeld nimmt, so dass 3. Th2 matt erfolgen kann. # Lösung der Aufgabe Nr. 126: 1, Se6—g5 (drohend 2. Dh3—d7 matt.)- Tg6—e6; e7—e6: 2. Sgö—f7 matt ... La2— eft 2. Dh3—li2 matt Lc7—d8; 2. Tc8—c6 matt Lc7—bß: 2. Sa7—b5 matt Sa8—b6: 2. Dh3—a3 matt . . t Db8Xc8f; 2. Sa7Xc8 matt. * Richtige Lösungen von 125 und 126 gingen ein von Ella Rüben (Bünde), Tierarzt Max Koschminski (Landsberg), Louis Wertheim (M.-GIadbach), Gerhard Lewisohn, Paul Silberstein, Rechtsanwalt Dr. Ernst Meyer, Sanitätsrat Dr. S. Domke, Dr. med. Gerhard Böhm (Berlin), Rechtsanwalt Dr. Ernst Boehm (Brieg). Alex Becker (Königsberg), Jacob Baumann (Köln), Gottfried Gumbel (Stuttgart), Landg.-Rat a. D. Dr. Karl Ulrich (München), Siegmund Austerlitz (Giessen), Lothar Schönthal (Nürnberg). Adolf Schück, Alfred Dzialoszynski (Breslau^ Michael Lew (Krefeld), Dr. med. Meyerhoff (Rotenfels). Bernhard Loeb (Bingen), Dr. med. Herbert Picard. Gustav Lewi, Rechtsanwalt Ludwig Mayer (Berlin). Von 126: Dr. Max Levi (München), Tilde Adler (Amsterdam). G. Arnheim (Berlin). Von 124: Bernhard Loeb (Bingen). * Schachbriefkasten: Dr. M. (Rotenfels). Bei Aufgabe 124 führt 1. Kf3, (Drohung 2. Df7, 3. Le4 matt) nicht zum Ziel. Schwarz erwidert 1. Tb7—a7. 2. Ta7—a4! man den Rabbinern den Vorwurf, dass sie in der Theorie stecken bleiben und die konkreten Fragen des Alltags nicht zu lösen imstande sind. Trotzdem aber muss der Rabbiner in das Volk hineingehen, um den Menschen die hohen Kräfte jüdischer Geschichte zum Bewusstse« zubringen. Wenn der Rabbiner eine Persönlichkeit ist, wird sein Wort stets Eingang finden. -Mit einem Dank an das Dozentenkoilegium für die empfangenen Lehren beendete er seine Rede. — Am Schluss der Feierstunde sang Oberkantor Apfel das El mole Rachamim auf R. Esriel Hildesheimer. Kurt Klappholz. Aus den Gemeinden Dresden Nach einer kürzlich veröffentlichten Uebersicht wurden von der Jüdischen Winterhilfe 367 Parteien mit insgesamt 814 Personen unterstützt, davon 296 Parteien ohne Kinder unter 14 Jahren. Dem Beruf nach waren die Unterstützten: Landwirte (3), selbständige Handwerker (18), Handwrerkergehilfen (20), gelernte Arbeiter (21), ungelernte Arbeiter (43), Vertreter (36), Händler (54), selbständige Kaufleute (24), kaufmännische und Büroangestellte (73). freie Berufe (27), Hausangestellte (13, nur weiblich), Rentner und Pensionäre (19, nur männlich), Hausfrauen (275), Schüler (149). Ohne Beruf waren 39 (nur männlich). G. J. München Am 11. Juli fand auf dem Alten Jüdischen Friedhof die Grabsteinweihe für den vor einem Jahr verstorbenen Rabbiner Dr. Max Freude n t h a 1 statt. Es sprach Kommerzienrat R o s e n z w e i g als Erster Vorsitzender der Israelitischen Kulfusgemeinde Nürnberg, in der Freudenthal bis zu dem Tag wirkte, da er sich nach München in Ruhestand begab, Oberlandesgerichtsrat i. R. Dr. Alfred Neumeyer (München) für den Verband bayerischer israelitischer Gemeinden, in dessen Präsidium der Verstorbene segensreich gewirkt hat, und als Kollege Rabbiner Dr. J. Heilbronn (Nürnberg). Alle Redner zeichneten die Gestalt des warmherzigen Menschen, des begnadeten Redners, des Gelehrten, in ergreifender Weise. Rabbiner Dr. Leo Baerwald Hess die Stunde in das El Mole Rachamin ergreifend ausklingen. - Der Grabstein Dr. Freudenthals wurde von seiner dankbaren Gemeinde Nürnberg gestiftet. _ —mm. Frau Hermann Kaufmann (Münstermaifeld, Krs. Mayen) wird am 15. Juli S5 Jahre alt. — Josef Kaiser (Frankenberg/Eder) vollendet am 17. Juli sein 70. Lebensjahr. — Michel Kahn (Meurich, Krs. Saarburg) feiert am 19. Juli seinen SO. Geburtstag. — Jakob Müller (Ahaus/Westf., früher Lauchröden b. Eisenach) begeht am 19. Juli seinen 90. Geburtstag. — Moritz Simon III und Frau (Frankfurt a, M., früher Gerlingen b. Bingen) feiern am 20. Juli ihre goldene Hochzeit. im verweilt in ein elegantes junges und schönes Ehepaar verwandelten, sie und alle ihre Abendgäste waren glühende Musikfreunde und Musizierende. Das schönste Zimmer des Hauses war denn auch der Musiksalon. Ueber ovalem Grundriss erhoben sich die stoffbespannten Wände, ein ovaler Rokoko-Ofen strahlte an den Winterabenden köstliche Wärme aus. Auf Podien zwei Bechstein-Flügel aus leuchtendem Ebenholz. In Glasschränken gab es in scheinbar lässiger Ordnung herumliegende Violinen, Violas, Flöten. . Oboen, Klarinetten in seidengefütterten zierlichen Kästen. In einer Wandnische lehnte ein Violoncell, in einer andern eine dicke Bassgeige. Den Parkettboden bedeckte, weich wie Waldesrasen, ein leuchtend roter Teppich. Und nun die Konzerte selbst. Jenny sass meist am Flügel, sie spielte wunderschön und hieb selten daneben. Hermann blätterte die Noten um oder er plauderte mit den älteren Damen. Alles dies aber ereignete sich mit tausendfach variierenden Einzelheiten auf den Tiergartenspaziergängen, die der Onkel Simon mit den beiden Kindern an schönen Nachmittagen unternahm. Es war übrigens unnötig, dass man jedesmal an „unserer Villa" vorüberging und dort verweilte, da deren Besitz und deren Kenntnis bis in den letzten Kellerwinkel allen dreien von unumstösslicher Gewissheit war. „Höre mal, Jenny, die alte Gräfin machte gestern ein Nickerchen, als du das Andante opus 120 spieltest, und — denke dir — gerade bei dem spannenden Uebergang, der einen so neugierig machen soll auf das, was nun kommt. Warst du denn nicht völlig bei der Sache? Ja, das muss man allerdings, wenn man den Leuten am Klavier eine Geschichte erzählt. Ich habe mich ein bisschen für dich geschämt, weisst du." Mit solchen völlig aus der Luft gegriffenen Anhieben pflegte der Onkel die Schleusen der kindlichen Wissbegier aufzureissen, die ihn sogleich mit tausend schäumenden Fragen und Blicken übersprudelten. Dann war er zufrieden, und der Ernst und das schauspielerische Raffinement, mit dem er vorgegangen, wurden ihm reichlich vergolten. Auch die Kinder schauspielerten, wenn es nötig war, und fielen nicht leicht aus der Rolle. Es gab richtiges Wortgeplänkel, eh' man zur Sache kam. Jenny verteidigte sich, gekränkt tuend gegen den Vorwurf, beim Spiel nicht bei der Sache gewesen zu sein, oder sie wies auf Hausfrauensorgen hin, die sie gehindert hätten, es zu sein. War dann der Onkel formell und materiell in die Beweispflicht gedrängt, dann musste er das „streitige" Musikstück singen, pfeifen, nochmals singen, mit den Fingern in der Luft Klavier spielen, diesen und jenen Takt den Kindern auf die erfrorenen Nasen trommeln. Er musste von den Kompositionen erzählen, wie dem zumute war, als er die Melodie erfand, wto dies geschehen, wem er sie zum "erstenmal vorgespielt, und so fort. Kein Wunder, wenn die Kinder zuweilen mit so viel neuem Gefühlsbesitztum aus des Onkels Schleusen ganz einfach nicht fertig zu werden vermochten und in Abwehr und Furcht ihre Fragen verstummen liessen. Dann stoppte der gute Onkel, ohne sich wegen der angerichteten Verwirrung im übrigen grosse Sorge zu machen, und versuchte, durch Ablenkung in realeres Gebiet die Ordnung wiederherzustellen. Manchmal erleichterte ihm diesen Uebergang das Erscheinen eines Monstrums des damaligen Berlin, der sogenannten Klingelbahn, die in allen Stücken das Gegenteil des Häuschens an der Bendlerstrasse war: betriebsam und geräuschvoll, hässlich und aller Augen auf sich ziehend. Es war ein Güterzug, den eine hagere, russbeschmutzte Lokomotive kläffend und keuchend mitten durch die bewohnten Strassen der Stadt schleppte. Die Erwachsenen begegneten dem rasselndenRädertier schmunzelnd oder schimpfend, die Kinder aber mit rückhaltloser Begeisterung. Diese setzte dann der Onkel unverweilt in ein Kolloquium über Physik und Wärmelehre um; das damit endete, dass der Dampf und die Bedrängnis und Atemnot, die er in dem Kerker des Lokomotivzylinders erduldete, ' ein Gegenstand ■des lebhaftesten Mitgefühls der Kinder geworden war. Aber Onkel Simon hatte keinen Anlass, sich auf solchem Gebiet festzufahren. Er Liebte die Naturwissenschaften, aber er besass sie nicht. : Zumal die Physik, am leidenschaftlichsten begehrt, hatte seine Liebeswerbungen in den Schul- und allen folgenden Jahren mit besonderer Sprödigkeit zurückgewiesen. „Simon Sachs, steilen Sie diesen Hohlspiegel so, dass man die Sonne in ihm erblicken musste, wrenn sie bei diesem bewölkten Himmel zu sehen wäre." Nie konnte er dem im Grunde gutmütigen und ihm wohlgesinnten Physikprofessor dieses schreckliche Verlangen vergessen und nie die Verlegenheit, in die er vor seinen belustigten Mitschülern geraten war. „Ich weiss, mein lieber Simon Dach, dass Aennchen von Tharau deinem Dichterherzen näher ist als der gewölbteste Spiegel und dass du lieber da lebtest, wo man die Sonne kaum kennt", spöttelte der Professor weiter und hiess ihn sich setzen. N,ein, Onkel Simon war kein Physiker und liess doch nicht ab in dieser Liebe zur Physik. Er hörte den berühmten John Tyndail, wenn dieser in dem Hause am Kupfergraben Vorträge über die Wärme hielt, und kehrte heim nicht minder berauscht und im Innersten gelöst, als wenn er aus1 der anstossenden Singakademie heimkehrte nach einer Choraufführung unter Julius Stern. Der bedrängte und versklavte Dampf in der Lokomotive hätte den Onkel veranlassen können, zu den Kindern von der Sklaverei unter den Menschen zu sprechen. Doch er geriet wieder ins Musikalische. Dampf im Zylinder bedrängt, unter Drängen sich wehrend — Luft im Flötenrolir, von Lippen beschwingt — ächzende, pfeifende grosse' Lokomotive, das Ohr zerreissend — singende, klingende kleine Flöte, das Herz erlösend — Chaos und brodelnder Wind, Geist Gottes, über den Wassern schwebend — Ursymphonie in den Kosmos ausklingend ... So spukte, so brodelte es in Onkel Simons Kopfe. Ja, er musste sich wahrhaftig vor den Kindern zusammennehmen. Er sprach mit ihnen von etwas Nüchternem, der Technik. Zuerst nochmals von jener Lokomotive, deren Rauchgase man noch immer auf den Zungen schmeckte, dann von der Nähmaschine zu Haus, von der kleinen verwitterten, grünbemoosten Brücke, die über die „Rousseau- Insel" führte — man überschritt sie eben — von der Cafemühle, vom Schiessgewehr und dem Segelboot des Kolumbus. Aber der Onkel verbarg den Kindern nur schlecht seine tiefe,Abneigung gegen die Technik, deren Prinzip immer auf ein Bändigen und Versklaven der freien Kräfte der Natur gerichtet sei, um oft verhängnisvoller menschlicher Zwecke willen. Ja, das Segelboot wrolle er gelten lassen, aber das sei auch gar keine Technik, denn der Segler bändige nicht den Wind, sondern der Wind den Segler. Der Wind gibt den Ton und den Rhythmus und kann beide nach Belieben wechseln, der Segler müsse nach dem Taktstock des Windes spielen ... Der Onkel hält inne. Wohl ein bisschen zu schnell marschiert, was, Kinder? Wollen 'mal stehen bleiben, tief Atem holen. So. Nun 'mal die Augen zumächen, bloss einen Augenblick. Hätte er sie, wie die Kinder, aufbehalten, dann hätte er sich, wie sie, über die kleine Feldmaus am Wege freuen können. Der Onkel aber ist weit fort. In der Singakademie. Choraufführung. Fünfzig Sänger. Fünfzig Sängerinnen. Jeder ein Mensch für sich, mit eigenen Pulsen, dem schlagen sie freud-, dem leidvoll, dem lau, dem bedrängend. Da tritt ein fremder Mensch vor sie hin. Schlägt mit einem kleinen Stabe an das Pult. -Aus. Die fünfzig Fräcke und die fünfzig weissen Kleider werden ein Instrument. Der fremde Mensch spielt auf diesem Instrument. Wie auf ehiar Orgel Er beschwört die Menschen mit seinem Stabe. Der Stab zieht geheimnisvolle Kreise. Die Luft wird beflügelt. Wellen drängen sich in die Seelen der Singenden. Wellen strömen zurück. Ein Meer in Aufruhr. Das Meer muss. nach seinem, des fremden Mannes Willen leben. Jubeln und klagen. Bitten und beben. Sich spannen, sich lösen. In die Tiefen hinab, in die Lüfte hinauf. Die andere Technik: Werk des Teufels. Diese hier: Gottes. Was wird der Onkel mit diesem Aufruhr in seinem Herzen, mit dieser Verwirrung in seinem armen Hirne beginnen? Die Kinder ins Vertrauen ziehen? O ja, gewiss, das wird

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