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Central-Verein-Zeitung · 1938-07-14 · 28 (14.7.1938) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
28 (14.7.1938)
Date
1938-07-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 C.-V.-Zeifung Nr. 28 * 14. Juli 1938 Alleen, gepflegt und gehalten wie ein Schmuckkästchen. In diesem schönen Park steht eine Burg, The Cloisters, vor wenigen Wochen als Abteilung des MetFdpolitan-Museums eröffnet. Von einem südiranzösischen Kloster wurden Kreuzgänge, Brunnen, Säulenteile und Tore hergeschafft und mit viel Geschmack und künstlerischem Takt in eine Nachschöpfung diese Klosters eingebaut. In schönen' Räumen stehen herrliche Plastiken altfranzösischer, flämischer, auch fränkischer Herkunft, erlesene Gobelins — die schönsten, in Seide und Metall gestickt, sind die sog. Einhornserie — schmücken die Wände. " Viele Tausende -besuchen diese Ausstellung. Am Sonntagnachmittag kann man sich nur durchschieben lassen; r~ George-Washington-Brücke dann geht man hinaus in den Klostergarten und blickt wieder einmal hinunter auf den Hudson und hinauf auf die leichte Silhouette der George-Washington-Brücke. Wo der gepflegte Park aufhört und eine neue schöne Wohngegend entstanden ist, schliesst sich ein dichtes grünes Gebüsch an — Inwood, Weichheit eines Waldes aufgelöst, ein Weg führt an einem breiten Bach entlang, auf dem Hunderte von Booten schwimmen, Menschen lagern auf grasigen Hügeln, und ein Teil dieses Parks ist ausgebaut zum Zoologischen Garten. Auch im Centrai-Park ist zwar ein Zoo, aber er trägt mit Recht nur den Namen Menagerie; denn in seinen neuen Ziegelhäusern beherbergt er nur eine kleine Schau von Tieren, gewissermassen zum Vergnügen der .Spaziergänger. Hier in der Bronx ist ein echter Zoo mit weit ausgedehnten Anlagen für unzählige Tiere. Man geht auch hier fast wie im Wald. Eine ganze Menge von Schulklassen werden gerade durchgeführt, als ich an einem Vormittag dort spazieren gehe, und es wimmelt von blonden und brünetten, von weissen Kindern und von Mulatten, die alle mit Spannung vergeblich mit mir warten, ob nicht der Pfau doch noch ein Rad machen will, weil ich ihn gern knipsen möchte, aber den scheint leider der Kinderlärm nicht nervös zu machen, oder es ist ihm zu weiss wie dem Hippopotamus, der mit philosophischer Hingegebenheit auf einen Fleck starrt, ohne sich zu rühren ... In ganz entgegengesetzter Richtung, in Brooklyn, liegt der Prospect-Park. Der hat wieder ein ganz anderes Gesicht. Riesige Grünflächen, auf denen Sport getrieben wird, wunderbar aiter Baumbestand, der einen ahnen lässt, was in dem interessanten Stück „One Third of a Nation" der WPA-Bühne — es beschäftigt sich in eindrucksvollster WTeise mit dem Wohnproblem, zeigt das „Leben" in den Slums und geht auf die Entstehung der Wohnungsmisere historisch ein — in Lichtbildern gezeigt wird, wie herrliche Alleen und Gärten es im vorigen Jahrhundert dort gab; wo heute Manhattans W7olkenkratzer stehen, als man in Kremsern dahin Picknicks machte, wo jetzt jeder Zoll Bodens mit Gold aufgewogen wird ... In dem Brooklyner Park verbindet sich ähnlich wie im Centrai-Park das Leben aller Klassen. Ich sah elegante Reiter und gleichzeitig auf einem Teich Boote, die Riesenschwäne darstellen! Aber da man weniger Hochhäuser'sieht, ja der Park an manchen Stellen so weit ist, dass man gar keinen Hintergrund sieht, hat man hier ein ursprüngliches Naturgefühl; es ist erholsam, unti es duftet so frisch nach Heu, während der Central Park mehr aufregend, eben New-York ist. Und wie schön ist es, wenn man am südlichsten Zipfel von Manhattan, an der Battery steht. Hohe alte Bäume geben den Menschen, die in der Lunchzeit schnell mal aus den Bürohäusern der Wallstreet oder des Broadway hinausschlüpfen, Frische und Luft, der Blick schweift hinüber nach der Freiheitsstatue, nach Staten Island. Die Ueberseedampfer gehen hinaus in die Welt oder bringen wieder einmal neue Freunde herüber. Weite und Licht und Schönheit auch hier wie überall, wenn man sich vornimmt, den Blick und sich selbst nicht einfangen zu lassen in ein beengendes EmigranterJeben, sondern aufgeschlossen sich hinzugeben der Unendlichkeit Amerikas. Welt von der anderen Seite HERBERT ÜE3ENTHAL Spedition Umzugstransporie nach alten Erdteilen Berlin W 8, Kronenstr. 33 "Sy* Fernruf 1637 40 mit Hügeln und Dickicht, hinüberlangend nach dem westlichen Teil der Bronx, jenseits des Harlemflusses. Villen stehen da, und Blumen blühen in. hübschen Vorgärten, Autostrassen führen hinaus ins hügelige Land, wenige Kilometer weiter schon ist man im Bereich der Villenorte, die sich in grosser Zahl weit hinausstrecken nach Westchester und hinüber bis an den Sound. Aber der bescheidene Fussgänger, dem kein Auto zur Verfügung steht, und der auch keine Sonntagseinladung in eins dieser schönen Häuser in der Tasche trägt, wird sich mit einem Spaziergang in dem Van Cortlandt Park begnügen müssen und dabei sinnend eines Liedes gedenken, das in dem amüsanten Singspiel der Arbeiterbühne „Pins and Needles" gespielt wird — on sunday in the park. Da freut sich der New-Yorker, wenn er auf dem Rasen im Familienkreis eine sehr zweifelhafte Ruhe gemessen kann, bis ihn vielleicht ein sonntägliches Unwetter in die nahe Untergrundbahn treibt. Und nicht weit entfernt ist der grosse Bronx- Park, fast möchte man schon sagen Bronx-W7ald. Denn hier ist die Gegebenheit des Parks in die W. S. M. Sydney, Anfang Juli. „Wie gefiel Ihnen das Wetter am Dienstag?" fragte mich ein Australier an einem Wochenende bald nach unserer Ankunft. Ich wurde etwas verlegen, denn ich konnte mich inmitten der neuen Eindrücke an das Wetter vor drei oder vier Tagen nicht mehr erinnern. So merkwürdig mich in den ersten Tagen das Wetter als Gesprächsthema berührte, so bald merkten wir im Laufe der Zeit die Wichtigkeit dieses Faktors. Wir sind jetzt im australischen Winter. Er dauert etwa von Mai bis August und hat bis jetzt die Temperaturen eines mitteleuropäischen Herbstes wenigstens hier in Sidney nicht erreicht. Das Kältegefühl, das besonders in den Wohnungen empfunden wird, kommt daher, dass es eingebaute Heizkörper fast nirgends gibt und die Räume deshalb kalt sind. Aber an diese Dinge gewöhnt man sich bald. Abgesehen davon, dass bei der überaus grossen Bedeutung der Landwirtschaft und der Ernte für das australische Wirtschaftsleben Hitze und Feuchtigkeit die Wirtschaftsentwicklung des Landes entscheidend beeinflussen, sind die Australier als ein sportliebendes out-door (im Freien) lebendes Volk, besonders bei dem ausgedehnten Weekend wesentlich davon beeinflusst, wie es der Wettergott mit ihnen meint. Australien ist ein Sonnenland. Die Sonne scheint mit wunderbarer Ausdauer, hält die Menschen in ausgeglichener Stimmung und schafft eine Buntheit in der Pflanzenwelt, dass man vergessen könnte, in dieser Jahreszeit zu leben, wenn nicht von den Schaufenstern der Geschäftsstrassen die Ankündigungen des „Winter-Säle" (Winterverkauf) einen daran erinnerten. Kurze Zeit leben wir erst in dieser Stadt,-und es wäre vermessen, informierend jetzt schon zu berichten, wo wir täglich neue Eindrücke in uns aufnehmen und unser Blickfeld erweitern und vertiefen. Aber wir wollen dennoch über Erfahrungen berichten, die objektiv zu machen sind und allgemein interessieren. Zunächst kann nicht genug unterstrichen werden, dass die Zeit der „Aborigine", der Ureinwohner Australiens, endgültig vorbei ist. Die Australier von heute und insbesondere die Sydneyer sind ein ganz und gar moderner Menschenschlag, der allem Neuen aufgeschlossen und zugänglich ist. Wer glaubt, in dieses Land kommen zu können, um irgendwelche Neuerungen hier einzuführen, wird bitter enttäuscht sein. Alles, was es an Modernem und Fortschrittlichem auf dem Gebiete der Wirtschaft und des Handels gibt, ist hier bekannt oder wird sehr bald hier bekannt sein. In Sydney findet man die schönsten und praktischsten Dinge, die Europa, Amerika und Asien hervorbringen, und bei dem Ansturm auf den australischen Markt wird hier nur das Zweckmässigste ausgesucht. Es ist erstaunlich, welchen unmittelbaren Anschluss dieser Kontinent an die Entwicklung der anderen gefunden hat, und, wenn wir auch nicht verallgemeinern wollen, so soll diese Erkenntnis doch unterstrichen werden, weil nur zu viele Einwanderer Australien als „Kolonialland" mit überlegener Miene betreten haben. Man kann sogar vielleicht sagen, dass Australien in mancher Beziehung voraus ist, denn nicht wenige Einwanderer mussten erfahren, dass ihre Ausbildung hier nicht zu verwerten ist, da andere, zum Teil auch' neuere Maschinen hier gebraucht werden. Es spricht sicher für die Tüchtigkeit des Australiers, dass es ihm gelungen ist, in einem solchen Masse „up-to-date" zu sein, denn was an anderen Teilen der Weit dicht gedrängt zusammenliegt, muss hier erst durch intensive Fühlungnahme mit anderen Kontinenten erworben werden. Dabei darf, nicht vergessen werden, dass dem australischen Erdteil nur wenig an der Grösse Europas fehlt Ein ungeheurer Schwung geht durch die Millionenstadt Sydney. Sieht man in der City Geschäftshochhäuser in modernstem Stile in die Höhe wachsen, oder verfolgt man das Arbeitstempo in Geschäften, Gaststätten und Fabriken, so gewinnt man einen Eindruck von dem Eifer, mit dem hier geschafft wird. Uns haben tüchtige Handwerker aus Europa berichtet, dass sie dieses Arbeitstempo nicht gewöhnt waren. Der grossen Arbeitsleistung entsprechen hohe Löhne, und dieser wichtigen Frage sei noch ein Wort gewidmet. Der Alters- und Geschäftsgruppierung nach gibt es hier gesetzliche Mindestlöhne, die nicht unterschritten werden dürfen. Bis 21 Jahre ist man Junior, darüber Senior. Das Mindestgehalt eines Seniors entspricht einem sehr guten Lebensstandard eines Familienvaters. Deshalb werden auch immer wieder Juniors gesucht, und die Altersstufen zwischen 16 und 18 Jahren sind fast ohne Ausnahme beschäftigt; bis sie das 21. Lebensjahr vollendet haben, sind sie gesichert. Um aber als Senior beschäftigt zu sein, muss man mit Rücksicht auf das hohe Grundgehalt schon über sehr gute Fachkenntnisse verfügen. Für viele Einwanderer ist dies eine Klippe. Es gibt nicht die Möglichkeit der kleinen Anfangsstellung für Menschen über 21 Jahre. Bekommt man eine Stellung, dann hat man sein gutes Auskommen. Stellen als ungelernte Arbeiter sind fast gar nicht zu haben, denn wenn schon die gesetzlichen Sätze bezahlt werden müssen, dann wird der Fachmann eingestellt. Ueber den Begriff des Fachmanns ist keine Diskussion möglich. Gerade der beste Sachkundige irgend eines Gebietes ist hier gemeint, und der Australier merkt sehr bald, wie das Leistungsniveau ist. Der Bedeutung Sydneys als Mittelpunkt eines vorwärts strebenden jungen Erdbezirkes entspricht das L e b e n in dieser Stadt. Fast kein Land der Erde, welches nicht durch ein Schiff oder seine Erzeugnisse vertreten wäre, und wenn man in den Zeitungen die Schiffsnachrichten liest und die Nachrichten verfolgt, die ausser den meist aus London gebrachten europäischen Informationen die Pressespalten füllen, so merkt man erst, wie notwendig es ist, umzulernen und die Welt nunmehr von der anderen Seite zu betrachten. Diese andere Hälfte ist so gross und so interessant, dass wir von unserem Standort aus Sydney als Hauptstadt des ganzen südlichen Pazifik aus betrachten. Der w-achsenden Bedeutung entspricht auch die Tendenz der Regierung, neue Einwanderungsgruppen in das Land zu lassen. Aber immer nur erfolgt die Einwanderung unter dem Gesichtspunkt der Nützlichkeit für "das Land, also unter Berücksichtigung der Alters- und Berufsauswahl. Ueber die Erfahrungen mit der jüdischen Einwanderung aus Mitteleuropa wird später zu berichten sein, aber jetzt soll schon darauf hingewiesen werden, dass Niederlage für Wein, Oel, Holz und Geflügel: zehn Dukaten das Jahr. Wasser darf niemand selbst holen, denn die Griechen und die Galeerenarbeiter zerbrechen alsbald das Gefäss: aber es gehen beständig Wasserträger umher und bringen es in Fässern ins Haus für zwei Quatrini, welches ausreicht zum Kochen und Trinken für einen Tag." Ueber das Klimatische der Insel vermerkt er: „Man sagt, es sei hier nie Schnee gefallen und es habe niemals gefroren,. Regen ist selten. Die Hitze ist hier stärker als in irgendeinem türkischen Lande. Im Sommer geht niemand aus dem Hause, ausser eine Stunde früh morgens und eine Stunde abends. Der Sommer dauert etwa acht Monate im Jahr. Nach einer andern Stadt begibt man sich nur reitend in der Nacht; so machen es die, die für ihre Gesundheit sorgen. Güter befördert man auf W7agen mit Ochsen bespannt. Die Wagen sind aber von unsern. verschieden; so auch die Tiere, diese sind nämlich gefleckt und vielfarbig; ich glaube, der Erzvater Jakob müsse hier seine Herden geweidet haben. Zum Reiten dienen Pferde und Esel die Menge. Man mietet ein gutes Pferd für vier Solidi den Tag, das Futter ist wohlfeil/' Sodann verbreitet er sich über eine häufig dort herrschende Augenkrankheit, „sie beginnt gewöhnlich um den längsten Tag und dauert bis nach der Herbstgleiche. Sie fängt an mit zwei- oder dreitägigem Fieber und heftigem Kopfschmerz an der Stirn, dann vermindert sich das Fieber und es befällt ein Fluss die Augen mit Schmerz und Entzündung; - 'dies hält etwa zwanzig Tage, auch wohl einen Monat an. Bei gehöriger Beachtung vergeht das Uebel von selbst. — Wir stehen jetzt im Oktober und können vor Hitze selbst in der Nacht nicht ein Decktuch auf dem Körper ertragen." Er findet eine grosse und geschmückte Synagoge vor und eine Gemeinde, die aus etwa fünfundzwanzig Familien besteht, Levantiner, Sizilianer, Portugiesen. Aber auch hier seien sie durch Hass "und Zwietracht zerrissen. Wenn ein Armer von ausserhalb kommt, so nimmt man sich seiner keineswegs an wie etwa in Italien. Er berichtet dann noch, er habe den berühmten Rabbi Elieser Aschkenasi getroffen, der in zwölf Sprachen und in vielen profanen Wissenschaften bewandert sei; im Talmud aber besitze er ungewöhnliche Kenntnisse. Seit er, Eliah von Pesaro, Venedig verlassen habe, hätte er keinen so ehrwürdigen Gottesmann gefunden wie ihn. „Am Rüsttage zum Laubhüttenfest gingen wir in die Stadtgärten, um LulavundEthrogim zu kaufen; so grosse und schöne sah ich niemals in Italien, und für alles zahlte ich nur 1 Marcello und 2 Quatrini." Er macht genaue Angaben über die Qualität und die Preise von Gänsen, Enten, Wachteln, Haus- und Schlagtauben. Birnen sind teuer. Mispeln, Sorben, Mandeln gibt es überhaupt nicht. Dagegen in Fülle Zederäpfel, Zitronen, Orangen, Kapern. Pistazien, Datteln, Brotfrucht; Feigen, grüne und trockene, sind äusserst wohlfeil. Der Käse wird gemischt aus Schaf-, Ziegen- und Kuhmilch, aber die meisten Juden lassen sich ihn aus Zante und Tripoli kommen, wo er allerdings teuer sei. Das Waschgeld ist bedeutend, das Schuhwerk dagegen sehr wohlfeil. Diese Uebersicht über die Bedingungen des Lebens auf Cypern schliesst noch mit einem Hinweis, dass jüdische Aerzte dazulande gute Möglichkeiten hätten. Diese Aufzeichnungen sind vor rund einem halben Jahrtausend geschrieben worden. Die Briefe, die wir heute bekommen, sind von diesen kaum verschieden. ,StockboyfiinNewYork Einwanderer in neuen Berufen Mit einem etwas scheuen und gehemmten Gefühl und dochfrischen Muts kamen wir in New-York an. Schon nach wenigen Wochen hat man sich aber dem Eilen und Hasten der Riesenstadt angepasst. Die Suche nach Arbeit bringt den einzelnen schnell in den Strom der vielen, die das gleiche Ziel haben. Und die erste „Schlacht'' ist gewonnen, wenn man eine Stellung gefunden hat. Es gibt hier in Amerika Juden, Organisatoren und Privatleute, die sich für die Neueinwanderer in vorbildlicher Weise einsetzen. In aufopferungsvoller Arbeit versuchen sie das Beste" für die Einwanderer, die meist mit sehr bescheidenen Mitteln ins Land kommen, zu erreichen, und die Privatleute sehen zu, wenn es nur irgend geht, einige von ihnen in ihren Unternehmungen unterzubringen. Als ..Stockboy" (Laufbursche im Lager) oder Etiketten-Anmacher fangen die meisten an, denn ihr Englisch ist noch längst nicht gut genug, um als Verkäufer hinter dem Ladentisch stehen und die vielen Fragen der Kunden beantworten zu können. Ich begann in der Auszeichnungsabteilung, und wie überrascht war ich, dort als zweites „Greenhorn" einen alten Schulkameraden zu treffen, von dem. ich seit vielen Jahren nichts mehr gehört hatte. Je länger man in New-York ist. desto mehr gehören derartige,, unerwartete Begegnungen fast zum Alltäglichen. Mein Freund 4 war hier "schon seit Monaten beschäftigt und " weihte mich als erster in die Geheimnisse des amerikanischen Warenhausbetriebes ein. Er führte mich auch um 12 Uhr — es ist die Lunchzeit — in die helle, luftige Kantine, wo ich die aus vielen Filmen bekannten Bilder amerikanischer Tischzeit zu sehen bekam. In langer Reihe gehen die Angesteilten am Buffett vorbei, holen sich das Gewünschte und suchen dann einen Tisch, an dem sie sich mit ihrem Lunch niederlassen können. Aber hier oben wird nicht nur gegessen. In einer Ecke tanzen einige zur Rundfunkmusik, gegenüber spielen andere in Hemdsärmeln Skat. An der Seite stehen Klubsessel für kurze Mittagsschläfchen und mit einer Zeitung über dem Gesicht versuchen einige ein Nickerchen zu machen. Dort probieren Mädels die neuesten Lippenstifte und Wimperntuschen aus. Hier zielt einer mit Treffsicherheit seinen Kaugummi in den nächsten Aschenbecher. Einer der Hausdetektive überwacht die Kartenspieler, damit nicht über zu grosse Summen gespielt wird. Die Hälfte der Männer isst mit dem Hut auf dem Kopf — eine bekannte amerikanische Gewohnheit. Wenn man die Zeitunglesenden beobachtet, glaubt man in einem internationalen Lesesaal zu sein. Blätter aus aller Welt werden gelesen, auch manche hebräische Zeitung ist darunter. Ich sitze am Tisch mit zwei anderen Einwanderern, die sich im Verlaufe von ungefähr zwei Jahren zu Verkäufern heraufgearbeitet haben. Leicht haben sie es zunächst beide nicht gehabt. Auch nicht der Nachbar am Nebentisch, der als Fünfziger wieder ganz unten angefangen hat und als „Stockboy" die Handkarren voller Pakete hin- und herfährt. Er hat schon zwei Söhne von zehn und zw;ölf Jahren, die auch in New-York sind und mit den 17 Dollar, die er in der Woche verdient, kann er mit seiner Familie natürlich nicht auskommen. Aber auch er ist froh, zunächst einmal diese Beschäftigung gefunden zu haben. Mein Erstaunen wächst, als auch der Kellner, der gerade dabei ist, den Tisch abzuräumen, ein alter Freund von mir ist. Er ist jetzt vier Jahre in NeAV-York, hatte zunächst gut verdient, dann seine Stellung wieder verloren und arbeitet nun hier in der Küche. Im Lager hatte ich zunächst nichts anderes zu tun, als an jedem Mantel ein Stück Bindfaden durch den Aermel zu ziehen.und dann das Etikett mit einer kleinen Plombe zu befestigen. Damit war das Stück für den Verkauf fertig. Inzwischen bin ich aber schon vorwärtsgekommen und als ..Head pf Stock" bin ich jetzt verantwortlich für jedes Stück, das in das Lager kommt. Fehlerhafte Sachen werden zurückgesandt. Auch zwei eingewanderte jüdische Handwerker aus Deutschland arbeiten hier im Warenhaus. Der eine verdient recht schön in seinem alten Beruf als Damenschneider, da er nicht nur Ueberstunden macht, sondern sich ausserdem bereits einen ganz netten Privatkundenkreis erobern konnte. Der andere malt und dekoriert, steht im Schaufenster und kleidet Figuren an oder streicht die Rückwände an. Ein anderer ist als Aufzugführer tätig, einer steht der uniformierten Hauswache als „Officer" vor. Den besten Posten konnte sich ein alter Warenhausfachmann erarbeiten. Er soll Vorschläge machen, wie die Betriebsspesen herabgesetzt werden können und sitzt den ganzen Tag rechnend und kalkulierend in seinem Büro. Und trotzdem findet er immer wieder einen Weg zu einer kleinen Stellung für den nächsten Neuankömmling. Alle paar Wochen findet ein gemeinsames Mittagessen der Einwanderer-Angestellten statt. Hier werden oft alte Bekannte wiederentdeckt, aber auch neue Freundschaften geschlossen. Man berät sich gegenseitig nach seinen eigenen Erfahrungen, und überlegt, ob und wie man die Freunde und Verwandten au? der Heimat nachkommen lassen kann. Wenn es nötig ist, werden auch die Chefs zu Rate gezogen; sie sind immer bereit zu helfen, wo es nur geht Wenn jeder „boss" so wäre wie diese beiden, dann könnten Hunderte jüdischer Menschen glücklich gemacht werden. Chas. H. Fraenkel, New-York.

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