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Central-Verein-Zeitung · 1938-06-23 · 25 (23.6.1938) · page 12

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
25 (23.6.1938)
Date
1938-06-23
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 C.-V.-Zeitung Nr.25*.23Juni1938 tationen wurden: der Schöpfungsbericht der Genesis — und jene dunkle Vision Ezechiels, die von den rätselhaften vier Tieren und einem ebenso rätselhaften Wagen handelt, den man als den Thronwagen Gottes deutete. Die Wissenschaft von der ersten Materie nannte man •Ma'asse Bereschit, die von der zweiten die Ma'asse Me rkaba. Die Problematik des scheinbar so monumental-einfachen Schöpfungsberichts war schon vielen Denkern aufgegangen. Man grübelte über das Tohu und über das Bohu, das Chaos des Anfangs (Gen. I, 2), übersetzte jenes zwar mit „Wüste" oder;,Leere", dieses aber mit ..Schlamm", dem Angeschwemmten, und fand, dass also eine Urmaterie von Anfang her vorhanden war, welche der göttliche Hauch belebte und in die Entwicklung stiess. Das biblische Tehom vollends („. . . und der Geist Gottes schwebte über "den Wassern . . war das Urmeer, „die Brunnen der grossen Tiefe", der Abgrund, aus dem die Wasser quollen, und deutete gleichfalls auf einen materiellen Urstoff. Man ahnte, dass die Schöpfung nicht „aus nichts" entstanden sein könne — und die spätere Kabbala sprach es aus, dass diese Welt nur eine von vielen möglichen sei. Die Ezechielische Vision aber (Ezechiel I, 4—28) spricht von vier geflügelten „heiligen Tieren", mit Menschen-und Tiergesichtern; diese sind wohl am besten im Anschluss an die vielfach geflügelten Männer- und Tiergestalten der assyrisch-babylonischen Kunst zu erklären: es waren jene assyrischen „Keruba", die zu hebräischen Cherubim wurden und die „Herrlichkeit Gottes" trugen (Ezechiel 9, 3). Daneben aber sieht der Prophet noch vier feurige Räder, die wie ein Rad waren, „mit Augen um und um", also einen Wagen, darüber einen Thronstuhl aus Saphir, „und auf demselbigen Stuhl eass Einer, gleichwie ein Mensch gestaltet". „Und es war wie lichthelle, gestaltet wie ein Feuer um und um." „Dies war das Ansehen der Herrlichkeit des Herrn" (Vers 26—28). Diese Schau des Propheten, die in ihrer Feuer- und Lichtsymbolik ein Seitenstück zu der göttlichen Erscheinung im Dornbusch bildet, die Mose wurde, ist die berühmte Merkaba, das Bi.ld des göttlichen Thronwagens, der Stoff der „Ma'asse Merkaba". In Gesprächen, in den Vorträgen der talmudischen Lehrer beschäftigte man sich mit dieser interessanten Materie. Es war Vorsorge getroffen, dass kein Unreifer von diesen Untersuchungen erfuhr, da sie nicht immer mit der allgemein beglaubigten Lehre übereinstimmten; sie beschränkten sich auf einen engen Kreis geistig hochstehender Personen, und auch die frühere Kabbala behält diesen Charakter der G eh eim wissenschaf t. Manche kabbalistische Schrift — etwa das Buch Bahir — zeigt anschaulich, wie die Lehre, aus der sich die Kabbala entwickelt, allmählich aus Vorträgen und Gesprächen herauswächst, die man berühmten Talmudiehrern oft nur' in den Mund legte. Es war die Kommentierung der heiligen Schriften, ihre Deutung, aus der oft ein neues Werk wurde. Die Deutung jener Zeit war gewiss scharfsinnig, wo eine hinreichende sprachlich-etymologische und die Kenntnis erklärender Ueberlieferungen vorhanden war; sie war und mich so freute, dass ich mich aufs heftigste dagegen wehrte, sie auch nur für kurze Zeit abzulegen. Meine Mutter lachte, als sie abends an mein Bett trat und mich schlafend mit der Mappe auf dem Rücken fand. Ich hatte nur Schwestern, drei kleine Brüder waren kurz nach ihrer Geburt gestorben. So wurde ich Stammhalter der Familie, auf dem schon ein Schatten der Verantwortung ruhte. Daher wurde ich wohl besonders verwöhnt und bewahrt. Das Herz unserer Wohnung war die Werkstatt meines Vaters. Mein Vater hustete. Er war zart und schmächtig, kleiner und schwächlicher als die Mutter. Manchmal, wenn ich ihn so mit unterschlagenen Beinen auf seinem Arbeitstisch sitzen sah, während er Faden am Faden durch starken Stoff zog, schien es mir, als wüchse er ganz in sich zusammen, und als würde er, wenn er vom Tisch herunterstiege, anstatt auf seinen Füssen auf den Knien gehen. Selten nur erhielt er neuen Stoff zur Arbeit, meist hafteten schon Schiksal. und Gebrauch an ihm. Ich sass am Fenster und blickte hinaus auf die Strasse. Gern hätte ich mit den anderen Knaben gespielt. Stimmen tönten einzeln und hell herauf, so laut wie sie nur bei Frostwetter schallen. Kinder liefen vorbei mit blitzenden Schlittschuhen, die ihnen am Riemen vom Arm herabhihgen und die, wenn sie zufällig aneinander schlugen, einen scharfen, klingenden Ton von sich gaben. Seit mehreren Tagen war der breite Fluss, zu dem die kurze, schmale Gasse führte, deren Eingang unseren Fenstern gegenüberlag, zur schimmernden festen Fläche geworden. Aber der gefrorene Fluss barg dunkle Gefahren. Er hatte Stellen, die aussahen wie gesprungenes Glas und die leise knisterten, wenn man sie betrat, und manchmal erweiterten sie sich zu finsteren Vierecken, in denen es unheimlich stiess und gluckste. Daher hätten es meine Eltern niemals erlaubt, dass ich mit den anderen Kindern das Eis betrat —--" Der Hausierer schwieg und horchte in den Nebel hinaus. Die Luft war wie 'tot, und doch war aber verhältnismässig naiv, wo sie etwa mythischen Elementen gegenüberstand. Wo eine exakte Erschliessung des fraglichen Wortes nicht möglich schien^ nahm man das Gleichnis oder die Allegorie zu Hilfe. So wuchsen aus dem Versuch der Deutung neue Rätsel; was der Verstand nicht klären konnte, umkleidete die Phantasie mit bald gefälligen, bald sonderlichen Bildern. So entstand jener neuere Mythos, den man Hagada nennt. Unzweifelhaft wächst auch die Kabbala aus diesem neueren Mythos heraus. Hinzu tritt die — durch die neupythagoräische Zahlenlehre genährte — hohe Schätzung von Zahl und Buchstaben, die im Hebräischen ja eins sind, von der Zaubergewalt der Sprache, die in den ersten kabbalistischen Werken zeugend und schöpferisch wird. Staunend stand der primitive und auch noch der antike naive Mensch vor dem Wunder der Sprache und Schrift, deren Kenntnis dazu nur bestimmten Kreisen vorbehalten blieb. Die ersten Schriftzeichen waren aus der Bilderschrift, aus den Hieroglyphen und aus der Keilschrift der Babylonier, also in nächster Nähe des jüdischen Kulturkreises, entstanden; fast alle Alphabete der Welt stammen von einem phönizischen Alphabet her und ein Teil des griechischen aus dem hebräischen — man vergleiche den Parallelismus der hebräischen. Buchstaben Aief, Bei, Gimel, Dälet mit den griechischen Alpha, Betha, Gamma, Delta. Gleichwohl war die Kenntnis dieser — allerdings schon weit zurückliegenden — wirklichen historischen Entwicklung der Schrift im Gedächtnis der Menschen versunken oder auch absichtlich verwischt worden: gleichviel, die meisten antiken Völker schrieben die Eriindung von Sprache und Schrift den Göttern, mindestens göttlichem Einfluss, zu. Der Forscher Franz Dornseiff („Das Alphabet in Mystik und Magie") macht auf Reste solcher Anschauungen auch im Judentum aufmerksam, in denen Moses als Erfinder der Schrift erscheinen würde: die ersten, wieder zerbrochenen Tafeln mit den Geboten sind von Gott selbst beschrieben, die zweiten von Mose (Ex. 24, 12; 31. 18; 34, 27 bis 28). Im „Sefer Jezira" wird die Erfindung der Buchstaben mit Abraham in Verbindung gebracht, dem Gott die zweiundzwanzig Buchstaben des hebräischen Alphabets „an die Zunge band"; und diese Zunge, d. Ii. die Sprache, wurde, neben der Mila, als Zeichen des Bündnisses Gottes mit Abraham gesetzt. Bei Jesaja (8,1) wird von Menschenschrift gesprochen; bei Ezechiel wieder (9,2) erfolgt ein göttlicher Auftrag an einen schreibenden Engel, der linnenes Gewand trägt ~ die „Schreiber" der antiken Zeit waren vornehme Leute und durften, ebenso wie die Priester, .die sie oft auch waren, tierische Stoffe wie Wolle, als unrein, nicht tragen. Im .Volke der Schrift mussten insbesondere die Buchstaben des hebräischen Alphabets hohe Verehrung gemessen'und an dem unbezweifelten Offenbarungscharakter der Schrift teilhaben. In der Tat treffen wir die grossen Lehrer und Sammler der Mischna und Gemara, wie sie sich spielerisch, allzu zärtlich verliebt selbst mit den kleinsten Einzelheiten der Formen dieser Buchstaben beschäftigen. Sie meditieren etwa, dass z. B. das He aus zwei Säulen und einem Balken darüber bestehe und also wie ein Haus aussehe; oder dass das Schin Aehnlichkeit mit einer Baumwurzel habe oder auch mit den Zornes- oder Denkerfalten über der Nase; sie steilen die Aehniichkeit des Aleph mit einemfühlte er ihre Berührung, die voll von feuchtem Leben war. Er hörte jetzt nichts. Es war atemlos still. Da kam wieder die nebelumhüllte Stimme. „Warum schweigst du? Erzähle weiter. Bist du müde? Deine Schritte sind kürzer und langsamer geworden." „Ich bin nicht müde. Es ist die Erinnerung. Ich habe lange nicht an das alles gedacht. Nun ist mir, als ob ich zu mir selber spräche--- Ja, wie ein Feuerzeichen steht der Nachmittag vor mir, an dem das Eis mich so übermächtig lockte, es so blitzte und winkte vom Ende der Gasse, dass es mich wie mit blanken Armen dorthin zog. Es zog und verführte mich zum Ungehorsam. Es muss wohl ein unwiderstehlicher Trieb gewesen sein, der mich wie einen Vogel durch die Gasse fliegen liess. Bücher und Hefte hatte ich beiseite geworfen, war auf und davon dieser Lockung nach. Vom Licht der Nachmittagssonne geblendet, stand ich einen Augenblick am gebändigten Fluss, dessen Kräfte wohl zornig gegen die Fesseln schlugen, die sie mit eiserner Macht umspannten. Grünblau am Ufer, schimmerte das Eis weiterhin immer rosiger und bunter, bis es ganz weit draussen, wo der kreisrunde Sonnenball im Untergehen darüber hing, sich wie ein rotes Mohnfeld dem Horizont zu dehnte. Sieben Jahre war ich alt — und ich meinte, ich wäre ein Vogel geworden. Ich flog über das Eis dem Mohnfeld zu. Ich glaubte, dort, wo der Sonnenball hing, müsste man in den geöffneten Himmel sehen können. Ein aufkommender Wind trieb mich zum Ufer zurück. Ich schlidderte und glitschte, ich dachte an nichts. Nicht weit von mir liefen noch andere Kinder. Ich war wohl wieder in der Nähe des Ufers, denn plötzlich sah ich vor mir ein grosses Stück Eis, das sonnenbeglänzt wie eine Honigwabe aussah, durchlöchert von nadelfeinem Schilf, das wie keimende Saat darüber hinweg lugte. Als ich meinen Fuss zögernd daraufsetzte, zischte und knisterte es ganz leise. leb trat rückwärts, doch auch hinter mir knisterte es. Oräsenköpf fest; oder sie weisen dem Beth eine hohe Schätzung zu, weil dieBibel mitB (Bereschit) beginne. Ja,''sie-'lassen, "in. naiver,'.vermenschlichender Vorstellung, Gott selbst damit beschäftigt sein, diesen Buchstaben „Kronen umzubinden", d. h. ihnen die kleinen eckigen Häkchen und Spitzen anzufügen, eine göttliche Tätigkeit, die auch im Sefer Jezira erwähnt wird. So bildet sich schliesslich eine jüdische Buchstaben- und Zahlenmystik, der eines der eigenartigsten Werke entwächst,, das die Ma'asse Bereschit behandelt, die Ma'asse Merkaba streift und von grösster Bedeutung für die frühe und spätere Kabbala werden soll:, das „Sefer Jezira" oder „Buch der Schöpfung". Das Buch der Schöpfung Generationen von Mystikern haben über diesem Buche gesonnen. Die Rätsel, die es aufgibt, beginnen bereits bei der Bestimmung seines Alters:'die Angaben der Gelehrten schwanken zwischen dem 2. Jahrhundert vor und dem 8. Jahrhundert nach Christi Geburt! Es wird, wie wir sahen, mit Abraham in Verbindung gebracht; er soll es bereits verstanden haben. Auch Rabbi Akiba, dem ausserdem ein Werk über die Buchstaben der hebräischen Sprache, die „Otijot de Rabbi Akiba", zugeschrieben wird, wurde schon als Verfasser oder Niederschreiber des Buches genannt. Im Talmud wird es, als Grundlage magischer Erschaffung von Wesen, erwähnt; aber es ist der Verdacht entstanden, dass das Wort „Sefer Jezira" von späteren Kabbalisten an dieser Stelle eingefügt wurde, um das hohe Alter der Kabbala zu beweisen; ursprünglich soll die Stelle auf die „Hilchot Jezira" („Bestimmungen der Formgebung") sich bezogen haben. Die historische Kritik insbesondere Lazarus Goldschmidts, des Uebersetzers und Herausgebers des Buches Jezira, macht es indes wahrscheinlich, dass die Entstehung des Buches, in dem sich einige Elemente der griechischen Philosophie und der babylonisch-assyrischen Schöpfungssage finden, etwa in das zweite Jahrhundert vor Christi Geburt zu legen ist. Sein erster Kommentar stammt aus dem 9. Jahrhundert. Vom 8. Jahrhundert an nimmt das Sefer Jezira seinen Siegeslauf durch die Länder,. in denen Juden wohnen; von Palästina aus dringt es nach Babylonien, nach Persien, Italien, Spanien, Frankreich und Deutschland. In diesem merkwürdigen Buche, dessen geheimnisvoll andeutende, knappe, wie aus schwarzen Granitblöcken gehauene Sprache sich unverwechselbar einprägt, wird, in leichter Anlehnung an den Schöpfungsbericht der Genesis, eine mystische Schöpfungsgeschichte gegeben. Seine Tendenz ist durchaus monotheistisch; aus dem göttlichen Geist strahlt die Luft aus (das hebräische Ruach kann sowohl „Geist" wie „Hauch, Wind" bedeuten), der-Hauch; die: Sprache-— welche, wie wir gesehenhaben, als; ein Ding, das zwischen Körperlichem "und Geistigem schwebt, das Bündnis zwischen'.dem Göttlichen und dem Menschen darstellt. Sie nimmt hier, wie Goldschmidt richtig meint, die Stelle der Sophia, der Weisheit, ein. Zugleich wirken Einflüsse der neupythagoräischen Zahlenlehre auf dies Buch ein: Gott schuf, sagt es, „seine Welt durch drei Zählprinzipien: Zahl, Zähler und Gezähltes". Die Zahl wird nicht nur als das Mass. der Dinge ge- Ich hörte Rufe und sah-Menschen näherkommen, die, als sie sich vor der Sonne bewegten, wie schwankende Schatten auf mich zukamen. Mein Blick, noch geblendet von dem roten Schein, war vor mir auf das Muster des Eises gerichtet, das sich plötzlich ganz langsam zu verschieben begann. Was dann mit mir geschah, wurde mir nicht bewusst. Ich fühlte nur eisige, schwarze Nässe, die mich bis zu den Haarspitzen mit Starrheit überzog.-- Nun, du hörst, ich lebe — ich wurde gerettet. Doch, der mich gerettet hatte und dabei selbst um sein Leben kam, war kein anderer als mein Vater. Mein Vater hatte einen Moment von seiner Arbeit aufgesehen und mich nicht mehr am Fenster sitzend gefunden. Ein Nachbar hatte die Türe geöffnet und meinem Vater zugerufen, ob er wüsste, dass sich sein Kleiner auf dem Flusse herumtriebe, und dass das Eis an manchen Stellen schon recht bröcklig wäre. Da ich sonst ein stilles und fügsames Kind war, war mein Vater über meinen Ungehorsam erstaunt. Und sofort hatte er die. Arbeit beiseite geworfen und war so, wie er ging und stand, in rasender Eile dem Fluss zugelaufen. So hatte er gerade noch gesehen, wie sich nicht allzu weit vom Ufer, aber doch schon über den Tiefen des Flusses ein unruhiger Kreis von Gestalten bewegte .und war, von verzweifelter Ahnung getrieben, glitschend und gleitend auf sie zugestürzt. Ein-Mann erzählte später,; dass er mit lauter Stimme dabei unaufhörlich meinen Namen gerufen und sofort und mit aller Bestimmtheit gewusst hätte, dass kein anderer als sein kleiner Sohn es wäre, der dort auf dem Eise eingebrochen sei. Während Männer nach Stangen und Haken liefen, war er auf der bereits morschen Eisdecke bis an den Rand des Loches gekrochen und hatte mich an einem Zipfel meiner Jacke, die sich wie ein Segel nach oben blähte, gerade noch gefasst. Doch während mich die Männer mit den Haken herausholten, war das Eis unter Nicht immer . Von Edith L. Meyer Nicht immer sind wir so gelassen wie wir scheinen... Zuweilen geht ein ungestümes Weihen durch unsre Reih'n, und das, woran wir kranken', ballt sich zu Schatten, überlebensgross, indes dem jähen^ Absturz der Gedanken sich eine Tiefe öffnet,, gnadenlos. Nicht immer wachsen wir an grossen . Schicksalsdingen... Zuweilen scheitern wir an den geringen, darein wir wie in Netzen uns verfangen, Wir sagen „Ewigkeit" — und sehen nur das Heute, das von Wolken schwer verhangen,, doch nicht der Zeit gewaltige Wegesspur. Nicht immer sind wir so verzagt wie wir uns wähnen... ' Zuweilen trocknet Gott die bittersten der Tränen und hebt sie in der Wölbung seiner Hände wie edle Perlen hoch zum Licht hinauf. Und über eines dunklen Tages Wende geht leuchtend eine neue Sonne auf. nommen, sondern tritt auch oft für sie ein: Geist und Sprache sind als schöpferische Substanzen gesehen, durch deren Zusammensetzung Gott die Welt erschafft. Die mystische Anschauung verwechselt hier das Geschaffene mit seinem Namen, weil sie glaubt, dass, wer den Namen hat, auch das Ding hat bzw. beherscht. Ausgangspunkt dieser Anschauung im jüdischen Bereich ist. wieder die Bibel. Gott bringt (Gen. II, 19) die Tiere zum Menschen und achtet darauf, .wie er^ sie nennt; „denn wie der Mensch die Tiere nennen würde, so sollte ihr Name sein". Da dem'Menschen auch die Herrschaft über die Tiere usw. übertragen war (Gen. I, 26, 28), war es nicht weit zu dem Glauben, dass die Namengebung durch den Menschen das Symbol seiner Herrschaft über die Tiere sei. So formte, „hieb und zeichnete" Gott im Buche Jezira die Buchstaben — und die Welt entstand. Während der biblische "Schöpfungsbericht schlicht meldet: „Und Gott sprach: Es werde . . . und es ward ... .", wird im Buche Jezira der mündlich gegebene Schöp-r fungsbefehl durch die Formung, bezüglicher Buchstaben und Zahlen ersetzt. Denn jedem Dinge, der Schöpfung, mindestens jeder Gruppe von Dingen, ist ein Buchstabe zugeordnet, dergestalt, dass Gott diesen Buchstaben über das zugeordnete Ding „herrschen lässt". Diese Erschaffung, der Welt durch Buchstaben wird für die spätere praktische (magische) Kabbala von unendlicher Wichtigkeit: sie macht aus diesen Buchstaben des Buches Jezira die „Königsbuchstaben", mit denen sie jedes Ding, dessen Königsbuchstaben sie weiss, zu beherrschen vermeint ... (Fortsetzung folgt.) Die Jüdische Bucbvereinigung Berlin versendet als neuen Jahresband das Buch von Ernst Sommer „Botschaft aus Oranada". Die Erstausgabe des Romans ist, als sie seinerzeit im Verla? Julius Kittel Nachf. erschien, von uns ausführlich cewürdigt worden (vgl. C.-V.-Zeitung Nr. 17 vom 28. April). ihm zusammengeknickt, hatte ihn die Strömung unter die Eisdecke getrieben, und bevor er davon befreit werden konnte, hatte ihn. die Flut schon abwärts gezogen." Wieder sehwieg er und' horchte in den Nebel hinaus. Nach einigen Minuten vernahmer von neuem die Stimme: „Sprich weiter. Achte auf deine Schritte. Wir werden jetzt gleich den Kamm erreichen." „Mein Grossvater zog nun ganz zu uns. Er war Witwer und hatte allein gelebt. Und voll Eifer bemächtigte er sich nun ganz seines Enkels, in dem er ein willkommenes und williges Objekt für die Leidenschaft seiner Lehrtätigkeit sah. Zwar sass ich in seiner'Schule neben den anderen Kindern, aber die Schärfe seiner Wachsamkeit war meist auf mich gerichtet, und da er mich nun auch ausserhalb der Schule in seiner eifersüchtigen Gewalt hatte, versuchte er, von mir Uebermässiges zu erlangen. So brachte er es so weit, dass ich bereits mit acht Jahren ausser den täglichen Gebeten den Pentateuch aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzen konnte. War in der Schule einer der Knaben unnütz, stiess er seinen Nachbar und sagte er ihm voriso riss mein Grossvater zornig sein Käppcherivom Kopf und warf es nach dem erschrockenen Sünder, wobei sein langer schwarzer Arm wie ein verdorrender Baumast drohte. Der Schüler trat dann erschrocken aus der Bank, hob schuldbewusst das Käppchen vom Fussboden auf und ging tief errötend zum Grossvater hin, dem er es. sich verbeugend, zerknirscht überreichte. Der Grossvater blickte ihn dann nur einen-Moment streng an, nahm ihm das Käppchen aus der Hand, stäubte es mit den Fingern leicht ab und setzte es würdevoll wieder auf seinen weissgelockten Kopf. Diese kleine, ab und zu sich wiederholende Szene machte seltsamerweise auf uns Kinder immer wieder einen tiefen Eindruck, und wir starrten verhaltenen Atems den armen Sünder an, der, beschämte Einzelerscheinung, verlegen wieder auf weinen Platz zurückschlich. (Fortsetzung folgt.)

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