Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 23 (9.6.1938)
- Date
- 1938-06-09
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 C.-V.-Zeitung Nr. 23 * 9Juni1938 Neue Bücher Frank Heller: Die nachgelassenen Finanzen des Grossherzogs. Verlag Julius Kittla Nachf., Leipzig—Mährisch-Ostrau, 1938. Mit dem Versuch, den Inhalt dieses Romans anzudeuten, würde man den Leser eines grossen Genusses berauben. Denn dies Buch ist ganz auf Ueberraschung und Spannung gestellt. Gewiss, es handelt sich um einen »Detektivroman", aber nicht um einen von der Art, den der kultivierte Leser nur insgeheim und im Kampf gegen sein literarisches Gewissen liest. In diesem Buch wird keine finstere Mordtat geplant, ausgeführt und gesühnt, hier fliesst das Blut nicht in unermesslichen Strömen, hier soll niemand das Gruseln lernen; dagegen werden wir hier zum Mitdenken angeregt, unser Scharfsinn wird auf mancherlei Proben gestellt und unserer Phantasie werden ungeahnte Möglichkeiten geboten. Im Wirbel der Abenteuer, die Frank Heller aus dem Aermel zu schütteln scheint, mag der Leser die kluge Hand bewundern, die mannigfaltige Fäden virtuos ineinander wirrt und auseinanderflicbt. Der Roman spielt in Kopenhagen und London, zu Lande und zu Wasser, er spielt überall und nirgends. Männer der Presse treten auf und Gewaltige des Geldes. Ehrsame und Zweideutige. Dass im Tanz um die Millionen eine schrecklich schöne, von Kopf bis Fuss mit Dämonie ausgestattete Dame eine Rolle spielt, bedarf kaum der Erwähnung. Die Guten kriegen ihren Lohn und die Bösen das Nachsehen. Erfindungskraft und Lust am Spiel lassen ein «.Gebilde erstehen, dem auch ein fanatischer Gegner des Kriminalromans seine Anerkennung nicht versagen wird. Die Frage, die ein Gönner an den Dichter Ariost richtete: .'.Woher, Meister, habt Ihr nur all das tolle Zeug aufgegabelt?' möchte man auch an den Erzähler Frank Heller richten, dessen Gabe einem Füllhorn gleicht, aus dem die Einfälle ohne Unterlass strömen. P. M. Hanns Reissner: Familie auf Wanderschaft. Vortrupp, Jüdischer Buchverlag, Berlin 1938. Ausgangspunkt der kleinen, Gedankenreichen Schrift bilden Erörterungen über das Wesen der Familie, die der Verfasser als ..die Wiege allen Menschentums" bezeichnet. „Diesem Urquell gegenüber sind alle anderen Vergesellschaftungen des Berufs, der Bildung oder des Alters erst abgeleitete Ströme. Ohne ihn müssten sie letzten Endes im Nichts versinken." Die Familie muss ihrem Wesen nach „Wurzeln schlagen, um wirklich zu werden, um wirklich zu bleiben". Liegt deshalb nicht, so fragt der Verfasser, in dem Thema: Familie auf Wanderschaft, ein Widerspruch? ..Kann etwas, das um zu dauern, Wurzeln schlagen müsstc sich im Unterwegs-behaupten?" Die jüdische Wirklichkeit liefert Antwort auf diese Frage. Wie die Bibe] die portative, geistige Heimat des Judentums, so ist die Familie „der portative Wurzeiboden der Judenheit gewesen", obwohl das Schicksal der jüdischen Gruppe die Dauer in einem Raum \ ersagt hat. Nach diesen Erörterungen allgemeiner Art verfolgt der Verfasser das Schicksal einer bestimmten jüdischen Familie — wohl seiner eigenen — mehrere Generat;onen hindurch zurück. Er liefert damit einen interessanten Beitrag zur jüdischen Familienforschung, den er in einem besonderen zweiten Teil seiner Arbeit durch statistische Angaben ergänzt. Dann stellt Reissner die Kernfrage seines Themas, die Frage nach den Grundformen des jüdischen Gemeinschaftslebens von heute und morgen. Die Antwort ist für den Verfasser nicht einheitlich. In Palästina sieht Reissner zwar das Werden von Gemeinschaftsbildungen, die aber sui generis sind und „an die Familie im europäischen Sinne des Wortes" nicht erinnern. Im anglo-amerikanischen Raum und den lateinamerikanischen Staaten ist noch ungewiss, ob und inwieweit es überhaupt zu jüdischen Gemeinschaftsbildungen kommen wird. Ein Teil der allein herausgegangenen Einwanderer „wird vermutlich zum Nächstliegenden greifen, d. h. zur Verbindung mit einem Menschen, der selbst gesellschaftlich und geistig nicht eigentlich verwurzelt ist, sondern der levantinisch brodelnden Zwischenschicht der Hafenpforten angehört, zu der auch der Ankömmling aus Deutschland mit dem Augenblick seiner Einwanderung stösst". In jedem Fall ist es Schicksal des Einwanderers, „Zeit seines Lebens Geschlecht des Uebergangs zu sein". Nur den jungen Menschen, die zu zweit auswandern, bleibt „die Galuth der Menschenherzen" erspart. „Aber auch sie werden von den Alltagssorgen der beruflichen und sprachlichen Verwurzelung gewiss noch auf lange so stark beansprucht werden, dass die geistige Einrichtung der neuen Heimstätte ihnen leicht alsvon untergeordneter Bedeutung erscheinen wird ..." In diesem Prozess der Gärung und Umbildung sieht Reissner für den Rabbiner neue, grundlegende Aufgaben. Vor allem — und damit kommt der Verfasser zum Ausgangspunkt seines Themas zurück — wird der Ehe eine neue. gemeinschaftsbildende Funktion zukommen. Die Arbeit Reissners berührt Grundprobleme der jüdischen Wanderung. Zwar hat sich der Verfasser darauf beschränkt, die Zukunftsfragen nur anzudeuten. Aber als Beitrag zur Erkenntnis der jüdischen Wirklichkeit von heute kann seine Schrift mit Gewinn gelesen werden. Dr. St. Frieda Mehler: Wir, Gedichte. Berthold Levy, Jüdischer Buchverlag. Berlin 1937. Ein kleines, schmales Bändchen Lyrik, im Weltlichen schlichte, elegische Bekenntnisse einer leiderfahrenen Frau und vereinsamten Mutter, im Religiösen psalmodierende Anrufe einer stolzen, glaubensstarken Jüdin, die in den Nöten der Zeit das Gottvertrauen nicht verloren bat. Dem einfachen, sympathisch-unkomplizierten Empfinden, das zur Selbstbetrachtung, einmal auch zu bitterer Selbstironie (mit Heinescher Dissonanz) hinneigt, entspricht ein klarer, unpathetischer dichterischer Ausdruck, eine Sprache, die — in freien gleitenden Rhythmen und gereimten Versen — allerdings durch formale Gewandtheit ersetzen muss, was ihr an Eigengewicht und Phantasiekraft, an Glut und erhöhtem Glanz noch abgeht. H. L. Ein Autor über sein Buch Der jüdische Autor in Deutschland, der Romane oder Novellen schreibt, steht vor der zweifachen literarischen Gefahr: nicht mehr die Welt, sondern nur noch sein eigenes Judenschicksal zu sehen — oder die Welt so zu sehen, als ob es das Judenschicksal gar nicht gäbe. Der ersten Gefahr sind viele Autoren in den letzten Jahren verfallen, so dass das jüdische Lesepublikum mit Recht aller Beleuchtungen und Analysen unserer Situation müde wurde; die zweite Gefahr ist die der Lüge, des Verschweigens: denn man erwartet von einem Juden, der im Jahre 1938 in Deutschland ein Buch herausbringt — was er auch immer schreiben möge —, eine Haltung, die der Eigentümlichkeit seiner schicksalhaften Gebundenheit entspricht. Ich war bemüht, meiner Novelle „Ein Schiff unterwegs4' den Blick in die Welt zu geben, Landschaften zu eröffnen, Landschaften der Seele und.des Meeres, die Vielfalt der zwischenmenschlichen Beziehungen erstehen zu lassen, die ewigen Dinge der Liebe und der Schönheit, die unabhängig'sind von dem Wandel des Zeitlichen. Wir müssen wieder lernen. Dinge zu erleben und zu gestalten, die sich ausserhalb unseres Kreises abspielen. Wir dürfen sie aber nicht losgelöst von unserer geistigen und moralischen Existenz betrachten, sondern müssen versuchen, sie in unser Leben und Bewusstsein einzubeziehen. Mit anderen Worten: diese „Geschichte einer Ueberfahrt" ist von einem jüdischen Autor geschrieben, ein Grossteil der in ihr gezeichneten Menschen sind Juden — und trotzdem wollte der Autor keine jüdische Novelle schreiben: unsere Problematik gibt lediglich den Rahmen ab. innerhalb dessen sich Geschehnisse entfalten, die auch von anderen Völkern anderer Zeiten erlebt und beschrieben werden könnten. Herbert Friedenthal. Literarische Notizen Der Herbert-Reichner-Verlag kündigt als Neuerscheinung ein Werk von Georg Kinsky „Das Schaffenswerk Ludwig van Beethovens" an. Der namhafte jüdische' Musikforscher, dessen Schrift über die Originalausgaben der Werke J. S. Bachs an dieser Stelle früher gewürdigt wurde, will mit dieser neuen Publikation ein Verzeichnis sämtlicher Kompositionen Beethovens mit Einbeziehung der Entwürfe und Vorarbeiten sowie unter Anführung der Autographen und Abschriften, der Erst- und Originalausgaben, aufstellen, wobei sämtliche neueren Forschungsergebnisse (besonders auch seit Nottebohms „Thematischem Verzeichnis") berücksichtigt sind. Quellenbelege und zeitgenössische Besprechungen sind gleichfalls angeführt. Ein reichhaltiges Abbildungsmaterial ist vorgesehen. H. Fr. Der Seh ocken -Verlag, Jüdischer Buchverlag, Berlin, versendet einen Bericht über seine Neuerscheinungen. Wir nennen hieraus die sehr hegrüsseuswerte Neuauflage <3e-s ersten Bandes von Elias Auerbachs .Wüste und Gelohtes Land:'. In <ler Bücherei des Verlages erscheinen Kurt Wilhelm: „Von jüdischer Gemeinde und Gemeinschaft". \un Leo ßaeck: „Das Evangelium als Urkunde der jüdischen Glaubensgesehichte", von Martin Buher: ..Worte an die Jugend", von Lord Byron: ..Kain. ein Mysterium", übersetzt von Ernst Blas*, von Moritz Zobel: ..Gottes Gesalbter". Die Reihe der jüdischen Lesehefte wird um zwei ergänzt. Beide sind von Elicser L. Ehrmann zusammengestellt und beziehen sich auf das Possachfest. Von hebräischen Neuerscheinungen nennen wir:. „Die liturgischen Dichtungen Ja.nna.js'1, „Die Träume des Sahhatianers R. Mnrdechn.i Aschkenasi"' und ein vollständiges Gebetbuch von Dr. S. Baer in einer Taschenausgabe. * Unter dem Titel „Kosmopolit, der kleine Dolmetscher", ist im Verlag Bopp in Zürich ein Taschenwörterbuch in den sechs Sprachen Arabisch. Deutsch. Englisch, Französisch, Hebräisch und Italienisch erschienen. Die Originalausgabe von Schulamit Bat Doris Drama „Das G e r i c h t", welches im Ber- Wann und wo finden Sie Rat? Mitteldeutschland Magdeburg 15. Jnni, Sabatzky, lfr-18.80 Eöoigsti. Uta, « i5, h. liner Judischen Kulturbund gespielt wurde, ist im palästinensischen Bühnenverlag „Noachim" «> schienen, der sich die Förderung junger jüdischer Dramatiker zur besonderen Aufgabe gemacht hat. Alfred Auerbachs Novelle „Japques 0 f f e n b a c h" ist ins Norwegische übersetzt worden und wird in der Buchausgabe von William L u n d en illustriert. In englischer Sprache wird sie demnächst über Radio Johannesburg gesendet werden. » Professor Siegmund Freud ist mit seiner Tochter in London eingetroffen. Gottesdienste in Berlin Freitag, 10. Juni Sonnabend, 11 .Juni Sonntag (St.), 12. Juni Ansprache Ansprache Synagoge Beginn bzw. Predigt Beginn bzw. Predigt Fa. 19 Galliner 10' Fr. 19 Hamburger 10 G 19.30 9 H 19.30 $.30" J 1S.30 Rosenthal — Jh. _ 10.30 (St.) Gottschalk K 19.30 9 Ka. 19.30 Rautenberg 10 Zimet Kd. 19.15 Silberstein — Kp. 19.3* 9.45 Le. 19 Jospe 10 Li. 19 Kantorowsky 11) Lii. 19 Nussbaum 10 M 19.30 9 0 19 Goets 10 Pe. 19.30 9 Pr. 19.15 Ba-eck 10 Pz. 19.30 Brasch — R 19.30 f? Sm. 19 10 Winter Sö. 19.15 Loewenthal 10 Silberstein T 19.30 Friedländer — Tu. 19.30 9 WEITERE VEREINS-RYNAGOGEN: Falkenthaler Stete fHermsdorf). 10.: 1P.30 ("Klein): 11.: 10 (Kl«in). — Piippelstr. 41. 10.: 19.30: 11.: 1S.30. — Frankfurter Allee 56, 10.: 19.30; 11.: 9 (Rosenthal) und 20.43: werktags 7 und 19.30: St. S. — Kammerstrasse 7 (Spandau\ 10.: 19.30; 11.: 10 und 21.28. — Lothringenstrasse 2-2, 10.: 19: 11.: 10. — Prinzenallee 87. 10.: 19.30; 11.: 9 und 20.45 (Alexander); werktags 7 nnd 19.30. — Schulstrasse 7. 10.: 1S.30 (Adler): 11.: 9.30 und 19.30 (Adler). — Stlerstrasse 21, 10.: 19.30; 11.: 9 und 20.40 (Winter): St.: 8. — WUhelminenhofstrass-e 1, 10.: 19.15. # Aus Atdass des SO. Geburtstages von Claude Montefiore findet in der Synagoge Prinzregentenstrass? ein Festgottesdienst am Freitag, 10.. Juni, 19.15 Uhr, statt. Festpredigt Rabbiner Dr. Baeck. ——— Abkürzungen »<• ALTER RITUS: Grunewald G.. Heidereutergasse H., Kaiserstr. K., " Köpenick. — Kp., Münchener Str. M„- .Pesta-lozzistr. Pe., Rykestr. R., Thielsch-Ufer Tu. NEUER RITUS: Fasanenstr. Fa., Friedenstempel — Fr., Levetxowstr. Le., Lindenstr. LL, Lützowstr. Lü., Oranienburger Str. O., Oranienburg Or., Prinzregen tenstr. Pr., Schmargendorf Sm. REFORM: Johannisstr. Jh., Joachimsthaler Str. J. FALKENBERG - Synagogen:' Kaiserstr. Ka., Kaiserdamm Kd., Prenzlauer Promenade Pz.. Schönhauser Allee Sö., Triftstrasse T. - '~'- ^3m^m^^^t ^MJTWL I^ByjM^BJK^-- -~ y c r für jfid ische Arbeitgeber und Arbeitnehmer ANGEBOTE An unserer Heyers Synagoge ist die Stelle eines Kantors alsbald zu besetzen. Ausführliche Bewerbungen an den Vorstand der Synasogensemetnde, Breslau. VTallstrasse 9. Für Privatviila im Schwanwaid zu alleinstehendem älteren Ehepaar, mit allen Hausarbeiten vertraute, selbständig arbeitende jüdische Hausg-ehSIfiu gesucht. Köchin vorhanden. A. 7565 C.-V.-Zeitiinjä:. Berlin W. 15. 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