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Central-Verein-Zeitung · 1938-06-02 · 22 (2.6.1938) · page 17

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
22 (2.6.1938)
Date
1938-06-02
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Hr. 22 * 5. Beiblatt CYZeihing 2. Juni 1938 » Seite W! Der Aseneth-Roman / Die Josephsgeschichte in der Weltliteratur Von Dr. Ludwig Feuchtwanger (München) Die Stoffsammlungen und Beiträge zu einer umfassenden „Kulturgeschichte", der Bibel sind go angeschwollen, dass es nur an dem letzten genialen Darsteller der Aneignung der Bibel durch die nationalen Kulturen und geistigen Strömungen der Epochen fehlt.. In der Stoff- und'Motivgeschichte fast aller Nationalliteraturen nehmen die Gestalten und Erzählungen des ..Alten Bundes" einen beträchtlichen Raum ein. Wie Weltbild und Wertbegriff der Kulturkreise und Generationen durch die Bibel geprägt wurden, das wäre das Hauptthema jener geistesjreschichtlichen Zusammenfassung. Von jüdischer Seite sind zahlreiche Bausteine für das Unternehmen in der Vergangenheit zusammengetragen worden. Die Arbeiten sind von verschiedener wissenschaftlicher Qualität, oft nur lückenhafte, mehr als minder geordnete Aneinanderreihtingen der beigebrachten Befunde. Eine neue Untersuchung von Hans Pfi-ebatseh .,D i e Josephsgeschichte der Weltliteratur" (eine legendengeschichtliche Studie. M. und H. Marcus, Breslau, 1937) fällt durch den Reichtum schwer auffindbaren und weit abgelegenen Materials auf. während Sichtung und^ Bearbeitung etwas dahinter zurückbleiben. Die gute Schulung in den alten und semitischen Sprachen macht gegenüber zahlreichen ähnlichen Schülerarbeiten und Dissertationen den Wert der Studie aus. Es BeehtifU_ ftezistift-tiemHOMis,1iürH6e*'9 ist schade, dass äussere Gründe den Verfasser verhinderten, das Ganze über die Materialsammlung hinaus zu einer Ideengeschichte auszubauen. Eine Motivgeschichte lag nicht in seinen Absichten. Behandelt werden sollten nur Darstellungen, die in erweislichem, historischem Zusammenhang mit der biblischen Erzählung stehen, und zwar verfolgte Priebatsch das stete Wirken von Tradition und Neuschöpfung, wie jede; Zeit sich im ..Alten Testament" wiedeifand, wie theologische Arbeit an der Ueberlieferung, volkstümliche Erzählerkunst und dichterische Gestaltungskraft den Weg einer Legende bestimmten, wie sogar die Umbildung des Stoffes gelegentlich Fingerzeige zum Verständnis von abgelegenen Epochen bietet. Dagegen sind solche Epochen, für die grössere Vorarbeiten vorhanden sind, kürzer behandelt; die Gestalt Josephs in der späteren jüdischen Literatur seit 70 n. Chr. wird beispielsweise nur gestreift. Im ■Mittelpunkt des Interesses stehen für den Verfasser das „Gebet der Aseneth" und die „Testamente der-zwölf Patriarchen". Aseneth ist nach der Bibel (Genesis 41, 45) die Frau des Joseph, Tochter des ägyptischen Priesters von Heliopolis, Mutter von Menasse und Ephraim (Gen. 41, 50). Es handelt sich um eine christlichägyptische Ausschmückung der alten einfachen. Erzählung, während die jüdische Legende mit einer begreiflichen Scheu gerade an dieser biblischen Frauengestalt vorüberging. Der Geschichte von Joseph und Aseneth, der Herkunft des Legendenstoffes und seinem späteren Schicksal geht Priebatsch mit grosser Sorgfalt nach. Um die sagenhafte heidnische Priestertochter und jüdische Stamm-Mutter Aseneth haben sich in späterer Zeit, namentlich im Hochmittelalter, ganze Romane gesponnen. Auch die Juden des hellenistischen Aegyptens zeigten für ihre uralte Verbindung mit einem der ältesten Heiligtümer ihrer Wahlheimat beträchtliches Interesse. So wird von den jüdisch-hellenistischen Schriftstellern die Einrichtung der ägyptischen Staatsverwaltung auf Joseph zurückgeführt. Um die Mischehe mit der Fremden aus der ägyptischen Priesterschaft des Sonnengottes von Heliopolis zu decken, schuf man auch für Aseneth einen berühmten Stammbaum von. Hiob und der Jakobstochter Dina. Der Wundervogel Phönix trägt das Kirrd in die Lüfte und setzt es auf den Altar des Tempels von Heliopolis nieder, wo e# von dem Priester, dem späteren Schwiegervater Josephs, aufgezogen wird. Bei der jüngeren sehr reichen Ausschmückung der Geschichte von Jöseph und Aseneth mit Gedankengut verschiedensten Ursprungs ist eine weitläufige christliche Erbauungsgeschichte symbolischer Art daraus geworden. Der'Aseneth-Roman ist in die verschiedensten Sprachen übersetzt und wie die grosse Zahl von vorhandenen Handschriften zeigt, viel gelesen worden, namentlich' im Osten, wo die apokrypbische Schrift in syrischer, armenischer,, aethiopischer und altslawischer Sprache verbreitet war. In dem späteren christlichen Kampf gegen die Juden wird Joseph, der von seineu Brüdern verkauft wird, mit dem verherrlichten Christus , gleichgesetzt und bleibt durch die Jahrhunderte das „Vorbild" und die „Präfiguration" Christi, die schlagendste Parallele zur Leidensgeschichte. ^Philons allegorische Deutung der Josephs- * Geschichte hatte Schule gemacht. Bei Philo ist der bunte Rock, den die Brüder dem Joseph ausziehen, das von der Liebe zum Wissen bunte Gewand der Gnosis (der tieferen mystischen Einsicht); die wasserlose Grube, in die Joseph geworfen wird, ist die an Wissen leere Grube. Die gelehrte Bibelerkiärung der Kirchenväter spinnt daun diese allegorischen Betrachtungen weit aus; dahinter steht immer der Gedanke an den „verus Joseph", den wahren Joseph, der eigentlich Christus ist. Auf der Suche nach den Hindeutungen des Alten Testaments auf das Neue spielt die Josephs-Geschichte die grösste Rolle. Die Brüder sind die Juden, die leiblichen Brüder Christi. Erst viel später hat der Mariendienst diese Allegorese mehr und mehr verdrängt. Die allegorischen Deutungen der Hergänge und Personen aus der biblischen Joseph-Geschichte kehren übrigens in der arabischen Koran-Exegese in den Kommentaren -zur Joseph-Sure wieder. Ausser dem sehr beziehungsreichen „Gebet der Aseneth" steht im Mittelpunkt der legendengeschichtlicben Studie von Priebatsch die berühmte prophetisch-pseudoepigraphische Schriftensammlung „Die Testamente der zwölf Patri- . arcben". Das alte Buch enthält die geistigen Vermächtnisse, welche die zwölf 'Söhne Jakobs hinferliessen, und ist eine christliche Ueberarbeitung einer ursprünglich jüdischen, höchst interessanten Grundschrift. Jeder der Jakobssöhne erzählt zuerst die Geschichte seines Lebens, klagt sich begangener Sünden an. rühmt sich seiner Tugenden und erteilt dann seinen Nachkommen Ermahnungen, setzt auch manchmal bedeutsame Weissagungen hinzu. In letzter Zeit hat namentlich G a s t er (in der Jewish Quarterly Review) die Gründe für den rein jüdischen Ursprung der Patriarchen-Testamente untersucht und dabei die Testamente des Juda und des Levi, die ganz im Sinne des Buches der Jubiläen und der Anschauungen der Makkabäerzeit gehalten Neue Bilder von Max Heiniann Der Berliner Maler Max Heimann lud in sein Atelier zur Besichtigung neuer Arbeiten ein. Sie sind zum Teil das künstlerische Ergebnis, der Niederschlag einer Italienfahrt. Südliche Landschaften in sommerlichen Stunden. Ausschnitte alter Architekturen, italienische Menschen, das alles hat Max Heimann auf der Leinwand festgehalten. Er hat es festgehalten in einer anderen Art, in einer anderen künstlerischen Linie Formen, geschaffen, die uns im Hinblick auf die Gesamlentwicklung dieses jungen Malers überaus interessant sind. Das Kloster Fiesole im Dunst der Ferne und die Oliven, Aprikosen und Feigen in ihrem pastosen Geflimmer, das pointilistische Glitzern der Büsche auf dem Bild, das „Nespole" genannt wird, die ganz französisch anmutende Komposition der ..Marietta" mit der starken Synthese der Farben, dem sanften Nespole (Italien) Fot. (2) Grete Karplus Marietta Ausdruck des jungen Madchens, das mutet uns anders an. als es der eifrige Segal-Schuler bisher vermittelte. Völlig andere Farben allem scheinen den Uebergang von der alten zur neuen Malerei zu charakterisieren. Da ist ein Stilleben mit einer Hyazinthe, in Hellblau, einem gelben Buch und einer Silberschale. Diese Palette, die sich in dem von Max Heimann schon oft gewählten Thema ausspricht, ist die neue Koloristik des Malers, der. ob er nun den Ponte Vecchio in seiner gedämpften Stadtatmosphäre oder die Büsche und Baume der italienischen landlichen Gegend malt, in einem Gemälde ..Handwerkszeug'' die einzelneu Geräte. Malerbürste, Maltubennapf. Flaschen vor einen interessanten Hintergrund setzt, neben dem tormalen Stil und der inhaltlichen Note seine eigenste Prägung gefunden hat. O.B. BIHfflllliHIIHlHM sind, in ihrem jüdischen Gesamtcharakter gezeigt. Anders geartet sind die übrigen Vermächtnisse, so wenn im Testament des Isachar die Einfalt gepriesen wird, deren Wert vor Gott das Judentum im Gegensatz zu dem ..Selig sind die geistig Armen" sonst nicht so feiert wie die . „Hochma". Es sind hauptsächlich innere Gründe, die dafür sprechen, dass nur für die Testamente . von Juda und Levi, den. Ahnherren des Priester- und Königstammes, rein jüdische Kernvorlagen massgebend waren. Die Kinder Levi werden vor den anderen ermahnt, die Gesetzeskenntnis zu pflegen. Unablässig sollen sie das göttliche Gesetz lesen, denn jeder, der das Gesetz des Herrn kennt, wird geehrt und wird kein Fremder sein, wohin es geht. Viele Freunde wird er sich erwerben, und viele Menschen werden wünschen, ihm zu dienen und das Gesetz aus seinem Munde zu hören. Die Darstellung des Lebens von Joseph trägt dagegen wieder untrügliche christliche Züge. Es ist zu bedauern, dass der Verfasser den Vergleich des Levi-Testamenfs in der griechisch überlieferten christlichen Ueberarbeitung mit der grossenteils (aramäisch, syrisch und griechisch) erhaltenen jüdischen Urform nicht durchgeführt hat. In dem neuen Werk ist eine Fülle von Beziehungen zu einem noch lange nicht genügend bekannten nachbiblischen, vorrabbinischen Schrifttum jüdischer Herkunft enthalten. Der Aseneth- Roman und der Zyklus der zwölf Patriarchen- Testamente sind nur ein Teil aus dem weitverzweigten Stoff. Die Christianisierung der Josephs- Geschichte, eine Uebersicht der Verarbeitung des biblischen Erzählungsgutes von Melanchthon bis zur Romantik, dann im byzantinischen Kulturkreis und im Islam, sind die Themen, die in dem neuen Buch noch nicht über eine sehr anregende Stoffsammlung gediehen sind. Die Arbeit von Hans Priebatsch ist bereits im Frühjahr 1926 fertiggestellt worden, äussere Gründe haben ihr Erscheinen um zwölf Jahre verzögert. Die Arbeitsweise, die in der jetzt erfreulicherweise vorliegenden Veröffentlichung angewandt ist, zeigt deutlich, wie mit Hingebung und Ruhe, unter der Anleitung bedeutender Lehrer der Sprachwissenschaft und Geschichte, gearbeitet werden konnte. Heute muss die jüdische Jugend, welche die Voraussetzungen für solche wissenschaftlichen Arbeiten mitbringt, ihre Arbeitsplätze da einnehmen, wohin sie das Schicksal gestellt hat, soweit nicht die jüdischen Lehranstalten in Berlin und Breslau noch mit ihren ausgezeichneten Lehrkräften und Seminaren an dieser Bildtmgspflege mitarbeiten können. Auch ohne die schöne Studie von Hans'Priebatsch wäre von Zeit zu Zeit eine Bestätigung im jüdischen Kreis am Platz, dass ein Gelehrtennachwuchs ohne gründlichste Vorbildung in den alten und semitischen Sprachen unmöglich ist. AbSCllied / Kurt Lewin Diese Arbeit wurde von der C.U.-Zeitung bei.ihrcm Erzähler-Wettbewerb mit einem Pf eis ausgezeichnet. „Hüh, Achten, hüh!" Sie fuhren durch das .Gatter auf den Weg, der sandig durch die Obstgärten lief. Der Eingang war weiss bestreut, als Schutz gegen irgendeine Krankheit der Tiere. Tiere, ach Gott, was gingen ihn denn die Tiere an! „Hüh, Achlan, hüh!" Der Wagen, formlos gefügte Latten auf einem Radgesteli, holperte und ächzte. Links schimmerte das Laub der Obstbäume, zur Rechten hielten riesige Kakteen-ihre stachelbewehrten Fangarme in die strahlende Sonne. Es war nicht mehr allzu heiss, aber es war hell, schimmernd klar leuchtete fern die Kette der Berge, die sich zum Meere senkten, das man nicht mehr sah. „Hüh, Achlan, hüh!* Immer weiter rollte das Wägelchen. Schon ging es um die Biegung und nun gerade in das Land hinein, durch das sich fern das schmale Schienenband der kleinen Bahn zog. Schon sah" er das Häuschen, ach was, die elende Holzhütte, die der Bahnhof war. „Was rufst du da bloss immerzu?" Sie erschrak. Warum war er nur so böse? Ihr tat es doch auch weh, dass er fortfuhr. „Ich? Nichte. Hüh, sagte ich. Er soll laufen. Hüh, hüh", rief sie wieder und liess die Leine spielen, und wirklich setzte sich das magere Pferdchen in einen kleinen Trab. „Er ist alt, weisst du. Aber man muss es ihn nicht merken lassen. Es tut ihm weh, wenn er denkt, dass er zu gar nichts mehr taugt." „Wer? Das Pferd?'1 Nun sollte so ein Pferd gar noch denken können! „Hmm. Achlan." „Achlan? So heisst das ßferd?" Sie lachte. Sie war ja noch so ein Kind. Da stand sie auf ihren Beinen, die ganz^ hoch geworden waren in den zwei Jahren ihrer Trennung, hielt die Leine in den Händen und lachte. "Schlank und weich war sie nun, eine richtige Frau, gut anzusehen in der kurzen Hose, die sie zur Arbeit trug. „Achlan? Ach, bist du dumm. Das heisst Fresser, weil er schon viel mehr frisst, als er arbeiten kann, und doch nicht mehr dick wird. Aber er soll laufen", und wieder rief sie das Pferd, sie wurde ganz ernst dabei, und es gelang ihr wirklich, es in seinem leichten Trab zu halten. Dass man lachen kann, wenn einem so zumute ist — dachte sie verwundert. Er träumte. Sie liebte alles. Jedes Pferd kannte und liebte und pflegte sie. Wie konnte man nur diese Pferde alle kennen. Die Hühner waren das Wichtigste auf der Welt, die Kühe das Beste und die Pferde das Schönste. Die Hunde dagegen waren schon halb göttliche Wesen. Jeden Menschen lachte sie an, dem sie begegnete, und jeder wurde heiter, wenn er sie sah. Zwei Tage,, zwei ganze Tage lang hatte er das mitangesehen, von früh bis nachts. Und nur ihn, ihn liess sie fortgehen, als wenn das nichts wäre. * Fort. Drüben war die Bahnstation, dahinter die Berge und, wo sie.sich neigten, das Meer. Zwei ganze Jahre, zwei ganze Tage — „Mirjam, Mirjam." Er sah sich um. Da war ein Getreidefeld mit hohen Aehren, das golden schimmerte und'wogte, und durch das Korn liefen Kinder auf den Weg zu, den sie fuhren. Er sah ihre Köpfe, wirre Locken in allen Farben, süsse Gesichter, eine ganze Schar. „Mirjam", riefen sie, „Mirjam." Schon waren die Kinder heran, und sie hielt lachend an. „Werdet ihr wohl machen, dass ihr ' heimkommt. Weg", schrie sie, und drohte mit der Peitsche. Die Kinder schrien, und er verstand sie nicht. Mirjam, nannten sie sie, Mirjam. — . „Marsch, zurück! Sonst setzt's was." Sie schwang drohend die Peitsche. Es ist nett,- dachte er trostlos, dass sie mich verstehen lägst, was sie sagt. Neben dem Feld war der Kindergarten, der Gan Jeladim, in dem die grösseren Kinder den Tag über spielten, ihren kleinen Garten bebauten, einen ganzen Kinderzoo hielten, junge Eselchen, Hunde, Küken und Kätzchen. Auch eine Ziege hatten sie, die sie anspannen konnten, und allen gehörte auch sie, nur ihn — Sie redeten auf sie ein. Offenbar verlangten sie von ihr das Versprechen, wiederzukommen. Pack, dachte, er. grimmig, aber es machte, ihn zugleich merkwürdig stolz, sie so zu sehen. Er schüttelte verwundert, den Kopf- Dann sah er, dass sie es ihnen versprach. Allen versprach sie alles, nur ihm nichts, undwas sie ihm versprochen hatte, hielt sie nicht. Mirjam -r wer war Mirjam? War sie ein anderer Mensch? Die Kinder gaben den Weg frei, und weiter ging es in ächzendem Trab und mit diesem gottverdammten Hüh und Hüh und Achlan und Achlan. Mirjam! ..Warum hast du dich nur um Himmelswillen Mirjam nennen lassen?" Sie sah ihn an, die Leine straffte sich, und das Pferd ging im Schritt. „Ich habe es. dir doch erklärt. Ich heisse doch jetzt so." Also gut, nun hiess sie Mirjam. Warum auch nicht? Sie war ja doch ein anderer Mensch. Wenn es nur nicht so verdammt weh täte. '„Warum bist du nur so böse? Ich habe dir doch nichts getan. Ich habe dich doch lieb, und du fährst doch fort. Du, du willst doch weg.'' Ich will weg, dachte er, ich will weg. Da unten das Bahnhäuschen wurde immer grösser. Man erkannte schon die hohe Pelzmütze eines Polizisten, der wartete. Die Schienen schimmerten gleissend in der letzten Sonne dieses Tages. „Ich habe dich doch so sehr gebeten, zu bleiben. Sie wären alle gut zu dir gewesen. Sieh nur, sieh, so könntest du reiten. Du weisst ja nicht, wie das ist!" Den Weg, der den ihren kreuzte, kam ein Junge herabgejagt, ohne"SatteI und Zaumzeug. Er sauste durch die Allee aus .schmalen Euka- Jyptusbäumen, er riss das Pferd, dass es aufbäumte, bog durch ein Feld ab. das schon geerntet war, und jagte wieder zurück. Ihre Augen leuchteten. „So sind unsere Jungens. Das ist einer von uns", sagte sie stolz. Er blickte dem Jungen nach. Er sah nur noch. das Jagen des Pferdes. Dort auf dem Hügel lag eine andere Siedlung, er wusste ihren Namen nicht mehr, nur das Dorf dort unten kannte er noch. Es hiess Kfar Jehoschua. Auch dort war sie bekannt, und man hatte sie beide am letzten Schabbath wie gute Freunde aufgenommen. So war es überall in diesem verdammten fremden Land. Später waren sie auf ein Feld gekommen, das er für sumpfig gehalten hatte, so hatte man es bewässert, und auch darauf war sie stolz gewesen. Dann hatten sie eine Weile auf dem Hügel vor diesem Dorfe gesessen, fern sah man die Häuser von Nahahai, die in Kreisen umeinander her liefen. ..Dass du nun doch gekommen bist", hatte sie gesagt und hatte sich zu ihm gebeugt. „Oh, ich war oft allein" — es hatte sie geschauert — „du weisst ja nicht, wie schwer es sein kann, wenn hier lauter Schlamm ist, in der Regenzeit. Aber nun werden wir uns nie mehr trennen, nie. Nicht wahr?" „Nie mehr. Ich bin doch zu dir gekommen, dich zu holen." Ganz leicht hatte sie geschrien, nur ganz leicht ... „Du weisst ja gar nicht, wie die Menschen hier sind", sagte sie nun, „hast du auf den geachtet, der uns die Agaiah gegeben hat?" Agaiah — das war das Wägelchen. Ein alter Mann hatte es ihnen gegeben, und sie hatte sehr bitten müssen. „Nein." - „Siehst du, du hättest auf ihn achten sollen. Er ist ein Dichter. Warst du böse, weil" er das Pferd nicht gleich geben wollte?" „Nein." „Er liebt die Pferde so. Er hat gedacht, 'der Achlan sei zu alt, und die anderen hatten gearbeitet. Aber .er hat ihn dir doch gegeben." Dieses verdammte Geschwätz von Güte und Pferden. Da hockten sie nun alle zusammen und noch dazu mit ihrem Vieh und redeten sich ein, einander und alles zu lieben. Kam es denn darauf an? Kam es nicht — „Er ist nämlich ein Russe. Bei uns sind alle - Russen, weisst du, von denen, die ganz zu Anfang ins Land kamen. Sie sind so ganz anders,

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