Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 22 (2.6.1938)
- Date
- 1938-06-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 22 * 2. Juni! 938 C.-V.-Zeitung Seite/ TT \zil. I 9. Steig auf einen hohen Berg als Freudenbotin, Zion! Erhebe mit Kraft deine Stimme als Freudenboiin, Jerusalem! Erhebe sie ohne Furcht! Sprich zu den Städten Judas: hinne elohechäm, d a ist euer Cott. I 10. Da, mein Herr, der Ewige, er kommt als der Starke, sein Arm hat für ihn gewaltet da, sein Lohnen ist mit ihm, sein Entgelten ihm voran. I 11. Wie ein Hirte weidet er seine Herde, Lämmer in seinem Arm, trägt sie er seinem Busen, die Mutterschafe leitet er sacht. (40, 1—11.) Der Adlerflug des Hoffens Das Exil dauert schon so lange, und der Prophet sieht Menschen, die müde sind. Manche sind auch schon verzweifelt. Sieht Gott die Sache der Juden? Diese Frage, die dem Juden keine Frage sein darf, es sei denn, um sie triumphierend zu bejahen, wird bereits von manchem verneint. „Verborgen ist mein Weg vor dem Ewigen, mein Recht entzieht sich meinem Gotte." Hat hier Trost noch eine Möglichkeit-? Trost heisst nicht einfach beschwichtigen. Es muss ein Grund für den Trost da sein. Grund für den Trost liegt nur dann vor, wenn Hilfe in Aussicht gestellt werden kann. Dieser Hilfe ist der Prophet gewiss. Gott wird sie bringen, wie er sie in der Vergangenheit immer gebracht hat. Verzweiflung ist nicht nur Schwäche. In der vergangenen Geschichte Israels ist doch der Beweis, dass Gott die Macht hat und behält. Weil der Beweis doch vor aller Augen offen ist, heisst hier Verzweiflung — Unwissenheit. „Weiset du es nicht, hast du es nicht vernommen?" Das Wort „glauben", das bei dem Propheten Jesaja eine so grosse Rolle spielte, kommt bei unserem Propheten nur an einer einzigen Stelle (43, 10) vor," und auch dort ist es mit dem Wort „wissen" zu einem..JBegriff vereint. Was bei Jesaja oder in der Abrahams-Geschichte „glauben" heisst, heisst bei dem Propheten der Tröstung:, warten, hoffen, harren. So schafft er das wunderbare Bild vom Adlerflug des Hoffens. Dieses Bild hat ungezählten Menschen, Juden und Christen, geholfen und sie zu Ueberwindern gemacht. 27. Warum sprichst du, Jakob, redest du, Israel: Verborgen ist mein 1/eg vordem Ewigen, mein Recht entzieht jich meinem Coli!? / 28. Wehst du es nicht, hast du es nicht vernommen: Em Cott aller Zeiten ist der Ewige, Schöpfer der Erde um und um, er wird nicht müde und nicht matt, unerforschlich ist seine Einsicht. I 29. Er gibt dem Müden Kraft, dem Machtlosen mehrt er Stärke. 1 30. Jünglinge werden müde und matt, Burschen brechen nieder. Doch die auf den Ewigen harren, erneuern die Kraft, treiben Schwingen wie die Adler, sie laufen und werden nicht müde, sie schreiten und werden nicht matt. (40, 27—31 ) Die Erwählung Gegenüber der Exilssituation hat Deuterojesaja immer eines zu sagen, und er wird nicht müde, es immer von neuem zu wiederholen. Der den Kern seiner Botschaft-ausmachende Ruf lautet: „Fürchte dich nicht!" Dieses „Fürchte dich nicht!" begründet er, indem er auf die Erwählung hinweist. Israel ist erwählt. Wer ist dieses Israel? Politisch gesehen ist Israel unbedeutend. Eine Seitengasse der Weltgeschichte ist es, wo sich seine politische Geschichte abspielte. Auf diesem schmalen Landrücken Palästina kann keine politische Macht gross werden und auf die Dauer selbständig bleiben. Das ist Israel, „von der Welt Enden geholt,- aus ihren Winkeln berufen". Aber es ist erwählt. Dieser Gedanke der Erwählung ist nicht im Widerspruch zum mosaischen Monotheismus. Im Gegenteil. Aus ihm ergibt sich der Erwähl ungsgedanke. Der eine Gott will den einen Menschen und damit das eine Volk, die eine Menschheit. Wie sehr der Glaube Gemeinschaft stiftet, schliesst er jedoch jeden Kollektivismus, der naturbafte Gemeinschaft ist, aus. Die Beziehung Gott — Mensch ist nicht eine naturhafte. Die Natur des Menschen weiss nur von Göttern. Erst, wo der Mensch eine Geschichte durchschreitet, die, in die Natur eingebettet, über die Natur hinausführt, weiss er um Gott. Geschichte ist Begegnung mit Gott. Die Natur ist tot. Das Leben der Natur ist nur gewissermassen Leben. Der Mensch erwacht erst zum Leben, wo der eine Gott ihm gegenübersteht und ihn anfordert für seinen Weltplan, Wo dies geschieht, ist Erwählung. Der eine Gott erwählt den einen Menschen. Volk Gottes ist Gemeinschaft von einzelnen. Dass Israel als Volk erwählt ist, lässt die Erwählung nur noch deutlicher als nichmaturhaftes Ereignis sehen. Denn Israel hat als Volk aufgehört, Weltvolk zu sein. Wie sehr Jesaja recht hat, wenn er im Akt seiner Erwählung die glühende Kohle seine Lippen berühren sieht, also die Erwählung mit Feuer vergleicht, das versengt und tötet, wie sehr auch gesagt werden kami, dass wir als Weltvolk gestorben sind —, das sind nur Gleichnisse, allerdings tief bedeutsame Gleichnisse. Wenn hier Tod ist, so muss ihn alles Menschliche sterben, damit es eingeht in das Leben. Die Erwählung „erweckt" — nämlich zum Leben. So ist das Leid Israels das Leid der Erwählung. Israel, das als Weltvolk gestorben, aber Volk geblieben ist, lebt sichtbar der Welt die Geschichte der Erwählung. Ecce homo. Seht alle her auf das Schicksal des Menschen in der Erwählung. Also ist Erwählungsgeschichte —- Leidensgeschichte?! Gewiss, aber in diese Leidensgeschichte ruft Gott hinein: „Fürchte dich nicht!" Das Judenleid ist Leid der Erwählung. Das Exil,__die Galut ist nicht Aufhebung der Erwählung. Ausdrücklich daraufhin sagt unser Prophet seiner Generation, die zum erstenmal erfährt, was Exil, was Galut ist, dieses Wort im Namen seines Gottes: Ich habe dich einst erwählt und habe dich nie verworfen." 8. Du aber, mein Knecht, Jakob, den ich erwählt habe, Spross Abrahams, der mich geliebt, I 9. du, den ich von der Welt Enden geholt, aus ihren Winkeln berufen habe, ich habe zu dir gesagt, mein Knecht bist du, ich habe dich einst erwählt und habe dich nie verworfen. I 10. Fürchte dich nickt, ich bin bei dir. schau nicht ängstlich umher, ich bin dein Cott, ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte, dich mit meiner heilvollen Rechten. 13. Denn ich, der Ewige, dein Cott, fass fest deine Rechte, ich, der zu dir sagt: fürchte dich nicht! helfe dir. (41, 8—13.) Judenstolz Ja, Israel ist vom Gesichtspunkt der Macht aus gesehen, also politisch gesehen, nur ein „Würmlein". Diese „Menschlein Israels" sind nichts, womit ein politischer Einsatz gemacht werden könnte. Aber um so deutlicher wird, was die Kraft dieses Volkes ist. Es ist die Kraft des an seinem Gott festhaltenden Volkes. Dadurch wird die Machtlosigkeit — Macht. Die politische Machtlosigkeit kann zur Pariaexislenz führen. In Israel ist das nie der Fall gewesen. Das „Würmlein Jakob", die „Menschlein Israels" sind eines Selbstbewußtseins fähig, das im Bewusstsein um den einzigen Herrn der Geschichte wurzelt,, und dadurch nach weltlichem Stolz, von dem es verschieden ist, aussieht. Der Judenstolz ist die jüdische Form der'Demut. Israels „Sich-Rühmen des Heiligen Israels" — was ist es, ein stolzes Sich-Aufrichten oder ein demütiges Sich-Beugen. Es ist ein herrschaftliches Sich- Beugen unter Gott. Der Umschlag Machtlosigkeit —"Macht, den der Prophet zum Bewusstsein bringen will, wird durch den Umschlag „Würmlein — Dreschschlitten" in den folgenden Versen verdeutlicht. Der Dreschschlitten, der mit seinen spitzen Steinen die Körner ausdrückt und die Halme zerreisst, dann das Hinstreuen, schliesslich der Wind, der alles verweht — das sind Bilder der vollen Vernichtung. Wenn das Neue Testament das Gleichnis vom Berge versetzenden Glauben hat, so vergleicht der Prophet die dem messianischen Weg sich entgegenstellenden Hindernisse mit Bergen, die gedroschen und zermalmt werden wie Getreidekörner. Der Prophet Secharja folgt in der Handhabung dieses Gleichnisses unserem Propheten. Als Serubabel, von Babylon kommend, in Palästina das jüdische Gemeinwesen aufzubauen versucht, verkündet Secharja die Ueberwindung der vorhandenen Hindernisse in den. Worten: ..Wer bist du, grosser Berg, vor Serubabel wirst du zur Ebene" (Sech. 4,7). 14. Fürchte dich nicht. Würmlein Jakob, ihr Menschlein Israels. Ich, ich helfe dir, spricht der Ewige, der Heilige Israels ist dein Befreier. I 15. Siehe, ich mache dich wie einen Dreschschlitten, einen scharfen, neuen, vielschneidigen. Du wirst Berge dreschen und zermalmen, Hügel zu Spreu machen. I 16. Du streust sie hin, der Wind trägt sie vjeg. der Sturm verjagt sie, du aber jubelst im Ewigen, rühmst dich des Heiligen Israels. (41, 14—16.) Kyros Gott und Israel, das ist nicht die ganze Schöpfung. Israel und Babel, das ist nicht die ganze Welt. Es gibt noch den Kyros, es gibt noch den aus einem Weltvolk hervorgehenden Fürsten, der als Machtträger von Gott so berufen, so erwählt ist, wie Israel als Remhrcnd': Q'fcr.bnrung am Sinai Fot. (3) Archiv machtloses Volk berufen ist, erwählt ist. Auf allen Märkten und Gassen des Orients spricht man von Kyros, dem Perserkönig (558 bis 529) und seinen grossen Erfolgen. Eine befestigte Stadt nach der anderen öffnet sich seinem Siegeslauf. In Lydien erobert er Sardes, wo ihm der im Altertum sprichwörtlich gewordene Reichtum eines Krösus in die Hand fällt. Darauf spielt unser Text — „verborgene Schätze, Verstecktes aus geheimen Kammern" — an. Es ist ein Siegeslauf» der alle Welt in Staunen hält. Dieser Siegeslauf ist dem Kyros möglich, weil Gott selbst es ist, der den Weg dieses Machthabers aus eines Weltvolks Stamm bereitet. „Ich gehe vor dir her und ebne die Wälle, eherne Türen zerschmettere ich, eiserne Riegel zerschlage ich." Eines Tages wird auch Babylon diesem persischen Eroberer zufallen, und dann ist der Kerker des babylonischen Exils gesprengt. Der Prophet verkündet seinem Volk diese Aussicht der nächsten Zukunft. Aber er verkündet noch etwas anderes: Das Wachsen und Werden der Grossmacht des Kyros ist ein Teil des göttlichen Planes. Denn es gibt keine Macht ausser Gott, neben Gott, ohne Gott. Das ist der grosse Lehrsatz des Monotheismus. „Ich bin der Ewige, sonst keiner, und ausser mir ist kein Gott." Wo eine Macht auf den Plan tritt, ist sie berufen durch Gott. Wie einst Assur von Jesaja ein „Stecken" (Jes. 10, 5) in Gottes Hand genannt wurde, wie Jeremia Gott von Nebukadnezar sagen lässt „Nebukadnezar . . . mein Knecht" (Jer. 27, 6), so hat auch Deuterojesaja über Gott und Kyros eine Aussage zu machen. Aber diese Aussage betrifft jetzt den Machtträger nicht mehr als Zuchtrute Gottes, sondern als Freiheitsbringer. Denn das ist das Neue bei Deuterojesaja: der Machtträger, der Weltbeherrscher, kann berufen sein, wie ein Prophet berufen ist. wie ein Märtyrer berufen ist. wie Israel berufen ist. Mit denselben Ausdrücken, in denen die Berufung Israels formuliert wird, — „an der Rechten ergreifen" „mit Namen v_ nennen" — wird die Berufung des Kyros formuliert. Kyros weiss nichts von.;Gott und ist Diener Gottes. „Ich gürtete dich, wo du mich nicht gekannt." Zweimal steht dieses „wo du mich nicht gekannt". Aber „vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang" ist alles eingegliedert in den grossen Plan Gottes. Das ist die Ueberzeugung Deuterojesajas, die aller Propheten. Und wenn auch diese Kühnheit Deuterojesajas neu ist, und einzigartig in der ganzen Bibel, dass er Kyros, den Machthaber aus Weltvolksstamm, Maschiach nennt. Gestalten, der Gedanke selbst ist nicht neu, sondern bei den früheren Propheten schon im Prinzip vorhanden. Es zeigt den hohen Ernst, mit dem der Jude der Geschichte gegenübersteht. Er steht' ihr nicht in der. apokalyptischen Haltung gegenüber, die sagt, das Reich des Caesar ist „nur" von dieser Welt. Es sind die Aufgaben dieser Welt, deretwegen die Erwählung ergeht an den, an den-sie ergeht. Sie ergeht an den Machthaber und an d-en Machtlosen, an Caesaren und an Bürger, an Kyros und an Israel. /. So spricht der Ewige zu seinem Gesalbten, zu Kyros, den ich an seiner Rechten ergriffen, um vor ihm die Völker hinzustrecken; die Hüften der Könige entgürte ich. Türen vor ihm aufzutun, Tore, dass sie nicht verschlossen bleiben. I 2. Ich gehe vor-dir her und ebne die Wälle, eherne Türen zerschmettere ich, eiserne Riegel zerschlage ich. I 3. Heben will ich dir verborgene Schätze, Verstecktes aus geheimen Kammern, damit du erkennst, dass ick der Ewige bin, der dich bam Namen ruft, der Cott Israels. I 4. Um meines Knechtes Jakob willen, um Israel, meines Erwählten, berief ich dich bei deinem Namen, benannte dich, wo du mich nicht gekannt. I 5. Ich bin der Ewige, sonst keiner, und ausser mir ist kein Cott, ich gürtete dich, wo du mich nicht gekannt. I 6. damit man erkenne vom Aufgang der Sonne und von ikrcm Untergang dass nichts ist ausser mir: Ich bin der Ewige, sonst keiner. (45, 1—6.) Die Mission des Ewed An fünf Stellen finden sich Texte, die den „K n e c h t G o 11 e s" betreffen. Die Knecht-Gottes-Texte haben zu den verschiedensten Erörterunsen Anlass gegeben. So wurde gefragt: Ist hier m einer Art Selbstbiographie das Schicksal eines Propheten behandelt, oder ist das Schicksal' des jüdischen Volkes gemeint? Aber diese Frage beantwortet sich damit, dass der Prophet, wo er von sich redet, aus dem Judenschicksal heraus spricht; und wo er von Israel spricht, meint er dieses von allen Weltvölkern durch seine Erwählung ver-. schiedene und durch seine Erwählung Gott so nahe herangebrachte Volk, wie als einzelner der Prophet Gott nahesteht. Die rabbiriische Exegese deutet das im Knecht Gottes beschriebene Leben und Leiden auf das vormessianische Schicksal des Messias. Aber auch diese Deutung weist auf das jüdische Volk, dessen Schicksal in der Zeit ein vormessianisches ist. Dieses vormessianische Schicksal des jüdischen Volkes ist ganz überstrahlt vom heiligen Warten auf die messia-nische Erfüllung und ist zugleich ein Schicksal, das die messianische Unerfülltheit als konkretes Leid trägt — nicht nur im Gemüt, sondern wie ein Verwundeter seine Wunde, wie ein Aussätziger seinen Aussatz. Bei der Erklärung der Gottesknechttexte ist ferner eine Gruppe von Deutungen zu erwähnen, die dem Text so nahe kommen wollen, dass sie zu nahe kommen. Es ist das eine von. den ältesten rabbinischen bis zu den modernen Exegeten reichende Betrachtungsweise, die die einmalige historische Figur kennen möchte, die hier vermutet wird. So sind unsere Texte bezogen worden' auf Mose (durcü Rabbi Simlai), auf Jesaja, auf Josia (durch Abravanel), auf Jeremia (durch Sadia und christliche Exegeten), auf .lojachin und schliesslich — die Reihe ist nicht vollständig — auf Jesus von Nazareth. Diese Fülle von Deutungen, die sich ergeben, erklären sich daraus, dass jedem Leidensweg in unseren Texten der Spiegel vorgehalten ist. Jedes Menschenschicksal kann sich in diesen Texten wiedererkennen. Zum Verständnis aller Knechl-Goltes-Texte ist'vor allem die Erklärung des Wortes Ewed, Knecht, wichtig. „Mein Knecht" heisst nichts anderes als ..mein Erwählter". Dieses Gleichniswort „Knecht" erklärt sich aus der babylonischen Umwelt. Der Grosskönig hat einen unter seinen Ministern, der ihm unmittelbar nahesteht und die wichtigen, manchmal auch geheimen Aufträge des Königs ausführt. In dem Wort Ewed, Knecht, handelt es sich also um einen Vorzug, den eine Person besitzt und um eine Mission, die diese" Person ausübt. Das Wort Ewed heisst also so wenig Sklave, wie das Wort Minister, das Diener heisst, Lakei bedeutet. * In der Gestalt des Ewed zeichnet Deutero-Jesaja die jüdische Persönlichkeit in ihrer Wirksamkeit. Diese Wirksamkeit ist eine nicht politische und eine nicht rhet.orische. „Nicht schreit er, ruft nicht laut, nicht lässt er auf der Gasse seine Stimme hören." Abseits vom Markt, wo der Rhetor wirkt, ist diese Wirksamkeit. Sie sucht die Menschen in ihren Häusern und Arbeitsstätten auf. Sie ist privat und seelsorgerisch., „Geknicktes Rohr zerbricht er nicht, verglimmenden Docht löscht er nicht." Sein Tun vermehrt die Leiden der Menschen nicht. Man könnte fragen, warum ist hier diese negative Ausdrucksweise gewählt? Warum heisst es hier: er schafft nicht Leid. Die Antwort ist die: „Das Gute tun wollen viele. Viele, die das wollen, sind damit Projektemacher und Zerstörer. Der Mensch ist „geknicktes Rohr", „glimmender Docht", und er erhält Hilfe, wo er nicht Material ist, sondern wo er Mensch sein darf und nichts weiter zu sein braucht. Aber die Aufgabe des Knechts ist auch inhaltlich formuliert. Er, der nichts anderes ist, als schwacher Mensch, bleibt auch als schwacher lieber das Buch Ruth Diese liebliche Idylle, eine kostbare Perle unserer biblischen Schriften, gehört der Gattung derselben an, welche ihrer Rangordnung nach aus unserer Periode stammen, und auch die Sprache verräth die spätere Zeit. Was sollte nun dies Büchlein? Der blossen Idyllen.dichtung genügen wollte man sicher nicht. Die? hebräischen Schriftsteller der Offenbarungszeit dichten keine Idyllen; ihre Geschichtserzählung wird von selbst zur Idvlle; aber sie wollen nicht die Naivetät künstlerisch darstellen, sie-sind naiv, weil sie in der Unmittelbarkeit leben. Also nicht die Kunstform hat dieses Idyll erzeugt, sondern sein Inhalt veranlasste zu der Darstellung, und diese gestaltete sich von selbst zur idyllischen. Auch dagegen, dass eine bloss nackte Wiedergabe der Geschichte beabsichtigt sein sollte, spricht schon die Prägnanz, die 6ich in den Namen kundgibt; die Hauptpersonen„ tragen sämtlich Namen, welche ihrem Geschick und ihrem Wesen entsprechen. Naomi ist die Anmutige, der doch am Ende Liebliches zuteil wird, und der Dichter spielt selbst mit dem Namen; als sie verwitwet und der Kinder beraubt zurückkehrt, lässt er sie auf den Ausruf der Frauen: Ist das Naomi? erwidern: Nennt mich nicht Naomi, die Liebliche, nennt mich Mara, die Bittere, denn Gott hat mir viel Bitteres werden lassen. Ihre jung dahinsterbenden Söhne heissen Macklon und Khiljon. Krankheit und Hinschwinden: die eine moabitische Schwiegertochter, welche sie bei ihrer Rückkehr nach Judäa verläset, heisst Orpah. die den Nacken Neigende, die sich Abwendende, *die andere moabitische Schwiegertochter, welche fest an Naomi hält, die es ausspricht: Dein Volk sei mein Volk und dein Gott mein Gott, die in liebender Hingebung für die betagte Mutter ihres verstorbenen Mannes sorgt, heisst Ruth, die Genossin, die liebevoll sich Anschliessende. Dass diese Namen zufällig von -diesen Personen getragen oder beliebig von dem Schriftsteller gewählt worden, ist bei solchem allseitigen Zusammentreffen kaum anzunehmen. Offenbar ist es wohl, dass ein Stück aus der Vorfahrensgeschichte Davids erzählt werden soll; der Schluss des Buches erklärt ausdrücklich David als Enkel von Ruths Sohne, und fügt noch die Genealogie von Perez, Judas Sohne, bis auf David an, aber sicher mit Ueberspringung mehrerer Mittelglieder. Allein, wie seltsam, dass, wäre der wesentliche Zweck die Verherrlichung Davids gewesen, man bloss von der Frömmigkeit seiner moabitischen Stammutter und dem kargeren Verdienste ihres zweiten judäischen Mannes zu erzählen hatte, wie auffallend, dass die sonstigen Geschichtsbücher. Samuel und die Chronik, hätte diese Geschichte dem Volke wirklich ein Moment zur Verehrung Davids dargeboten wegen der wackeren Gesinnung seiner Ahnen, derselben durchaus nicht gedenken. Hier muss noch ein anderes Moment geleitet haben, und mit richtigem Takte hat Umbreit ee erkannt, der Verfasser habe zeigen wollen, wie selbst eine Fremde aus dem Gebiete der verhassten Moabiter gewürdigt werden konnte, Stammutter des grossen Königs David zu werden, weil sie zum Gotte Israels ein unbedingtes Vertrauen bewiesen. Aus Ahr ah am C ei ger: U rschrift und Übersetzungen der Bibel in ihrer Abhängigkeit von der inneren Entwicklung des Judenthums. Breslau 1857 (1. Aufl., 5. 49ff.).