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Central-Verein-Zeitung · 1938-06-02 · 22 (2.6.1938) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
22 (2.6.1938)
Date
1938-06-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Nr.22*2.Junr!93& 569 C-V.-Zeitung * 2. Beiblatt S Claude Montefiore zum 6. Juni 1938 Das Werk / Von Ismar Elbogen Claude Goldsmid Montefiore ist der Träger zweier Namen, die verpflichten. Er bat die vornehme Tradition seiner Vorfahren fortgeführt, hat sein Leben und sein Vermögen in den Dienst der Gesamtheit gestellt. Aber er hatte seine eigene und besondere Linie, die der Religion: alles menschliche Denken, Fühlen und Tun muss nach seiner Ueberzeugung In Religion wurzeln, auf Glauben aufgebaut sein. Daher weihte er sein Leben der Religion sowie der* "wissenschaftlichen Erforschung der Religion. Er gehört zu den wenigen und seltenen Menschen, die, um ein heute viel gebrauchtes Wort anzuwenden, Ernst machen mit der Religion und den aus ihr entspringenden Pflichten. Einer sehr einfachen vielleicht, einer ohne Ismus und Dialektik, die aber die letzten Wahrheiten und erhabensten Sittenlehren kündet. Er kam zu ihr von der Welt des Humanismus, nicht eines Konfessionalismus oder Nationalismus, er stellte ah sie die denkbar höchsten Forderungen an erkennlnismassigem und-ethischem Gehalt und führte sie für sein eigenes Leben mit aller Entschiedenheit und Entschlossenneit durch. Ohne 'Rücksicht auf religiöse Urkunden oder Ueberlieferungen. die er danach bewertet, ob sie mit seinem Fot. Herbert Sonnen fejd IdeaL übereinstimmen oder nicht, wobei der Radikalismus seiner Kritik nur an seiner ehrfurchtsvollen Demut eine Schranke findet. Es ist seine feste Ueberzeugung, dass das Judentum in seiner Glaubens- und Pflichtenlehre diesen höchsten Anforderungen der Religion entspricht — freilich nicht in der Gestalt, in der es zu irgendeiner Zeit zufällig sich darstellt, sondern nach seinem ewigen- Gehalt, seinem mosaischen Kern und seiner immer lebendigen Entwicklungsfähigkeit. Es kam also nur eine liberale Auffassung des Judentums für ihn in Frage, eine, die immer bereit ist, ihre Position' durchzudenken, ihre Lehre zu läutern. - Für diese Auffassung hat er seit mehr als fünfzig Jafören gekämpft und gewirkt. Was er erreicht hat, wird an anderer Stelle dieses Blattes gezeigt; hier sei nur auf seine gedruckt vorliegenden Predigten und Ansprachen verwiesen, die seine Gedanken und Ziele in tief einprägsamen lapidaren Sätzen verkünden. Nicht ebenso eindrucksvoll sind seine bekannten, auch ins^Deutsche übersetzten ..Grundlagen des liberalen Judentums", da sie sehr ins einzelne gehen und. infolge ibrer Bedenklichkeit, irgendeinen berechtigten Standpunkt oder" Einwand nicht zu berücksichtigen, die sonst bei ihm gewohnte Entschlossenheit der Formulierung vermissen lassen. Montefiore ist ein Schriftsteller von universalster Bildung, dem es gegeben ist, durch anschauliche Darstellung, durch glückliche Formulierung seiner Gedanken, oft auch durch überlegenen Humor den Leser fortzureissen. Er ist auch ein ernster und gelehrter Forscher und war neben seinem etwas jüngeren Freunde Israel Abrahams der erste in England geborene Jude, der wertvolle selbständige Beiträge zur modernen Wissenschaft des Judentums geliefert hat. Sie betreffen in der Hauptsache die Bibel und. d-ie-Apokryphen,-das Urchristentum sowie das gleichzeitige rabbinische und hellenistische Judentum. Er hat sie^ zuerst vorzugsweise in der von ihm begründeten Jewish Quarlerly Review (20 Bände, 1888—1908) veröffentlicht, die nach seinem Wunsche ein Forum zur Erörterung der Problematik jüdischen Wissens und Lebens sein sollte. Sie hat in vornehmster Unparteilichkeit alle Richtungen im Judentum zu Worte kommen lassen, hat z.B. einer Diskussion über den Zionismus bereits in seinen Anfängen Raum gegeben, obwohl Montefiore in seinem Universalismus jede Verengung der Religion durch eine nationale Auffassung bis auf den heutigen Tag entschieden ablehnt. Da für seine religiöse Auffassung die Bibel grundlegend ist, hielt er es für notwendig, sie dem jüdischen Menschen zugänglich und lieh zu machen. Auf Grund seiner tief eindringenden wissenschaftlichen Studien bearbeitete er sie für den' Unterricht seines einzigen Sohnes (der heute viele von den sozialen Funktionen des Vaters übernommen hat) und veröffentlichte sie dann im Druck zum Gebrauch für jüdische Eltern und Erzieher (The Bible for home reading, 2 Bde.). Aus seinen, religionswissenschaftlichen Studien und der Erfahrung seines Lebens gewann, er die Ueberzeugung, dass der Jude auch das Neue .Testament.nicht unbeachtet lassen dürfe, sondern es in .sein, religiöses Wissen aufnehmen müsse. Er erkennt Jesus als ein jüdisches religiöses Genie, die Evangelien nicht nur als den erfolgreichsten, sondern auch als-.einen der werlvollsten Beiträge des Judentums zur religiöseiv Entwicklung der Menschheit an und hat darum als Jude einen Kommentar zu den synoptischen Evangelien (2 Bde., IL Aufl. 1927) "verfasst.-auch ein Werk zur Vergleichung der rabbinischen Literatur mit dem Evangelium geschrieben (1930). Diese Bücher haben'starkes Aufsehen erregt, auf jüdischer. Seite besonders die Kritik Achad Haams hervorgerufen, der aus der Einstellung des jüdischen Gesamtgeistes heraus versucht, die Unhaltbarkeit von Montefiores weitgehender Zustimmung zu den Evangelien nachzuweisen. Monlefiore begegnet diesem Einwand nicht nurmit der'Betonung, der-individuellen Frömmigkeit, sondern auch mit dem Gedanken,-dass. das Judentum, wenn es nicht Mauerblümchen bleiben, sondern Weltreligion, wenden will — und für das liberale Judentum betont er diesen Standpunkt in seiner vollen Absolutheit —, sich mit dem Evangelium unbedingt auseinandersetzen und dem dogmenfreien Wertvollen in ihm zustimmen muss. „Die demutsvollen, sanftmütigen, - barmherzigen, gerechten, frommen" und hingebenden Seelen gehören ' überall' derselben Religion an. Wenn der Tod ihnen die Maske abgenommen hat, werden sie einander kennen, wenn jtuch die verschiedene Livree, die sie hienieden tragen, sie zu Fremden macht." Dieses Wort des unsterblichen William Penn, das Montefiore neben anderen als Motto für seinen Evangelienkommentar gewählt hat, kennzeichnet den ganzen Mann: seine Gemütstiefe, seinen. Seelenadel, seine Menschenliebe. Möge Gott ihn uns lange erhallen! . Daten seines Lebens Claude G. Montefiore wurde am 6. Juni 1858 in London als Sohn von Nathaniel Montefiore geboren. Seine Mutter w^ar eine Tochter von Sir Isaac Goldsmid, einem Vorkämpfer für die Emanzipation und Mitbegründer der Reformierten Synagoge. Seinen ersten Religionsunterricht erhielt er bei Professor D. W. Marks, des ihn für sein ganzes Leben tief beeinflusst hat. Nachdem er seine Studien in Oxford beendet-hatte,-erwarb er im November 1SS1 bei der Humanistischen Fakultät den höchsten akademischen Grad. In den Jahren 1882 und 1883 hielt er eich in Deutschland auf. Seine erste überragende wissenschaftliche Leistung bildeten Vorlesungen über die Religion der alten Hebräer (1SS8 bis 1892). In diese Zeit (1SSS) fällt auch die Gründung der jüdischen Viertelja'nrszeitschrift „Jewish Qualerly Review", die er 20 Jahre lang mit seinem Freunde Dr. Israel Abraham herausgab. Seine vielseitigen wissenschaftlichen Arbeiten, die an anderer Stelle gewürdigt werden, fanden ihre äussere Anerkennung durch die Verleihung des theologischen Ehrendoktors (Manchester 1921) und des Ehrendoktors für Literatur (Oxford 1927). Die organisatorische Zusammenfassung der religiös-liberal eingestellten Juden ist mit seinem Lebenswerk unlöslich verbunden Im Jahre 1901 gründete er die „Jewish Religious Union", im Jahre 1911 die „Liberal Jewish Synagogue*'. Schliesslich konnte im Jahre 1926 die „World Union for Progressive Judaism" ins Leben gerufen werden. Einen grossen Teil seiner Arbeitskraft widmete Claude Montefiore den jüdisch-sozialen Grossorganisationen, er war Präsident der Anglo-Jewish Association und 25 Jahre lang Mitglied der Jewish Colonisation Association (ICA). Claude Montefiore war in erster Ehe mit Therese Schornstein, die bei der Geburt ihres Sohnes Leonhard starb, verheiratet, in zweiter Ehe mit Florence Ward, die vor ihrer Heirat zum Judentum übergetreten war. Wissen und Glaube / vonteoiw Wenn Wissenschaft auch durch Gaben des Verstandes erst erbracht wird, so erwächst sie doch nur aus einem Charakter und einer Rechtschaffenheit. Durch ihre Wurzel ist die wahre und echte, diese sittliche Wissenschaft gesondert von der falschen, der unzüchtigen, sich preisgebenden, dieser wurzellosen. . Aus dem Charakter eines Menschen kommt der wissenschaftliche Trieb, von da aus steigt die grosse Hingebung, dieser Wille der Liebe hervor, von da aus die schöpferische Geduld, diese Stärke der Treue. Durch die Gerechtigkeit wird dann der wissenschaftliche Alltag bestimmt, das Mühen und Schaffen, das nie in die Hand nimmt und nie aus der Hand, legt, ohne des Gebotes zu gedenken: Du sollst kein falsches Mass haben und kein doppeltes Gewicht. Und das Ziel ist dann durch eine Gnade gewährt, durch das, was dem Menschen geschenkt wird, wenn er von ganzem Herzen geben will. In ihrem Grunde sind sie eines: dieser Charakter und diese Gerechtigkeit, sie sind zusammengefügt in einer tiefen Gläubigkeit. Gläubigkeit ist die Kraft, sich in einer Unendlichkeit und Ewigkeit zu sehen, so dass der Mensch nicht mehr dem Tage und nicht mehr dem Zwecke sich unterwerfen und nicht dem Erfolge und Beifall dienen kann, dass er leben kann, nur wenn er in der Ehrfurcht vor dem lebt, was über allem ist und über alles hinausreicht. Der Wissenschaft können darum nicht irgendwelche Grenzen gesetzt sein, und es kann darum keinen Gegensatz von Glauben und Wissen geben, darum eben, weil sie aus einer Gläubigkeit-hervordringt. Aucfo der Ernst der Kritik, deren der Mensch der Wissenschaft fähig bleiben muss, holt von daher sein Bestes. Wie leicht, wie bequem ist der nur kritische Standpunkt; wie schwer und wie bedeutungsreich ist die gläubige Stellungnahme. Jede Wissenschaft bedarf ihrer immer weiter zur vervollkommnenden Technik, aber sie ist mehr als nur eine Technik; sie ist die Wissenschaft eines Menschen. Wie der Mensch ist, so ist seine Wissenschaft. Solche Gedanken will der Tag wachrufen, welcher Menschen nah und fern mit inniger Dankbarkeit und Verehrung auf Claude G. Montefiore hinblicken lässt. Von der wissenschaftlichen Arbeit dieses Mannes soll hier nicht in ihrem einzelnen; gesprochen sein, so Vieles, so Inhaltvolles und so Geprägtes sie umschliesst und so herzlich die Sehnsucht nach der Vollendung eines weitgeführten Werkes ausschaut. Denn'über allem, allem den stärksten;Wert-und Gehalt gebend, steht hier der Mensch, der vornehme, gütige, hilfsbereite Mensch, der die Hand reichen, den Weg weisen und leiten will, dem Verstehen und Begreifen, Klarheit, und Sachlichkeit ein seelisches Bedürfen ist, der zu den wahren Männern der Wissenschaft gehört, nicht nur, weil er Jahrhunderte geistigen Lebens überblickt und die Wege in ihnen erkennt, nicht nur, weil er das einzelne sorgsam erfasst und doch immer das Ganze sieht, sondern dadurch vor allem, dass seine Wissenschaft immer echt und wahr ist, weil in.seiner Wissenschaft immer ein echtes, wahres Menschentum spricht. Ein Charakter, der nie schwankte noch zagte, eine Rechtschaffenheit, die niemals von ihrem Wege abwich, offenbart sich uns in ihr. König David spielt die Harfe aus ener Handschrift des 13. Jahrhunderts (Britisches Mus-.um) Ghirlandajoi Friichteträgerin

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