Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 21 (26.5.1938)
- Date
- 1938-05-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 8 C.«Y.-Zeifuhg " Nr.2T » 26.Mon93g Vorbei an der Wirklichkeit Hans Joachim Schoeps gibt im Vortrupp, Jüdischer Buchverlag, eine Schriftenreihe: „Jüdische Wirklichkeit heute" heraus. Im folgenden soll nur das-erste, von ihm selbst stammende Heft besprochen werden, das den Titel „Zur relieiösen Gegenwartslage" (Berlin 1938) führt. Schoeps stellt (S. 28) fest, es wird alles im religiösen Sinne „beim alten bleiben müssen". Diese "Bemerkung macht «* ausdrücklich gegenüber dem Schulchan Aruch, dem Ritualkodex des spät-mittelalterlichen Judentums. Zugleich aber bekennt er sich (S. 29) zur Verwirklichung dieses mit dem Schulchan Aruch gegebenen Judentum für unfähig. „Wir . . . sehen beschämt auf unsere jämmerlichen Bemühungen, die doch nichts anderes zu bezeigen scheinenn als eben unsere Glaubensschwäche." Dieses Unbehagen, die selbst aufgestellte Forderung als undurchführbar zu empfinden, ist das Moment, aus dem Schoeps zu verstehen ist. Nach Art vieler christlicher Theologen ignoriert Schoeps die neuzeitliche Situation des Judentums und redet über das jüdische Gesetz, wie im Neuen Testament über das Gesetz gesprochen wird. Was das jüdische Gesetz ist, hat sich Schoeps von Paulus sagen lassen, nicht von den Pharisäern. Dasser diese nicht kennt, dafür gibt er selbst unter anderem auch folgenden Beweis. Er spricht nämlich (S. 12) von den ..pharisäischen Theologen*'. Es ist richtig, dass die Pharisäer eine Theologie besassen. Manche von ihnen haben sieh die theologische Problematik sehr angelegen sein fassen. Die Pharisäer sind aber nicht als Theologen allein zu verstehen. Was man Schoeps vorwerfen kann, ist eine Theologisierung des Judentums. Was das bedeutet, zeigt sich sofort, wenn man darauf sieht, worauf es Schoeps ankommt. Schoeps will mit dem heutigen Menschen ins Gespräch kommen, aber er sieht ihn ganz als Kind eines technischen Zeitalters, in dem Gott für die meisten eine unverständliche Vokabel geworden sei. Ist dieser Pessimismus gerechtfertigt? Dies ist nicht der Fall. Schoeps gehört zu denen, die ihr?» pessimistische Predigt mit der Anrede beginnen: ..Nicht wahr, glauben könnt ihr nicht mehr?!'4 Den Angeredeten werden dann einige theologische Begriffe vorgehalten — Gesetz, Erwählung, Offenbarung usw. — und aus der Tatsache, dass die meisten nicht in der Lage sind, ein Glaubensgespräch im Sinne der Scholastik zu führen, scbiiesst dann Schoeps und die von ibm üeberzeugten: „In der Tat, wir können nicht glauben." Mancher weiss gewiss mit dem scholastischen Wort „Offenbarung" nichts anzufangen. Es gehört eine theologische Bildung dazu, zu wissen, dass es in der hebräischen Bibel nicht vorkommt, dass seine ersten Wurzeln im Targum liegen, der prophetische Aeusserungen ihres Antropomorphismus entkleiden will, und dass die letzte Begriifsgeschichte in die christliche Theologie führt die um eine Apokalypse (zu deutsch: Enthüllung, Offenbarung) Gottes und des messianischen Mittlers weiss. Schoeps' Anklage, der Mensch von heute sei glaubenslos, ist manchmal nur dies, dass der heutige Mensch den Begriffsapparat der Theologie nicht zu handhaben weiss. Versuchen wir, der Anklage, die Schoeps erhebt, den ganzen möglichen Ernst zuzubilligen, so müssen wir zugeben, dass es heute Im technischen Zeitalter Menschen gibt, die so dastehen, wie die Menschen im hellenistischen Zeitalter, im Zeitalter der Palästra, des Gymnasiums, der Mysterien. Indem wir aber das zugeben, widersprechen wir damit Schoeps, der das Geschichtsbild von dem Offenbarungsmaximum bat das in der Vergangenheit da war, und das sich immer mehr verringerte, bis es zu dem Minimum kam, das heute unser Schicksal sei. Dieses Geschichtsbild ist falsch; Das Judentum, in dem wir heute stehen, ist voll von Erwählungsaktualität. Das Judentum unserer Propheten und Märtyrer, das Judentum unserer Väter, ist unser heutiges Judentum. Davon spricht Schoeps nicht. Er hat nichts zu sagen zu einer Zeit, in der jeder, der Ohren hat, die Stimme hört, die spricht: „Wen soll Ich senden und wer wird für Uns gehen?" Während jeder heute so gut wie zur Zeit Jesajas die Möglichkeit hat zu antworten: „Hie? bin ich, sende mich", während die Zeit voll ist von Auftragsmöglichkeit an jeden, der treu sein will, während also unsere Zeit mit den heiligsten Erwählungszeiten der jüdischen Geschichte verglichen werden kann, bemerkt Schoeps — theologische Probleme. Aber die theologischen Probleme, die er bemerkt, sind die einer Situation, die eingangs beschrieben wurde, als von dem Unbehagen gesprochen wurde, aus dem die Schoepssche Theologie hervorwächst. Schoeps sieht nichts von dem, was um ihn herum vorgeht. Dererschütterte Jude ist ihm unbekannt. Er sieht nicht, dass der Engel mit der glühenden Kohle an den heutigen Juden neu herangetreten ist, dass der heutige Jude neu geweiht ist für die Erwählung. Schoeps ist eingesponnen in theologischen Begriffen, die er vom Protestantismus herholt und an die jüdische Situation heranbringt. Er tut dies mit dem Anspruch, jüdischer Theologe zu sein. Ignaz Maybaum. F. Mayer: Die Struktur de» Traumes. Martinus Niihoff, Haag 1937. Der Verfasser stellt bei seinen Ueberleguugen im Gegensatz zu der bisher vom Motivischen her gesehenen Traumdeuruogstbeorie die strukturelle mehr formale Traumbetrachtung in den Vordergrund, um so eine Ergänzung bestehender Traumtheorien zu geben. Er kommt zu dem Schluss, dass man sich während des Tiefenscblafes im Sinne der Gebärdensprache benimmt, und dass die Wahrscheinlichkeit besteht, dass diese eine der Hauptbedinguogen ist, unter denen ein Tiefentraum entsteht. Da die Lautsprache durch den Schlaf ausgeschaltet ist, nimmt der Autor das Auftreten gebärdensprachlicher Haltung im Tiefentraum an. Ist ein Schlaf am tiefsten, dann hört auch die Traumvorsteilung von Gebärdenbildern auf und es erfolgt der Iraumlose Schlaf. Bei oberflächlicherem Schlaf dagegen wird die Zone der Sprechbilder lebendig. Im Tiefentramn wird eine sogenannte Subjekteinstellung gefördert. Die Objektivierung der Welt erfolgt - im allgemeinn durch das sachlich-begriffliche Wort. Ist die Lautsprache ausgeschaltet, so tritt das distanzlosere subjektive Beziehungsdenken des Primitiven in den Vordergrund, so dass z. B. die Grenzen von Personen und Dingen verschwimmen. Dann sind Traumausdrucksmöglichkeiten nur noch durch die gebärdensprachliche Haltung möglich, die „dem Träumenden eine Stärke des Hingegebenseins an die Gegenstände des" Traumerlebens aufzwingt, die man als ,Pathik* bezeichnet.'4 Mayer beschreibt weiter die Zusammenhänge der pathisch distanzlosen Subjekthaltung zur Religion, Kunst, Psychoanalyse, Psychotherapie etc. Hierauf kann in diesem Rahmen freilich nicht eingegangen werden. Zweifellos geht Verfasser neue originelle Wege, die neue ergänzende Deutungs- und Erklärungsmöglichkeiten von Träumen und ihren Grenzgebieten zulassen. Dr. Walter Schindler. Der Maler Rudolf Levy In der Sammlung Speyser in Philadelphia, im Carnegie Institute in Pittsburgh, im Züricher Privatbesitz, in Pariser Privatsammlungen hängen die Gemälde von Rudolf Levy, der an dieser Stelle kürzlieh im Rahmen einer Ausstellungsbesprechung des Berliner Jüdischen Museums genannt wurde. Denn hier war er vor seiner Uebersiedlung nach Paris tätig, und viele Menschen bewahren ihm, dem begabten Schüler von Henri Matisse, ein dankbares Gedenken. Er war einer von den Malern, die allezeit eine Anekdote zu erzählen wussten, die die Mitmenschen anregte, in den Bann des künstlerischen Menschen zog. Ueber den Lehrer und Meister Henri Matisse, den augenblicklich in Frankreich anerkanntesten, Blumenmaier, hat Rudolf Levy einmal selbst geschrieben. In dem Aufsatz sagt der Künstler viel Bemerkenswertes, das vor allen Dingen sein eigenstes Werk, seine Malkunst, kennzeichnet: ,.....Als ich 1907 Matisse persönlich kennenlernte, war in den Ateliers von Montparnasse bis zum Montmartre sein Name schon in aller Munde. Im letzten Herbstsalon war seine ,Frau mit dem Fächer' ausgestellt worden, die trotz offizieller Ablehnung die Kritik doch leidenschaftlich erregte. Ich habe gerade dieses Bild dann später häufig wiedergesehen und eine gewisse Vorliebe für dasselbe behalten. Ist mir doch gerade von ihm zum ersten Male zum Bewusstsein gekommen, dass in den vier Jahren, die seit dem Tode Pissarros, des eigentlichen. Vollenders des Impressionismus, vergangen waren, irgend etwas geschehen war . . „. . . Wie oft habe ich als sein. Schüler von ihm das Wort Expression gehört, nie ohne dass ihm dieses zweite folgte: Sensibilität . . ." Ueberblickt man das Oeuvre von ^Rudolf Levy, so bewundert man in den Blumenstilleben und den Porträts, den Landschaften aus Marseille und dem französischen Süden, wie er den Ausdruckswert der Farbe, die darstellerische Bedeutung des Valeurs erkannt hat. Vor Jahren sah man bei Flechtheim die Bilder aus der Bucht von Sanary, und man empfand, dass er ein wirklicher Meister der Farbe ist Dr. 0. B. Kunstnachrichten In L e i p z i g kommt die berühmte Daumier* Sammlung von Dr. Eduard. Fuchs unter den Hammer. Es handelt sich um das lithographische Werk des bekannten Meisters, das reichste, das es in hiesigem Privatbesitz gibt. Die Schönheit-und Frische der Drucke wird nur selten durch leichte Stockflecken und Brüche beeinträchtigt. Im Katalog, der mit vielen Abbildungen in alle Welt geht, ist die \Alu KAM INS KI Viktoriastrasse 13 Herrenu. Damenschnelderet. Hemdenmachar grosse Zahl schöner kolorierter Exemplare in einer besonderen Nummernlolge vereinigt. Im ganzen umfasst der Daumier-Besitz \ort Dr. Eduard Fuchs mit dem Werk der Lithographien des Künstlers in jenen prachtvollen frühen Drucken 1130 Nummern. An diesen Verkauf schliesst sieh die Versteigerung einer umfangreichen Sammlung von Büchern, Zeichnungen, Kupferstichen und" Kreideblättera, unter denen Max Liebermanns „Selbstbildnis am Strand in Holland", ein Geschenk des Künstlers an den Sammler, von besonderem Interesse ist. Die Galerie Durand-Ruel in New-York veranstaltet eine Cezanne-Ausstellung. Wie Alfred M. Frankfurter in der Zeitschrift „The Burlington Magazine'1 berichtet, bringt die amerikanische Ausstellung das Bildnis des Vaters Ton Paul Cezanne. das sich einstens im Besitz des Sohnes befand, heute in der Collection Maurice Wertheim in New-York beheimatet ist. Das Gemälde, in der Zeitschrift abgebildet, entstand in den Jahren 1875/77 und wird nun zum ersten Male öffentlich ausgestellt. Auch das Stilleben „Geranientopf und Früchte", ein anerkanntes Meisterwerk von_ Paul Cezanne aus der Lewisohn Collection, ist in der New-Yorker Galerie zu sehen. # Der Israelitische Tempel verband Hamburg widmete Hollands grossem Meister Rembrandt einen würdigschönen Abend. Oberrabbiner Dr. Bruno Italiener zeichnete das Bild dieses „Malers der Seele", der den Juden innerlich verwandt, verbunden war: der von ihrer Haltung, ihrem Stolz, Leid und schweres. Schicksal zu tragen, lernte. Nicht nur der Jude selbst, auch die Bibel war ihm Lehrmeisterin als grandioses Widerspiel des echten Lebens, das vom Hell ins Dunkel führt vom Dunkel ins Hell. In die Bibel fühle er sich als Künstler, als Mensch ein, so dass uns aus seinen Werken, die der Referent in vollendeter Form, in künstlerisch religiöser Erkenntnis aufzeigte, unser Leid, unsere Hoffnung, unser Trost anblicken. S. E. Die Jüdische Lehrerbildungsanstalt in Berlin eröffnete das neue Schuljahr. Dr. Fritz Ram berger, dankt», pinleitend dem Preussischen Landesverband jüdischer Gemeinden, dass er der Anstalt jetzt schöne und würdige Räume zur Verfügung "gestellt habe. Der Dezernent der Anstalt, Rabbiner Dr. Julius Galline r, sprach anschliessend über die Aufgaben, die dem jungen jüdischen Lehrer und Lehramtsanwärter aus der gegenwärtigen Situation erwüchsen. Der Dozent für Hebräisch, Dr. Moses Gold mann, hielt ein wissenschaftliches Referat über die Stellung des Hebräischen innerhalb der semitischen Sprachen. Ein gemeinsames. Singen unter Leitung von . Direktor Karl Adler, der in Vereinbarung mit der Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung sich der Anstalt zur Verfügung gestellt hat, * "oss die Feier. sendmal hatte er Jael entführt, dem Richter, dem König und allen Trabanten den Tod gewünscht. Nicht einen Augenblick verzweifelte er, Gottes Beistand musste dem gerechten Streiter sicher sein. In ihrem stillen Haus, am Rande des Gebirges, sass Joas Mutter und wartete auf Nachrichten ihres Sohnes. Die erste Kunde, Frohlockungsrufe und Jubelschreie, über die Wunder der Stadt, die Klugheit der Lehrer, wie fleissig er die hohe Schule besuche. Bald folgte ein langes Schweigen Nie war in ihr die Ahnung erloschen, dass Joas einem dunklen Geschick entgegenging. Wer ein Rufer in der Wüste war, wurde von den Schakalen angegriffen, wer sich über die Herrschenden erhob, wurde von ihrem Neid und ihrer Missgunst erwürgt Täglich fragte sie Durchziehende, Heimkehrende nach ihrem Sohn; keiner wusste von Joas zu berichten. Vielleicht lag er zerschunden in Ketten, war das Todesurteil über ihn gesprochen. Was sie in vielen Jahren durch Fleiss, Entbehrung und Sparsamkeit zusammengescharrt, nähte sie in den Saum ihres Rockes, mit Geld konnte man in Zion Recht und Freiheit erkaufen und sie war bereit, ihr Letztes hinzugeben, um ihren Sohn zu retten. Die spitzen Steine auf dem Gebirgspfad schmerzten nicht die Sohle ihres Fusses, die heisse Sonne auf der Höhe des Kammes brannte nicht auf ihre Stirn, ihr Geist schwebte ihren Schritten voran und ihr Körper folgte leicht. Die Kunde, die ihr wurde, überraschte sie nicht, Joas war am Leben und das war viel. Der hohe Richter, den sie um Gnade bat, nicht einmal vor ihrem Alter zeigte er Ehrfurcht, einen Schurken habe sie geboren, einen Meuchelmörder, das Mass' seiner Geduld sei erschöpft, seine Langmut werde missbraucht; in den Garten zu dringen und ein unwissendes Kind mit dummen Reden zu betören, nicht für die höchste Summe sei er bereit, Joas freizugeben — doch vielleicht — er sei kein Unmensch — der Mutter zuliebe — dabei kratzte ein hinterlistiges, schadenfrohes Lachen um den struppigen Bart, Joas schwöre, die Stadt zu verlassen und sie nie mehr zu betreten. Vor der Stadtmauer erhob sich des trotzigen Turmes Massiv, eine starke Wache hielt das Tor besetzt. Keine Anklage kam über die Lippe der Mütter, kein Vorwurf, nicht vergrösserte und verkleinerte sie die .Gefahr, um sein Leben zu retten, bat sie ihn, zu entsagen. „Lieber sterben! Mutter. Bin ich voll Sünde? Habe ich übermütig gen Gott gefrevelt, dem Armen ein Lamm von der Weide gestohlen, gegen meinen Nächsten falsche Rede geführt? Nimmer hätte ich in unserer stillen Heimat Müsse, mich den Schriften hinzugeben, die Scham würde mich verbrennen, verzweifeln würde ich ob der Göttlichkeit im Ali und in der Todesstunde meine Feigheit verfluchen." „Mir zuliebe . - . deiner Mutter." ..Allezeit war ich dir ein guter Sohn, Sorgen und Kummer habe ich von dir genommen» Jaejs Stimme hat mein Leben gewendet Wer zur Wahrheit will, muss durch den Abgrund seines Selbst; sieh — ich bin bereit . . /' Tiefer den Rücken gebeugt, schwerer das Haupt tragend, grollend der Halsstarrigkeit ihres unnachgiebigen Sohnes Verliese sie den dunklen Turm. Es stak kein schlechter Kern in seinem Leib, wenn Schmerz und Hunger seinen Willen nicht beugen konnten; Halbheiten hatte ihr Junge nie gekannt, was er ergriff, packte er voll Eifer und Hingabe. Viel Leid war in langen Jahren über die Mutter gekommen und die Dinge hatten sie gelehrt, dass Mühe und Geduld eine Sache zum guten Ende führen konnte. Verzagten Herzens schritt sie dem Heiligtum entgegen, dem Ewigen ihr Opfer darzubringen. Wenn Joas nicht zurückkehrte, war ihr Dasein ohne Freude und ihr Abend ohne Friede. Gedanken hingegeben, wägend und prüfend, schritt sie durch fremde Gassen, engerund steiler wurde der Weg, schon umfing sie der Duft der Gärten. Eine kleine Ansammlung von Menschen hemmte ihren Schritt gebeugte Stirnen, wie zur heiligen Andacht versammelt. Der Gesang eines unsichtbaren Chores jubelte aus den Zweigen der Zedern und Oliven, die Luft und die Erde schienen von wunderbaren Tönen erfüllt zu sein. Der Mutter Hände ballten sich zur Drohung, auf ihrer Zunge lag der Fluch . . . ihr Fuss stockte, von stärkerem Befehl gebannt, ihr Blick schweifte suchend nach den Gärten, über die ruhenden Wipfel schmiegte eich sanft die Röte der untergehende Sonne. Die Stimme drang tief in ihre Seele, das harte Herz des Verstocktesten mussten sie erweichen, Hass und Zorn dahinschmelzen; ihr warmes Mutterherz erbarmte sich der leidenden Tochter, eine Gefangene, die unter fremdem Willen seufzte. Nie hatten ihr des Abends Röte verklärter entgegengeglänzt, hatte sie gütiger den Atem der Erde in sich verspürt In des Gesanges j Liebesruf verstummte ihre Vernunft, ahnend die Sendung eines höheren Geschicks, in dessen Reich einzudringen, nicht jedem Sterblichen vergönnt war, man musste gehorchen, weiterschreiten. In ihrer Herberge hörten sie die Klagen der Händler und Handwerker, die eitlen Worte falscher Propheten und das Geschwätz der Müssiggänger. Alle waren voll Grimm und Auflehnung gegen den König und die herrschenden Machthaber und fragten sich, warum entstand nicht wie in den grossen Tagen des Volkes ein Befreier, der die Schmach und das Elend, die über des Ewigen Stadt gekommen, hinwegnahm und die Fahne des Hauses David in neuer Glorie aufpflanzte. „Ihr müsst es selbst tuen", ermahnt* die Mutter, stark und ermutigend, „nicht wie die Weiber reden — handeln. Hat man euch nicht gelehrt, den Bogen zu spannen, die Schleuder zu führen? Der Feige verdient kein besseres Los." Und zur Warnung erzählte sie das Geschik ihres Sohnes, den Niedertracht und Lüge zu unrecht geiangenhielt. Stärker wurden die Flüche, breiter der Strom der Verwünschungen, Joas in Gefahr, der Gütige, der neue Hoffnung gebracht, der Verstand und Gefühl für der Armen Not gezeigt. „Genug der Demütigungen!" schrie ein junger Schmied, breit wie Eiche, mit dem Kopf eines Bären und Arme, stark und sehnig. „Tod! Tod unseren Verderbern . . . den Verrätern . . . den Mördern!" Es war das Lallen eines Trunkenen, in das die übrigen Zecher einstimmten, eine im Rausch des Weins gezeugte Empörung, die in der Nüchternheit verflog, und in Demut und Gehorsam wurde das Joch weitergetragen. „Nehmt . < . Gebt es den Armen . . . Kauft Waffen . . j Wendet es klug an . . ." Und das. Geld, mit dem sie die Freiheit ihres Sohnes erkaufen wollte, gab sie hin, um den Mut der Unentschlossenen und Flauen aufzustacheln. „Wenn die Ketten fallen, denkt an Joas!" Ein alter Schäfer, der mit seiner Herde von der Weide zurückkehrte, erzählte -es seinen Vertrauten am Brunnen. Wie lachten die Hirten und Mägde, über die unglaubwürdigen Worte des Alten. Nun ja, Tobias war bald achtzig, hatte die meisten Jahre seines Lebens in der Einsamkeit zugebracht, da holte man sich Gesichter und die Gedanken verwirrten sich leicht. Aussätzig — über das Jordantal geflohen . .. Einer flüsterte es dem anderen, und das Geraune und Köpfeschütteln wollte kein Ende nehmen. Vom Tor her kam Geschrei und WaSenlärm, und die Jungen und Nichtstuer liefen eilig dorthin, zu sehen, was sich, ereigne. Ein Trupp Bewaffneter stürmte die Strasse, keiner wusste, woher er kam, welchem Befehl er gehorchte. Viel Volk und Gesindel drängte sich nach: Der König ist geflohen! Gott hat gerichtet. Lasst uns die Gerechtigkeit vollenden. Von der Königswache, die den Aufrührerischen entgegentrat, wurden die Vordersten niedergestossen, die übrigen flohen den Berg hinan. Ein junger Schmied hielt sein blankes Schwert hoch: „Nicht nach der Königsburg, der Feigling und Verräter'ist geflüchtet Auf!! Befreit die Gefangenen, die unschuldig im Turm sitzen. Rettet Joas!" Die Wache des Gefängnisses wurde niedergemacht, die Mauern eingerissen, auf den Trümmern ein Siegeslied angestimmt. Joas war frei, aber keiner war da, seine Dankesworte entgegenzunehmen. Ein junger Bursche wies auf den Schmied, Joas eilte ihm entgegen, da war er im Heer der Vorwärtsziehenden unsichtbar. Ein milder schöner Sommertag blaute über den Bergen, voll Süsse war die Luft und die Erde voll schwelgender Kraft, Tage, an denen das Land Judäa reich ist und die von allen geliebt wurden. Joas eilte nicht zu den Kämpfenden, vergessen war in dieser Stunde das sich vollziehende Gericht. Aus der Vorstadt strömten neue bewaffnete Scharen, der Aufruhr wuchs — jetzt Jubelgeschrei, sie riefen Usijas, Sohn Jotam, zum König aus. War dies das Haus, der Garten, das Paradies seiner . Zuflucht, die glückliche Insel im wilden Strudel der Stadt, woran er seine Träume gebunden, die seine Phantasie zum lieblichsten der Plätze erhoben? Das Haus ein Trümmerhaufen, die Bäume und Sträucher zertreten und niedergehauen. Noch lag die Leiche des hohen Richters unter den Steinen, und nicht einer von Tausenden war bereit, dem einst so Gewaltigen ein menschliches Grab zu bereiten. Von Jael keine Spur. So laut er ihr-en Namen in die Oede rief, ihre Stimme antwortete nicht. In allen Strassen, in allen Herbergen suchte er sie, vergebens, er fragte die kommenden und ausziehenden Karawanen, keiner hatte Jael gesehen, wusste von ihr zu berichten. Erloschen ihre Spur im unendlichen Räume ...