Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 21 (26.5.1938)
- Date
- 1938-05-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 « 2.Beibfatf €.YZeitunq 26.Mail938 * Seite5 bische Äbdsfamili \nGng\anb Rothschild Der erste Platz unter den jüdischen Adligen Englands gebührt den Rothschilde, nicht mir wegen der weltwirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung ihres Hauses, sondern auch aus Gründen der Anciennität Nathaniel Mayer Rothschild wurde am 29. Juni 1885 ins Haus der Lords berufen, als „der erste seiner Rasse und seiner Religion", wie die Encyklopädia Britannica bemerkt. Es war der alte Gladstone, der grosse Tührer der liberalen Partei, der diesen grundsätzlich bedeutsamen Schritt tat. Wäre es nach ihm gegangen, so wäre dieser Schritt schon sechzehn Jahre früher getan worden. Bereits 1869 schlug er der Königin die Verleihung der Peerage an den Vater, Lionel Rothschild, vor. Dieser war der erste Jude, der Mitglied des Unterhauses geworden war. 1847 wählte ihn die City von London zum erstenmal zu ihrem Abgeordneten, und zwar gleichzeitig - mit dem damaligen Ministerpräsidenten Lord John Russell. Aber er durfte seinen Sitz nicht einnehmen, weil die geltende Eidesformel dem entgegenstand. Es bedurfte erst eines zehnjährigen hartnäckigen Kampfes, während dessen die City treu zu ihrem Erwählten stand, bis die aüsschliessenden [Worte "on the True of a Christian" gestrichen wurden und Rothschild in das Haus eingeführt werden konnte. Aber als Gladstone 1869 seine Berufung ins Oberhaus vorschlug, erklärte die Königin, sie könne sich nicht dazu entschliessen, einen Juden zum Peer zu machen. Es war vergebens, dass Gladstone ihr vorstellte, Rothschild hätte eine so unbedingt überragende Stellung in der englischen Handelsweit, dass er ihr geeignetster Vertreter sei, und erfreue sich dank seines liebenswürdigen und populären Charakters der grössten Beliebtheit. Auch sein Protest dagegen, dass durch die königliche Prärogative eine Diskrimination wiederbelebt würde, die Krone und Parlament von Gesetzes wegen abgeschafft hatten, war damals ohne Erfolg. Als aber 1885 Gladstone den Sohn des inzwischen (1879) verstorbenen Lionel Rothschild, der selbst seit 20 Jahren dem Unterhaus angehörte, in Vorschlag brachte, stimmte sie sofort zu. Vielleicht, dass die grossen Dienste, die die Rothschilds der englischen Regierung 1875 bei dem Erwerb des Suezkanals, geleistet hatten., zur Aenderung ihrer Stellung beigetragen hat Der gegenwärtige dritte Lord Rothschild, der 26jährige Nathaniel Mayer Victor ist der Enkel des ersten und der Neffe des zweiten kürzlich verstorbenen Lords. Montefiore Das Wappen der Montefiore erinnert ebenfalls an einen Briefwechsel zwischen der Königin Victoria und Gladstone. Am 24. Oktober 1884 war Sir Moses Montefiore, der grosse Wohltäter der Juden im Türkenreich, hundert Jahre alt geworden. Da schrieb die Königin an-ihren Premierminister: „Ich höre (aber ich bin nicht darum gebeten worden), dass es den ausgezeichneten hundertjährigen Patriarchen und seine Freunde sowie die Jüdische Gemeinschaft sehr erfreuen würde, wenn die Baronet-Würde auf den Sohn seines vor drei Jahren verstorbenen Lieblingsneffen ausgedehnt würde ... Sir Moses Montefiore ist ein ausgezeichneter Mann, im höchsten Grade wohltätig und^ allgemein hochgeschätzt, und ich würde mich sehr freuen, ihm diesen Beweis meiner Hochschätzung zu geben." Wie die Königin mit Recht voraussetzte, war Gladstone hiermit sehr gern einverstanden und sagte ihr sogleich zu, die erforderlichen Erkundigungen einzuziehen. Aber kurz darauf musste er der Königin berichten, dag Ergebnis seiner Erkundigungen sei, dass. er Grund habe anzunehmen, der gegenwärtige verehrungswürdige Inhaber des Titels stehe dieser Ausdehnung ablehnend gegenüber. Worauf die Königin erwidert: „Natürlich, wenn Sir Moses die Ausdehnung der Baronet-Würde nicht wünscht, soll davon nicht mehr weiter die Rede 6ein." Aber alsdieser wenige Monate später starb, ernannte sie im Februar 1886 seinen Grossneffeu Francis Abraham zum Bäronet. Sir Francisist am 1. Juli 1935 gestorben, ohne Leibeserben zu hinterlassen. Damit ist die Würde erloschen. Sassoon Die Familie Sassoon verfügt über zwei adlige Zweige. Ihr gemeinschaftlicher Stammvater ist David Sassoon von Bombay. Er war 1793 in Bagdad geboren, wanderte dann nach Indien aus und wurde in Bombay naturalisiert. Dort wurde sein Ansehen so gross, dass er in die gesetzgebende Körperschaft berufen wurde. Sein 1818 geborener ältester Sohn wurde 1890 Baronet. Diese Würde ging auf seinen Sohn'Eduard Albert über, der mit einer Rothschild verheiratet war. Aus dieser Ehe ging der gegenwärtige Inhaber de3 Titels, der Minister für öffentliche Arbeiten, Sir Philipp Sassoon, hervor. Er ist auch der Nachfolger seines Vaters in der Vertretung des Wahlkreises Hythe, der seit 1899 bei jeder Wahl erst den Vater, dann den Sohn als konservativen Abgeordneten ins Unterhaus entsandt hat. Eine Schwester Sir Philipps ist mit Lord Cholmandeley verheiratet Der zweite Sohn von David Sassoon, Jacob Elias, erhielt 1909 ebenfalls die Baronetwürde mit dem Zunamen Sassoon oi Bombay. Darin sprach sich auch die Anerkennung für die grossen Wohltaten aus, die er seiner Vaterstadt geleistet hat, er hat dort Hospitäler, Schulen und ein naturwissenschaftliches College gegründet. Dieser Zweig der Famile steht an der Spitze der grossen Familienfirma, die ihren Sitz in London, Indien und China hat. Die Sassoons sind aber nicht nur Politiker und Kaufleute. Siegfried Sassoon ist ein Dichter und Romanschriftsteller, dessen Kriegsgedichte und autobiographische Romane „Memoiren eines Fuchsjägers" und „Memoiren eines Infanterieoffiziers" zu den besten Erzeugnissen der modernen englischen Literatur gezählt werden. Lewis of Portland Place Sir George Lewis, der dritte Baronet seines Namens, ist kein Mitglied der Finanzaristokratie, sondern ein Sollicitor. also ein Anwalt, der zum Unterschied von dem Barrister nicht vor Gericht plädiert, sondern den Verkehr mit den Parteien /JE ntims ou jeaVattachA ^7- -W pflegt, der dem Barrister wiederum versagt ist Im Prozess ist es seine Aufgabe, den Stoff vorzubereiten, schriftsätzlich zu verarbeiten und die Beweismittel zur Stelle zu schaffen. Ausserhalb des Prozesses berät er seinen Klienten in allen rechtlich erheblichen Angelegenheiten, er unterstützt ihn bei der Verwaltung des Vermögens und sorgt für die Fassung und Durchführung seines letzten Willens. Solche Beziehungen vererben sich häufig sowohl auf der Seite des Klienten, wie auf der des Solicitors. Auch die Firma Lewis kann schon auf vier Generationen zurückschauen. Ihre Glanzzeit war die des Grossvaters des jetzigen Baronet, George Henry Lewis, der 1893 zum Knight und 1902 zum Baronet ernannt wurde. Diese Auszeichnungen entsprechen der ausserordentlichen Wertschätzung, deren er sich nicht nur bei seinen Beruisgenoseen, sondern in den weitesten Kreisen, einschliesslich der politischen, erfreute. Er nahm als Rechtsberater und Vertrauensmann bedeutender Persönlichkeiten eine ungewöhnliche Stellung ein. Zu seinen Klienten gehörte z. B. der vielumstrittene Führer der Iren, Charles Paruell. Als Paruells politische Existenz durch einen gefälschten Brief bedroht wurde, war es Lewis, der das Verfahren vor der zur Prüfung des Falles eingesetzten Kommission so sorgfältig und umfassend vorbereitete, dass es mit einem glänzenden Triumph, des Irenführers endete. Vielleicht war es Paruells Unglück, das« er den Rat und Beistand von Lewis ausschlug, alg er in dem Scheidungsprozess verwickelt wurde, der seinen jähen Sturz herbeiführte. Man sagte Lewis nach, dass er der Vertraute der Geheimnisse des halben Landes sei, und dass während eines halben Jahrhunderts so gut wie alle causest celebres durch seine Hände gegangen seien. Er ist, fast achtzigjährig, 1911 gestorben. Swaythlmg Lord Swayihling ist ein Mitglied der Familie Montagu, deren Bankgeschäft einen Weitruf, besonders wegen ihrer Stellung auf dem internationalen Silbermarki, besitzt. Der erste Info.', (ö) Herbert Sonnehfeld (Berlin) baber des Titels war 15 Jahre lang Vertreter de* Londoner Wahlkreises Whitechapel im Unterhaus. Er stand schon in seinem 75. Lebensjahr, als König Eduard ihn 1907 auf den Vorschlag von Sir Henry Campbell-Bannermann ins Oberhaus berief. Der Erbe seines Titels wurde 1911 sein ältester Lohn Louis Samuel der Erbe seines politischen Interesses aber sein zweiter Sohn Edwin, der 1906 ins Unterhaus eintrat. Hier erwählte Asquith den erst 27jährigen zu seinem parlamentarischen Privatsekretär. Schon nach vier Jahren rückte er zum Unterstaatssekretär für Indien auf und betrat damit eine ungewöhnlich erfolgreiche ministerielle Laufbahn. 1916 wurde er Mitglied des Kabinetts. Von 1917 bis 1922 verwaltete er in besonders kritischer Zeit das Amt des Staatssekretärs für Indien. Hier wurde er zusammen mit dem Vizekönig Lord Chelmsford der Urheber der nach beiden benannten Reformen. Er starb jedoch bereits 1924. in seinem 45. Lebensjahr. Von den Schwestern des zweiten Lord Swaythling sind die Hon. Mrs. Franklin und Miss Lily Montagu " durch ihre gemeinnützige Tätigkeit bekannt geworden. 1927 ging der. Titel auf den dritten Lord über. Erich Byck. Englisches Theater 1938 / D™Lu£=.Weltmaim „Wünscht das englische Volk ein Nationaltheater?" Diese Frage stellte Bernard Shaw, als ihm die Gründungsakte des in Süd-Kensington geplanten „Nationaltheaters" feierlich überreicht wurde. Und er beantwortete diese rhetorische Frage der Festversammlung, unter der sich der amerikanische Botschafter, "führende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Schauspieler und Schriftsteller befanden, wie folgt: „Natürlich nicht Es wünschte nie etwas. Es bekam das Britische Museum, die Nationalgalerie, die Wesiminster-Abtei. aber es hat sie nie gewünscht Diese Einrichtungen wurden von einer kleinen Gruppe Menschen ins Leben gerufen, die ihr« Bedeutimg für das kulturelle Leben der Nation erkannt hatten." Shaw begründete die Notwendigkeit staatlicher Förderung, und auch von anderen Rednern wurde einem von wirtschaftlichen Rücksichten unabhängigen Unternehmen das Wort geredet. Noch sind die Geldmittel zur Errichtung des Baus unzulänglich. Es war eine geistige Grundsteinlegung, zu der Englands offizieller Poeta Laureatus seine Glückwünsche schickte und Sir Robert Vansittard. einem mittelalterlichen Brauche treu, G.B.S. Erde und Gezweig von Kensington aushändigte. Die Veranstaltung wurde durch den Rundfunk nach Amerika übertragen. Es hat eine gewisse symbolische Bedeutung, dass gerade in den Tagen des Ausgleichs zwischen England und Irland der einstige irische Opponent die Rolle des Patrons zugewiesen bekam. Auch das Empire des Geistes wird von allen Kindern John Bulls mitregiert. Shaw, der einst seine irische Abstammung betont hatte, ist heute der führende Vertreter des englischen Dramas; der Mann, der aufgetreten war, um Shakespeare in die Schranken zu fordern, ist heute Klassiker wie dieser — und das bei Lebzeiten. Shakespeare ist dieses Glück nicht zuteil geworden. Sein Einakter „Die schwarze Dame der Sonette" behandelt eine Zufallsbegegnung Shakespeares mit Königin Elisabeth, die der Dichter bei einem nächtlichen Rendezvous hatte. Das Stück ist jetzt erstmalig als Sendespiel gegeben worden, und Shaw hat ihm eine neue Vorrede vorausgeschickt. Es war ein hübscher Einfall des B. B. C, auf diese Weise Shakespeare und Shaw gemeinsam vorzuführen. Die gleiche Gesellschaft hatte den Mut, den „König Lear" als Hörspiel zu geben — mit bemerkenswertem Gelingen. Auch auf der Bühne ist Shakespeare, in diesem Frühjahr reicher vertreten al3 sonst. Bei dem traditionellen „Old Vic" versteht sich das von selbst; es schloss seine diesjährige Spielzeit mit einer Aufführung des „Coriolan" ab, in der Sybil Thorndike (die englische „Heilige Johanna") die Mütter des Heiden gab. Im Queens Theater hielt sich der „Kaufmann von Venedig" wochenlang auf dem Spielplan. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dass fünf Schülerklubs, darunter zwei jüdische, vor der Prinzessin Victoria Helene eine „dramatische Konkurrenz" hatten, auf der Szenen aus „Heinrich V.", „Richard II." und dem „Kaufmann von Venedig" aufgeführt wurden, wobei ein achtzehnjähriger Shylock auffiel. Durch den erfolgreichen Cor da-Film (von Corda läuft jetzt ein Filmüber die Matterhorn-Besteigung) wurde die Aufmerksamkeit auf Shakespeares „Heinrich VIII." gelenkt, um den sich Shakespeares Geburtsstadt am Geburtstag des Dichters bemühte. Die Stratforder Festspiele brachten „Romeo und Julia". Auch die englischen Shakespeare-Regisseure und Bühnenbildner kämpfen um die Lösung des Problems, die Shakespeare-Szene mit den malerischen Reizen neuzeitlicher Bühnenarchitektur zu verbinden. Nichts rechtfertigt die Notwendigkeit der Gründung des Nationaltheaters mehr — und ein Shakespeare-Nationaltheater sollte schon zum dreihundertsten Todestage des Dichters ins Leben gerufen werden — als der Umstand, dass seine Werke mehr oder minder Festvorstellungen vorbehalten bleiben. Ob die Entwicklung des Welttheaters nicht überhaupt dahin geht, dass die Klassikeraufführungen nur noch zu besonderen Anlässen zur Aufführung kommen werden, während das blosse Unterhaltungsbedürfnis. da> schon heute im allgemeinen vom Film besser befriedigt wird als vom sogenannten Unter-