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Central-Verein-Zeitung · 1938-04-28 · 17 (28.4.1938) · page 5

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
17 (28.4.1938)
Date
1938-04-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Hr. 17 # 2. Beiblatt CYZeghifig 28.April!933 Seite5 Aufbruch In der blauen Ferne, fiimmernd in der Hitze, verschlammen die Berge. Davor dehnte sich, undurchdringlich, wegios, Geheimnis und Schrecken, der Urwald, bei Tage grüne Wand, hei Nacht tiefschwarz und voll seltsamer Laute. An den schmalen Uferstreifen schlug das blaue Meeer in gleichem Takt der Dünung, Tag um Tag, Nacht um Nacht. Kein Licht, das auf ihm leuchtete, kein Schiff, das auf ihm nahte", kein Schrei der Möwen, ewige Gleichheit für die Zurückgelassehen. Ein schmaler Pfad führte von der Siedlung — ein paar Holzhäusern, in der Eile aus uraltem Baumwerk zusammenaehauen — in den Wald und verlief sich nach wenigen Schritten in Lianengestrüpp und Sumpf. Am Rand, wo schon die See ihr Werk getan hatte, Tang und Sand in den Boden des Waldes sich eingefressen hatten, vor den Palisaden, lag, geebnet, gelb in der Sonne leuchtend,- die zu Mittag senkrecht über ihm stand, der Markt. Der Admiral hatte ihn, bevor die Nina und die Pinta zur Heimfahrt die Anker lichteten, in feierlichem Gottesdienste weihen lassen. Ein hölzerner Turm, mitten in dem Hof der A7este, auf dem Tag und Nacht ein Wächter stand, beherrschte sie. Blickte man von ihm auf das Meer hinaus, sah man weit draussen im Dunst die Umrisse ferner Inseln. Der Blick ins Land zerbrach an der Mauer des Waldes. Dieser Fussbreit Landes, dieser Kopf einer Stecknadel in der Ewigkeit, war alles, was in der Neuen Welt geblieben war, als die Caravellen des Admirals Cristobai Colon die Jnsel Espanola verliessen, heimwärts zu segeln und jenes Heer von Abenteurern, von Wurzellosen, von Glücksjägern, jenen wilden Haufen von irrenden Rittern, Soldaten und Dirnen zu sammeln, der sich nach der Wiederkehr über die Inseln ergiessen sollte wie ein Hornissenschwarm, um endlich das Festland zu überfluten und mit der Fahne beider Kastilien das Uebermass von Gier und Leid und Hass in die Neue Welt zu pflanzen, das die Alte Welt allein nicht mehr zu tragen vermochte. , Luis de Torres war Kommandant des Lagers, im Namen des Königs und der Königin Herr über die Hölle, die sich Stadt und Festung nannte, auf dem trügerischen Boden des Meeres gebaut, bedroht von unsichtbarer Gefahr in dem glühenden Ofen des Indiens der untergehenden Sonne. Ihm zur Seite standen Diego Bobadilla, des grossen Bobadilla jüngerer jähzorniger Bruder, als sein Leutnant und dreissig Männer, Gesellen der wilden Tat, ohne Furcht vor Tod und Teufel, nach Weibern gierig und nach Gold. Gold hatte es in ihnen geschrien, da sie aus Palos fuhren Gold schrie es in ihnen in den langen, endlos langen Wochen einsamer Fahrt über das Meer. Wenn sie nachts auf Wache standen, nach Westen spähend, ob ein Licht sich zeige, wenn sie auf derr Planken lagen und in den Himmel starrten, wenn sie die Segel refften und mit dem Sturm um die Wette flogen: Gold, Gold, Gold schrien da ihre Herzen. Der Ruf des Albatros hiess ihnen Gold, das Knarren des Holzes hiess ihnen Gold, ihre Lieder wussten von Gold und von Weibern, dunkelen Frauen, mit goldenem Schmuck behängt, die vor ihnen fliehen, die sie einfangen, die in ihren Armen liegen, umschlungen, wehrlos, Gold überall, das sie pflücken wie reife Früchte von den Bäumen. Nun lagen sie in diesen vier Wänden und verfaulten. Bei lebendigem Leibe fühlten sie, wie die Hitze, die Feuchte der Luft, in der man nicht atmen konnte, wie der tödliche Duft von Blumen, die man nicht kannte, wie der ewige Singsang der Mücken sie zerbrach, wie Glied um Glied von ihnen sich löste, die Glut sieh in ihr.Hirn frass und sie zu Bodea riss. Den ersten hatten sie am Waldrand begraben, auch den zweiten noch. Den dritten und vierten gaben -sie den Wellen. Aber als einer nach dem andern sich hinwarf und nicht mehr aufstand, da verliess sie Lust und Kraft und sie schmissen die Töten, wenn sie ihnen alles genommen hatten, was sie von ihnen brauchen konnten, in den Sumpf, der sich über ihnen schioss und sie aufnahm, stiller als das Grab, ewiger als die rauschende See. Ein .Tag folgte dem andern. Sie hatten vergessen, welcher Monat es war, denn die Jahreszeiten glichen sich. Es blühte und reifte und starb um sie her zu gleicher Zeit. Jeden Morgen sprang der gleiche glühende Sonnenball aus dem Ozean. Jeden Abend verging er hinter den Bergen. Die Nacht zeigte ihnen die gleichen unbekannten Sternbilder. Nur Luis de Torres und sein Leutnant zählten die Tage, die Wochen und die Monate. Nur sie wussten, dass nicht mehr als ein halbes Jahr vergangen war, seit die weissen Segel der Schiffe im Dunst des Morgens verschwunden waren. Nur sie wussten, dass die Trümmer der Santa Maria, die am Strande grün moderten, nicht älter waren als dieses Jahr, dessen Umlauf kein Ende nahm. Aber auch nur sie wussten, dass es keine Rettung für sie gab, wenn der Admiral nicht zurückkam, und dass der Urwald sie in seine Arme nehmen wird und sie zerbricht, ehe das Jahr zu Ende geht, wenn der Admiral nicht zurückkehrt. Sie sitzen am Strand, Louis de Torres und Diego Bobadilia. Der eine, bärtig, schon angegraut, aus jüdischem Stamm. Mit tausend anderen ist er in früher Kindheit getauft worden, ohne Eltern in Klosterzucht aufgezogen, entflohen, Kriegsvolk beigesellt, dann mitgerissen, nicht von der Glut des Entdeckers, doch von der Lust am Abenteuer, von der Gier nach Reichtum, von dem Taumel, der die bunten lärmenden Städte der beiden Meere ergriffen hatte. Der andere aus grossem Hause mit klingendem Namen, hochmütig, schlank, adlig auch in der Verwilderung von Miene, Bart und Kleidung. Indessen zögernd, voller Erdenschwere der Fuss auf altem Boden noch verharrt, hat schon von Gegenwart zu Gegenwart der Geist den kühngeschwung'nen Brückenbogen hoch über Länder, Ströme, Weltenmeere bis zu dem fernen Ufersaum gezogen, der uns erwartet nach der Pilgerfahrt, uns Wegverirrte mit den grossen Zielen, ewige Wandrer über Gottes Flur. Wir sind erregt von schwankenden Gefühlen, und trauernd, in verhüllter Wehmut nur kann sich der Blick vom Altgewohnten trennen. Allein das eherne Gesetz der Zeit gebietet, dass wir unsern Weg erkennen im klaren Licht der Uliabwendbarkeit und ihn durchmessen bis zum letzten Grunde. So wachsen wir in das Gebot der Stunde, entwachsen wir der Traumversunkenheit und gehn, von starker Strömung hingetrieben, in unsrer Zukunft neuen Hafen ein. Bald, Bruder, wird der Kreis geschlossen sein, das Ziel gesichtet, das uns vorgeschrieben. Noch ist sein Umriss nebelhaft verschwommen, doch hinter schattengrauer Wolkenwand ahnt unsre Seele Land! Edith L. Meyer Und zusammengekettet beide in gemeinsamer borge, Brüder des gemeinsamen Endes, das sie heranschleichen sehen wie das Tier in der Wildnis. Jetzt am Tage überrauscht der Schlag der Wellen die Stimme des Waldes. Aber zur Nacht, wenn Torres nicht Schlaf finden kann, lauscht er zuweilen nach dem Geheimnis, das in fremdem Klang aus dem Urwald dringt, dem Schrei eines unbekannten "Vogels, dem dunkeln Brüllen eines grossen Raubtiers, dem dumpfen Klang einer Trommel. Jetzt, da es Tag ist, ist Mut in ihm und immer neu? Hoffnung. In den Stünden der Nacht aber schüttelt ihn die Verzweiflung, glüht in ihm das Fieber des Schreckes, reissl ihn aus halbem Traum der stündliche Ruf des Wächters aul dem Turm. Ob der andere, der Unbeschwerte, ihn begreift? Er sieht zur Seite auf Bobadilla, der einen Palmkern kaut und auf das Meer starrt, in die bleierne Stille dieses Vormittags. „Leutnant", ruft er, lachend, „woran denkst du?" Bobadilla fährt hoch, aufgeschreckt aus dem Traum, steht langsam auf, klopft sieh den Sand vom Wams, in alter Gewohnheit, obwohl es von der Sonne gebleicht und von der Hitze verschlissen ist. „Meine Gedanken sind nicht Eure Gedanken, Capitan", sagt er, und seine Stimme ist hochmütig und fremd. „Habt Ihr Befehle für mich?" Torres schüttelt müde den Kopf und sieht dem Jungen nach, der den Strand entlang geht und sich nach hundert Schritten wieder in den Sand wirft. Eine Mauer steht zwischen ihm und den andern, zwischen ihm und dem Leutnant, zwischen ihm und seiner Mannschaft. Er rennt dagegen an und kann sie nicht durchbrechen. Er hat es mit Strenge versucht und hat Hass geerntet. Er hat es mit Freundlichkeit versucht und seine Neue Erzählungen R. B. Bardi: Der Kaiser. Die Weisen und der Tod. Saturn-Verlag, Wien 1938. Per Rabbi Jacob Cbarif Benaron gilt als Zauberer und aller verruchten Künste Magister. In Wahrheit ist er ein Weiser, und seine Seele, die alle Leiden kennt, ist Gottes Spiegel. Nachdem er nrn das Leben seines Weibes vergebens mit dem Todesengel gerungen, wandert er in den Süden zurück, dem er entstammt. In der Umgebung des Sultans von Aegypten lernt der titanische Staufenkaiser Friedrich IL den Gelehrten und sprachkundigen Mann kennen und nimmt ihn mit an seinen glänzenden Hof nach Palermo, wo die Weisheit des Morgenlandes sieh mit der des Abendlandes verbindet. Eberiso sehr wie nach Macht dürstet es den genialen Fürsten nach Erkenntnis. Im Kreise seiner Weisen erholt sich der Imperator von den Kämpfen und Sorgen seines Herrscherberufes. Araber, Griechen und Lombarden, Kleriker und Laien tauschen Erfahrungen aus und bereichern einander an Gütern des Geistes. Die Gestirne werden befragt, und das Schachspiel dient als Turnierfeld des Denkens. Freimütig spricht der Jude mit dem Kirchenfiirsten, der arabische Arzt mit dem Kaiser. Die Erzählungen des viel bewanderten Rabbi Benaron kreisen um Gott und das Volk, dem er sich offenbart, und das er zum Dulden aber aueh zum Erforschen seines Wesens bestimmt hat- Die Tragik des Judentums glüht in den Geschicken der Märtyrer, von denen die an Weisheit schweren Worte des Rabbi Benaron ebenso künden wie vom Glauben an die Allmacht des Ewigen. In den tiefsten Brunnen spiegeln sich die hellsten Sterne. P.M. Ernst Sommer: Botschaft aus Granada. Verlag Julius Kittls Nachfolger; Leipzig und Mährisch-Ostrau, 1937. Dieses Buch des Badearztes aus Karlsbad ^ird viel gelesen werden. Denn es gefrört zu den ^enigen jüdischen Romanen von erzählerischem Sang, die wir haben, und sein Thema ist das erschütterndste Ereignis der jüdischen Geschichte aaeb dem Fall des jerusalemitiscben Tempels. Die „Botschaft aus Granada" ist nichts anderes als das Ausweisungsdekret Ferdinands und Isabellas aus dem Jahr 1492, datiert aus dem Heerlager, wenige Monate nach der Einnahme der letzten maurischen Stadt in Südspanien, ihr Inhalt die Austreibung der reichsten, gebildetsten, bodenständigsten Judenheit der damaligen Welt. In neun Kapiteln, deren Ueberscbriften einigermassen willkürlich gewählt sind, lässt Sommer die grossen Gegenspieler auf die Bühne treten: die katholischen Majestäten selbst, deren Charaktere hart und klar gezeichnet sind, El Chico, den Märchenemir in der Alhambra, Arbues und Torquemada, die von eiserner Konsequenz angetriebenen Leiter der Inquisition, Santangel und Benito Garcia als Repräsentanten der Marannen, schliesslich Abraham Senior und Isaak Abravanel als Führer der Juden. Dazwischen geistert die Figur des Genuesen Ghristobal Colon, der als Columbus in die Geschichte eingegangen ist. Um es gleich zu sagen: mir scheint diese Figur, so liebevoll sie gezeichnet ist, am wenigsten geglückt zu sein. Wir wollen uns nicht in die Fernen des Weltmeeres verlieren, sondern die spanische Tragödie des jüdischen Volkes ist es, die uns den Atem anhalten lässt. Sommer hat die Neigung, mehr Typen wie Charaktere zu formen und um sie herum den knisternden, aber zugleich kalten Faltenwurf historischer Draperie rauschen zu lassen. Die historische Gerechtigkeit der Darstellung ist eminent. Die Leiter der Inquisition sind Männer, die fanatisch einem einzigen Gedanken hingegeben sind und ihn zur Flamme unerbittlicher" Feindschaft aufbrennen lassen, die Führer der Juden dagegen sind unsicher in ihrer apologetischen Argumentation, wie jemand, der sein "Eigentliches ~aus Furcht nicht sagt und sich eben dadurch von Anfang an seiner stärksten Kraft beraubt. Unter denen, die auf jüdischer Seite das Wort nehmen, ist Abraham Senior der Geradlinigste, aber seine spätere Taufe beweist, wie.es um ihn im entscheidenden Augenblick bestellt war. Der Oberrabbiner von Kastilien, Isaac Aboab, ist ein Greis, der die Welt nicht mehr versteht, der gefeierte Abravanel schliesslich ist ein edler Mann, aber mehr Gelehrter als Politiker und bei aller Fähigkeit zum Mitgefühl weit entfernt vom Empfinden des Volkes. Um so grandioser gelangt die innere und äussere Situation der Marannen zur Darstellung. Hier bricht das auf, was man das jüdische Geheimnis nennen kann. Menschen nehmen, freiwillig oder gezwungen, die Taufe, aber sie werden „rückfällig". Einem neuen Kulturkreis zugehörig. in dem sie zu höchsten Würden aufstiegen, fühlen sie sich doch auf Schritt und Tritt beargwöhnt. Das Gesamtschicksal dieser Menschen ballt Sommer schliesslich in dem grossartig durchgeführten Seelengemälde des aragonischen Ritters Fonseca zusammen. Als Christ geboren, Offizier des Königs, Begleiter des Grossinquisitors, denkt er nicht daran, etwas anderes sein zu wollen als ein spanischer Christ. Bis zum allerletzten Augenblick ist.. er auf der Flucht vor sich selber, bis er schliesslich in einer Anwandlung traumwand] erischer Sicherheit seinen prächtigen Erbbesitz im Stich lässt und sich den gespenstisch ziehenden Scharen der auswandernden Juden anschliesst Da fallen plötzlich alle Hüllen der Seele ab und die dunklen Augen abgerissener jüdischer Kinder am Strassenrand sprechen zu dem schlanken Junker aus Saragossa mit der Kraft eines lange zurückgestauten, unausschöpfbaren Wissens. Hier, am Punkt der grössten Erschütterung, hätte der Autor abbrechen und den Leser, einen verschütteten Juden, einen modernen Marannen, seinen eigenen Gedanken überlassen müssen- Für viele von uns ist es die Frage ihres Lebens geworden, ob sie den Weg des Ritters Fonseca aus der grossen Welt in die eigene zurück, ob sie den Weg in die innere Heimat, die sie aus eigenem Verschulden verloren haben, aus der Kraft des Entschlusses heraus wieder finden werden. Gerade weil ihnen der Glaube fehlt, werden sie die Botschaft aus Granada umso aufmerksamer hören. Werner Cahnmann. Katherine Mansfield: Das Gartenfest und andere Geschichten. Herbert Reichner Verlag, Zürich, 1937. Diese Dichterin — und sie ist es -— hat mit einem an Umfang nicht erheblichen Werk Weltruf erlangt, in den englisch sprechenden Ländern zuerst und dann auch in Europa. Das Werk ist darum nicht eben umfangreich, weil sie früh hat sterben müssen, kaum 35 Jahre alt Schon dass sie in Neuseeland geboren und aufgewachsen ist, auf Wanderung ging, lungenkrank war, ' und in Fontainebieau bat sterben müssen, lässt einen nicht wundern über ihre besondere Prädisposition zu künstlerischem Schaffen. So bewegen feinste seelische Konflikte ihr durch die" Krankheit empfindlich gewordenes Herz zur Gestaltung und damit zur Befreiung. Kleine, bis ins Letzte um den motivischen Kern kristallisierte Novellen sind es, die sie bildet, unsentimental und doch immer ergreifend mit stets hintergründigen Tönen; wie überhaupt die Kunst, durch Unausgesprochenes zu wirken ein wesentliches Merkmal dieser Prosa ausmacht Wenn wir, um ungefähr eine Vorstellung von ihrer Art zu geben, deutschsprachige Dichter nennen wollen" zum Vergleich, so sind es etwa der Balte Eduard von Keyserling und der Jude Peter Altenberg: wobei bemerkt werden muss. dass sie: es, verglichen mit dem ersten, nie zu einem eigentlichen Roman gebracht hat, wie er; dem letzten aber darin überlegen ist, dass sie immerhin zu wahrhaften novellistischen Gebilden gelangte, während er nur gewissermassen Stimmungsmateria 1 dazu lieferte. Eine Kunst für wählerische und feinnervige Menschen, wie die Dichterin selbst es war, umschliesst dieses gefällige Buch einer Auswahl, die in gepflegter Uebertragung nun auch uns geboten wird. J. P. MorizScheyer: Erdentage des Genies. Herbert Reichner Verlag, Zürich, 1937. In diesem Essaybuch werden die ewigen Schatten derer beschworen, die der Welt mehr gaben, als sie von ihr empfingen. Von grossen Besessenen handelt das Buchj von Rastlosen, die keine andere Heimat haben als ihre Begabung, von tragischen Gestalten, die zum Werk begnadet und vom Ruhm gezeichnet sind. Wir sehen Rembrandt in der Verlassenheit seines Alters, wie lauschen der Zwiesprache zwischen dem sterbenden H e i ne und der Mouche, wir irren mit Dickens durch die Strassen Londons. In ihrem Glanz und ihrem Leid erkennen wir die Meister der französischen Literatur: Victor Hugo, Stendhal, Balzac, Verlaine. In die Gegenwart führen die Bilder, die dem Tänzer N i j i n s k y, der geistiger Umnachtung verfallen ist, und dem rumänischen Epiker Panait I s t r a t i, dessen Leben durch alle Länder Europas gebraust ist, gewidmet sind. So manigfaltig die Schicksale derer sind, deren geheime Lebensgeschichte hier entrollt wird, gemeinsam ist ihnen allen die Einsamkeit, die sie von dem trennt, was die Menschen Glück nennen, und die Friedlosigkeit, die ihnen als unheilbare Wunde zuteil geworden ist. Ein Dämonenzug rast an uns vorüber. P. M.

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