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Central-Verein-Zeitung · 1938-04-14 · 15 (14.4.1938) · page 7

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
15 (14.4.1938)
Date
1938-04-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr.15»14.Aprin938 C-V.-Zeitung Seite 7 Kreuz und quer durch London Von Lilli Szkolny l. Es regnet. Viel Wolken und Nebel lagern über Londons Hafenviertel, den Docks. Ausser in dieser Gegend ahnt man nirgendwo in London, dass diese Stadt einen der bedeutendsten Häfen der Welt birgt. Zweimal in 24 Stunden fahren zur Flutzeit die Schiffe die Themse herauf bis in die engen Docks, wo sie ein- und ausgeladen werden. Hier gibt es kerne täglich gleichmässige Arbeitszeit, hier lebt man nach dem Mond — nach Ebbe und Flut. Und' deshalb stehen oft mitten am hellichten Tage die Hafenarbeiter herum mit der Pfeile im Mund, reden oder gucken schläfrig blinzelnd in die Ferne. Dafür wird selbstverständlich nachts zur Flutzeit gearbeitet. Schon von weitem riecht man die Ladungen. Oft vermischen sich die Gerüche, und dann muss man schon eine ganz versierte Nase haben, um die Duftwelle in ihre Bestandteile zu zerlegen. Jedes Dock hat sein eigenes Lagerhaus direkt ans Wasser gebaut. Krane befördern die Wraren unmittelbar hinein. An der Rückseite ist die enge Strasse angefüllt mit Pferden, Wagen. Kutschern, Autos und Chauffeuren, die auf freigegebene Schiffsladungen warten. Es genügt, wenn man dem Taxichauffeur sagt ..Woburn House", er weiss Bescheid. Bei manchem Greenhorn macht dieses eine Wort den ganzen englischen Wortschatz aus Wohl will das Woburn House jedem Juden, der nach England kommt, helfen, aber mancher hegt allzu optimistische Erwartungen. Ein nicht seltener Fall: ein Auto fährt vor, der Chauffeur holt Koffer ■und Köfferchen, Hutschachteln und Reiseplaids und schliesslich eine Dame heraus. Mit Sack und Pack erscheint sie, irisch vom Kontinent importiert, im Woburn House und hofft, dass dieses nun ganz und gar für sie sorgen wird. Und wenn die Wirklichkeit auch nicht ganz so rosig ist. so wird doch im ganzen Haus fieberhaft gearbeitet, um den Einwandernden zu helfen. Jedes Stockwerk ist ein Reich für sich: in einem sind das Jews College und der Council for German Jewry, in einem andern United Synagogue und das Central Committee for Jewish Educatiou untergebracht. Der vierte Stock beherbergt alle möglichen jüdischen Vereine, der fünfte Stock den Central British Found for German Jewry und das German Jewish Aid Committee. Eine ruhige Insel inmitten dieses Gewirrs von Arbeit und Sorgen ist das jüdische Museum mit der jüdischen Bibliothek, in der zu bestimmten-Stunden die Studierenden des Jews College arbeiten. Die Bibliothek besteht aus kleinen, einzelnen Räumen, jeder mit einer Fensterseite, an zwei Seiten von hohen Bücherwänden begrenzt und an der vierten durch Glastür und Glaswand vom Museumsraum abgeschlossen. In jedem Raum steht eine kleine Leiter, und jeder Leser holt sich selbst aus den Bücherregalen die Werke, die er braucht. 3. Bedient wird man hingegen, und zwar von freundlichen jungen, ehrenamtlich tätigen Mädchen im S p e i s e s a a 1 des Woburn House. Lange blumengeschmückte Tische, mit bunten Papierservietten garniert, wartenN auf den Ansturm. Jeder erhält das gleiche Essen, aber jeder zahlt nur, so viel er kann. Der Mittagstisch ist meist überfüllt; manchmal muss man auf einen freien Platz warten. Das Essen schmeckt so gut, dass viele sogar um eine zweite Portion bitten. Aber ebensoviel wie gegessen, wird auch geredet. Alle verbindet das gemeinsame Schicksal. Jedes neue Gesicht fällt unter den Stammgästen auf. und jeder Neuangekommene soll von sich und seinem Leben erzählen. Vielleicht wird ein wenig zu viel Wissbegierde an den' Tag gelegt, Engländer selbst fragen wenig oder gar nichts, aber auch daran muss man sieh erst akklimatisieren. 4. Whitechapel am Wochentag ist etwas ganz anderes als Whitechapel am Sonntag. Zwar gibt es auch Marktstände am Werktag, aber es sind nur wenig Käufer da und vor allem — keine Zuschauer zum Stimmungmachen, kein Publikum, das sich durch die Strassen drängt. Der Markt ist am Werktag genau so ruhig wie auf einem kleinen Dorfe. Die Verkäufer unterhalten sich untereinander, und wenn irgendein Kunde Miene macht, sich in die Nähe eines Verkaufsstandes zu begeben, dann wird ihm die Ware beinahe in die Hand gedrückt. Der Fischverkäufer kommt mit einem Ungetüm von Fisch gefährlich nahe; die Verkäuferin des gut assortierten Blusenlagers trifft Anstalten, unter freiem Himmel eine ihrer letzten Modeschöpfungen anzuprobieren. Der Obstwarenhändler kommt nachgelaufen und fragt sehr höflich, ob man vielleicht der Schuljugend der Jewish Free School etwas kaufen wolle, da sie eben seine lecker aufgebauten Früchte belagert und begehrlich betrachtet. Und wenn die Verkäufer hören, dass man nur photographieren will, verbergen s;e ganz gentlemanlike die Enttäuschung und setzen sich sofort in der nächsten Sekunde für eine Schnappschussaufnahme so recht' in Positur, gerade wie es sich der Photograph nicht wünscht. Die orthodoxe Jewish Secondary School im Norden Londons wird von 300 Mädchen und Jungen im Alter von 10 bis 18 Jahren besucht. Das Haus liegt in einem Garten, bei schönem Wetter findet der Unterricht im Freien statt. Neben den allgemeinen und den jüdischen Schulfächern wird der Unterricht in allen Handelsfächern, in Maschineschreiben und Stenographie, ja sogar in Rhetorik, Dramatik und in rhythmischer Gymnastik erteilt. Die kleineren •Kinder von bis 10 Jahren sind in einem besonderen Haus untergebracht; nachmittags w-ird gespielt und nach Musikbegleitung Springen und Laufen geübt 6. Schon wochenlang vor Pessach sieht man durch alle Teile Londons Warenautos fahren mit der Aufschrift: Bestellt euere M a z z o t h. Sie halten vor Kolonialwaren- und anderen ein- Jüdisches Museum im Woburn House schlägigen Geschäften, nehmen Bestellungen entgegen und fuhren Lief eräugen aus. Bei Se.lfridge in der Oxfordsireet, einem der grössten Warenhäuser in London, wird eine besondere Abteilung eingerichtet, in der die jüdische Hausfrau ihren ganzen Bedarf für das Pessachfest eindecken kann. In der Buchabteilung liegt die Haggada in grosser Auflage und in allen erdenklichen Der „andere Heinrich** Vor unserem F.-B.-Berichterstatter KOPENHAGEN. Ende März 1938. Nein, es ist kein Druckfehler, es geht -nicht um den armen Heinrich, auch nicht um ein verschollenes Königsdrama Shakespeares. Wir meinen den „anderen Heinrich". Das Wort haben wir selbst zum ersten Male auf hoher See am Skagerrak gehört. Der „andere Heinrich'' ist Heinrich Heine, ein Norweger nannte ihn so. Und es geschah unter leicht melodramatischen Umständen. » Wir waren zusammen an Bord gegangen. Das etwas ältliche und schwach beleuchtete Schiff lag im Kopenhagener Hafen. Es war ein kalter Winterabend, der Wind blies Schnee und Regen ins Gesicht. Das übliche Abschiedszeremoniell, dessen besorgte Feierlichkeit noch an die Segelreisen unserer Alivorderen erinnert, wurde vom Wetter gestört. Die verebbenden Laute des Strassenverkehrs verwebte vollends der Wind, man sah kurz die in der Dunkelheit aufleuchtenden Reklamen der Stadt und einige schwache Umrisse der nahen Kirche mit der grossen Kuppel, aber die Kälte schnitt ins Gesicht, die Menschen mit ihrem Gepäck wurden magnetisch von der Wärme des Schiffsbauchs angezogen und waren eine Zeitlang von den Kabinen verschluckt. Später fanden sie sich in den Salonen. „Es gibt hohe See", sagte ein Matrose und machte sich an den Fenstern zu schaffen. Und die hohe See kam. Das Schiff wurde von den Wellen bergauf getragen und sank in die Wellentäler im taktlosen Rhythmus des Sturmes. Stablplatten schienen irgendwo locker, ihr donnerndes Klappern folgte jedem Absinken in die Tiefe. Nachher traf ich meinen Eingang zum Woburn House Fot. (2) Lilli Szkolny (Berlin) Ausführungen. Vielleicht die schönste Haggada. die es auf'der Weit wohl gibt, ist gerade jetzt zu Pessach im Britischen Museum zu sehen (vgl. dis Abbildungen auf S. 5). Sie ist im 13. Jahrhundert entstanden und zeigt in fast 80 Miniaturen die Zeremonien für Pessach, die Arbeiten und Leiden der Juden während der ägyptischen Gefangenschaft. Norweger auf Deck, das schlimmste war vorüber. „Es wütet der Sturm", begann er, „und er peitscht die Wellen, und die Wellen, wutschäumend und bäumend, türmensich auf, und es wogen lebendig die Wasserberge, und das Schifi'lem erklimmt sie. hastig mühsam, und plötzlich stürzt es hinab in schwarze, weitgähnende Flutabgründe —" ,;Das stammt vom ^.anderen Heinrich", fuhr er fort „von Heinrich Heine", und es war gut, dass er es selber sagte; andere Verse aus dem Buch der Lieder sind uns geläufiger. Er sprach von Henrik Wergeland und Heinrich Heine, den „beiden Henriks". Der Sturm hatte sich mittlerweile gelegt, zu beiden Seiten streckten sich fast greifbar die schützenden Hügel der norwegischen Küste. Im Hintergrund, des langen Fjords schimmerten Oslos Hochhäuser grösser und grösser empor, der Holmenkol und Ekeberg, jene einzigartige Mischung von Berg, Meer und Grossstadt. In Dänemark und Schweden verdanken die Juden ihr Aufenthaltsrecht dem nüchternen Kalkül der Staatsmänner: sie wurden nach Dänemark gerufen und nach Schweden zugelassen, weil man sich ihre wirtschaftlichen Erfahrungen zunutze machen wollte. Gustav III., ein Schwedenkönig, hatte geschrieben, dass es ein sehr grosser Vorteil für das Reich sein werde, wenn ein so fleissiges Volk wie die Juden sich niederlassen könnten. Norwegen, öffnete sehr spät, später als die anderen Länder Skandinaviens, seine Grenzen, getrieben von Henrik Wergelands reinem Menschen- und Bürgersinn und seinem kraftvollen Appell an das norwegische Herz. Wergeland war Dichter und politischer Kämpfer zugleich. Er dichtete für die Ewigkeit und schrieb für den Tag; manches, was der Judenfrage ist, auch wenn man sie durchführen könnte — was, wie wir wissen, schon seine Schwierigkeiten hat und von vielerlei Umständen abhängig bleibt. Mit der Umschichtung an und für sich, wollte Tolstoj sagen, ist noch gar nichts getan." „Und das wäre Tolstois erstes und letztes und einziges Wort zur Judensache?" „Gewiss nicht. Er ^*v*=5% hatte die verschieden- | artigsten Beziehungn » zum Judentum und den Juden. Angefangen mit seinem berühmten Besuch bei Berthold Auerbach, dem er sich als eine Auerbachsche Figur vorstellte —" „Eine hübsche Episode, aber wenn man den Grössenunterschied zwischen Tolstoj und Auerbach bedenkt, sollte man keinen Wert auf die Bedeutung, auf das Symbolische dieser Begegnung mehr legen/' „Vielleicht in einer andern Weise. Tolstoj identifizierte sich mit dem Grafen Auerbachscher Erfindung, der ein einfacher Mann wurde und zwar aus Philanthropie. Tolstoj hatte wirklich gelebt, was Auerbach nur dichtete. Da hätten wir also die Begegnung zwischen Tun und Dichten; kein Wunder, dass Auerbach erschreckt und befremdet war. Aber auch kein Wunder, dass es Tolstoj mit dem Tun dessen missriet, was ein Auerbach gedichtet hatte." „Das heisst doch wohl, die Betrachtung zu weit treiben. Wenn wir Beziehungen zu Tolstoj suchen, so sollten wir nicht an der Oberfläche bleiben. Was besagt es schon, wenn wir etwa alle jüdischen Personen ausfindig machen, mit denen Tolstoj gesprochen, die er beiläufig erwähnt hat oder die ihm mittelbare Werkhelfer wurden wie Uebersetzer, Verleger, Theaterleute, und es gibt rühmenswerte genug darunter von S. Fischer bis Reinhardt und Ludwig Berndl. Aber wie wenig besagt das doch, wenn man bedenkt, was Tolstoj selbst getan, welchen noch immer nicht einmal voll ausdenkbaren Einfluss er auf die Umgestaltung der Welt und ihrer bedeutendsten Gemüter genommen hat. Wir wissen, um nur dies 'zu erwähnen, dass der Mahatma Gandhi, bevor er in Südafrika seine erste Non- Cooperaticn-Aktion begann, sich mit Tolstoj darüber beraten hat, wir wissen, dass Sun Jat Sen desgleichen tat. Und Gandhis weitere Wirksamkeit ist ein leuchtender Beweis, dass sogar in der Politik die ethische, die tolstojanische Haltung möglich ist und erfolgreich sein kann." Es fragte sich nun in unserer Unterhaltung, wieweit Tolstojs Einfluss, der sicherlich dem Rousseaus an Ausmass gleichkommt und der soweit nach Osten hin bis in das damals noch, starre China dringen konnte, in der Judenheit gewirkt hat. Denn es ist doch wohl kein Zufall, dass die Regeneratoren verschiedener Nationen in ihren Lehrjahren und entscheidenden Jahrzehnten Tolstojs Zeitgenossen gewesen sind: Sun Yat Sen, Gandhi, Kemal Pascha, Pilsudski, Masaryk, Herzl usw. Aber offensichtlich hat Tolstoj weder auf Herzl noch auf Achad Haam entscheidend gewirkt, allenfalls auf Martin Buber, der aber, was er von Tolstoj hätte haben können, aus chassidischer Quelle näher hatte. Dagegen dürfte Tolstojs anonyme Wirkung auf Juden enorm sein, auf jüdische junge Menschen des Ostens, ob sie nun in der ersten und zweiten Alijah nach Palästina gingen oder als Narodniki „ins Volk'4, während man im Westen nur den Romancier und Theaterdichter ästhetisch, also unverbindlich genoss und den Ethiker als den Apostel nicht der Verwirklichung, sondern der Entsagung wie einen kuriosen Fall sensationell betrachtete. Und heute? Anna Karenina ist eine hübsche Rolle für Greta Garbo, nicht wahr, und der Rest passt nicht mehr in die Hollywood-Perspektive. „Aber was könnte uns Tolstoj sein? Ich meine", sagte Dr. E-, „nicht nur als wohl lesbarer Erzähler. Um uns lebensmässig zum Vorbild zu dienen, war er doch zu persönlich, zu ehrlich und radikal kritisch, vielleicht oft zu sehr Graf — weshalb Dostojewski Tolstojs „gutsherrliche Literatur" ablehnte, vielleicht dann zu sehr Greis und Monomane, weshalb er Shakespeare ablehnte, und vor allem viel zu verzweifelt in alledem. Dazu der religiöse Unterschied —" „Wenn man Tolstojs Glauben, den er sich wahrhaft aus Mühe und Not zusammengezweifelt hat, überhaupt eine Religion nennen will, so sehe ich doch keinen grossen Unterschied zu unseren Auffassungen. So wie er seine Gewissen-würgenden „Traktätchen" schrieb, könnten unsere besten Moralprediger es auch gesagt nahen: „Wir haben Gottes Geist: aber wir benützen seinen Geist, um uns selbst zu dienen, und verwenden so das Beil zum Zuspitzen des Beilstiels." „Wie müsste sich Goit, wenn es einen Gott gäbe, zu dem man beten konnte, Bitten gegenüber verhalten? So wie sich ein Hauswirt verhalten müsste, zu dem die Hausbewohner in einem Hause mit Wasserleitung kommen und um Wasser bitten würden. Ihr müsst nur den Hahn aufdrehen." Allerdings sagt Tolstoj (in seineu Tagebüchern) : „wenn es einen Gott gäbe, zu dem man beten könnte", und tatsächlich ist ihm der persönliche Gott des Judentums geradezu verhasst, wie überhaupt „die positive Religion, die die Leute vor einem Bild auf den Knien rutschen lässt", ihm Entsetzen einilösst. Unsere ganze Kultur befinde sich unter der Suggestion einer lügenhaften Wissenschaft und einer lügenhaften Religion. Tolstoj verwirft alle Dogmen der Religionen. Daneben aber gebe es eine wahre Religion, die das Fundament sämtlicher ..Religionen" vom Judentum bis zum Taoismus bilde. Man verwechsle aber diese wahre Religion nicht mit Weisheit und Vernunft. Unvernünftigkeit gehöre nicht zur Religion; „nur sind wir dermassen daran gewöhnt worden, einzig und allein faule Aepfel zu kennen, dass wir nicht mehr wissen, wie ein gesunder Apfel schmeckt und bekommt. Es ist schwer, in solcher Zeit nicht entweder dem Aberglauben oder dem absoluten Zweifel zu verfallen; der wahrhaft religiöse Mensch findet aber den Ausweg." Die Folge seiner Bekenntnisse war, dass man Tolstoj für einen Ketzer erklärte. „Ihr sagt, dass ich Gott nicht anzuerkennen scheine. Das ist ein Missverständnis. Ich erkenne nichts ausser Gott an." Wir waren ernst geworden, die DeDk- und Erlebnisfreude früherer Abende war gewichen, mit dem Koloss Tolstoj stand unser eigenes Jahrhundert vor uns, ohne Liebenswürdigkeit und geistige Spiele, grau, rissig, riesig und rätselhaft, voller Hintergründe, voller Zweifel und Verzweiflung, voller Sucht und ohne die Fähigkeit, gross und schlicht zu glauben und zu tun. „Was können wir'', fragte einer von uns nach einer trüben Pause, „was können wir mit alledem anfangen?" „Was konnte Tolstoj selbst anfangen? Er versuchte, ebenso grossartig wie rührend, sein Herrenleben von sich abzutun und das eigentliche Leben nicht nur zu schreiben, sondern auch zu leben. Und es gelang ihm erst wahrhaft in seinem Tode. Er hatte hart zu kämpfen, um sein Grafen- und Gutsherrentum loszuwerden, aber wir müssten erst einmal Grafen und Gutsherren sein, um darauf zu verzichten. Oder gibt's für uns eine andere Möglichkeit, Menschen, Volksmenschen, schlicht und recht zu werden, wie Tolstojes meint?" „Erlauben Sie, eine fast chassidische Geschichte zu erzählen, die Tolstojs Freund Teneromo' berichtet. Tolstoj kehrte eines Tages sehr traurig von einem Spaziergang zurück Er war auf der Landstrasse. zwei alten Bauern begegnet, die von weither gewandert waren, um

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