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Central-Verein-Zeitung · 1938-04-14 · 15 (14.4.1938) · page 8

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
15 (14.4.1938)
Date
1938-04-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seife 3 C-V.rZeIt.ung, Nr.15, »14. April 1938!ür die Ewigkeit bestimmt war, ist in die "grosse Literatur Norwegens eingegangen, manches vergessen und vermodert. Vieles, was für die Stunde geschrieben wurde, hat aber tief seine Spuren in das Leben und Denken des Landes und seiner Mensehen gegraben. Er war nicht nur ein Zeitgenosse Heines, und es ist nicht nur Zufall, dass wir in der kaum übersehbaren Fülle seines Schaffens auch üeb ertragungen Heines ins Norwegische finden. Seine Phantasie schäumte von Scherz, Satire, Ironie mit und öhne tiefere Bedeutung, sein Weltbild umspannte „Schöpfung, Mensch und Messias" und er schrieb in einer eigenen Mischung von Edda und „Hohem Lied", aber das alles beweist nur den Vollblutromantiker, als der er in die Literaturgeschichte einzog. Seine Phantasie schweifte nicht aus in Wölkenkuckucksheim e. im Konflikt 'mit seiner Zeit flüchtete er nicht auf Elfenbeintürme. Gerade hier Heine ähnlich fühlte er sich der Forderung des Tages verpflichtet. Prüfstein des von ihm erträumten und mitgestalteten „Jungen Norwegen* war ihm die Judenfrage. Er liebte Lessing um seines Nathans willen und in seinem Vorschlag einer kommenden Volksbibliolhek finden wir Lessings Nathan zwischen dem Buch „Handmittel des Landmanns" und einer Schrift über die Natur der Tierkrankheiten. Er kämpfte gegen die Verfassung, die den Juden den Zutritt zum Reiche verbot, er wandte sich an das Storting, er beschwor Religion und Moral und die „mächtigen jüdischen Geister in Gesetzgebung, Poesie und MoralphiIosophie'\ die sich jenseits der norwegischen Grenzen in Wissenschaft, Kunst und Literatur gezeigt hätten. Wie sich die Schriften des Kämpfers als unzureichend erwiesen, öffnete sich der Mund des Dichters in „Der Jude. Neun blühende Dornzweige" und später ..Die Jüdin. Elf blühende Dornzweige". Seine Politik war ihm nicht Beruf oder Zeitvertreib, sondern lebendige Bewährung moralischer Werte. Er starb jung nach einem langen Krankenlager, das an die letzte Zeit Heines erinnert. Wir besuchen Henrik Wergelands Grab. Er ruht auf dem Erlöserfriedhof mitten in Oslo. Vier Jahre nach seinem Tode brachten Schweden den Grabstein von Stockholm nach Oslo, drei Tage später mussten die Ueberbringer ausser Landes sein, denn es dauerte Zeit, bis Henrik- Wergelands Kampf seine Früchte getragen hatte. Auf sich verjüngenden Stufen steht seine Büste; der Kopf ist, wie auf allen Bildern, die wir von ihm kennen, weit himmelwärtsgerichtet, darüber türmt sich gotischer Schmuck. Dankbare Juden jenseits der norwegischen Grenzen haben dieses Denkmal errichtet uaatca Dr. Joseph Hermari Herz: Pentafceuch und Haftaroth. Jüdischer Verlag, Berlin 1937/38. Oberrabbiner Dr. Herz (London) empfand innerhalb seiner englischen Gemeinden das Fehlen einer brauchbaren Aussähe des Peniateuch. geordnet nach den sabbatlichen Periskopen mit den dazugehörigen Prophetenabschnitten, zur Benutzung in Synagoge. Schule und Haus. Seine Edition enthält daher den mit Neginot versehenen hebräischen Text, für den er den von der Britischen Bibelgesellschaft benutzten massoretischen Text in der letzten Ausgabe von Letteria verwenden konnte. Neben den hebräischen Text ist auf der linken Seite in der deutsehen Ausgabe, von der jetzt die beiden ersten Bände vorliegen, die deutsche Uebersetzung der Zunz-Bibei gesetzt. Dem Ganzen ist ein Kommentar beigegeben, dessen .Wert vor allem in seiner Volkstümlichkeit besteht. Er ist nicht wie die üblichen neueren Bibelkommentare nur für den Fachgelehrten geschrieben, sondern viel eher für den „Laien", und hat zugleich den Vorzug Benno Jakobs Genesis-Kommentars, aus dem Born eines tiefen jüdischen und allgemeinen Wissens zu schöpfen. Herz, der sich in manchen, auf Vorarbeiten anderer jüdischer Forscher in England stützt, hat jüdische und nichtjüdische Bibelerklärer der verschiedensten Zeiten benutzt, ohne doch dabei irgendwie von seinem religiös-traditionellen Standpunkt abzuweichen. Die Worte in der Vorrede zur englischen Ausgabe geben seinem Standort mit aller Deutlichkeit Ausdruck: ..Meine Ueberzeugung. dass die mit dem Namen Wellhausen verbundene Pentaleueh-Kriiik eine Verzerrung der Geschichte und eine Entweihung der Religion darstellt ist unersebüttert: ebenso meine Weigerung. Gott aus der Geschichte oder aus dem menschlichen Leben zu streichen."' Ueber die kurzen kommentarischen Erklärungen hinaus sind dem Werk im Anhang ausführliche Abhandlungen hinzugefügt. Themen wie „Das Schöpfungskapitel. — Die jüdische Haltung zur Evolutionslehre". ..Angebliche christologische Hinweise in der Schrift". „Ist der Kodex Hammurabi die Quelle des mosaischen bürgerlichen Rechts?'' können die Absicht dieser wertvollen Anhänge verdeutlichen. Die Vermutung des Verfassers, dass ebenso wie in England auch bei uns das Bedürfnis nach einer volkstümlichen Ausgabe des Pentaieucb und der Haftaroth besteht, trifft durchaus zu. Wer mit grösserem Vertäudnis der goltesdienstlichen Thora- und Propheten Vorlesung folgeu will, wer etwa am Freitagabend im Familienkreis den jeweiligen Wo:henabschnitt lesen und besprechen will, wer Schülern eine Beziehung zum biblischen Schrifttum vermitteln will, sie alle werden dieses wertvolle Werk, das zuerst 1929/36 in Oxford University Press erschien, des englischen Oberrabbiners Herz benutzen können. Dr. Manfred Swarsensky. Nachum Norbert Glatzer: Geschichte der Talmudischen Zeit. Nr. 81/82 der Bücherei des Schocken-Verlags. Berlin 1937. Dieses Büchlein will die Geschichte des jüdischen Volkes in der Epoche zwischen der Zerstörung Jerusalems durch Titus im Jahre 70 und dem Abschluss des babylonischen Talmud um das Jahr 500 darstellen. Der Verfasser gibt ein lesen wert es. ja oft fesselndes Bild, in welchem die Mannigfaltigkeit der historischen Erscheinungen zu vollem Ausdruck kommt, ohne dass zuviel Einzelheiten dieDarstellung unübersichtlich machten. Der Talmud selbst wird nicht bebandelt. Das ist eine selbst gewählte Einschränkung, die ihre Bedenken hat. Nur wer dieses Wissen besitzt, das unschwer zu erwerben ist. erfährt eine wirkliche Bereicherung. Glatzer will nichts ..Neues" bieten, aber er vermittelt wertvolle Erkenntnisse, die, in wissenschaftlichen Publikationen enthalten, dem allgemeinen Publikum unbekannt bleiben. Unter anderem ist das Meisterwerk des im Kriege gefallenen französisch-jüdischen Gelehrten Jean" Juster, „Les Juifs dans VEmpire Romain" von Glatzer vielfach verwertet worden. Es ist bedauerlich, dass diese bedeutende Leistung jüdischer Wissenschaft noch immer nicht in deutscher Uebersetzung vorliegt. Glatzer findet oft gute Formulierungen, so wenn er den Weg der Juden durch die Zeiten ereignisreich, aber eigentlich geschichtslos nennt. Ebenso treffend erscheint die Bezeichnung der Tora als heiliger Verfassung oder die Schilderung der Entstehung des Kanon als Konzentration: ..dadurch wurde eine schöpferische Erweiterung beeinträchtigt, aber der Schutz des Kerns gesichtet." Den Talmud nennt er das grosse geistesgeschichtliche Beispiel ..für die Selbstbescheidung eine«? Volkes, die dennoch nicht zur Verkümmerung führte". Kaiser Hadrian wird nicht als Schwächling, sondern als Missionar des Hellenismus dargestellt. , Die Juden freilich mussten sich seinen Plänen widersetzen, wenn sie sich nicht selbst aufgeben wollten. An die Wurzeln des antiken Antisemitismus rührt'der Satz: ..Der Jude selbst hat dem grossartigen geistigen und politischen Verschmelzungsprozess der ausgehenden Antike gegenüber das Schicksal der Einsamkeit frei gewählt —• aus einem Bewußtsein der religiösen Sendung, die auf die Heidenwelt als nationale üeberheblichkeit wirkte." Die beiden letzten Kapitel des Buches; „Das religionsgeschicbtliche Problem'*' und „die Erhaltung Israels" sind von besonderem Interesse. Vielleicht ist die Schilderung der religiösen Umwelt etwas zu breit angelegt; die Haltung des Juden ihr gegenüber konnte schärfer umrissen sein. / Dr. Ernst Jacob. Arthur Spanier: Die massoretischen Akzente. Veröffentlichung der sprachwissenschaftlichen Sektion, der Akademie für die Wissenschaft des Judentums, Breslau 1937. Durch. Studien zur hebräischen Rhythmik sowie durch das ästhetische Erlebnis war es Spanier wie anderen schon zuvor, zur Gewissheit geworden, dass vielen Prosastücken der Bibel ein kunstgemässer Rhythmus zu eigen sei. Schon bald ahnte er die grosse Regelmässigkeit der Beziehungen zwischen der Akzentkonstellation und den syntaktischen Typen. Unverkennbar war ihm so die Beziehung zwischen den massoretischen Akzenten und dem Satzton, das heisst der Vortragsweise des hebräischen Textes. — In dieser Schrift legt er nun den wesentlichen Teil des Gesamtergebnisses seihe Studien nieder: Zum Verständnis der althebräischen Poesie und Prosa ist allein das vollkommene Begreifen des natürlichen Satzakzentes notwendig. Nicht aber bedarf es der Uebertragung der Gepflogenheiten der „allgemeinen"' Metrik (Zerdehnung, UeberdebnungT. Auflösung usw.), die nur ein künstliches Anwenden von hierher nicht gehörigen Begriffen bedeutet. Ueber den Satzakzent aber besteht in der massoretischen Akzentuation. eine Ueberlieferung. die ein zureichendes Bild des Sprechens des Hebräischen zur Zeit der Massora gibt. Von den bestehenden drei Erklärungen für1 das Wesen der Akzentuation: der Musikzeichentheorie, dem hermenentisehen und rhetorischen Zweck, zeigt Spanier letztere als die einzig mögliche. Die von ihm gefundenen Gliederungsregeln beweisen, dass der richtige und gute Vortrag Ziel und Sinn der Akzente ist. — Obwohl ihrem Wesen nach grundverschieden, werden die babylonischen Akzentzeichen nach Analogie der griechischen IVJusik.zeic.beu gebildet. Die Herden Märchenerzähler, nämlich Tolstoj selbst, zu besuchen. Sie gehen plaudernd mit ihm dahin, und wie er sich ihnen offenbart, dass er selbst der Geschichtenerzähler sei, sagen sie: ..Wahrhaftig? Es könnte schon sein. Du hast ein verhärmtes Gesicht, grämst dich wohl viel. Komm her, Lew, lass dich küssen." Wie sie sich nun aber dem Schloss Jasnaja Poljana nähern, wie die Strasse in den Park einbiegt, wie eine feine Gesellschaft, in einer Equipage an der-Rampe vorfährt und es gar zu Tisch läutet, da bleiben sie stehen und lehnen es ab, mit ihm ins Haus zu kommen. Und der eine, eben der. der ihn geküsst halte, erzählte ihm die Geschichte von der Wahrheit und dem Unrecht, von der Wahrheit, die schweigen muss, weil sie mit dem Unrecht Tee getrunken hat. ..So geht es auch dir." fügt, er hart hinzu. Die beiden Greise aus dem Volke geben und lassen ihn den feinen Leutchen, die er selber verachtet. Und Tolstoj. der dem Freund Teneromo diese Begegnung erzählt, ist lief gequält: ..Ich trinke ja wirklich mit ihnen Tee. Und dieser Greis hat recht, tausendmal recht, dass ich die Wahrheit nicht sagen kann."' Und 1 erst der Zweiundachtzigjährige reissi sich ' los von Frau und. Kindern und Schloss und Gesellschaft, die er längst nur geduldet, kaum geteilt hat. erst der Sterbende macht völlig reinen Tisch, und die Wahrheit . . . Nein, seine Bücher werden von uns nur gelesen, und nur seine Gestalt, sein Ganzes und Grosses kann uns Vorbild sein ... als ein gewaltiges Menschenwunder, ein erregender, erschütternder und erschütternd fremder Anblick."--- kunft der tiberischen jedoch sei weder mit Merx von den svrischen Akzenten, wie sie Jakob aus-. Edessa ausgebildet, ableitbar, noch mit Praetorius von den frühmittelgriechischen Neumen. Die hebräischen Akzente beziehen sich nur auf ein quantitatives Element des Vortrages, d. h. auf die verschiedenen Masse der Pausenlänge, nicht aber auf qualitative Momente. Als einzige mögliche historische Beziehung der hebräischen zu den syrischen und byzantinischen Akzenten sieht Spanier ihr gemeinsames Wurzeln im Interpunktionscharakter. Dass die Akzentuation ihrem Kern nach zur Zeit Max Sutras (400 n.) bereits vorhanden gewesen sei, will Spanier aus Chag. 6 b (gegen. Merx, der sie im 6. Jhrt. von den Svrem übernommen sein lässt) folgern. Aeusserste Sorgfalt in ihrer Darstellung, sowie ertragreiche Aufschlüsse in ihren Ergebnissen kennzeichnen diese wertvolle' Arbeit. R. B. S. I. Agnon: Jamim Noraim. Schocken- Verlag, Berlin 1938. Angeregt von Schocken selbst, hat der bekannte und berühmte, in Palästina lebende Dichter dieses ausgezeichnete Sammelwerk über die ersten zehn Tiscbritage in mühevoller, aber erfolgreicher Arbeit geschaffen. Aus mehr als tausend Büchern und Schriften hat er das zerstreute Material zusammengetragen und legt es nun in klarer Uebersichtlichkeit^geordnet vor. Aramäisch geschriebenes hat er ins Hebräische übersetzt zu ausführlich behandeltes gekürzt, dabei, wenn auch nicht immer die Sprache der Quelle, so doch stets deren Absicht getreulich gewahrt. Der Text, in viele Kapitel und zahlreiche Unterabschnitte'geteilt, die ein leichtes Auf- und Sichzurechtfinden ermöglichen, folgt sorgsam dem gottesdienstlichen Ablauf und dem Vollzug der Bräuche in Haus und Synagoge, wie sie in den zehn Busstagen in Deutschland, Polen, Russland., Litauen, Böhmen und Mähren geübt werden. Keine irgendwie beachtliche liturgische und zeremonielle Frage, die der konservative Jude stellen könnte, dürfte übersehen sein. Die Ant- Jüdische Bfiche.r W 62, Wormser Strasse 6a. am Wittenbergplatz, Ru! 24 7022 GERHARD FUCHS Worten, in unbedingt gläubigem und chassidischerri Geiste gegeben, und die "vielen eingestreuten zum Teil sehr schönen und eindrucksvollen illustrierenden Erzählungen verlangen allerdings oft zu ihrer Anerkennung ein entsprechend gleichgerichtetes und empfängliches Gemüt. Aber auch der Andersdenkende stösst erfreulich oft auf prachtvolle ethische Gedanken. Einige sprachliche und sachliche Schwierigr keifen finden in einem Anhang ihre Erläuterung. Der Literaturnachweis führt 361 Einzelwerke und Schriften auf. Namentlich für den Religionslehrer und den Prediger ist dieses Buch eine Fundgrube und eine Schatzkammer, aus der sie immer wieder für sich und seine Hörer schöpfen können. _____ ■,. '. M. Ä. Literarische Notizen Von Ernst Kartherns (Niels Hövers") Büchern „Heimwärts" und „Das Land, das seine Menschen Frisst" erscheinen demnächst die englischen und amerikanischen Ausgaben, auch eine Uebersetzung ins Jiddische gelangt in Amerika zur Aussähe. Im Laufe des Monats April gelangen■ im Vortrupp Jüdischer Buchverlag Heft 3 und l der Schriftenreihe ..Jüdische Wirklichkeit beute'' zur Auslieferung, und zwar: Hanns Reissner: Familie auf Wanderschaft, und Heinz Frank: Gegenwartsaufgaben jüdischer Jugenderziehung. Dies fragmentarische Gespräch über Tolstoj und was er uns helfen könnte, war unser letztes. Unser kleiuer Kreis ist noch zusammengeschrumpft, und die Abende sind kurz geworden. Und das Eigentliche ist ungesagt geblieben, wie es wohl bei Gesprächen sein muss. Jch sitze allein im Zimmer, wie früher einmal vor langen Jahren, als ich zuerst einen Band von Tolstoj zögernd aufschlug. Es war eins von den späten, nicht erzählerischen Büchern voller Qual am Leben, voller Abgründe, so dass man es sofort zuschlagen und anfangen wollte, das Leben besser zu machen. Es war ein erster Antrieb, mit Eifer und Bedacht gut zu. sein und die Menschen besser zu machen, wie es wohl jeden von uns in solchen Jahren de- Jugend überkommt. Und mit Wehmut dachten wir an diesem letzten Abend unserer Gespräche daran, dass es diesen Mann Tolstoj und manche ähnlichen und zahllose wie wir von ihnen gepackte junge Menschen gegeben hatte, ohne dass sieb das Leben verbessert hätte. Sind wir nun alt, müde, mürbe geworden, lächeln wir jetzt über den Elan unserer Jugend? Bewahre uns Gott vor solchem Selbstverrat. Tolstoj war eine grosses Erlebnis in unser aller Jugend, so wie Robinson und Gulliver, Pfadfinder und Don Quijote Ereignisse unserer Kindheit waren, und bei vielen stärker. Wir erleben aber wirklich tiefgehende Erlebnisse der Kindheit und der Jugend in jedem weiteren Lebensalter noch einmal, rein künstlerische dann mit reinem, vielleicht heiterem Genuss, ethische wehmütiger und bedingter, allgemeine mit ironischem, weil schon halb vorwissendem Erwarten und Entsetzen. Die Wiederkehr des Gleichen, um deren Behauptung willen ein Philosoph für irrsinnig gehalten wurde, erschien uns an diesem letzten, seltsamen Abend als ein Gesetz des Erlebens. Denn sie ist die eigene Erfahrung eines jeden von uns: Sobald Bedeutendes uns geschieht, wissen wir, dass wir es schon einmal uns haben geschehen lassen und sei es in abgelebten Zeiten. Das ist im Erleben unsere tiefste Sicherheit. Und wie könnten wir denn auch von der Verbesserung des menschlichen Lebens träumen, wenn es ein besseres Leben als unser jetziges nicht in uns gäbe, also einmal von uns erlebt wurde und erlebt werden wird, so Gott will. Ans Zeitschriften ..N a c h ' 1 a t h Z 1 w il\ die Monatsschrift für Judentum in Lehr« und Tat. ist als Festnuminer •/um 70. Geburtstag des Rabbiners Dr. E. Münk, Berlin, erschienen. Die Würdigung dieser führenden Persönlichkeit de« gesetzestreuen Judentums Deutschlands unternimmt P. K. ir: seiner, konzentriert kurzen, geistvollen Weise. Rabbiner Merlbach,- Darmstadt, widmet eine historische Abhandlung ..Das Volk der Stämme"', die deren besondere Aufgaben auf die Verschiedenheit ihrer Seelenlialtungen zurückzuführen sucht. — Einen interessanten Rückblick über die Einwanderung deutscher und holländischer Juden nach Palästina im 19. Jahrhundert bietet Fritz Meier Frankel, Jerusalem, in dem Artikel „Deutsche Juden im alten Jiscbuw". Er gibt Anregunsren zum Studium indischer Familienkunde. — Studienrat Max Münk, Frankfurt a. M., unterzieht sich in der pädagogischen ArbeitDenken und Schauen1' der Aufgabe, einen Weg zur Festigung der Glaubenstreue zu zeigen. Die Erklärung der Wunder auf Grund seiner mathematischen Hypothese, der „Analogie — Betrachtung1', scheint mir abwegig, aber für die Klärung anthropologischer Begriffe mit Erfolg anwendbar. — Von Rabbiner Dr. Ehren treu, München, finden wir den Beitrag „Die religiöse Erkenntnis", in der die Stellungnahme Rambams zu diesem Problem erörtert wird._ — Sehr instruktiv ist der Bericht von Dr. med. Willi Hoffmann, Jerusalem, über das ..Kainzeichen und eine medizinische Beobachtung aus der neuesten Zeit". Bestätigt er doch die Erzählung des Mi drasch zum Kainszeichen! Wer denkt nicht auch an die Moses-Skulptur von Michelangelo? — Unter den hebräisch geschriebenen Artikeln sind zu beachten: Eine balachiscbe Erörterung über Verhalten zu einem Kranken von Rabbiner Dr. Klein, Berlin, eine historische, auch famiüenkundii^h beachtenswerte Abhandlung über Geleb-Vte, die in Halberstadt gelebt und. gelehrt haben, von Dr. Ph. F r a n k 1. Interesse verdient ferner der von starkem Verantwortungsbewusstsein für das jüdische Volk geschriebene, sozialhygienische Beitrag von Dr. med. Jacob L e v y , Berlin. — Eine pädagogisch gut orientierende Arbeit über die Methode' des Pentateuch - Unterrichts in Erez-Jisroel veröffentlicht Rabbiner Dr. M. A u e r b a c h , Petach-Tikwah. ' . Das Heft, das drei Nummern umfasst, sei allen denen, die Fühlung zum gesetzestreuen Judentum nehmen oder erhalten wollen, warm empfohlen. J. F. ¥ Innerlich und äusserlich erweitert und vervollkommnet treten die „Mitteilungsblätter der Hebräischen Universität Jerusalem1' mit ihrem Januarheft an die Oeffentlichkeit. Der Leitartikel Professor Gerhard S Cholera s „Kaballa-Forschung und jüdische Geschiehtsschreibeng" wird ob seiner grossartigen Konzeption weithin, beachtet werden. Er zeigt, wie zeitbedingt die „Wissenschaft des Judentums" des 19. Jahrhunderts in Ansohauungs- und Arbeitsweise war, wie sie von apologetischen und politischen Rücksichten zuweilen den Blick sich trüben liess und wie sie zu neuen freiereu Wertungen vielfach zu gelangen bat. Am Beispiel der Kabbala, der bisher nur Kabbalisten und aufklärerische Kritiker gegen übertraten, wird dargetan, welche Fülle völlig neuer Fragen für den Wissenschaftler sich auf diesem Stoffgebiet ergehen. — Die eigenartige Stellung des biblischen Satans, der nichts mit unserem volkstümlichen „Teufel" gemein hat. wird von Professor Dr. Harry Torczyner erforscht. Er leitet ihn von einem politischen Geheimberater des Königs ab, der erst später zum Widergeist umgewertet wurde. — Dr. A. M. Dushkin berichtet aufschlussreich über das gesamte Erziehungswesen und seiue Zukunft in Erez Israel. — Professor Dr. J. Klausne r geht der Geschichte des jüdischen Studiums auf unbekannten und fesselnden Wegen nach. — Dr. A. Reifenberg schreibt vom Laboratorium für Bodenkunde, Dr. F. S. Bodenbeimer über Herische Bevölkerungslehre, Ahr. Y a a r i über die Schocken-Sammlung hebräischer Inkunabeln, die 64 sehr wertvolle Stücke enthält und jüngst in Universitätsbesitz übergingen. — Ueber die Tätigkeit der Universität und der Gesellschaft ihrer Freunde werden verschiedene Berichte erstattet. Man entnimmt ihnen u. a., dass Professor M. M. Kaplan als Lehrer für Theoretische Pädagogik, Professor Martin B u b e r für Sozialphilosophie und Professor Ch. A b I b e e k für Halacha und Aggada, sowie J. Schamoch für moderne arabische Sprache berufen wurden. Das Heft ist durch eine Reihe guter Photos ergänzt. Es wird als Zeugnis jungen erstaunlich kräftigen geistigen Lebeos und durch die in wissenschaftlichen Organen nicht allgemein verbreitete Frische und Aufgeschlossenheit dem Neuen gegenüber begrüsst und bedankt werden. Hans Lamm.

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