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Central-Verein-Zeitung · 1938-04-14 · 15 (14.4.1938) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
15 (14.4.1938)
Date
1938-04-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 C.-V.-Zeifung Nr. 15 * U.Aprin938 treiben ihn wieder hoch: Die Mutter wird längst gestorben sein. Auch daran hat* der Vater schuld. Vater hätte es der Mutter leicht machen sollen und schuften wie andere Männer, statt immer zu lernen. Gottvertrauen ist gut, aber Bargeld lacht. Fällt ihm ein, was die Mutter einmal zu ihm sagte, als er auf dem Markt herumlungerte, um bei den Bauern und Krämern ein paar Kreuzer zu verdienen, statt in den Cheder zu eilen. Sender, hatte sie gesagt, werde so fromm wie dein Vater, mehr verlange ich nicht von dieser Welt. Nun hat alles der Teufel geholt, denkt er grämig und schliesst wiederum die Augen."" Eine Wolke schwimmt über den schwarzen Tann und löscht das fahle Hell darüber. Es ist finster in der rohen Blockhütte und finster in Ruffins Seele. Ein Windstoss streckt durch die undichten Fugen und Balken des Häusels seine kalte Zunge nach den Schlafenden aus. Den Waldaufseher fröstelte, und er versucht an etwas anderes zu denken: an ein gleichförmiges Bild, an eine lange Reihe hoher, schwankender Fichten, und daneben noch eine Reihe, schnurgerade und so fort Hohe, schwankende Fichten, nichts welter, als schlanke Stämme und wippende Kronen. Die Bäume verwandeln sich zu steifen Soldaten. Sie stehen in Reih und Glied mit wehenden Helmbüscheln. Ein zweiter Windstoss saust von einem Bergeszacken zu den Buschwäldern herab, jagt durch das grünende Geflecht, verspätete Frülijahrsschauer. Wolkenschübe, die den gesternten Nachthimmel verhängen, wie eine schwarze Leinwand ein silbern schimmerndes Fenster. Ein feiner Regen rieselt in abertausend Schnüren zur Erde und zieht die Gräser und Blumenstiele um ein Blattzoll aus dem Boden. In der Waldhütte übertönt das Schnarchen der Holzhauer das Regengeläute, bis die Naclitkühle einige Schläfer aufmuntert: sie recken ihre Köpfe, blinzeln nach dem Feuer, aber die Herdstelle ist seit Stunden erkaltet. Warm sind nur ihre Schafspelzhüllen, wären sie bloss länger, doch den Leuten ist auch so ein gesunder Schlaf geschenkt. Nur Sender Ruffin nicht: ihn hatte der Windstoss, der pfeifend von den Felskämmen Ii erabzog, aus dem kaum genossenen Schlummer gescheucht, uncTnun horcht er verstört auf das Aecbzen der Hölzer und weiss nicht, welches Sausen stärker gilt, das in seinen Ohren oder das draussen. Da vertönt beides zu einem linden Säusein, uud schon will er sich seufzend wieder herumlegen, als ihn ein lautes Geräusch, ans der Vorratskammer jäh emporreisst. Erlauscht mit angehaltenem Atem: in die Kammer niuss jemand eingedrungen sein und macht sich bei den Vorräten zu schaffen. Jemand greift nach den Töpfen mit Speck und Butter, lässt einen Deckel ungeschickt und klirrend zur Erde fallen, poltert in der Dunkelheit gegen ein Brett und stürzt dann schnaufend, als gälte es,'sechs tiefe Teller auszulöffeln, über die Schale Milch her. Mittlerweile ist der Regen verweht und mit breiten, mondhellen Battistschleiern überziehts den Himmel, dass sein fahles Licht sacht in den Wald hineinglänzt und weiterzieht wie ein schmales Schifflein bis^zu'der Hütte, wo Sender Ruffin und mit ihm etliche Holzfäller von dem Geräusch gleichfalls erwacht, vorsichtig über die Schläfer steigen und, sicher es mit einem einbrechenden Zigeuner oder Landstreicher zu tun zu haben, grimmig- bis zur Tür schleichen, dort eine Sekunde lauschend verharren, um dann mit einem jähen Ruck den Zugang zur Kammer aufzureissen. Statt des erwarteten Einbrechers erblicken sie jedoch ein mächtiges Tier, das, aufrecht auf seinen Hinterläufen stehend, mit offenem Maule, gleich einem zwei-' beinigen Wesen, zwischen den umgestossenen Schüsseln herumwühlt, sich aber beim Ruck der Tür herumwirft und mit einem raschen Sprung ins Freie setzt. Dieser schreckhafte Anblick sowie der springende Schatten des flüchtenden Tierleibes warfen auf die zurückhastenden Männer ein solches Entsetzen, dass sie drinnen stolpernd und mit dem wilden Schrei „ein Wolf" über die noch schlafenden Gefährten stürzten, diese, in doppelter Wirrnis hochgerissen und nichts anderes im Sinn, als der Wolf wäre bereits über sie gekommen, griffen mit beiden Fäusten nach den auf ihnen liegenden Körpern, und es hätte wohl mit einer bösen Würgerei enden können, wenn es Sender Ruffin und dem alten Wasilie nicht gleich gelungen wäre, Licht zu schaffen. So saß man erneut vor dem flackernden Feuer, und die Gemüter waren von dem Erlebten erregt wie noch nie. Da fanden sich rasch Gespräche, wie wohl der Wolf am besten zu erlegen wäre, doch einer, der ihn gesehen hatte, gab vor, die Art, wie die Bestie dastand, bedeute nichts Gutes, so etwas liesse sich nicht schiessen, und die drei Gesellen Nicolae, Juon und Michael wandten sich befriedigt an den Waldaufseher und fragten, ihrer Worte sicher: Na, Herr, glaubst du uns jetzt, dass wir nicht nur geträumt haben? Sender Ruffin erwiderte kurz: er werde einen Bauernjäger heraufbestellen, der könne der Bestie den Garaus machen. Im übrigen, so brummte er, wünsche er noch ein bisschen zu schlafen, und hüllte sich in seinen Pelz, indes der Wald bereits die Morgendämmerung einliess. In den folgenden Nächten blieb alles ruhig, so sehr auch die Holzfäller im Verein mit dem Jäger in die aufgesperrte Vorratskammer spähten. — Die Hirten hatten auf den Felsgängen ihre Wachsamkeit verstärkt, aber der Herden Würger Hess die Lämmer un erschreckt weiden, statt dessen fiel er zwei Wochen nach seinem ersten Auftauchen erneut in die Waldhütte ein. Diesmal sprangen die Männer sofort mit der Axt bewehrt zur Tür, fanden jedoch in. der Kammer nur die heruntergerissenen, leeren Töpfe. Der Wolf war entschlüpft, und ein Stück Fleisch, auf dem höchsten Pfosten der Speisennische aufbewahrt, fehlte. So geschah es auch in der nächsten Nacht obgleich der Bauernjäger anwesend war und auf den .hineinhuschenden Wolf mehrere Schüsse abgab. Diese merkwürdige Begebenheit fand rasch Eingang in die Herzen der dörflichen Bewohner und Ciobane. Die Hirten stiegen zu den Holzfällern herab, und die Dörfler kamen den Waldsteig hinaufgewandert und trafen sich mit ihnen vor der Hütte. Man suchte für das seltsame Geschehen eine Erklärung. Der Bauernjäger Grisca hatte berichtet, siebenmal hätte er den Wanst des Untiers aufs Korn genommen, aber die Funken hätten nicht ein Haar daraus zerfetzt. Und noch mehr wurde von den folgenden Nächten erzählt: der Wolf erscheine jetzt jede Nacht kurz vor zwölf und lasse sich Milch und Speck in der Vorratskammer der Waidhütte wohl schmecken, und keiner getraue sich zur Axt zu greifen. Ja, Sender Ruffin stelle ihm des Abends noch das teure Futter in die Nische. Eines jedoch erfüllte alle mit den unwahrscheinlichsten Vermutungen, nämlich, dass die Bestie ihre Mahlzeit nicht nach Tierart, sondern aufrecht nach Menschenweise verzehrte. Die drei Holzfäller Juon, Nicolae und Michael schworen bei allen Heiligen, es wäre der gleiche W7olf, der ihnen vor Wochen im Traum und danach im Wachen an die Gurgel wollte, und jede Seele erschauerte. Einige verwünschten den Juden Ruffin, weil er die Bestie noch einlud, statt sie zu erlegen. Sie sagten, der hätte selbst eine wölfische Leber, und übersiedelten, da sie der nächtliche Besuch des Wolfes und das Klappern der umfallenden Schüsseln jeweils mit hochgestrichenem Haar aus dem Schlaft riss, in eine entferntere Hütte. Die übrigen schliefen mit Sender Ruffin in ihrer alten Behausung und fügten sich in die nächtlichen Einbrüche des Werwolfes; denn nur ein solcher konnte es sein, und nur ein solcher wagte dergleichen und fürchtete keine Kusel. Da war es schon besser, ihm das hinzustellen, was er liebte, als dass er auszöge, ein Lebendiges — Mensch oder Tier — abzuwürgen. So füllte Sender Ruffin jeden Abend einen Napf mit Milch und einen Teller mit Speck und schob sie in die Nische, nicht etwa, weil er an einen Werwolf glaubte, sondern um die Gier der Bestie, der scheinbar nicht beizukommen war, auf einen harmlosen Frass abzubiegen. Vielleicht war es nicht einmal das: Menschen, die lange in den Bergen wohnen und deren Fuss die gleiche Spur zieht, wie das Getier, welches in den Höhlen und im Gestrüpp haust, handeln mitunter ihnen ähnlich und fragen sie nicht immer, warum sie dieses ja tun und jenes, und dieses fördern und jenes verhindern. Die Holzfäller jedoch, die ein. Stück Mamaliga mit Käse dazutaten und sprachen, das schmeckt ihm besser als Speck mit Zwiebeln, wussteu genau, weshalb sie den Wolf füttern wollten. Sie erzählten nämlich, der Wolf wäre niemand anders, als der hier vor längerer Zeit von Räubern erschlagene Waldaufseher Michael Slabora, der nicht eher Ruhe finden könne, als bis er seine Mörder aufgespürt hätte. Die müssten denn wohl hier in der Nähe sein, fügten sie halblaut hinzu und riegelten den Eingang von der Kammer zum Hütteninnern und die breitere Mitteltür fest ab, damit weder der Wolf noch die Räuber versehentlich unter sie gerieten. Wann wurde er erschlagen, fragte Sender Ruffin. Es muss bald ein Jahr her sein, antworteten ihm die Leute und nehmen um ihren Maiskessel Platz: An einem Sonntag war es. Der Waldaufseher setzt sich zu ihnen, und der alte Wasilie, indem er seine fröstelnden Gliedmassen näher an das Feuer schiebt, sagt: Ja, Herr, an einem Sonntag war es, als keine Axt hier oben schallte, und Slabora wegen einer Dirn nicht mit uns hinuntersteigen wollte, überfielen ihn drei Räuber, raubten ihm das Geld — für drei Wochen Holzknechtslohn — und weil er's nicht gleich hergab, stachen sie ihn so lange, bis ers herausheulte. Wir hättens eigentlich drunten hören müssen, unterbrach sich der alte Holzfäller und fügte nach einer kleinen Pause bedächtig hinzu: Hätte ihm aber auch nichts mehr genützt, sein Wams war schon zu rot gefärbt. Herr. Wasilie rieb sich seine mageren, blaüsehnigen Gelenke und fuhr fort: Passt nur auf, Herr, dass es dich nicht auch so erwischt. Bleibst Samstagnachts immer allein im Geheg und Sonntag ebenfalls, besser war, kämst mit hinunter. Brauchst ja nicht zu saufen, wenns dir keinen Spass macht. Unsinn, lässt sich Ruffin vernehmen, erzähl' mir lieber, ob sie die Mörder gefasst haben. Bis heute noch nicht, entgegnet der Alte und schüttelt gekränkt sein Runzelgesicht. Wenn ich Waldaufseher wäre, mischt sich da ein junger Holzhauer ins Gespräch, finge ich mir den Wolf ein und legte ihn mir an die Kette. Der Bursche sagt's mit einem hämischen Blick auf Ruffin. Dem Sprecher aber verschlägts das Grinsen, wie er den langen, abschätzenden Blick des Waldaufsehers auf sich ruhen fühlt. Auch die andern spüren in der plötzlich eintretenden Stille das feine Summen einer unbehaglichen Stimmung und starren verlegen in die finsteren "Ecken ihrer Behausung oder in die flackernden Scheiter, bis Ruffin langsam auf eine neben der Herdstelle liegende Axt weisend sagt: Die trifft schärfer, als ein Wolfsrachen. Sender Ruffin begleitet seine Rede mit einer Handbewegung, die von den Männern schweigend aufgenommen wird. In seinem schwarzen, nur das Kinn umrahmenden Bart, sieht er selber wie ein verwegener Einzelgänger aus, und die Holzfäller wissen, dass" er die Axt nicht schlechter handhabt als sie, dazu furchtlosen Sinnes ist. (Fortsetzung folgt.) ^Spmcäß ar^ ^9^4bendon. y^lufgezeicfwjzt von. jGzo}€ivSdi Schluss. Zeichnungen von Horst Moratz. „Wae das soll? In der Liebesgasse spukte es. Es spukte! Da waren keine Fenster, aber manchmal am Abend fielen in der Liebesgasse Messer und Gabeln herunter wie vom Himmel. Es war einfach unerklärlich. Ich habe selbst eine alte Frau gesellen, der beinahe ein Messer auf den Kopf gefallen wäre. In diesen Händen habe ich das Messer gehabt, denn ich fürchte mich vor gar nichts. Darum w e i 6 s ich, was Spuken bedeutet. Und darum will ich mich vierteilen lassen, wenn das hier eben ein Spuk war. Ein Bauchredner war es. Ich möchte bloss wissen, wer." „Das möchte ich auch wissen", sagte sehr ernst der Rechtsanwalt, „denn es war ein ganz grosser Mann. Wahrscheinlich kennen wir ihn ganz genau, — nun ja, man sieht ja, wie wir ihn kennen. Er pfeift uns hier seine Gedankenperlen um den Kopf, und wir wissen nicht, wer er ist.'4 „Dass das, was er gesagt hat, ganz gross war, habe ich auch gemerkt", lenkte Frau G. scheinbar ein, „aber deswegen lasse ich mir doch nicht ausreden, dass einer von Ihnen bauchgeredet hat. Der ... Künstler hat es eben ganz gut auswendig gelernt. Denn dass es nicht auf Ihrem Mist gewachsen ist, merkt ja ein Blinder. Aber wer ist es? Ich möchte bloss wissen.. „Und ich möchte bloss wissen, wer der Verfasser dieser scharfen Apercus ist. Das ist viel interessanter, denn wenn man den Namen weiss, dann weiss man auch Bescheid. Dann weiss man alles." „Wir werden es schon herauskriegen. Toi muss er sein, denn er hat es selbst gesagt. Und geistreich ist er auch, denn das fiel mir gleich bei der Geschichte auf, die er erzählt hat. Aber Heinrich Heine kann es nicht sein, denn er sagte doch was von Arbeiten für Frau und Kind, und Heine hatte keine Kinder. Aber ein Jude muss es sein, denn--nennen Sie doch mal schnell ein paar jüdische Schriftsteller, wir werden schon dahinterkommen." „Maimonides, Spinoza —" „Unmöglich, di-e hätten nie solche Worte gebraucht "wie Mussjöb Publikum, Museum, Pantheon, Sarkasmus, Lanzette, Satire." „Berthold Auerbach, Moses Mendelssohn, Bialik —" „Nein, wrarten Sie mal, Spinoza ist vielleicht gar nicht so Misch. Wenigstens als Spur, meine ich, denn seine Geschichte von der Frau, deren Kind ins Wasser fällt, spielt doch in Amsterdam. Oder —" „Wenn er Amsterdam gesagt hat, so beweist das doch nicht, dass e r nicht aus London oder Kopenhagen ist." „Kopenhagen? Dann kann es nur Georg Brandes sein! Oder der alte Goldschmidt. Aber — nein, denn Nathansen kann es nicht sein, und mehr jüdische Schriftsteller aus Kopenhagen kenne ich nicht." „Spinoza kommt nicht in Betracht. Aber wenn er Amsterdam gesagt hat, kann es dann nicht ein anderer toter holländischer —" „Jawohl, und ein armer Mann muss er gewesen sein, sonst hätte er nicht von Frau und Kind angefangen, und überhaupt „Leopold Kompert, Karl Emil Franzos, Arthur Schnitzler —" ..Nein, ein armer, toter, holländischer —" „Ich möchte wetten — ich biete tausend gegen eins, dass es Multatuli war!" „Aber, liebe Leser, geht Sie denn gar nicht mehr an, was er gesagt hat?" „Aber, bester Herr Doktor", sagte ich, „natürlich, selbstverständlich. Wenn ich erst weiss, dass es Multatuli war —" „Und wenn er es nicht war?" „Dann würde ich nie tausend gegen eins wetten!" „Den Multatuli habe ich ja zu Hause in meinem Bücherschrank. Da kann ich's ja nachlesen." „Selbstverständlich. Wenn Sie können ..." Qhk^telhgegnwg ...Schliesslich kamen wir auch auf Tolstoi zu sprechen, und Herr E. erzählte eine wenig bekannte jüdische Begegnung mit Tolstoj in dessen letzten Jahren: „Die Sache hat damals viel Staub aufgewirbelt, weil der Anfang der Affaire einen kleinen diplomatischen Zwischenfall heraufbeschwor. Ein amerikanischer Jude, offenbar von Montefiores einstigem Ruhm angestachelt, wollte nach Russland reisen, um die brenzliche Judenfrage zu „lesen". Seine grosse Idee war: die russischen Juden sollten Bauern werden, alles Weitere würde sich schon ergeben. ,Aber es ergab sich noch nicht einmal eine Einreiseerlaubnis für den Mann dieser grossen Idee. Es folgten verschiedene Schritte der amerikanischen und russischen Behörden, und endlich gaben diese nach. Damit waren das Aufsehen. ' der diplomatische Zwischenfall und die grosse Idee am Ende. Der amerikanische Jude kam nach Petersburg, redete mit allerlei wohlwollenden und einflusslosen Persönlichkeiten und wurde von allen ein wenig skeptisch angesehen. Das Beste, wras er erreichen konnte, war eine Empfehlung an den Grafen Tolstoj, mit dem der wohl nicht sehr geschliffene jüdische Yankee seinen Plan besprach. Tolstoj war sehr zurückhaltend, was nichts über seine Einstellung zu Juden und Judentum besagt." „Es war wahrscheinlich wie immer", meinte Frau G., „wir werden seilen von den geeignetsten Persönlichkeiten repräsentiert. Sonst hätte der Einsatz eines Mannes wie Tolstoj wohl in jener Zeit viel für uns vermocht." „Es ist kaum anzunehmen. Der Politik seines Landes konüte selbst ein Tolstoj keine Anregungen geben. Ueberdies war der Plan des Besuchers wenig realistisch. Was konnte man sich im Augenblick von der bäurischen Ansiedlung der jüdischen Millionen versprechen, die keine zuständige Stelle befürwortete? Vor allem, was konnte Tolstoj versprechen? Und dann sah er die Dinge auch tiefer, er hatte zuviel über die Missstände der menschlichen Lebensverhältnisse nachgedacht, um irgendeine Patentlösung annehmen zu können. „Wenn Sie glauben", sagte er dem Besucher, „dass das Heil in der Landwirtschaft liegt, so fangen Sie doch in Amerika damit an. Die amerikanischen Juden werden doch von niemand gehindert, Bauern zu werden!" Darauf ging der saturierte Besucher. Er war pikiert und meinte sicherlich, Tolstoj wolle den russischen Juden nicht helfen." „'Wollte Tolstoj denn?" „Es ist unvorstellbar, dass Tolstoj, wem auch immer, nicht helfen wollte. Aber konnte er?'* „Zola konnte!" „Nicht helfen. Nur klagen. Und mit gleichem Recht dürfen Sie Tolstojs zahllose Werke und Worte ein einziges, riesiges J'accuse nennen. Was Tolstoj dem amerikanischen Juden zu sagen hatte, können wir erst jetzt halbwegs begreifen, nämlich dass die Landarbeit allein keine Lösung

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