Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 15 (14.4.1938)
- Date
- 1938-04-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr;i5-»14:ApriM938- 2. Beiblatt » C.-V.-Zejtung Seife 5 N OVELLE VON MORITZ K ASWA N Ausgezeichnet mit einem 2. Preis des Erzähler-Preisausschreibens der C-V.-Zeifung Drei Holzfäller eines Waldschlags auf der Höhe von Kowerla pflegten ihren Mittags'schiaf an einem Abhänge zu halten, der, abseits von den zu fällenden Bäumen, von ein paar Birken und meterhohem, braunrotem Farnkraut umsäumt, den Blick von den grünen Kapuzen der Nadelwälder hinauftrug zu den riesigen Felswänden und Trümmern des Karpathengebirges. Es war an einem Maitag, und die würzigen, flimmernden Luftmassen spreiteten sich über die rastenden Holzhauer -wieein breites aus harzigen Strähnen geflochtenes Gewebe. Das prasselnde Geräusch eines herabschäumenden Giessbaches verklang zu einem einschläfernden Gemurmel. Die drei Männer streckten sich träge der Länge nach aus, ein jeder seine Axt in Armweite wie ein schussfertiges Eisen bereitlegend; und bald zeigte sich auf ihren Lippen der wohlige Abglanz eines .genussreichen Schläfchens. . Da scheuchte sie nach kurzer Weile -— wie sie nachher übereinstimmend berichteten — in gleicher Weise ein höllisches Traumbild derart aus ihrer "Siesta, dass sie mit wachen Augen ins Blaue starrten, meinten, sie träumten noch unentwegt weiter, indes sich sechs Schritt vor ihnen nichts, anders, als sie es geträumt hatten, ein Tier von beträchtlicher Grösse, graufarben und mit einer dichten Mähne um den dicken Hals, auf seinen Läufen wie ein Katzenbalg duckte..um die, dem Anschein nach schlafenden Männer anzuspringen. Die drei Holzfäller, wie leblos am Boden liegend, wähnen sich noch immer im Traume; unfähig auch nur einen Finger zu krümmen, spüren sie, wie sich ihnen schneidende Kälte ins Mark schlängelt, wollen Atem schöpfen, aber alle Luft ist wie fortgeblasen vorm Anblick des vermeintlichen Spuks. Jetzt hat das Tier mit den grünschillernden Lichtern im breiten Schädel den rechten Moment erspäht und will hochschnellen, als einer von den angstverstörten Schläfern endlich die leibhafte Schickung begreift und mit gerecktem Hals gellend aufschreit: Ein Wolf! worüber die Bestie erschrickt, feig herumsaust und mit einem Satz ins rückwärtige Gehölz einbricht und verschwindet. Da erst springen die Männer, ihre Axt ergreifend, entsetzt aus dem Grase und stimmen einen Lärm und ein Gejohle an, als wäre ihnen eine ganze Rotte von Wölfen auf den Fersen.. Als die drei ihre gleichen Träume und das darauffolgende ~"grässliche Erwachen den übrigen Holzfällern in abgerissenen, noch angstwirren Sätzen schildern, treffen sie, wie nicht anders zu erwarten, auf spöttische Ungläubigkeit und müssen sich statt verdienter Teilnahme noch obendrein das Gelächter ihrer Kameraden gefallen lassen. Ihr habt gut -lachen, erbosen sich die drei Holzfäller. Und ihr gut Iräumen, spotten die andern und wollen mit ein paar Neckereien die verdriesslichen Gesichter ihrer Gefährten erhellen. | ^..... Doch ihr Lachen verstummt, als sie im dornigen Gestrüpp einige Büschel Wolfshaare entdecken, und es den ungläubigen Holzhauern auf der flachen Hand unter die Augen halten. Da wich denn der ungerechtfertigte Spott der Männer einer grossen Verwunderung und Beklommenheit. Obwohl alles beherzte Bauernsöhne, starrten sie doch mit einiger Bängnis auf die Stelle, wo der Wolf hindurchgejagt war. und fühlten mit plötzlicher Scheu, dass ihre Kameraden und vielleicht auch, sie vor einem schlimmen Mittagsschlaf auf wundersamste Weise bewahrt worden waren, und dass dem Himmel darüber Dank zu sprechen sei. Wölfe zu dieser Jahreszeit und Stunde zwischen gefälltem Holz und scharfen Aexten hatte keiner vermutet, um so freudiger regten sich nun ihre Herzen zur Dankbarkeit, und sie beschlossen, an Ort und Stelle dem Wesen, in dessen Schutz sie ihre Seelen seit Kindesgedenken empfahlen, ein frommes Mal.-zu errichten. Sie stellten es auf den Fleck, wo die Klauen des Wolfes die Gräser zerdrückt hatten. Und da sie die Balken sogleich zurechtzimmerten, und ein jeder bei der löblichen Arbeit einen Hieb anbringen wollte, kam es, dass der Waldaufseher Sender Ruffin im Holzschlag niemand bei seiner eigentlichen Beschäftigung antraf und Bäume, die bereits gefällt am Boden liegen sollten, noch - immer stämmig in den Himmel wuchsen. Da er jedoch den nahen Schall der Aexte vernahm, beeilte er sich, in seine Richtung zu kommen, und wie er die Leute bei einer Arbeit erblickte, die für den Tag nicht vorgesehen war, und auch für den nächsten nicht, schüttelte er verdutzt seinen Kopf und rief sie, noch ehe er heran war, bei ihren Namen an: He, Michael, Wasilie, Iwan, Stephan, Nicolae, •Tuon, was ist los mit euch? und als er gewahr ird, was die. Leute da zimmern, ruft er bass erstaunt: Wollt ihr hier ein Kloster bauen? Nur ein Stück daraus, begrüssen ihn die Holzfäller eifrig und berichten, was den dreien ihrer Mitte widerfahren. Sender Ruffin aber wehrt das Gehörte unwillig mit der Hand ab: Unsinn, das kommt daher, weil ihr euch immer in die pralle Sonne packt, davon träumt man wirres Zeug. Ihr sagt's ja selber. Ja ja, geträumt schon, aber auch gesehen, entgegnen da alle Holzhauer wie aus einem Munde, rufen es so überzeugend, als hätte jeder von ihnen den Wolf ins Dickicht setzen sehen. Hier duckte sich die Bestie, sagt Nicolae, einer von den dreien, und weist dem Waldaufseher den zerzausten Grasflecken. Und hier lagen wir und träumten davon, sagt Juon, auch einer von den dreien, und streckt seinen Zeigefinger nach der grünen Schlafstelle aus. Ihr seid nicht bei Trost, erklärt der Waldaufseher barsch, wenn Wölfe umherstrichen, hätten die Hirten schon eher Wind davon bekommen als ihr. Und das hier ist etwa Schafswolle? schreien die Holzhauer plötzlich durcheinander, über seine Ungläubigkeit aufgebracht, und schwenken die gefundenen Wolfshaare zum Beweise. Nun ist's gut, treibt Sender Ruffin sie mit einer verdriesslichen Handbewegung zurück und sagt, da sich die Leute nicht vom Fieck rühren, über ihren Starrsinn ergrimmt: Jetzt aber an die Bäume! Die Männer schweigen ebenfalls verstimmt, bis sie Ruffin, diesmal zornesmächtig anherrscht: An eure Arbeit sollt ihr gehen, habe ich gesagt! Nicht eher, als wir damit fertig sind, geben ihm die Holzfäller tückisch zurück, wenden sich herum und heben Tannenreis von der Erde auf, um ihr Mal zu schmücken. Bald hallte aus dem Waldschlag wieder das gewohnte Krachen der Aexte, das Sausen und Brechen der niedergehenden Hölzer. Die Männer jedoch arbeiteten schwunglos, weil die Ungläubigkeit ihres Waldaufsehers sie erboste, und sie nicht wussten, ob sie es mit ihm verdorben hatten. In der Waldhütte, wo sich die Holzhauer gemeinsam mit Sender Ruffin zum Schlaf einfanden, und die ihnen, solange sie oben im Schlag arbeiteten als Herberge diente, brachten Juon und Nicolae das Gespräch noch einmal auf den schlimmen Vormittag und beteuerten dem Waldaufseher bei allen Heiligen, dass es sich um keine gefräumte, sondern um eine erlebte Begegnung mit dem Untier handelte. So wahr ich dereinst ein christliches Begräbnis erhoffe, lässt sich bekräftigend der alte Hobhacker Wasilie vernehmen, es war ein ausgewachsener Wolf. Sender Ruffin guckt mit. gutmütigem Spott in das Runzelgesicht des Alten: Woher willst du denn das wissen, du schliefest, ja im Schlag bei den Hölzern. Macht nichts, erwidert der alte Waldfuchs, ich habe die Bestie heulen hören. Da mischen sich die drei, denen der Wolfsrachen noch' vor Augen flimmert, wieder ein und weisen auf das schwärze Büschel in ihren Händen: Hier, Herr, wir wollen verdammt sein, wenn das kein Wolfshaar ist! Ruffin scheint diesmal doch belehrt, denn er sagt: Da habt ihr wirklich Glück gehabt, und rückt näher an das Feuer, wo ihm die Männer, die dort in einem Kessel Maismehl zu einem festen Laib backen, eine Schale mit Mamaliga nebst Milch und Käse reichen. Nach und nach hatte jeder Hungrige sein Maisgericht verzehrt, und da sie sich mit ihrem Waldaufseher versöhnt glaubten, wickelten sich die Holzfäller in ihre warmen Pelze, um nach einer Weile nichts anderes mehr vpn sich verlauten zu lassen als ein gleichmässiges, tiefes Schnarchen. Sender Ruffiu, der noch vor dem ausgehenden Feuer sitzen blieb, dünkte es jedesmal, draussen stehe ein Riese und säge das Dach der Erdhütte mitten durch. Jeden Abend hockte er so vor dem verlöschenden Feuer und wartete, bis die beizenden Rauchschwaden gelinder zergingen. Seit fünfzehn Jahren, seit er in den Waldschlägen der Karpathen Bäume fällte, blickte er jede Nacht vor dem Einschlafen in die verglimmenden Scheiter und tröstete sich, dass er zur Umkehr noch immer Zeit hätte. Vor zwanzig Jahren war er ein schwaches Chederkind gewesen, wie jedes Kind^einer jüdischen Mutter. Heute ist er ein dreissigjähriger, breitgedrungener Mann mit schweren Gliedern, mit Gelenken wie Hölzer, die man nicht über's Knie bricht. Seine Familie lebt in Kolomea. Er aber war noch vor fünfzehn Jahren des Vaters Hand entwischt. Wegen einer Nichtigkeit. Wie so vieles nichtige und kümmerliche Geschehen manches Leben zerschandelt, bis es leck an allen Seiten untergeht wie ein alter Kasten und nicht wie ein starkes Schiff nach einem stolzen Seegang. Fünfzehn Jahre lang blieb er ein Holzfäller, und nun ist er ein Waldaufseher geworden! Aus dem sterbenden Feuer schiesst ein Flämmchen m einem letzten Atemholen und verlischt zuckend wie ein erjagtes Geisterchen. Fünfzehn Jahre lang schlug er den Bäumen die Axt ins Mark: Und niemals ein Jude gewesen. Niemals? Doch, vor fünfzehn Jahren... Und weshalb nicht heute, Sender? ... Der Waldaufseher streckt sich auf die mit Tannenreis gebettete Erde aus. aber der Schlaf ist bei den Holzfällern, deren vermummte Körper sich in der Dunkelheit wie ruhende Tierleiber anfühlen, nicht bei ihm. Von der schwarzen Herdstelle flüstert ei? zu ihm hey« über: Weshalb nicht heute, Sender? Heute ist's vorbei, antwortet er und will beruhigt die Augen schliessen, ich bin schuldlos daran. Der Vater hat schuld. Sender Ruffin späht erschrocken nach der Herdstelle: war das Feuer nicht längst niedergebrannt, und der Dunst verflogen? Es knisterte darinnen," als hätte das erjagte Flämmchen noch einmal aufstreben wollen wie ein züngelndes Irrlicht aus dem Moor. Das blauschwarze Licht des Waldes fällt auf die verkohlten Scheiter, nichts knistert und leuchtet mehr darinnen. In Sender'Ruffins Seele knisterts, aber ieuchtets nicht: Der Vater hat schuld. Er schlug mich und lobte Gott dreimal am Tage. Ich tat's nur einmal. — Das war zu wenig, Sender, besser wäre, er hätte d$c& auch dreimal am Tage geschlagen. Der Waldaufseher äugt erschrocken in die Richtung, wo die Kammer mit den Vorräten und dem Werkzeug liegt: ihm war, als öffnete dort, jemand die meist nur angelehnte Tür. Ich will jetzt schlafen, spricht er zu sich selbst, ich sehe Gespenster, und hüllt sich verbittert und unbehaglich in seinen Pelz. Doch die wirren Gedanken ::!:!!ll!lllilll!lli!!!Hlill!Mlllllllllil!!l!!imw Miniaturen aus einer Hag gada des 23. Jahrhunderts, Britisches Museum? London