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Central-Verein-Zeitung · 1938-04-07 · 14 (7.4.1938) · page 4

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
14 (7.4.1938)
Date
1938-04-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite i C.-V.-Zelfung Nr.U*7.Aprin938 die Lage der Juden im Hinblick auf die Verhältnisse in Deutschland und im ehemaligen Oesterreich. Im Unterhaus erklärte Kolonienminister Ormsby-Gore, dass unter Berücksichtigung der vorhandenen eingeborenen Bevölkerung sowie der klimatischen und ökonomischen Verhältnisse kein Raum für eine grössere Ansiedlung von Einwanderern innerhalb des englischen Kolonialbesitzes vorhanden sei. Die Gouverneure einer Anzahl von Kolonien seien neuerdings darüber befragt worden, ob sie bereit seien, die Tore für Flüchtlinge mit kleinem Kapital zu öffnen. Die Antauf ihr die so widersprechenden Meinungen und Interessen eine Lösung erfahren werden, die sowohl den Einwanderungeländern als den Einwanderern Erleichterungen für den Augenblick und die Grundlage für eine Existenz in der Zukunft schaffen kann. Poisterwaren Eigene Werkst. Umarbeitung mm Weissensee, Berliner Allee 255 56 38 58 worten, soweit sie bisner eingegangen seien, böten jedoch auch in dieser Hinsicht nur wenig Hoffnung. Eine Antwort Englands auf die Anregung Roosevelts ist bisher noch nicht ergangen. Frankreich In ihrer Antwort an den Präsidenten Roosevelt schlägt die französische Regierung eine schweizer Stadt als Konferenzen vor. Der Sekretär des Parlamentsausschusses für koloniale Fragen, Adolphe Vincent, wird der Regierung in Kürze eine Interpellation über die Frage der Ansiedlung polnischer und rumänischer Bürger in Madagaskar zuleiten. Am 6. April wird auch im englischen Unterhaus Madagaskar auf der Tagesordnung stehen. Der konservative Abgeordnete Alan Graham wird den Kolonienminister Ormsby-Gore fragen, ob er bei der französischen i Tel.S71084.An-«.Verkauf Regierung Erkundigungen über die Oeffnung der Insel für jüdische Einwanderer einziehen wolle. Wenn dies der Fall sei, könne Palästina vor einem weiteren Zustrom von Einwanderern bewahrt werden, der jetzt aus Zentral- und Osteuropa zu erwarten sei. Schweden In ihrer Antwort auf den amerikanischen Vorschlag erklärt die schwedische Regierung, dass sie dem Komitee dann beitreten werde, wenn alle befragten Länder ihm zustimmten. Vereinigte Staaten Der Vorsitzende des Eiuwanderungskomitpes hat im Parlament eine Entschliessun^ eingebracht, in der er fordert, dass die unausgenülzte .Quote der bis zum 1. Juli 193S laufenden Einwanderungsperiode in Höhe von insgesamt 115 000 Menschen unter die Flüchtlinge aus anderen Ländern, in erster Linie aus Polen, Deutschland und dem ehemaligen Oesterreich verteilt werden solle. Ein Flüchtlingsgesetz soll am 20. April besprochen werden. -•4 Aus allen diesen Meldungen ist zu ersehen, wie gross die Bereitschaft der Regierungen und der gute Wille der Menschen ist. Mii der gleichen Deutlichkeit erkennt man jedoch auch die tatjmeiter Ludwig Steinmetz \ Nürnberger Str. 56 (neben Woolworth) >** sächlichen Schwierigkeiten. Nach wie vor muss daher vor einem übertriebenen Optimismus gewarnt werden. Es bleibt abzuwarten, ob der grossherzige Appell des Präsidenten Roosevelt zu der geplanten Konferenz führen wird, und ob Auslandsnachrichten Aegypten Bei den Kammerwahlen, die der Regierung des Königs Faruk einen Sieg und der früher herrschenden Waidpartei eine in dieser Höhe kaum erwartete Niederlage brachte, wurde zum erstenmal in der Geschichte des Landes ein jüdischer Deputierter gewählt Es handelt sich um Renaih Catawy Bey, der als Abgeordneter von Komombo (Provinz Assuan) auf der Regierungsliste ins Parlament einzieht. Holland Der Rudelsheim- Stiftung für geistig zurückgebliebene jüdische Kinder haben Kronprinzessin J u 1 i a n a und Prinz Bernhard eine grössere Geldsumme gestiftet. Italien Auf dem Kongress des jüdischen Gemeinde Verbandes, dem u. a. die Neuwahl des Rates oblag, kam in letzter Stunde ein Kompromiss zustande, der eine Kampfabstimmung zwischen den Anhängern der beiden eingereichten Listen (vgl. C.-V.-Zeitung Nr. 13 von 193S) verhinderte. Es wurde eine gemeinsame Liste aufgestellt und zur Annahme gebracht. Als Präsident wurde Frederigo J a r a c h. Mailand, wiedergewählt, Vizepräsident wurde Bruno A s c o I i, Rom. Auch Oberrabbiner von Rom Davido Prato, dessen Persönlichkeit stark umkämpft war, wurde als Ratsmitglied gewählt. An den König Victor Emanuel, an Mussolini, an den Vizekönig von Abessinien, Herzog von Aosta und an den Generalsekretär der faschistischen Partei Achille Starace, wurden Begrüssungsteiegramme gesandt. — Gerüchte, wonach Juden vom Besuch italienischer Schulen und Hochschulen ferngehalten werden sollen, werden offiziell dementiert. Polen Wir berichteten in der letzten Nummer der C.-V.-Zeitung, dass der Sejm den Antrag auf Erlass eines vollständigen Schacht Verbots angenommen hat. Der Antrag des Abgeordneten Budzinski, das Gesetz sofort dem Senat zuzuleiten und noch in dieser Session zur Annahme zu bringen, drang jedoch nicht durch. Der Senat ging am 5. April in Ferien. Um Gesetzeskraft zu erlangen, müsste der Antrag während der Herbsttagung neu eingebracht und von beiden Häusern nochmals genehmigt werden. Dagegen wurde das vom Sejm beschlossene Gesetz über die Ausbürgerung von Personen, welche länger als fünf Jahre ununterbrochen im Ausland leben und die Bindung mit Polen verloren haben, im Senat angenommen. An der Technischen Hochschule in Warschau und in Tarnopol kam es zu judenfeindlichen. Ausschreitungen, bei denen mehrere Juden verletzt wurden. Der Verband der Gerichtsbeamten beschloss mit grosser Mehrheit, den Arierparagraphen , in seine Satzungen aufzunehmen. Der Verband polnischer Advokaten fasste auf seiner Jahreskonferenz eine Entschliessung, in der die Zuweisung von besonderen Räumen für jüdische Anwälte bei den Gerichten gefordert wird. Isaac Frydman, einer der Hauptangeklagten des Przytyker-Prozesses, wurde vom Appellationsgericht in Lublin freigesprochen, da die Beschuldigung, er habe während der Zwischenfälle am 9. März 1936 (vgl. C.-V.-Zeitung Nr. 12 von 1936) einen. Schuss abgefeuert, nicht bewiesen sei. Weiter heisst es in der Urteilsbegründung, selbst wenn Frydman geschossen hätte, treffe ihn keine Schuld, weil er in Notwehr gehandelt habe. Frydmann war ursprünglich zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden, wurde aber bereits am 1. März (vgl. C.-V.-Zeitung Nr. 10 vom 10. März 1938) aus der Haft entlassen. Nur noch zwei der jüdischen Angeklagten, nämlich Shalom Leske und Eliezer Kirszenczweig, befinden sich jetzt noch in Haft. Auch das gegen sie ergangene Urteil wurde herabgesetzt. Rumänien Die rumänische Regierung hat ein Gesetz erlassen, demzufolge das Schächten von Tieren ohne vorausgegangene Betäubung verboten ist. Eine weitere Anordnung bestimmt, dass die jüdischen oder anderen Minoritäten angehörenden Kranken-;ä Versicherungen Versicherungsbüro „Europa" G.m.b.H. Inti. seit 1924 H. Manasse, Berlin, Pariserstr.37, Ruf 924648 Rechtsanwälte einem rumänischen Sprachexamen unterworfen werden, sofern sie nicht bereits im Gebiet des alten Königreichs Rumänien geboren wurden. Die Regierung Cristea ist am 30. März zurückgetreten. König Carol hat ein neues unpolitisches ,,Arbeitskabinettu gebildet, an dessen Spitze wiederum der Patriarch steht. Seine Mitarbeiter sind aber nicht mehr die altbekannten Politiker, die zumeist früher selbst einmal die Ministerpräsidentschaft innehatten und die jetzt in den neu geschaffenen Kronrat berufen wurden, sondern neue und jüngere Kräfte. Zu den ausgeschiedenen Ministem zählt auch V a i d a-V o i v o d , der Führer der „Rumänischen Front" und Verfechter des „numeru3 Vallachicus", dem die Minderheitsangelegenheiten unterstanden. Die Parteien wurden aufgelöst. .......__ _...... Ungarn Im Abgeordnetenhaus wurde die Debatte über die Judenfrage fortgesetzt. Der jüdische Abgeordnete und frühere Staatssekretär Dr. Karl Rassa> (liberal) und der Abgeordnete der Kossuth-Partei, Dr. Rudolf R u p e rt, stellten sich auf den Boden der Verfassung und protestierten gegen die geplanten Massnahmen. Inzwischen hat unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten D a r ä n y i eine Konferenz der Regierungspartei stattgefunden, die einen dreizehngliedrigen Ausschuss zum Studium der Lösung der Judenfrage eingesetzt hat. Vorsitzender ist der frühere Staatssekretär im Unterrichtsministerium, Dr. Georg Nagy de T a s n a d , dessen Qualitäten und Objektivität der Ministerpräsident besonders betonte. Dem Ausschuss geboren ausserdem unter anderem rechtsradikale Männer wie Josef Vegvary, Führer des Studenten Verbandes Turul, und der Hauptschriftleiter der rechtsnationalen Zeitung „Esti Ujsay", Johann M a 1 k a y, an. Die Regierung hofft, durch die Einsetzung dieser Kommission die Lösung der umstrittenen Frage in ein ruhigeres Fahrwasser zu lenken. Als ein weiterer Beitrag zur Beruhigung der politischen Leidenschaften wird allgemein auch die grosse Rundfunkrede angesehen, die Reichsverweser von H o r t h y am 3. April über alle ungarischen Sender hielt - Oesterreich Studenten Der Unterrichtsminister Dr. Menghin hat eine Verfügug erlassen, wonach Neueinschreibungen inländischer jüdischer Studenten für das laufende Sommersemester nicht mehr vorgenommen werden dürfen, bereits erfolgte Immatrikulationen können widerrufen werden. Für die Zukunft wird der numerus clausus für jüdische Studenten angekündigt Das Studium ausländischer Juden wird durch Sondervorschriften geregelt. Ferner wurden die Grundlagen geschaffen, welche die Enthebung akademischer Lehrer von ihren Aemtern und die Neueineetzung anderer Lehrkräfte ermöglichen. Anwälte Der Reichsjustizminister hat eine Verordnung erlassen, welche die Bestimmungen für die Berufsausbildung von Rechtsanwälten und Verteidigern in Strafsachen auf Oesterreich überträgt. Jüdischen Anwälten kann auf eine entsprechende Anordnung des österreichischen Justizministers die Ausübung ihres Berufes vorläufig untersagt werden. Die Vorschrift gilt nicht für Personen, die bereits seit dem 1. August 1914 in die Anwaltsiisten eingetragen sind, oder die im Weltkrieg an der Front für das Deutsche Reich oder seine Verbündeten gekämpft haben, oder deren Väter oder Söhne im Weltkrieg gefallen sind, oder die sich an dem Freiheitskampf im Lande Kärnten, an den Kämpfen im Balti- &Ssiairarfeeäfe« / David Friedmsnn Berlin W 15, Paderborner Str. 9. 97 25 65. kum. in Oberschlesien oder an Kämpfen gegen Spartakisten, Separatisten und die Feinde der nationalen Bewegung beteiligt haben. Die Vorschriften gelten sinngemäss auch für Notare und können von dem österreichischen Minister für Handel und Verkehr auch auf Patentanwälte ausgedehnt werden. Jüdische Geschäfte In einer Bekanntmachung heisst es, 'dass nur solche Firmen und Läden die Bezeichnung „Arisches Geschäft" führen dürfen, deren Inhaber, deren Leiter und deren Kapital arisch sind. Im übrigen soll sich die Rechtsangleichung stufenweise vollziehen. Die Nürnberger Gesetze sollen bei der nächsten Stufe eingeführt werden. Reiseverkehr Im Reiseverkehr sind neue Bestimmungen erlassen worden, die in verschiedener Hinsicht eine Erleichterung darstellen. So dürfen Reichsmarknoten und Münzen bis zur Höhe .von 300 RM im Monat ohne Genehmigung nach Oesterreich mitgenommen werden, darüber hinaus MER-Gutscheine bis zur Höhe von 200 RM. Die Mitnahme höherer Beträge sowie Nachsendeanträge bedürfen der Genehmigung durch die Devisenstelle. Diese Bestimmungen gelten nur für solche Personen, die die Einreise über die bisherige deutsch-österreichische Grenze mit gültigem Pass vornehmen. Der Visumzwang ist aufgehoben. Von Oesterreich nach Deutschland können Reichsmark ohne Beschränkung eingeführt werden. Schrei aus . . . und sprang dem Kinde nach und rettete es. Der Mann von Geschäften sah dem Vorgange zu, zoc sein Notizbuch hervor und schickte sich an, etwas darin aufzuschreiben. — Gnädige Frau, darf ich mir erlauben, nach Ihrem Namen und Ihrer Adresse zu fragen? — Mein Kind, mein Kind, ich habe mein Kind wieder! — Sehr wohl, aber darf ich so frei sein . . . —- Ich habe mein Kind wieder, wiederholte hartnäckig die Mutter, die nicht begriff, wie man sie nach etwas anderem fragen könne als nach ihrem Kinde. — Mit der Frau ist nichts anzulangen, brummte der neugierige Frager.--Ei, lieber Mann, ich werde Sie anständig belohnen, wenn Sie mir morgen den Namen und die Adresse von dieser Dame mitteilen.. So bat der Fremdling einen der Umstehenden, und es scheint, dass er diesmal erfuhr, was er zu wissen wünschte. Wenigstens liess er sich tags darauf bei der glücklichen Mutter anmelden. — Gnädige Frau, ich hatte die Ehre, gegenwärtig zu sein . . . — Oh, waren Sie dabei, mein Herr? Haben Sie's gesehen? Ich sah nichts, ich hörte nichts, ich sprang. . . — Verzeihen Sie, gnädige Frau, ich habe gehört. . . Sie. . Gehört? Ja, gnädige Frau, ich habe hört, wie — Gehört? Was denn? — Ich habe gehört, wie Sie geschrien haben, gnädige Frau ... ich komme, um Ihnen ein Engagement beim Theater anzubieten. Arme Mutter! Dieser Mann war ein Impresario, der Zugstücke suchte. Er hiess: Publikum. „Ich muss, verzeihen Sie es nie, manchmal als Spuk persönlich kommen und Ihnen solche Geschichten mit meiner Stimme erzählen, denn lesend glauben Sie es kaum. Wenigstens kenne ich sehr wenig Menschen, die lesen können. Man liest schlecht in Landen, wo jeder lesen kann. Man begreift schlecht, obwohl Nichtbegreifen nur eine verkehrte Gewohnheit ist. Oder weil Nichtbegreifen eine verkehrte Gewohnheit ist. Jedenfalls ist kein Schriftsteller verständig genug, die Dummheit seinei Leser zu begreifen. Nicht, dass ich daraus auf mein© eigene Verständigkeit schliessen wollte. Wer zufrieden ist mit seiner Arbeit, hat Grund zur Unzufriedenheit über seine Zufriedenheit. Uebrigens-kenne ich wenige Schriftsteller, an deren Geschreib ich soviel auszusetzen habe wie an dem meinen. Aber das gibt Ihnen, den Lesern, noch kein Recht, sich um meine Worte herumzudrücken, wenn ich die Wahrheit schreibe über Sie, mich zugrunde gehen zu lassen, weil ich die Wahrheit schreibe, und meine Wahrheit — schön zu finden. Ich kämpfte für mein Leben, für Frau und Kind, ich wartete in der Angst meines Herzens, ob es mir etwas geholfen hatte, and man antwortete mir: wie schreibst du »chön! Das ist bitter, das ist ein grausamer Sarkasmus. Es ist, als wenn man einem Ertrinkenden, der seine letzten Kräfte anspannt, bevor er zu Grunde sinkt, ein Kompliment über seine Art zu schwimmen machte, anstattt ihm zu helfen .. . Aber, wie gesagt, ich bin nun längst tot, ich komme selbst als Spuk selten, und eine gewisse Verachtung für Mussjöh Publikum ißt die Ursache der Seltenheit meiner Besuche, ich bin es müde, zu einem Tauben zu sprechen. Als ich letzthin träumte, dass ich von Stein sei und als Büste in einem Museum von grossen Männern logierte, kam meine Mutter: Armer Junge, sagte sie, was hast du denn getan? Habe ich dich dazu aufgezogen? — Hu, es war so kalt in dem Pantheon! . . . Aber es war nur ein Traum, und das Wirkliche, das Leben ist Wachsein, auch das Schreiben. Schreiben ist: von der Seele Abdruck nehmen. Wenn Mussjöh Publikum Seele hat, so mag er selbst schreiben. Hat er keine Seele, dann versteht er auch mein Geschreib nicht — punktum! Nehmen Sie das so ernst, wie Sie dürfen! Nehmen Sie einen Rat an. Diesen: nehmen Sie keinen Rat an. Und nennen Sie mich hochmütig. Der höchste Grad von Mut ist Hochmut. Wer bescheiden spricht von sich selbst, wird böse, wenn man ihm glaubt und wütend, wenn man ihm nachsagt, was er sagt. Bescheidenheit ist eine feigherzige — und unehrliche! — Manier, etwas zu scheinen. Vertrauen Sie niemals einem, der bescheiden spricht, denn er lügt doch . . . ach, nichts ist vollkommen — selbst die Lüge nicht. Ich spotte? Der heftigste Ausdruck von Schmerz ist Sarkasmus. Oft liegt Traurigkeit im Spott, und die Lanzette der Satire verwundet nicht nach aussen, bevor sie nicht das eigene Herz tief verletzte, in dem diese Satire geboren wurde. Ja, wo das Herz gut ist, muss erst viel gelitten sein und lang getragen, ehe diese letzte, doch schärfste Waffe sich gegen den auswendigen Feind kehrt. Man hat sich beklagt, dass der Gesamteindruck meiner Schriften so traurig sei und häufig einen bitteren Nachgeschmack hinterlasse. Ich müsste unwahr sein, gäbe ich etwa* anderes denn Bitterkeit Findet man das so sonderbar? Meine Arbeit ist die Times meiner Seele. Meint man, dass Fröhlichkeit könne geerntet werden von dem Acker, der fast ohne Unterlass mit Schmerz besäet wurde? Doch wer ist unverschämt genug, zu behaupten, dass er nicht meines Glaubens ist, wenn ich sage, dass ich meinen Gott finde im „Guten"? Ob ich diesem Gott treu diente? Immer? Ohne Abfall? Herr, vergib mir meine Schuld ... Du weisst, dass ich dich lieb habe! . . . Verzeihen Sie meine Bemerkungen. Vielleicht ist nichts ganz wahr und selbst dieses nicht." Damit war die Stimme stumm und verschwunden, plötzlich und unsichtbar, wie sie gekommen war. Die Lampe brannte ruhig auf dem Tischchen, und nach einer verlegenen Pause wagten wir wieder, einander in die Augen zu sehen. „Sie", sagte mit einem Male Frau G. und erschrak keinen Herzschlag lang über den natürlichen und nach dem Erlebnis so unwirklichen Klang ihrer Stimme, ,,das war kein Spuk, das war bestimmt kein Spuk. Einer von Ihnen hat das gemacht. Was er geredet hat war ja verrückt, aber grossartig. Nur — ich will mich hängen lassen, wenn das ein Spuk war. Gestehen Sie schon, wer von Ihnen da bauchgeredet hat. Spannen Sie mich i icht auf die Folter." Und als keiner es eingestand: ..Wissen Sie, ich bin aus einer kleinen Stadt, aus Untersitzkow, wenn y Sie es inter- / essiert, und da gab's am Markt ein Warenhaus Liebes, na ja, ein Warenhaus, daneben war eine Gasse, die hiess bei uns nur die Liebesgasse —" „Aber, Emmchen", meinte Herr G. ärgerlich, „lass schon gut sein. Was 6oll denn das?'-' (Fortsetzung folgt)"

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