Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 13 (31.3.1938)
- Date
- 1938-03-31
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 12 t* C-V.-Zeifung Nr. 13 * 31. März 1938 'Art, als Autor und Komponist hinter dem Spiel selbst zurückzutreten, zugunsten einer Belebung kindlichen Denkens und kindlicher Spielfreude, für die er eine über das Berufsmässige hinausgehende Begabung mitzubringen scheint Hübsche Tänze, ausgezeichnete Kostüme und Bühnenbilder vervollständigten die Darbietung, die Spielgemeinschaften anderer Schulen ernsthaft empfohlen sei. L. S. Das von Konzertmeister Julian Gurapert gegründete und geleitete Düsseldorfer Jüdische Kammerorchester veranstaltete zugunsten der Jüdischen Winterhilfe ein Konzert. In Werken von Gluck, Tschaikowsky, Mendelssohn und mehreren Liedbegleitungen erwies sich das aus Dilettanten bestehende * Orchester als vortrefflich geschulter Klangkörper. Das abwechslungsreiche Programm unterstützte mit ihrer alle Möglichkeiten des Ausdrucks erschöpfenden Altstimme Ruth Kisch-Arndt (Köln) u. a. in zwei Liedern (Uraufführungen) vonGum- SS 1 *atf»i* 9 t&k »»ft A1LICE SERTOS, W. 50 Sri$SC8CFC25rS Passauer Strasse 3. 24 92 31. Chemische Belnigunsr — Färben — Entnecken. pert. Die Begleitung versah Hilde Jonas- Klestadt mit gewohnter Feinheit Das Streichtrio Paul C a r s c h, Charlotte Fleischhacker und Julian Gurapert spielte in geschlossener, klarer Darstellung Sätze aus einem Terzett von Dvorak, während das 15jährige Orchestermitglied Wolfgang Diederich, ausgezeichnet begleitet von dem jugendlichen Klaus Glücksmann, sich in einem Satz aus dem d-moll-Violinkonzert von Niels W. Gade durch bravouröse Technik, grosse Tongebung und warmen musikalischen Ausdruck als vielversprechendes geigerisches Talent der Oeffentlichkeit vor-' stellte. Dirigent und Orchester sowie sämtliche Mitwirkende konnten den begeisterten Dank der zahlreichen Zuhörer für den wohlgelungenen Abend entgegennehmen. j. C. Die Jüdische Winterhilfe Breslau veranstaltete einen Abend mit jüdischen Liedern, dem durch die hübsche Aufmachung, z. T. mit Kostüm und Maske, und die Qualität der gesanglichen Leistungen ein voller Erfolg beschieden war. Man hörte altbekannte Jargonlieder, die in den letzten Jahren manches Programm zierten; aber man hörte selten so viel echter Jüdischkeit wie an diesem Abend von Hersch Friedm a n n und Kantor S. Lachmanc, die auch stimmlich ihr Bestes gaben. Reicher Beifall wurde Ruth H e n n i g für ihren fein pointierten Vortrag palästinensischer Lieder zuteil. Annemarie Loewe begleitete gewandt und mit der gerade hier notwendigen Einfühlung. Rabbiner Dr. Geld sprach sehr humorvoll einleitende und verbindende Worte. Hff. Ein „Heiterer Abend" beendete die Winterspielzeit des Ausschusses für Kunstpflege in Plauen. Zum Gelingen trugen Herbert Z e r n i k (Berlin), Anny Pomeranz (Leipzig) und Edith Russak (Plauen) vereint bei. W. G. Der Kulturbund Halberstadt veranstaltete einen Vortragsabend von Hedi H a a s e ..Chansons und Bilder". Das vielseitige Programm der Künstlerin fand reichen und verdienten Beifall. Rudi Lehmann zeigte sich als gewandter und sicherer Begleiter und verriet in einigen Klaviersoli ausgefeiltes Können. A. G. W. In Mosbach I. B. las Jacob Picard aus eigenen Werken. Seine Schilderungen jüdischen Lebens in der süddeutschen Landgemeinde fanden hier liebevolle Aufnahme. Ein Vortrag des Bezirksrabbiners Greilsheimer behandelte Geschichte und Schicksal der Marannen. Stg. Der Jüdische Kulturbund Mannheim hatte Jani Bailan (Berlin) zu je einer Veranstaltung für die Erwachsenen und die Jugend verpflichtet, bei denen der gewandte Zauberkünstler und amüsante Bauchredner nachhaltigen Erfolg hatte. So. Der Humorist und Vortragskün-stler Fritz Tac h a u c r, Mitglied der Kleinkunstbühne des Jüdischen Kulturbundes Berlin, grab erstmalig eigene bunte Abende in den Kulturbünden Halle, Rostock, Stralsund, Landsberg a. d. W. und Rathenow, die überall von grösstem Erfolge begleitet waren. Jüdisches Leben — jüdischer Geist Jüdischer Kulturbund Berlin Wochenplan Jüdischer Brüderverein, Kurfürstenstr. 115/16: 2. April, 2054 Uhr: Gesellschaft.sabend mit Tanz zum Besten des Jüdischen Kulturbundes. Theater in der Kommandantenstrasse 57, 20 Uhr: „Delila": 4. April (Abt. 25, 35)\ 5. April (Abt. 26, 36), 6. April (Abt. 27, 37), 7. April (Abt. 29, 39). Kulturbundsaal, Kommandantenstr. 58/59: 2. und 3. April, 20>* Uhr: Kleinkunstbühne „Warum lügst Du, Cherie?"; 4., 6. und 7. Apxil, 20 Uhr: Italienischer Opern -Abend. Theater der Jüdischen Schulen. Infolge auswärtiger Gastepielverpfliehtungen von Mas Ehrlich werden die für den 11. April angesetzten Aufführungen von „Das Extemporale" auf den 7. April, löxA Uhr und 19^ Uhr, vorverlegt (Brüderverein). Die für den 4. April angesetzten Vorstelkngen bleiben unverändert bestehen. Theater und Musik Fritz Kortner wird in New-York die männliche Hauptrolle in dem erfolgreichen Drama ,.Close Quarters" von Gilbert Lemnox spielen. Fritzi Massary erzielte im His-Majesty's- Theatre in London in Noe'I Cowards neuestem Bühnenwerk „Operette11, einen sensationellen Erfolg. Der Erstaufführung wohnte fast die ganze königliche Familie bei. * Anlässlich des letzten Besuches Toscaninis in Amerika wurde in New-York ein Toscanini-Fonds zur Förderung des palästinensischen Sinfonie- Orchesters gegründet. Bisher wurden bereits 10 000 Dollars aufgebracht. # Bruno Walter hat sein Dirigentengastspiel in Holland mit einem erfolgreichen Konzert im Haag abgeschlossen. Er hat sich von Holland nach Südfrankreich begeben. * Luxemburg sendet am 2. April. 22K Uhr, Mendelssohns Italienische -Sinfonie, Brüs- 1 e 1 am 3. April, 21 Uhr, Kalevys „J ü d i n"'„ Prag am 6. April, 21 Uhr, M a h 1 e r s 7. Sinfonie, gespielt von den tschechischen Philharmonikern, und Warschau am 9. April, 20 Uhr, Kaimans Operette „Das Veilchen vom Montmartre", * Die Bouffes Parisiens, das Pariser Boulevard- Theater, in dem vor fast 150 Jahren die meisten Offenbach-Operetten über die Bretter gegangen sind, spielt eine neue Operette „Lea petites Cardinal", die einen grossen Publikumserfolg brachte. Der Stoff zu der Operette ist den köstlichen Novellen von Ludovic H a 1 e v y, Offenbachs Librettisten, entnommen. # Josef Schmidt gab Lieder- und Arienabende in Prag und' Brünn und wurde stürmisch gefeiert. * Erika Storm ist für die International Opera Season 193S an die Royal Opera Coventgarden in London engagiert worden. Ausserdem wird sie am 17. April, 183^ Uhr, im Londoner Rundfunk in einem Kammermusikkonzert mitwirken. * Jenny Sonnenberg, die "bekannte Altistin, sang in der Wigmore-Hall in London Arien und Lieder von Gluck, Schubert. Brahms, Majiler und Berthold Goldschmidt. Berlin -Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach Professor L. Basnitzki (Heidelberg) über das interessante und schwierige Gebiet des jüdischen Kalenders. Die Angaben der Bibel sind spärlich: fest steht nur der Begriff der Woche sowie die Tatsache, dass der "Tag mit dem vorhergehenden Abend beginnt. Dagegen geht aus der Bibel nicht hervor, wie lang "ein Monat ist und ob das Jahr mit dem Nissan oder mit dem Tischri anfängt. Eine eigentliche Entwicklung des Kalenders begann erst seit Esras Zeit: die Neumondsbeobachtung wurde religiöse Pflicht, zu deren Erfüllung man auch am Sabbat ausgedehnte Wege unternehmen durfte. In einem förmlichen "Gerichtsverfahren mit Zeugenvernehmungen wurde der Augenblick der Wiedersichtbarkeit der neuen Mondsichel möglichst genau ermittelt. An Stelle der persönlichen Beobachtung trat im Laufe der Entwicklung immer mehr die astronomisch-mathematische Berechnung. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhange die von dem Patriarchen Hillel II im Jahre 359 der üblichen Zeitrechnung erfolgte Kalenderreform, die den Wert des Mondmonats erstaunlich genau festlegte. Die Notwendigkeit, das Mondjahr mit dem Sonnenjahr in Uebereinstimmung zu bringen, führte dazu, in einem 19jährigen Turnus zwölf Gemeinjahre von je zwölf Monaten mit sieben' Schaltjahren von je 13 Monaten in genau festgesetzter Reihenfolge abwechseln zu lassen. Auch die Gründe, die zur Verlängerung oder Verkürzung der Jahre um ein bis zwei Tage führen können und die Jahre zu „regelmässigen", ..überzähligen" oder ..mangelhaften" machen, wurden von Basnitzki erläutert. Ebenso schilderte er eingehend die Merkworte und Formeln zur Berechnung der einzelnen Feiertage sowie die komplizierten Methoden zur Umrechnung jedes jüdischen Datums in das Datum der bürgerlichen Zeitrechnung; hierbei ergibt sich u. a. die amüsante Feststellung, dass die Welt am Sonntag, dem 6. Oktober 3761 abends 11 Uhr 11 Minuten 20 Sekunden, vor Beginn unserer heutigen Zeitrechnung geschaffen worden ist — Eine grosse Anzahl instruktiver Lichtbilder unterstützte den anregenden und mit grossem Beifall aufgenommenen Vortrag. Gü. Lo. Das Material, das die Grundlage für diesen Vortrag1 bildet, erscheint in einigen Wochen unter dem Titel „Entstehung und Aufbau desjüdi sehen Kalenders" im Jüdischen Buchverlag Kaufmann, Frankfurt am Main. Bruchsal Bezirksrabbiner Dr. GrzymiscH behandelte in' einem Vortrag die „Wohltätigkeit im jüdischen Schrifttum und im jüdischen Leben". Er zeigte an Beispielen, wie sich.der Gedanke an einen sozialen Ausgleich von den frühesten. Zeiten über die Propheten bis hin zu den mittelalterlichen Werken unserer Weisen entwickelt und wie er gesetzlichen Niederschlag und damit verbindliche Form gefunden hat. In den gerade in Baden zahlreich entstandenen sozialen Institutionen kleiner und grosser Gemeinden wie im gegenwärtigen Aufbau der Sozialarbeit im Judentum Deutschlands finden die alten Gedanken ihre zeitgemässe Erfüllung. . Stg. Breslau Das Jüdische-theologische Seminar weist darauf hin, dass Jugendliche, die auf Grund der neuen Schedule die Erziehungsinstitute Palästinas besuchen ^wollen, die Zeit bis zu ihrer Ausreise bereits hier zur Vorbereitung auf das dortige Studium verwenden sollen. Die Kenntnis der hebräischen Sprache sei die Voraussetzung für die Aufnahme und Eingliederung in die palästinensischen Institutionen. Seit drei Jahren bereitet das Breslaüer Seminar in Verbindung mit dem Hebräischen Sprachverein in besonderen Kursen für die palästinensischen Lehrerseminare vor. Das Schulgeld beträgt monatlich 20 RM. Einzelheiten sind durch Dr. A. Lewkowitz, Wallstrasse 14, zu erfahren. Karlsruhe Im Jüdischen Lehrhaus würdigte Bezirksrabbiner Steuer (Heidelberg) Leben und Wirken Martin Bubers aus Anlass seines 60. Geburtstags. Er sprach von Bubers Erkenntnis der Notwendigkeit einer Ergänzung des Zionismus durch eine kulturelle Grundlegung, von seinem Bemühen, die Welt des Chassidismus dem Juden unserer Zeit nahzubringen, und schliesslich von Bubers Bibelübersetzungswerk und den Eigentümlichkeiten seines Sprachcharakters als einem [Werk von besonderen Ausmassen. Stg. Mainz In einer Purim-Weihestunde des Jüdischen Lehrhauses hielt Rabbiner Dr- S. L e v i (Mainz) eine erhebende Predigt, deren Eindruck durch die vorzüglichen Darbietungen des Synagogenchors noch verstärkt wurde. Unter Leitung von Alfred Mendel kam u. a. ein Chor aus Haydns „Schöpfung" zu Gehör. Ludwig Guggenheim (Frankfurt a. M.) bewährte sich als glänzender Solist, während Moritz Meyer (Frankfurt a. M.) den Orgelpart bestritt. Die Jüdische Bezirksschule hatte mit ihrem „Bunten Abend", in dem sämtliche Schüler und eine grosse Anzahl von Lehrkräften mitwirkte, einen beachtlichen Erfolg. Die Veranstaltung musste wiederholt werden. M—1. München Am Sonntag, 20. März, sprach Dr. Liebeschütz (Hamburg) im Rahmen einer Veranstaltung des Jüdischen Lehrhauses über den Anteil der Juden am Aufbau der englischen Monarchie des Hochmittelalters. An Hand weniger erhaltener Dokumente erläuterte der Vortragende die Rolle, welche in einer naturalen Feudalwirtschaft die Juden als Träger von Geldvermögen für den Fiskus des englischen Königtums spielten; nachdem sie aus dem Warenhandel von der aufstrebenden heimischen Kaufmannschaft verdrängt worden waren. In einem zweiten Teil seiner Ausführungen ging der Vortragende den frühesten Spuren einer Wirkung der hebräischen Bibel auf die Bildung staatspolitischer Anschauungen in England nach- C. Hof rat Samuel Stern und Eugen Szanto wurden in ihren Aemtera als Präsidenten bzw. Vizepräsidenten der Israelitischen Landeskanzlei aufs neue bestätigt. Bei einer Festsitzung der Budapester Gesellschaft der Freunde Klassischer Bildung „Parthenon", die unter Vorsitz von Professor Dr. Emil Gross stattfand, hielt Universitätsprofessor Dr. Bela Pukdanszky einen Vortrag über „Hugo von Hofma an s t h a i und der griechische Geist". m jenem Jahre 1918 erlischt, das uns, je mehr wir das Geschehen unserer Zeit begreifen lernen, immer deutlicher als der Ausklang des Zeitalters der Emanzipation erscheinen wird? . Als ein Sinnbild der Möglichkeiten, die das Zeitalter der Emanzipation den Juden unseres Lebenskreises bot, wird der Lebensgang Hermann Cohens die Nachgeborenen anmuten. Aus einem frommen jüdischen Hause stammend — als Sohn eines schlichten Synagogenvorbeters kam er am 4. Juli 1842 in dem anhaltischen Städtchen Coswig zur Welt — ist er den üblichen, von den Zeilideen vorgezeichneten Weg des Emanzipationsjuden gegangen. Sein Herkommen verwies ihn auf das Studium der Theologie. Humane und soziale Gesinnung hatten im Elternhause auf ihn eingewirkt: der Besuch des Gymnasiums im benachbarten Dessau seinen jugendlichen Geist geweitet. So trat er wphl vorbereitet in das Breslauer Rabbinerseminar ein, wo er zwar eine gründliche Kenntnis der jüdischen Quellen erwarb, aber, obgleich Meister wie Graetz und Jacob Bernays seine Lehrer waren, dennoch nicht heimisch woirde, denn mit mächtigem Drange zog es ihn zu der weltlichen Wissenschaft hin. 1861 wagte er den üebergang in die Breslauer Universität: dort lebte er sich völlig in die „Welt des klassischen Denkens", in die griechische Literatur und Philosophie, hinein. 1864 siedelte er nach Berlin über, wo er zu zwei grossen jüdischen Gelehrten, Steinthal und Lazarus, den Begründern der modernen Völkerpsychologie, in die Lehre geht, unter ihrem Einfluss über den Zusammenhang zwischen Mythos und Dichtung nachsinnt, daneben aber nach umfassendem Plane ebenso eifrige philologische Studien betreibt. Ein Jahr später wird er in Halle zum Doktor promoviert. Langsam, nach langen Jahren sorgfältiger Vorbereitung, beginnt die Phase seiner eigenen Produktion. Sie stand unter dem Aspekte einer schicksalhaften Wandlung der philologischen Wissenschaft Die idealistischen Systeme der metaphysischen Spekulation hatten ihre Kraft erschöpft und waren dem Zusammenbruch nahe. Unaufhaltsam setzte die Renaissance der auf der Kritik der Vernunft basierenden Philosophie sich durch. Ihrer Erforschung und Erneuerung hat Hermann Cohen den ersten Teil seiner Lebensarbeit gewidmet. Diese tiefgründige Forschungsweise hat ihm 1873 die Tore der Universität Marburg geöffnet, wo er fast vier Jahrzehnte hindurch als ein geistiger Führer der sogenannten „Marburger Schule", einer dominierenden Richtung der kritischen Philosophie, gewirkt hat. 1912 kehrte er nach Berlin zurück, wo er an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums eine mehr in die Tiefe als in die Weite wirkende Lehrtätigkeit ausübte. Damals hat Franz Rosenzweig zu seinen Schülern gehört. In den Jahrzehnten stetigen geistigen Wachstums ist das Lebenswerk des weltberühmten Denkers langsam gereift: das dreiteilige „System der Philosophie", Logik, Ethik und Aesthetik; der geplante vierte Teil, die Kulturphilosophie, die das Ganze noch einmal zusammenfassen sollte, kam nicht mehr zur Ausführung. An ihrer Stelle kam das grundlegende Buch zustande, auf das wir bereits oben hinwiesen: die Religionsphilosophie des Judentums. Dass sich dieses Buch vor das andere schob und den Abschluss des Sytems verhinderte, war für die Wendung des greisen Cohen, für die Wendung vom allgemeinen Denken zur speziellen jüdischen Problematik, in jeder Hinsicht bezeichnend. Heute stehen wir, sofern wir uns dem Geiste verantwortlich fühlen, vor der unabweislichen Aufgabe, aus dem Werke dieses bedeutendsten Denkers unserer Emanzipationsepoche das auszuscheiden, was zeitbedingte Schale ist, und den unverlierbaren Kern, das Ewige, dem kommenden Geschlecht zu übermitteln. Wie alles bei diesem Denker, Leben und Werk, eine grosse Linie aufweist, so ist sogar in seinen Irrungen etwas Grosses gewesen. Mit jener Kraft und Hingabe, deren seine starkgläubige und glaubenswillige Natur fähig war, hat er die Ideen und Ideale der Emanzipationszeit für Realitäten gehalten, die sich uns seitdem als Illusionen erwiesen haben. Er hat — und das ist die Tragik des Geistesmenschen — das Problem des jüdischen Daseins in der Diaspora unter Vernachlässigung der soziologischen Momente allzusehr vom intellektuellen Blickwinkel aus eingeschätzt. In Ueberschätzung der religiösen Gemeinsamkeiten zwischen Judentum und dem Glauben der Umwelt hat er die Möglichken einer Assimilation auf der Grundlage der Idee der sittlichen Autonomie, zuversichtlichen Herzens bejaht. In diesem Sinne hat er mit seinem „Bekenntnis in der Judenfrage" 1880 in die damalige judenfeindliche Bewegung eingegriffen. In einem gleichen und noch entschiedenerem Sinne hat er sich in der Zeit des Weitkrieges ausgesprochen und die „Neuen Jüdischen Monatshefte", die damals erscheinende hervorragende Zeitschrift, in die Kurve seiner ideologischen Bahn gelenkt. Er ist dem Geist der Zeit entsprechend jüdisch-liberal gewesen, ohne jedoch jemals einer entsprechenden parteimäßigen Organisation angehört zu haben. Ueber alle diese Anschauungen und intellektuellen Positionen ist die Zeit, die unerbittliche, erbarmungslos hinweggeschritten. Trotzdem hat die Ausserkurssetzung seiner Idole seiner Geltung nur im oberflächlichen Gefälle gegenwärtiger Zeitstimmungen Eintrag tun können. Denn dies betraf nur das Aussenwerk seines Lebens, die tieferen Schichten blieben davon unberührt. Bloss der „zeitgebundene" Cohen kann der Revision der Emanzipationsideale zum Opfer fallen; den „ewigen" Cohen zu entdecken, steht uns bevor. Wir müssen ihn vor allem in dem zweiten Teil seines Systems der Philosophie, in der „Ethik des reinen Willens", und in dem fundamentalen religionsphilosophischen Buch seiner späten Phase suchen. Es ist eine der ausserordentlichen Leistungen Hermann Cohens gewesen, dass er den Sozialis- *" mus — die Gesinnung tätiger und tatfreudiger Menschenliebe — als den Urgrund alles religiösen Lebens, somit auch der jüdischen Religion, logisch erwiesen hat. Im Prophetismus habe sich der Geist des Judentums am reinsten ausgesprochen. Und gerade die grossen Propheten sind die Verkünder der sozialistischen Gesinnung, des Ethos der tätigen Menschenliebe, gewesen. Sie haben uns gelehrt, in den Leiden der Armen dieser Welt das Gesicht der leidenden Menschheit wiederzuerkennen. Der religiöse Universalismus des Judentums, den die Propheten auf die höchste Stufe erhoben, hat zugleich von ihnen eine grosse Mission zugewiesen erhalten: die Verbreitung des sozialen Geistes auf Erden. Von dieser Feststellung aus ist Cohen zu einer vertiefteren Fassung des Gottesbegriffs gelangt. Gott ist ihm vor allem der Gott der sozialen Menschenliebe, von dem es kein Bild geben kann, denn Gott ist nicht Person, sondern Gott ist Geist. Er, der Einzige Gott, ist der Gott der Sittlichkeit, denn für das Judentum besteht kein Unterschied zwischen Religion und Sittlichkeit; das Gesetz ist vor allem Sittengesetz. Gott verbürgt in der messianischen Idee die Realisierung des Sittlichen auf Erden. Im letzten Teil seines. posthümen religionsphilosophischen Buches, das sein eigentliches Vermächtnis darstellt, ist aber ein Gedanke ausgesprochen, den wir für den fruchtbarsten und einen der tiefsten halten möchten, den Cohen für erkenntnissuchende jüdische Menschen entwickelt hat: der Gedanke, dass der einzelne von uns nur unsterblich ist durch die Unsterblichkeit seines Volkes, des jüdischen. Der ewige Leib dieses Volkes ist jedoch das Gesetz. Das jüdische Volk hat die Mission, Künder des prophetischen, d. h. nach Cohens Folgerung, sozialen Geistes zu sein. Von hier aus enthüllt das Werk Herman- Cohens am deutlichsten seine Wesensbeziehung: es ist Wiederaufnahme und Weiterführung des Geisteswerks unserer Propheten, denn hier wie dort beruht auf dem nationalen Vollzug einer universalethischen Aufgabe der Sinn des Judentums. Im Vortrupp, Jüdischer Buchverlag, Berlin, erscheint demnächst die dritte verbesserte und überarbeitete Auflage der „Psalmen, ausgewählt und. erläutert von M. Spanier", die seit Jahren vergriffen waren. Von Vicki B a a m erschien ein neuer Roniaa „Liebe und Jod auf Bali"»