Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 13 (31.3.1938)
- Date
- 1938-03-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2277379-2278191-2278201--12712-2291576- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
8ivT3 * 3. Beiblatt CMfeütygig 31.März 1938 * Seite IT: JDas Kamel geht durch das Nadelöhr" Im Jüdischen Kulturhund Rhein-Ruhr Klaus Brill (ah Allan Wilheim) und Ruth Festersen (als Susi) Fot. Hans Schiff (Köln) Der Kulturbund Rhein-Ruhr, Köln, bringt Langers Volksstück „Das Kamel geht durch das Nadelöhr" in einer beschwingten, von Ben Spanier geleiteten Aufführung. Als Frau Peschta spielt Lilly Kann erstmalig in Köln, erfolgreich durch die kluge und temperamentvolle Durchführung ihrer Rolle. Willibald Fraenkel als Peschta geht zwar als „fünftes Rad am Wagen" durch das Stück, jedoch nicht durch die Aufführung. Er findet den rechten Ton schwer erlernter, weiser Beschaulichkeit. Susi und Allan, Ruth F e s t e r s e n und Klaus B r i 1 i, die beiden jungen Leute, die sich vom Leben nicht einschüchtern, lassen, gewinnen ihren angenehmen Rollen allerhand schöne, schauspielerische Feinheiten ab. In kleineren Rollen geben Friedl Münzer, Alfons Fink, Georg Jakobsohn, Julius Rutkowsky Amüsantes und Gutes, Maja Lesser und Heinz Kahne mann entledigen sich ihrer Aufgabe mit Geschick. Egon Markus' Bühnenbilder waren beteiligt an einem Theaterabend, den das Publikum sehr L.S. Konzerte und Vorträge Als man kürzlich einer Einladung zur Matinee der". Jüdischen Winterhilfe Berlin folgte, war. der Grosse Saaldes-Brüderyereinshausesmit einem musikgebildeten erwartungsvollen Publikum.'besetzt. Zwei tschechische Komponisten, Smetana und Dvorak, bildeten den Auftankt. Der feinfarbige Impressionismus des g-moll-Trios von Smetana kam in dem gefeilten Zusammenspiel des Trios von Professor Mayer- Mahr, Wladislav Wag halt er und Leo Ro-stal deutlich zur Geltung- Die Zigeunerlieder von Dvorak, von Susanne Loewenstein mit fast slawischem Temperament, und Musikalität ausserordentlich eindringlich gesungen, brachte einem die Unterschiede der beiden Tschechen wieder zum Bewusstsein. Erich R o n i s begleitete glänzend in Rhythmus und Anschlag. Schluss und Höhepunkt der Veranstaltung bildete Schuberts Forellenqudntett Das Spiel des Trios unter Mitwirkung von M. Hütter (Viola) und Josef G1 a s s (Kontrabass) war erfüllt von der wunderbar ausgewogenen Heiterkeit des Werkes. Ein ehrlich ergriffenes Publikum spendete den Künstlern minutenlang Dank. H. Angel. Dr. Anneliese Landau vervollständigte im Berliner Kulturbund das Gesamtbild neuzeitlichen jüdischen Musikschaffens um die jüdischen Komponisten Hollands, Skandinaviens und Polens. Es ergab sich der Eindruck völligen Einbezogenseins in die jeweiligen musikalischen Umrisse dieser Länder, ohne dass es zur Entwicklung eines bemerkenswerten Eigenprofils kommt; zudem handelt es sich um ausgesprochene Kleinmeister. Mit einem Gesamtüberblick und einem Hinweis auf die Chance, die Palästina für das Werden einer selbständigen jüdischen Musik bietet, schloss der überaus lehrreiche, planvoll gestaltete Vortragszyklus. Für die Beispiele setzte Susanne Löwenstein, von Wilhelm A11mann anpassend begleitet, ihre reife Kunst ein. H. Fr. Im Berliner Kulturbund sprach Julius B a b, fesselnd und anregend wie stets, über das Thema „Herodes in Geschichte und Dichtung". In der geschichtlichen Tradition hat sich dieser letzte jüdische König, der gar kein Jude war, sondern dem verwandten Stamm der Idumäer angehörte, nur als Tyrann von seltenem Ausmass, als einer der schreckhaften Bösewichte der Weltgeschichte erhalten. Bab hielt nun, im ersten Teil seiner fast zweistündigen Ausführungen, der allgemein angenommenen Ueberlieferung ein Bild des Herodes entgegen, das — zumindest in der Physiognomie des Staatsmannes — w-esentlich hellere Züge trug. Die eigentliche Problematik in der Natur des durch und durch leidenschaftlichen Menschen Herodes erblickte Bab in der tiefen Unsicherheit seines unfreien Lebens, die auch in seine privaten Verhältnisse eingriff und die furchtbarsten Familienkatastrophen zur. Folge hatte. Der tragischste Fall war die unglückliche Ehe mit Mariamne, der letzten Hasmonäerin, von der sich der unbeherrschte Gatte betrogen glaubte und die er deshalb hinrichten liess. Von hier aus leitete Bab zu den Dichtungen über, die sich an dieser Schreckenstragödie immer wieder entzündet haben. Die junge Dichterin Mala Laase r, den Lesern der C.-V.-Zeitung keine Fremde mehr, wurde bei einem musikalisch-literarischen Tee der Bezirksgruppe Westend des Berliner Jüdischen Frauenbundes einem internen Kreise von Zuhörerinnen mit einigen Gedichten und Novellen bekannt gemacht. Mala Laasers ernstes, aufstrebendes Talent bekundete sich in der zum Vortrag gebrachten Lyrik dort am stärksten, wo es Naturschilderungen in zarte, beseelte, impressionistische Stimmungsbilder einfing; der sanfte Seelenton schwang hier auch im formal gebändigten, lyrischen Ausdruck mit. Von den beiden Novellen, einer ernsten und einer heiteren, erschien „Erkel Gawlicks letzter Tag" (veröffentlicht in der neuesten Nummer des „Morgen") fast wie eine jüdische Variation der Balzacschen, aus dem Urquell des Religiösen schöpfenden Novelle „Die Messe des Gottesleugners"; vielleicht hätte das kleine, besinnliche Werk an eindringlicher Wirkung noch gewonnen, wenn die Dichterin dem Hang zur Expansion weniger nachgegeben und am Schluss die wesentlichen Züge straffer zusammengefasst hätte. Als kluge und sympathisch-schlichte Interpretin der Dichtungen bewährte sich Lotte Holms. jZu den literarischen Darbietungen des Nachmittags steuerte Hildegard Lippstadt (Lindt) mit ihrem schöne Partie des Cyrus hatte diesmal Julius P eiss a c h o wit c h (Berlin) übernommen; er entsprach mit seinem kultivierten Bass dem hohen Niveau der Gesamtleistung. — Lieder und Arien des 19. und 20. Jahrhunderts wurden durch die schöne gesangliche Darbietung, wie sie Käte Ettlinger mit ihrem stark dramatischer Wirkung fähigen Sopran, und Hans Assenheim mit seinem weichen und zugleich grossen Koloratursopran drei beifällig aufgenommene Arien bei. H. L. Eine Wiederholung von Händeis „Belsazar", vom Jüdischen Kulturbund in Frankfurt a. Main zugunsten der Jüdischen Winterhilfe veranstaltet, bestätigte den starken künstlerischen Eindruck der Erstaufführung, über die an dieser Stelle ausführlich berichtet wurde. Wieder war das Gelingen in erster Linie dem. Dirigenten Dr. Nathan Ehrenreich zu verdanken. Die vollklingenden Bariton erzielten, an einem Mittwochs-Konzert der Jüdischen Tonkünstier Frankfurts dankbar aufgenommen. Dr. Willy Salcmons überlegene Klavierbegleitung hatte am Erfolg dieses vielseitigen Abends vollen Anteil. — Ein Cello-Abend des Kulturbundes machte das Frankfurter Publikum mit Godfried Zeelander bekannt. Der klare, wundervoll ' abgestufte Ton, tadellose Technik und die „Seele", die man überall spürte, Hessen ihn als Meister seines Instruments erscheinen. Hans Neumari, dessen Begleitung zunächst etwas schüchtern anmutete, wurde im Verlauf des Abends seineT Aufgabe gut gerecht. Man ehrte die Künstler dankbar durch wiederholtes Erheben von den Plätzen. — Ein „jüdischer Abend", von Max N e u m a n n geleitet und temperamentvoll dirigiert, brachte eine Reihe jüdischer Volkslieder. Janke Kauffmann, mit diesem Stil wohlvertraut, und ein junger Tenor. Siegfried Grünglück, der seine besonders schöne, lyrische Stimme musikalisch anwendet, teilten sich in den Vortrag. Heitere Erzählungen, jüdische Schnurren und Anekdoten las Max Koninski mit sicherer Pointieruna*. Einen Hauptteil des beifällig aufgenommenen Programms, das Max Firnberg am Flügel sicher begleitete, bildeten Gesänge des trefflich disziplinierten Synagogenchors der Israelitischen Religions-Gesellschaft. — Auf Veranlassung des Jüdischen Kulturbundes sprach Walther Herz (Hertner) in der Westendsynagoge u. a. grössere Szenen aus Richard Beer-Hofmanns „Jungem David". Seine eindringliche, zuchtvolle" sympathische Vermittlung, die völlig frei aus dem Gedächtnis erfolgte, hätte im akustisch günstigeren Raum noch stärkere Wirkung erlangt In prachtvollem. Zusammenspiel auf zwei Klavieren umrahmten Paul Meyer und Dr> Willy S a 1 o m o n, zwei Pianisten von Rang, mit einer flüssigen „Chaconne" von Jadassohü. und anderen Kompositionen den Abend. —tt. Die Jugendspielschar an der Jüdischen Oberschule Jawne in Köln lud zu einerü eigenen Abend. Holbergs Posse „Hexerei"- kam zu einer sehr durchgearbeiteten vergnüglichen Aufführung. Weshalb wir die Veranstaltung jedoch besonders vermerken möchten: Sie brachte in ihrem zweiten Teil ein Spiel der Jugend „Der bunte Weg" von Philipp, Möddel. Bei dem Mangel an wirklich jugendgerechten Stücken ist diese kleine Revue für; Kinder ein erfreulicher Gewinn. Möddel, Musiknnd Sportlehrer an der Jawne, zeigte in fünf Bildern ernste und heitere Probleme unserer Jugend auf- Mit einfachen Texten, die einen gesunden Schuljungenton zuweilen nicht fürchten, mit einer sangbaren, einprägsamen, hübschen Musik interessiert er die Kinder auf und vor der Bühne. Sympathisch und wichtig seine Hermann Cohen Zu seinem zwanzigsten Todestag am 4. April 1938 lieber den Tiefen liegen Oberflächen, unter den Oberflächen ruhen Tiefen: in der Einheit des Menschen sind sie verbunden. Franz Rosenzweig. Noch erinnere ich mich des ehrfürchtigen Schauers, mit dem wir — die junge heranwachsende Generation — die Nachricht vom irdischen Ende Hermann Cohens vernahmen. Zwei Jahrzehnte sind seitdem vergangen, Jahrzehnte gewaltigster Umwälzung und Erschütterung, und dennoch haftet der Eindruck jener Todesnachricht im Gedächtnis. Die Männer, denen es oblag, unsere Sehnsucht, ja unseren Hunger nach der Welt des Judentums zu befriedigen, hatten den Hinweis auf die Persönlichkeit des Verstorbenen mit einem Akzent versehen, der uns aufhorchen liess und in uns die Vermutung zur Gewissheit erhob, bei jenem Denker das zu finden, was wir zu finden begierig waren: die grosse und legitime Form jüdischen Daseins, welche geeignet ist, jungen jüdischen Menschen zum Gegenstand der Verehrung, des Nachlebens zu werden. Einem älteren Freunde und Weggefährten, der damals meine tastenden Schritte in die unermessliche Welt des Judentums selbstlos betreute, hatte ich es schon vorher zu verdanken, dass mein scheu bewundernder Blick auf der unvergesslichen und ehrfurchtgebietenden Erscheinung des*greisen Denkers ruhen durfte. Das war in Berlin, in der Gegend des alten Westens, "wo mein Freund mich auf den zufällig Vorbeigehenden mit sichtlicher Ergriffenheitaufmerksam machte; es muss, meiner Erinnerung nach, geraume Zeit vor Cohens Tode gewesen sein. Er war nicht allein, sondern in lebhafter Wechselrede mit einigen Begleitern befindlich; seine unserem Blicke schnell enteilende Erscheinung trug den Stempel des Ungewöhnlichen an sich: ein alter Mann. Typus <ies Gelehrten, der den Habitus des Professors aufwies- und denoch die konventionelle Vorstellung des Professoralen weit hinter sich liess, ein Greis, dem nichts Greisenhaftes anhaftete, der vielmehr mit jeder Fiber die Macht des Denkens majestätisch verkörperte: jeder Zoll ein König im Reiche des Gedankens. Zwei Jahrzehnte sind jetzt seit seinem Tode vergangen, und wenn ich heute im Kreise junger und geistig interessierter jüdischer Menschen den Namen Hermann Cohens in die Debatte werfe, weht mir die Eiskühle hochmütiger Ablehnung alsbald entgegen. Diese Jüngeren glauben den Denker, den wir ' einst ehrfürchtig zu bewundern lernten, mit dem Stichwort „Assimilant" abtun und als Vertreter einer ungültig gewordenen und widerlegten Epoche zum alten Eisen werfen zu können. Wie weit ist diese unreife Art des Absprechen« von jener ernsthaften und sehr ernstzunehmenden Kritik entfernt, der es um eine grundsätzliche Auseinandersetzung-mit Hermann Cohens Lehre vom Judentum zu tun war. Es war noch in der Zeit des Weltkrieges, als der heute sechzig- und damals noch nicht vierzigjährige Martin Buber mit dem mehr als siebzigjährigen Cohen die Klinge kreuzte. Esging um die Sache des Zionismus, um den nationaljüdischen Gedanken. Cohen glaubte an die Möglichkeit einer Assimilation, d. h. an die Möglichkeit eines Lebens der Juden unter den Völkern der Erde. Er hat diesem Gedanken eine Tiefe der Begründung gegeben, die nur wenige seiner weltanschaulichen Gegner auszuloten imstande waren, und die die grosse Menge, die nach leichtfasslichen Schlagworten fahndet, niemals ermessen wird. Zu den wenigen, die bei aller Gegensätzlichkeit der Anschauung ihn in seiner einzigartigen Bedeutung zu würdigen wussten, hat nach Buber namentlich Cohens eigener Schüler Jakob Klatzkin gehört, der in einem tiefgreifenden Buche die Grösse und zugleich die Grenze seines Meisters zu bestimmen suchte. Er sah in ihm den ragenden Gipfel der geistigen Entwicklung und Möglichkeiten des Judentums im. Zeitalter der Aufklärung und Assimilation, und er vermeinte anderseits den tragischen Zwiespalt im Wesen und Leben des grossen Denkers aufgedeckt zu haben, indem er zu zeigen bemüht war, Cohen habe zugunsten der assimilatorischen Idee den Weg zur jüdischen Volkheit verloren. Den gleichen Vorwurf hat neuerdings kein Geringerer, als Simon Dubnow, der Altmeister der jüdischen Geschichtsschreibung erhoben, der in seinen unlängst aus dem Russischen übersetzten Lebenserinnerungen bemerkt: „Im April 1914 kam der Philosoph Hermann Cohen zu uns nach Petersburg, der von der jüdischen Gesellschaft sehr gefeiert wurde. Ein Bankett folgte dem anderen, zahlreiche Vorträge wurden veranstaltet. Ich konnte die Begeisterung für einen jüdischen Philosophen nicht teilen, der sich wohl zum Geiste des Judentums, nicht aber zu einem lebendigen jüdischen Volke bekannte. Aus diesem Grunde fuhr ich sogar auf ein paar Tage nach Finnland, um nicht an der besonderen Ehrung eines Gastes teilzunehmen, der den Assimilanten so teuer w7ar." Dubnow fttgt dann noch hinzu, Cohen habe, schon ein halbes Jahr später, bei Ausbruch des Weltkrieges, seine assimilatorische Gesinnung in besonders krasser Weise dokumentiert. Diese apodiktische Verwerfung, die — darüber täuschen wir uns nicht — einem bestimmten jüdischen Zeitempfinden sehr entgegenkommt, ist von einer grandiosen Einseitigkeit, die an dem Wesentlichen in der Erscheinung Cohens achtungslos vorbeigeht. Wir sind nicht reich genug, um es uns leisten zu können, einen der Grössten in der geistigen Geschichte des Judentums in eine so enge und vor allem unzulängliche Kategorie des Urteils zu zwängen. Es ist verständlich, dass Dubnow. unter dem Eindruck der Schicksale der russischen Judenheit, die er mit leidenschaftlichem Anteil erlebte, zu einer derartigen Verurteilung Cohens gelangen konnte. Trotz weit fortgeschrittener Russifizierung — Assimilierung an das Russentum — waren die russischen Juden durch die schweren Verfolgungen im Zarenreich auf die Ebene national jüdischer Einstellung gedrängt worden. Dubnow hat in seinen Erinnerungen von sich selber bezeugt, wie er unter jenem Eindruck sich aus einem freigeistig-aufgeklärten Assimilanten in einen entschiedenen jüdischen Nationalisten gewandelt habe. Konnte er aber als Historiker von Hermann Cohen billigerweise eine entsprechende Wandlung verlangen? Er hätte bedenken sollen, dass bei dem von ihm so scharf Getadelten alle Voraussetzungen für eine derartige Sinneswandlung fehlten! Hermann Cohen muss allerdings unverständlich bleiben, wenn man bei der Wertung seines jüdischen Weltbilds nicht von der simplen und elementaren Tatsache ausgeht, dass der Ablauf seines Lebens jenem Zeitalter der Emanzipation angehörte, das zu den Juden von heute wie aus der Feme längstvergangener Zeiten spricht. Durfte Dubnow von Hermann Cohen erwarten, dass er die bitteren Erfahrungen der osteuropäischen Judenheit in seine eigene Lebensrechnung einsetzte? Hätte der Philosoph Prophet sein sollen und den Zusammenbruch der Emanzipation in grossen Gebieten Ost- und Mitteleuropas vorausahnen müssen? Und wer sich etwa deshalb von ihm enttäuscht fühlt, weil er der zionistischen Bewegung seiner Zeit nicht zugetan war, der möge bedenken, dass dieser Mann am Ende seines Denkerlebens auf einer einsamen, den geläufigen Richtungen und Standpunkten unerreichbaren Höhe stand: es ist der Cohen, der mit dem Buche, das die Summe seines Lebensertrages in sieh! schloss und das erst aus seinem Nachlass in die Oeffentlichkeit trat, der „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums", die Vereinigung zwischen moderner-Weltanschauung und jüdischer Religion vollbracht hat. In unserer Geschichte wird er weiterhin als der bedeutendste intellektuelle Repräsentant des Judentums im Zeitalter der Assimilation gelten müssen, als der Mann, der auf die geistigen Schicksale des Abendlandes, die er mehr als vierzig Jahre durchlebte, die legitime jüdische Antwort erteilt hat. Es ist das Grossartige im Ablauf dieses Lebens, das es zwar den Bedingungen seiner Epoche unterlag, aber zuletzt in jene überzeitlichen Regionen vorstiess, die wir „ewiges Judentum" nennen. Und ist es nicht merkwürdig, dass dieses kostbare Leben gerade